28.04.2022

Privatarmee im Meinungskrieg

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Tim Cooper
Elon Musk hat sich Twitter gekauft. Jeff Bezos besitzt die Washington Post. Armeen im Meinungskrieg der Superreichen, wobei die Armee des Bezos plötzlich mickrig wirkt. – Journalisten sind Söldner, doch was sind wir? Kanonenfutter? Kollateralschaden?
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Elon Musk hat sich ein neues Spielzeug gekauft, namentlich Twitter, für 44 Milliarden US-Dollar, und er plant schon erste Änderungen – natürlich nur zum Besseren (siehe etwa businessinsider.com, 25.4.2022).

Gewisse Kreise befürchten nun, dass unter Musks Ägide die Zensur nicht-linker Meinungen auf Twitter etwas abgeschwächt wird. Oder dass nicht nur der KremlKhamenei und chinesische Propagandisten twittern dürfen, sondern auch – oh Schreck! – der letzte bei vollem Bewusstsein regierende US-Präsident, Donald J. Trump.

Andere Beobachter weisen darauf hin, dass auch andere Superreiche sich in der Vergangenheit ihr eigenes Medium zugelegt haben, wie etwa Jeff Bezos, der sich die Washington Post als eine Art »erweiterten Privatblog« kaufte (2013 für vergleichsweise läppische 250 Millionen US-Dollar; siehe bbc.com, 6.8.2013).

Wieder andere weisen darauf hin, dass Twitter keine Zeitung mit Redaktion und Blattlinie sei, sondern ein »öffentlicher Meinungsmarkt«, eine »Plattform«.

Denen aber muss man antworten: »Jein – und gerade das ist das Schlaue an Musks Einkauf.«

Plattformen vs. Medien

Twitter befindet sich in der wirtschaftlichen Kategorie »Social-Media-Plattform«, ähnlich wie etwa Facebook.

Diese Firmen verstehen sich als Plattformen, nicht als Medien. Das ist nicht nur kulturell, sondern auch rechtlich ein großer Unterschied. In den USA genießen Plattformen nach Section 230 besonderen rechtlichen Schutz (innerhalb des »United States Communications Decency Act«, siehe engl. Wikipedia).

Plattformen werden nicht in gleichem Maße wie Verleger oder Autor für die veröffentlichten Informationen zur Verantwortung gezogen. (In der EU gibt es die vergleichbare »Direktive 2000«, siehe engl. Wikipedia.)

Diese Plattform-Regelungen stammen aus den frühen Tagen des Internets. 1998 musste sich etwa der deutsche Compuserve-Chef für verbotene Inhalte auf der Plattform vor Gericht verantworten und wurde erst in zweiter Instanz freigesprochen.

Das kleine Problemchen an dieser Kategorisierung ist schlicht, dass diese sogenannten Plattformen und ihre Betreiber keineswegs nur neutrale Plattformen innerhalb der Gesetze sind.

Jede Plattform betreibt Moderatoren. Erstens, weil man aus rechtlichen Gründen gewisse »harte« Inhalte filtern muss. Zweitens aber, weil man Inhalte sperren oder »etwas leiser machen« will, die den Interessen des Unternehmens zuwiderlaufen, etwa indem sie Werbetreibende verschrecken. In der Praxis bedeutet Moderation jedoch, dass Plattformen quasi die gleiche Funktion wie Medien erfüllen (können). Eine Redaktion lässt meist eher solche Journalisten für sich schreiben, welche die jeweilige politische Linie teilen. Eine Plattform könnte solche Meinungen häufiger einblenden (und zu »Trends« erklären), welche die politische Linie der Chef-Moderatoren teilen. Der Unterschied zwischen Medium und Plattform ist realiter im Kern nur, dass Journalisten wenig bezahlt werden und wir Social-Media-Teilnehmer gar nicht (zumindest nicht von der Plattform).

Andere Milliardäre auch

Es hat gute Tradition, dass reiche Leute sich Zeitungen oder TV-Sender kaufen – und wenn sie es klug anstellen, werden sie beim Betrieb der Zeitungen noch reicher. (Für eine künstlerische Darstellung des Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst sei natürlich der Film Citizen Kane empfohlen.)

Ich selbst habe zum Beispiel 2019 davon geschrieben, wie etwa die »Washington Post«, welche dem Amazon-Gründer Jeff Bezos gehört, einen medialen Krieg gegen den damaligen US-Präsidenten führte.

Reiche kaufen sich Medien als Meinungs-Armeen. Während Reiche alter Schule sich Zeitungen kaufen, um zum Beispiel Kampagnen gegen US-Präsidenten oder für frühe Sexualisierung von Kindern zu fahren, kauft Musk sich eine ganze Plattform – die er nachweislich bestens zu bespielen weiß.

Andere Milliardäre haben einige hundert Journalisten zur Verfügung. Politiker haben Staatsfunk, Parteikollegen, Freunde und Verwandte in Redaktionen, oder vielleicht befinden sich Medien gleich ganz oder teilweise, direkt oder indirekt im Parteibesitz.

Elon Musk hat aber buchstäblich Millionen unbezahlter Twitterer, von denen nicht wenige unablässig darum wetteifern, den gewitztesten Tweet abzugeben.

