20.11.2020

Wie viele Bürokraten passen in ein E-Auto?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Pau Casals
Brüsseler Ideologen wollen die deutsche Auto-Industrie kaputtmachen. Im Namen der Umwelt, so heißt es. Es ist Bullshit. Die echte Lösung wäre ein Nahverkehr, den auch »normale« Menschen gern nutzen – das aber wäre eine Frage der Kultur…
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»Sind die Grundrechte erst ruiniert, regiert es sich ganz ungeniert«, so ließe sich das neue Motto der Regierung beschreiben. Es ist unbekannt, wie lange und ausgiebig Jungkommunistin Angela M. ihren Sieg über die Demokratie am 18.11.2020 feierte; doch: sie ist wieder da, und wir freuen uns darüber sehr, und sie lässt uns wissen, dass sie schon die nächsten »Maßnahmen« erwägt: »Nach Weihnachten wieder Lockdown« (n-tv.de, 20.11.2020)

Okay, so weit, so wenig überraschend. Gibt es aber noch andere Meldungen? – Ja, es gibt sie, diesmal aus Brüssel von EU-Bürokraten, und wo wir von denen reden: Erst einmal Clowns!

Manche Metaphern und Sprachbilder kennen wir nur als Sprachbilder? Wir kennen etwa den Trick und Witz mit den vielen Clowns, die aus dem Auto steigen, und es scheinen viel mehr Clowns zu sein, als in ein Auto passen – es kommen mehr und mehr Clowns aus dem Auto heraus!

Man könnte meinen, dass der Clown-Auto-Trick mit einer geheimen Luke im Boden des Autos funktioniert, durch welche immer neue Clowns heimlich durch den Boden ins Auto steigen, doch das wäre (meist) falsch. Die Clowns waren tatsächlich im Auto drin – sie waren nur sehr »effizient« untergebracht. Die Scheiben der Autos sind meist abgeklebt, die Sitze und alles andere wurde herausgenommen und die Federung wurde massiv verstärkt, die Clowns aber sind »gefaltet« und gestapelt wie Tetris-Blöcke.

Man stelle sich die Flexibilität und Disziplin vor, die Menschen brauchen, um sich in ein Auto zu »falten« – und wie das praktisch aussieht, zeigt dieses Video aus Russland mit siebzehn (!) Russen in einem Volga: via YouTube).

»bei minus 20 Grad«

Aus dem teuren Brüsseler Zirkuszelt hören wir, dass die EU-Clowns die Abgasvorschriften für Autos so weit herunterschrauben, dass indirekt quasi Autos mit Verbrennungsmotor ab demnächst verboten werden. Autos sollen ab 2025 auch »bei minus 20 Grad, beim Anfahren am Berg, mit der ganzen Familie im Wagen plus Anhänger« neue, strengere Abgaswerte einhalten (siehe welt.de, 18.11.2020) – was schlicht technisch nicht möglich ist.

Ganz im Geist der Zeit wird die Vernichtung der Verbrennungsmotor-Industrie wenig demokratisch und weit fort in Brüssel geplant. Was einst als Montanunion und Zollbündnis begann, wird zum weltfremden Ideologen- und Bürokraten-Apparat.

So »sexy« die Tesla-Autos sein mögen (was Langzeit-Benutzer zu deren Bauqualität sagen, sollten Sie diese selbst fragen), so aufregend die sonstigen Projekte des Herrn Musk auch sein mögen – Elektro-Autos bleiben noch einige Zeit ein unpraktischer Luxus. Wir müssen gar nicht erst diskutieren, was es für die Stromversorgung bedeuten würde, wenn in einem Vorort plötzlich alle Autos jede Nacht laden müssten. (»Sorry, Chef, ich konnte nicht zur Arbeit kommen, weil Windstille war und mein E-Auto nicht laden konnte.«)

Damals in Zürich

Nein, es ist nicht realistisch, das wirklich alle derzeitigen Autofahrer innerhalb von Jahren auf elektrische Autos umsteigen – nicht finanziell realistisch, nicht sozial und auch nicht infrastrukturell. Und, wenn man die »Gerechtigkeits«-Ideen linker Träumer einbeziehen wollte, müsste E-Mobilität ja bedeuten, dass nicht nur jeder Fahranfänger statt des üblichen alten VW-Golf oder Toyota Corolla für ein paar Tausend Euro einen nagelneuen Tesla oder Vergleichbares gestellt bekommt (einen günstigen Gebrauchtmarkt gibt es ja noch nicht wirklich), sondern auch jeder der vielen Eingeladenen aus Übersee, und so weiter, sonst ist es ja nicht »gerecht« – es ist vollständig unrealistisch.

