09.02.2021

Alter Hund und Katzenvieh

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Johnny Brewer
Gefälligkeitsgutachten für den Lockdown, geschwärzte Dokumente, Verordnungen, die nicht für alle gelten. Die Verschwörungstheoretiker von gestern klingen exakt wie die Realisten von heute. – Man wird des Irrsinns müde, so müde.
white and brown short coated dog
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Sie wissen vielleicht, liebe Leser, dass wir Wegners bei Gelegenheit mit dem Hund des Nachbarn gassigehen. Es ist ein charmantes Tier. Ein höfliches Tier. Und ein altes Tier. 

In letzter Zeit, das ist uns aufgefallen, neigt jener Hund dazu, sich beim Gassigehen etwa alle hundert Meter hinzulegen. Die Pausen erfolgen in immer kürzeren Abständen, je länger der Spaziergang dauert, gegen Ende sind es vielleicht zwanzig oder dreißig Meter, bis er wieder Ruhe braucht. 

»Ein alter Hund bist du«, dachte ich jüngst, zum Hund redend, »du legst dich alle paar Meter müde hin. Ich verstehe dich gut!« 

(Der Hund schaute mich an. Ich vermute, dass er dachte: »Philosophier nicht, alter Mann, und gib‘ mit lieber Leckerli!«) 

Derart über die Conditio Humana am konkreten Beispiel sinnierend (oder sollte man es präziser »sich am Selbstmitleid erfreuend« nennen?) riss er mir beinahe die Leine aus der Hand. Dieser alte Essayist musste glatt drei beherzte Schritte tun und die Leine fester an sich ziehen, um nicht auf den Boden zu fallen und dem vorherigen Selbstmitleid handfesten Anlass zu geben. 

Der vorgeblich müde Hund hatte eine Katze gesehen. Alter hin oder her – der Hund tat, als wollte er die Katze angreifen! 

Ich sagte, dass der Hund so tat, als wollte er angreifen, denn wir wissen, dass der Hund überhaupt nicht weiß, was er tun würde, wenn er die Katze tatsächlich finge – und auch die Katze weiß das, denn sie schaute den Hund nur müde an, sie sprang nicht auf und sie rannte nicht fort. 

Die Katze wusste, dass der Hund angebunden war. Der Hund wusste, dass er angebunden war. Ich selbst sorgte ja dafür, dass der Hund angebunden war – in diesem Fall an meiner Hand, an welcher er also zerrte. 

Wenn alle Beteiligten wissen – inklusive des Hundes! – dass er angebunden ist, und dass er die Katze nicht wird fangen können, warum ging er zur Attacke über? 

Natürlich verhindern wir es, und wir verhindern es mit Nachdruck, dass der Hund erfolgreich angreift – und doch sind wir sehr froh, dass er es versucht. 

Es ist gut, dass der Hund angreift, ob es ihm gelingen kann oder nicht. 

Ich fürchte mich vor dem Tag, wenn der Hund die Katze nicht mehr angreifen wird, wenn er das Miezekätzchen nicht mehr laut anbellen wird, wenn er nicht mehr an der Leine zerren und mich beinahe umwerfen wird. Dann werde ich ahnen, dass es nicht mehr weit ist. 

Es ist Februar 2021 und auch mancher von uns empfindet wie jener Hund das Bedürfnis, sich alle paar Meter hinzulegen. 

Mittlerweile scheinen sogar erste Konzernjournalisten zu merken, dass erstaunlich viele angebliche »Verschwörungstheorien« sich als richtige Vorhersagen erweisen. 

Man ist es müde, auch nur aufzuzählen, wie viele eben noch geächtete Mahnungen heute wie selbstverständlich wahr werden. Merkwürdige Vorgänge in Ministerien und gründlich geschwärzte Akten. Gefälligkeitsgutachten, die Lockdown rechtfertigen. Und derweil: »Familien«-Events, für welche magischerweise die Corona-Beschränkungen nicht gelten. Kinderlose Politiker, die Kinder daheim einsperren wollen. Gutvernetzte Linke, denen aus Versehen eine Bombe hochgeht. Andere Linke drohen derweil offen mit Mord, und ihr Milieu assoziiert sich dennoch mit ihnen. Doch natürlich gilt weiterhin derjenige als »böse«, der sich über den Irrsinn beschwert, nicht etwa der, der den Irrsinn ausführt. Man will es gar nicht mehr lesen, wie richtig wir lagen – möge doch ein Hund drauf pinkeln! 

All das Jagen, all das Mahnen, die Wachsamkeit und die Vorsicht, sie fühlten sich richtig an, da hege ich nicht den geringsten Zweifel, doch was haben sie geholfen? 

Wie jener alte Hund, der sich auf dem Spaziergang alle zwanzig Meter hinlegt, so könnten auch wir uns dieser Tage etwas müde fühlen. Doch anders als der Hund haben wir niemanden, der uns sagt: »Aufstehen, es geht weiter!« 

Nein, niemand wird uns an der Leine zerren; wenn wir nicht liegenbleiben wollen, müssen wir uns selbst aufraffen! 

Es könnte helfen, wenn wir uns neue Ziele suchen, ein neues Katzenvieh, dass es zu attackieren gilt – metaphorisch gesprochen – ein Katzenvieh, das es auch wert ist, überhaupt angebellt zu werden.

Ja, legt euch von Zeit zu Zeit hin, das ist okay, das ist menschlich, ob es der Hund ist oder der Mensch, der sich heute ein wenig ausruht. – Doch bleibt nicht liegen! 

Solange der alte Hund regelmäßig und zuverlässig an seiner Leine zerrt, solange spüren wir, dass er lebt – solange spürt er selbst, dass er lebt. 

Solange ihr an euren Leinen zerrt, liebe Freunde, solange wisst ihr, dass ihr am Leben seid!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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