In der Vergangenheit hat Musk bewiesen, dass er Twitter virtuos zu bespielen weiß – ähnlich übrigens wie Donald J. Trump. Selbst die, die Musk (oder Trump) auf Twitter widersprechen, bestätigen und vergrößern ja gerade damit seine Bedeutung.

Es ist ein Krieg …

Die Superreichen und Konzerne dieser Welt sind unablässig im medialen Krieg eingebunden.

Jeff Bezos steht mit seiner Washington Post plötzlich ganz mickrig da – und umso wütender scheint er nun zum Angriff überzugehen.

Dieser Tage hat die Washington-Post-Journalistin Taylor Lorenz etwa auf übelste Art die anonyme Betreiberin eines sehr populären nicht-linken Twitter-Accounts ausfindig gemacht (foxnews.com, 21.4.2022) und die privaten Daten inklusive Adresse online verlinkt (später nahm man offenbar den Link herunter und log, man hätte es nie getan). Mit den Milliarden des Herrn Bezos im Hintergrund belästigte die Washington-Post-Journalistin eine Zahl von Bekannten und Verwandten der (bis dahin anonymen) Privatperson. Es war offene Einschüchterung, der Krieg eines Superreichen gegen einen politisch missliebigen Twitterer, mit einer Journalistin als der skrupellosen Söldnerin. (So sieht es übrigens aus, wenn die medialen Söldner eines Jeff Bezos bei dir an der Tür anklingeln, offenbar um dich spüren zu lassen, dass sie wissen, wo du wohnst: @libsoftiktok, 19.4.2022)

Bezos greift aber nicht nur erfolgreiche Twitterer indirekt via Washington Post an.

Bezos versucht es höchstpersönlich mit der Propaganda-Taktik »fear, uncertainty, doubt« (kurz: »FUD«). Auf seinem eigenen, ja, Twitter-Account, zitiert er Bedenken (@JeffBezos, 26.4.2022), dass Twitter im Sinne Chinas erpressbar würde, weil China ein wichtiger Markt und Rohstofflieferant für Tesla ist, also Elons Musks Automarke (wenn man auch weniger abhängig von China für die Rohstoffe werden will, weshalb man etwa jüngst einen Vertrag mit Mozambique unterschrieb; cnbc.com, 17.1.2022). (Ein ironischer Aspekt an Bezos´ »Befürchtung« ist, dass Twitter schon längst im Geiste Chinas und des gruseligen Dr. Fauci zensierte, konkret die Vermutung, dass das neuartige Corona-Virus aus jenem berüchtigten Wuhan-Labor stammte; siehe etwa townhall.com, 2.6.2021.)

… und alle gehen hin

Unsere Realität erstreckt sich auf Soziale Medien. Das gilt selbst dann, wenn du dich niemals anmelden oder ganz abmelden solltest – deine Mitmenschen sind dort, und alle Journalisten, die dein Weltbild formen, beziehen einen guten Teil ihrer Information aus Twitter & Co.

Ich sage also nicht, dass wir uns nur deshalb aus Sozialen Medien zurückziehen oder keine Zeitungen lesen sollten, weil sie irgendwem gehören. Das wäre so absurd wie kontraproduktiv. (Sich ausklinken, um der künstlichen Aufregung – Stichwort »Dopaminmühle« zu entkommen, ist ein anderer, durchaus plausibler Grund.)

Ich will auch weiter an sozialen Medien teilnehmen. Ich tue es aber im Bewusstsein darum, dass ich mit der unendlich wertvollen Währung »Meine Aufmerksamkeit« zahle. Und ich nehme an sozialen Medien teil, wie ich auch Nachrichten lese und Videos schaue, im vollen Bewusstsein, dass ich dadurch zum »Kanonenfutter« im Krieg größerer Mächte werden könnte.

Informiert euch, twittert und facebookt, lest und schaut Videos, spielt herum, doch vergesst keine Sekunde, dass der Spielplatz, auf dem ihr spielt, nicht euch gehört.

Diese Spielplätze der Information sind selbst wieder das Spielzeug von Leuten wie Elon Musk. Das kann und sollte man stets im Bewusstsein tragen, wenn man dort spielt – und doch erlaube ich mir, bei diesem »Spielen« auch Spaß zu haben!

Wir können auf den Spielplätzen der reichen Leute unsere Ideen ausprobieren. Wir können einander Nachrichten schicken und uns verabreden (wissend, dass vermutlich alle Geheimdienste mitlesen). Wahrheiten, die zu früh angesprochen werden, gelten auch weiterhin als »Verschwörungstheorie«, und doch könnten wir auf diesen Spielplätzen auch weiterhin eigene Ideen und alternative Deutungen der Faktenlage austauschen (wenn auch manche besser nur angedeutet).

Ja, lasst uns auf diesen »Spielplätzen anderer Leute« etwas Spaß haben, und vor allem lasst uns jede Gelegenheit nutzen, täglich etwas klüger zu werden, ob mit Sozialen Medien – oder mit ganz traditionellen! Sie wissen schon: Bücher, die man zunächst gründlich liest und das Gelesene bedenkt, um dann in Ruhe mit Freunden darüber zu sprechen. Auch das kann etwas »Spielerisches« haben.

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