06.11.2022

»Ratten«, »in ihre Löcher zurück geprügelt«

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Tomáš Malík
Im Staatsfunk kann man’s einfach nicht lassen. Leute mit falschen Meinungen seien »Ratten«, die »in ihre Löcher zurück geprügelt« werden sollen. Dann korrigiert man sich. Es sei nicht Ziel gewesen, »jemanden zu entmenschlichen«. – Was war DANN das Ziel?
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Das Zitat der Woche ist kein Schönes, es erinnert wieder mal an alte Zeiten, die nicht zu wiederholen wir in der Schule ermahnt wurden. Und es stammt wieder mal vom deutschen Staatsfunk:

Musk hat auch angekündigt, dass Twitter zum „Marktplatz der Debatte“ werden solle. Aber auf seinem „Marktplatz“ sollen offenbar auch rassistische oder verschwörerisches Ratten aus ihren Löchern kriechen dürfen. Twitter kann nur relevant bleiben, wenn genau diese Ratten – um im Marktplatzbild zu bleiben – in ihre Löcher zurück geprügelt werden. (sic!; Nils Dampz, tagesschau.de, 5.11.2022 (archiviert))

Ich möchte dazu gleich ein weiteres Zitat anfügen, vom ganz anderen Ende der Anstandsskala, nämlich aus der Bibel – zu einer Art von Erklärung:

Was geschehen ist, ebendas wird hernach sein. Was man getan hat, ebendas tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne. (Prediger 1:9)

Nein, es geschieht fürwahr »nichts Neues unter der Sonne«. Die, welche sich in Deutschland für »moralisch gerechtfertigt an der Macht« halten, bezeichnen nicht erst seit gestern ihre Mitmenschen als »Ratten«.

Die Art von Scharfmache

Man sollt ruhig hinsehen, wer es ist, den der Staatsfunk als »Ratten« bezeichnet. Es sind angeblich »rassistische oder verschwörerisches Ratten« (sic!), die man »in ihre Löcher zurück« prügeln soll.

Wir wissen heute, dass »rassistisch« heute auch die Kritik an Ideologien bedeuten kann. Mit »verschwörerisches« meint der Staatsfunker vermutlich »Verschwörungstheoretiker«. Dass er tatsächliche »Verschwörer« als Ratten bezeichnen würde, ist nicht anzunehmen, denn dann wäre er sehr schnell seinen Job los und stünde vor Gericht. Nein, es sind die Menschen, die auf Verschwörungen hinweisen, die er als »Ratten« sieht, die es zu prügeln gilt.

Überhaupt scheint sich da ein Muster abzuzeichnen, dass man im Staatsfunk sagen darf, Andersdenkende seien zu prügeln. Im WDR wurde am 14.10.2022 zum Applaus des Publikums erklärt, Demonstranten seien »zu prügeln« (siehe @argonerd, 15.10.2022) – das ist die Art von Scharfmache, für die man angeblich RT in Deutschland sperrte.

2019 schrieb ich den Essay »»im Kanal die Rattenschar« – Humor im deutschen TV 2019«. Andersdenkende als »Ratten« zu bezeichnen, das ist für manchen der »Guten« in Deutschland seit einiger Zeit moralisch okay – solange die zu vernichtenden und »in ihre Löcher« zu treibenden Andersdenkenden eben das sind: »die Anderen« und dazu noch »Denkende«.

Fensterumbau

Die Tagesschau korrigierte die Passage mit den Ratten später, und man behauptete: »Es war nie das Ziel, jemanden zu entmenschlichen.« (@tagesschau, 5.11.2022)

Hier drängt sich natürlich sofort die Rückfrage auf: »Sondern was? Was bitteschön soll denn dann das Ziel gewesen zu sein, außer zu tun, was ihr getan habt? Eure Journalisten leiden doch nicht an einem NS-Sprache-Tourett-Syndrom, wilde Flüche ausstoßend, die sie nicht so meinen, oder? Oder?!«

Das berühmte »Overton-Fenster« (siehe Wikipedia) ist eine Metapher dafür, was in einer Gesellschaft gesagt werden kann. – Politik, Propaganda und sogar ein deutscher Geheimdienst scheinen daran zu arbeiten, das deutsche Overton-Fenster im Sinne herrschender Kräfte zu verengen – während sie das Fenster dessen, was an Unflätigkeiten gegen Andersdenkende gesagt werden kann, täglich weiter aufstoßen.

Geregelte Schärfe

Seit einiger Zeit ist es in Deutschland per Gesetz geregelt, dass ein Bürger, der sich vom Bundespräsidenten in Worten angegriffen und beleidigt fühlt, nicht in gleicher sprachlicher Münze zurückzahlen darf (siehe Wikipedia: »Verunglimpfung des Bundespräsidenten«).

Die Politiker selbst erhöhen sich nicht nur die Geldbezüge, sie haben sich letztes Jahr auch ein entsprechendes Gesetz geschenkt, mit dem sie zwar gegen das Volk austeilen können, aber selbst durch den neuen Paragraph § 188 StGB geschützt werden (siehe Wikipedia).

Es ist eine Frage der Zeit, bis es in Deutschland illegal wird, Mainstream-Journalisten so deutlich zu kritisieren, wie sie andersdenkende Bürger angreifen. (In Teilen ist es ja bereits so, wenn Staatsfunk-Journalisten mit tiefen Taschen fadenscheinige Klagen gegen Kritiker lancieren – selbst wenn sie verlieren, haben sie doch das Leben des Kritikers schwer gemacht und ihm Kosten verursacht.)

Ich habe die Twitter-Übernahme durch Elon Musk als dessen Aufbau einer »Privatarmee im Meinungskrieg« bezeichnet, und ich bleibe dabei. Die Wut des Establishments ist schlicht die Panik vor einer Mächteverschiebung zu Ungunsten bisheriger Meinungsmächte.

Wenn ein Staatsfunker aber seine politischen Gegner als »Ratten« sieht, die »in ihre Löcher zurück geprügelt werden« sollen, dann ging das nach aller Erfahrung durch mehrere Kontrollen, von denen jede den Text abnickte.

Die Formulierung mit den »Ratten« bestätigt einfach nur ein weiteres Mal, was für ein Menschenbild im Kopf mancher Staatsfunker wabert.

Geschmack und Anstand

Die Meldung vom Staatsfunk und dessen neuen Ratten-Vergleichen ist eine »Neuigkeit« nur in dem Sinne, dass der Anlass sich jüngst ereignete. Die Erkenntnis, die wir aus dieser Angelegenheit ziehen, ist aber leider nicht ganz neu.

Wenn du über Staatsfunker so sprechen solltest, wie sie über dich sprechen, wird man dein Haus morgens um vier »durchsuchen«, man wird dich anklagen und fertigmachen.

Ich will und würde aber auch gar nicht auf das Niveau der Staatsfunker sinken – das verbieten mir bereits Geschmack und Anstand.

Sagen wir es also diplomatisch und doch präzise: Staatsfunker sind genau die Art von Leuten, für die wir sie halten.

Das aber können wir uns lehren, das können und sollen wir auch künftige Generationen lehren, so sie sich noch lehren lassen: Bleibt anständig und werdet nicht wie die Staatsfunker, denn die (frei nach Matthäus 6:5) haben ihren Lohn schon gehabt.

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