29.11.2020

Bergsteiger des Bullshits

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Ronaldo de Oliveira
Linke Langzeitstudenten palavern von »Umbrüchen in der Arbeitswelt« und »Transformation«. Argh!! Die reden Bullshit, und sie reden so viel davon, dass es ein veritabler Bullshit-Berg wird – auf dem aber klettern sie bis in die wirklich lukrative Politik.
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Als Frau Ricarda Lang geboren wurde (1994), hatte ich bereits ein Jahr lang mein Abitur in der sprichwörtlichen Tasche. Frau Lang hat ihre Lebensjahre bislang zweifellos effektiv genutzt: Bis letztes Jahr war sie Sprecherin der Grünen Jugend, seit November 2019 ist sie stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen und deren frauenpolitische Sprecherin (gruene.de).

Frau Langs politische Schwerpunkte sind Feminismus (in etwa: dass Frauen genauso sind wie Männer und deshalb total anders behandelt werden sollen) und »Body Positivity« (in etwa: dass man Dicke nicht dick nennen soll; vergleiche welt.de, 16.5.2020).

Erheblich genug

Deutschlands Grünpopulisten haben auf einem »digitalen Parteitag« ein neues Grundsatzprogramm beschlossen (tagesschau.de, 22.11.2020). Ja, ich weiß, die moralischen Befindlichkeiten der eiskalten grünen Ultrapopulisten könnten uns an die Metapher von den Ameisen erinnern (siehe Essay vom 11.12.2019) – es ist global und geschichtlich gesehen spektakulär unwichtig – doch die Popularität der Grünpopulisten gehört zu jenen Fehlern, die immerhin erheblich genug sind, dass Betrachter davon lernen können.

Im Kontext dieses neuen »Grundsatzprogramms« lässt sich die eingangs erwähnte Frau Lang nun derart zitieren:

Bei Umbrüchen in der Arbeitswelt müssen und können wir Sicherheit geben. Denn Transformation passiert nicht einfach, wenn wir es gut machen, gestalten wir sie. (…) (@RicardaLang, 28.11.2020)

Laut Harry G. Frankfurt ist »Bullshit« eine Aussage, die überzeugen will, ohne sich um die eigene Wahrhaftigkeit zu scheren. Was Frau Lang sagt, bringt alles mit, was es braucht, um »Bullshit« genannt zu werden.

Was bitteschön weiß Frau Lang (Langzeitstudentin seit 2012) von »Umbrüchen in der Arbeitswelt«? Wie »können« die Grünen Studienabbrecher irgendwelche »Sicherheit« geben? Was soll das genau sein, dass die Grünen bei der »Transformation« »gut machen«? – Es sind Hülsen und Phrasen, wie wenn ein überzuckertes Kind wild auf sein Trömmelchen (oder Geschwisterchen) einschlägt, nur eben in Worten. Es ist, was einer, der nie in größerer Verantwortung arbeitete oder ernsthaft studierte, für »intelligent« und »wichtig« hält. Es ist Bullshit.

Mehr als Geschmacksnote

Nein, Frau Lang ist nicht die einzige grüne Person, die Bullshit redet – es gibt wenig (erfolgreiche) Grüne, die es nicht tun. Man könnte im selben Kontext den Bullshit einer Frau Baerbock zitieren (»Wir müssen endlich das Wohlergehen der Menschen in den Mittelpunkt unseres Wirtschaftssystems stellen, statt der Gewinnmaximierung Einzelner.«, @ABaerbock, 20.11.2020), man könnte Herrn Habeck tröstend an die Hand nehmen, wenn er von den umgestellten Regalen im Supermarkt überfordert ist (@Halaschka_HH, 24.11.2020).

Frau Lang aber ist nicht »nur« für grünen Bullshit prototypisch, sie steht auch noch für etwas anderes, quasi »Bullshit 2.0«. Langzeitstudentin Lang gehört in etwa derselben Generation an wie Studienabbrecher Kevin Kühnert. Der war dieser Tage in den Schlagzeilen, als er tränenreich den Vorsitz der Jungsozialisten abgab (welt.de, 29.11.2020) – er will sich wohl den vermutlich lukrativeren Pfründen im Bundestag zuwenden. Letztes Jahr hatte Herr Kühnert damit Schlagzeilen gemacht, dass er die »Kollektivierung« von BMW ins Gespräch brachte (zeit.de, 1.5.2019) – es ist Bullshit, aber es wirkt.

(Randnotiz 1: Man könnte sagen, dass wir den Aussagen der Grünen geradezu einen Gefallen tun, sie »Bullshit« zu nennen. Da wo das neue Grundsatzprogramm nicht phrasenhaft und vage ist sondern tatsächlich konkret wird, hat es »mit bürgerlicher Mitte rein gar nichts zu tun«, und zielt – wenn man es eben nicht als Bullshit liest – effektiv auf die Abschaffung jeglicher Wirtschaftsform, die etwas mit Marktwirtschaft und wirtschaftlicher Freiheit zu tun hat«, so tichyseinblick.de, 23.11.2020: »Die Grünen auf dem Weg zur planetarischen Macht«. – Randnotiz 2: Der Ökonom Arash Molavi Vasséi weist darauf hin (@ArashMV, 30.11.2020), dass es für einen Denkfehler, der Frau Lang unterläuft, sogar einen Namen gibt: die »lump of labour fallacy«, siehe engl. Wikipedia.)

Frau Lang lügt nicht, schon weil diese Aussagen gar nicht wahrheitsfähig sind. Doch selbst wenn die Phrasen ausreichend definiert wären, um wahr oder falsch sein zu können, würde wohl gelten, was Harry G. Frankfurt wörtlich so beschreibt: »she ist not concerned with the truth-value of what she says« – in etwa: »der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen ist ihr egal«.

Frau Lang und Herr Kühnert stehen paradigmatisch für eine Generation von Politikern, die gar nicht erst zu versuchen scheinen, ihren Worten einen prüfbaren Sinn zu verleihen – wo prüfbarer Sinn sogar rhetorisch gefährlich und damit ein Fehler wäre; es ist zuletzt und zuerst auf Wirkung hin formuliert.

Die große, lukrative Politik

Wenn (erfolgreiche) Politiker (öffentlich) sprechen, dann ist immer auch etwas Zuspitzung und Übertreibung dabei – bei Frau Lang oder Herrn Kühnert wirkt es anders: Der Bullshit wird von der Bierzelt-Geschmacksnote zur einzigen und wesentlichen Zutat.

Ich habe keinen Zweifel, dass Frau Lang so lange erfolgreich Bullshit produzieren wird, bis sie auf dem selbst produzierten riesigen Bullshit-Haufen in alle Staatsfunk-Talkshows und dann in die große, lukrative Politik klettern wird – ähnlich wie ein Herr Kühnert.

Ich will versuchen, diesen Figuren ihren »Erfolg« zu gönnen. (Um unser Land tut es mir leid, doch das ist ein anderes Thema.)

Diese Figuren haben das Recht, den denkbar dampfendsten Bullshit zu reden – ich würde mir aber gern das Recht vorbehalten, nicht am grünen Bullshit riechen zu müssen.

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