Ich wage die These, dass es in der Verbrennungs- vs. Elektromotor-Debatte auch gar nicht wirklich um diese Frage geht. Es läuft vielmehr darauf hinaus (die Frage, ob es »Plan« und »Absicht« ist, erscheint mir zweitrangig), dass (wieder?) nur noch ein von der Politik festgelegter Teil der Bevölkerung individuell mobil sein wird – und der Rest, so er überhaupt aus dem Haus darf, nur mit öffentlichen Transportmitteln fahren darf (und kann).

Ich kann mich erinnern, als ich vor Jahren zum ersten Mal in Zürich am Morgen mit der dortigen Straßenbahn fuhr, und es ein ganz normaler Anblick war, Männer in teuren Anzügen und Frauen in schicken Kostümen zu sehen, die im Bus auf dem Weg zur Arbeit saßen. Die Menschen stiegen höflich ein und aus, saßen ordentlich, keiner pöbelte oder schubste (sie sprachen nur ein mir ungewohntes Deutsch, doch das ist ein ganz eigenes und sehr charmantes Thema). Dass Banker in feinen Anzügen nicht nur ausnahmsweise und in Notlagen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fuhren, das hätte ich mir als jemand, der sonst mehrmals die Woche in Köln mit der Straßenbahn fuhr, kaum vorstellen können!

Damals in Zürich wurde mir bewusst: Öffentlicher Nah- und Fernverkehr ist nicht zuerst eine Frage von Infrastruktur oder Technik, nicht einmal zuerst eine Frage von Geld – öffentlicher Nah- und Fernverkehr ist zuerst eine Frage der Etikette, der allgemeinen Höflichkeit, der Kultur.

Clowns auf der Rückbank

Ich verstehe theoretisch, dass die Clowns im Clown-Auto-Trick sich ins Auto falten und sortieren, doch praktisch und vom Gefühl her will es mir einfach nicht in den Kopf. Wie machen die das?! Wenn wir als Wegners uns mal ein Auto mieten und mit den Kindern irgendwohin fahren, dann ist es Elli und mir kaum möglich, die beiden Clowns auf der Rückbank länger als fünfzehn Minuten zu bändigen!

Nein, in einer Millionenstadt kann es nicht eine Million Autos geben, nicht Elektroautos und keine anderen – von den Rohstoffen, die es für die Batterien braucht, ganz zu schweigen. (Randnotiz: Elektro-Autos zu laden braucht noch immer deutlich länger als Benzin nachzutanken. Von den Besitzern eines Elektro-Autos, die Sie kennen, wie viele haben Zugriff auf ein weiteres, »eigentliches« Auto, das zuverlässig fahrbereit ist?)

Nein, es ist nicht sinnvoll, dass ein sich fortbewegender Mensch jedes Mal zwei Tonnen Stahl mit sich herumfährt.

Nein, es ist nicht realistisch, ob mit oder ohne Vogelhäcksler-Strom, jede Vorstadt mit der Stromversorgung eines Industriegebietes auszustatten.

Die Frage nach dem Verkehr (ja, von mir aus auch dem Verkehr) ist eine soziale Frage (hier übrigens ein Video über die U-Bahnen in Tokyo: siehe YouTube).

Kollektive Selbstdisziplin

Brauchen wir wirklich sofort andere Autos? Wer wird die Ladestellen des Landes verkabeln? Wie viele Kinder in fernen Ländern sollen in Minen seltene Erden für Batterien schürfen, damit sich reiche West-Ökos moralisch fühlen können?

Ich bin fürwahr nicht gegen tolle leise Elektro-Autos. Ich halte es aber für eine Illusion, sie würden das Problem lösen, dass sie zu lösen vorgeben.

Die eigentliche Frage des »Massentransports« ist die Frage nach Erziehung, nach Höflichkeit, nach Kultur, nach kollektiver Selbstdisziplin.

Für Individuen wie für Kulturen gilt seit jeher: Die Zukunft gehört denen, die sich im Griff haben.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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