29.8.2020

Ein Chip im Hirn für jeden

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Franck V.
Wir Menschen sind zu dumm für die Komplexität der Welt, die wir selbst schufen. Elon Musk entwickelt Computerchips, die direkt ins Gehirn gepflanzt werden. Werden Sie sich einen einpflanzen lassen?
white and brown human robot illustration
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Kennen Sie »Fitbit«? Wenn Sie »Fitbit« kennen, dann sind Sie ein wirklich moderner Mensch, vielleicht sogar fitnessaffin. Wenn Sie ein Sportler sind, nutzen Sie vielleicht stattdessen Garmin, Suunto, Polar oder, recht neu, Apex Coros. Wenn Sie es günstig mögen, nutzen Sie vielleicht ein Mi Band oder eine Amazfit-Uhr. Der Mensch, der einen dieser Fitnesstracker anlegt, sieht die Zahlen seines Fitness-Zustands auf dem Gerät, und überwacht seine eigenen »Betriebs-Daten«, ähnlich wie ein Computer, der seine eigenen Betriebsdaten überwacht – und den Betrieb bei Problemen hoffentlich korrigiert.

Fitness-Tracker wie »Fitbit« & Co. sind gleichzeitig eine Technologie und eine Philosophie – und hier ist das Wort Philosophie tatsächlich ernst gemeint: Indem diese Technologie unseren Blick auf uns selbst prüft, indem sie unserem Tagesverlauf kontinuierlich gemessene Zahlen zuordnet, verändert sie das Bild, das wir von uns selbst haben.

Die tatsächlich philosophischen Implikationen simpler Fitnesstracker zu verstehen ist eine Voraussetzung, um die Bedeutung und, ja, das Gewicht der Metapher zu begreifen, die Elon Musk bei der Vorstellung von »Neuralink« verwendet.

Implantierbare Schnittstellen

»Es ist wie Fitbit in deinem Schädel, mit kleinen Kabeln«, sagt Elon Musk.

Eines der Musk-Projekte heißt »Neuralink«, und man will, wie der Name andeutet, ins Gehirn implantierbare Schnittstellen zwischen Menschen und Computern entwickeln (Links: Wikipedia).

Als das Projekt im Jahr 2016 angekündigt wurde, klang es wie ein weiteres kalifornisches Utopie-Vorhaben. Als Neuralink ihre Interfaces an Ratten getestet hatten, hatte die Technologie noch immer den Status einer Kuriosität. Als Elon Musk letztes Jahr bekannt gab, dass sie den Gehirn-Mikrochip an Affen getestet hatten und dass einer davon einen Computer mit Gedanken steuern konnte, horchten viele auf (businessinsider.com, 17.8.2020).

Es ist 2020 und Musk hat neue Entwicklungsstufen des Projektes vorgestellt (das Video der Präsentation ist online, die Stelle mit dem Fitbit beginnt bei Minute 7: YouTube-Link zu der Stelle).

Telepathie via Technologie

Die neueste Variante des muskschen Gehirn-Chips ist so groß wie eine Münze, arbeitet mit 1000 Kanälen gleichzeitig, wird bündig in den Schädel eingesetzt – und überträgt Daten im Megabit-Tempo. Neben all den Dingen, »die man auch von einer Smartwatch erwarten würde«, also etwa Musik abspielen, wird der Chip über Nacht geladen. (Das heißt, dass der Nutzer nachts im Schlaf via Magnet ein Kabel an seinen Schädel anschließt um seine Gehirnerweiterung nachzuladen.)

Das Einsetzen des Chips geschieht durch einen Computer-Roboter, so zeigt und erklärt Musk – und nebenbei erwähnt er, dass der Roboter tatsächlich funktioniert, denn »we’ve used it for all of the implantations« – »wir haben ihn für alle Implantationen genutzt«.

Man stutzt: »alle Implantationen«? – Richtig. – Ein Schwein namens »Gertrude« wird vorgeführt. Wir sehen dem Schwein beim Fressen zu – und wir verfolgen live die Datenströme aus seinem Gehirn. Sobald das Schwein Gertrude mit der Schnauze an etwas stößt, hört und sieht man den Datenstrom auf dem Monitor.

Auf Videos werden Schweine auf Laufrädern gezeigt, deren Gehirnströme gemessen werden, während man Software trainiert, aus den gemessenen Strömen die tatsächliche Position der Gliedmaßen des Tieres vorherzusagen. Später im Frage-und-Antworten-Teil erklärt Musk, dass wenn man aus Neuronen-Strömen die beabsichtigte Bewegung vorhersagen kann, man im nächsten Schritt weitere Technologien implantieren könnte, die etwa bei Querschnittsgelähmten dafür sorgt, dass die Gliedmaßen tun, was das Gehirn eigentlich tun wollte.

Musk geht nonchalant dann vom Thema »Daten aus dem Gehirn lesen« (und eventuell Gliedmaßen entsprechend anregen) zum Thema »Daten ins Gehirn schreiben« über. Er zeigt Bilder vom Forschungsstand bezüglich des Schreibens von Daten ins Gehirn – und obgleich er zum Schluss seiner Präsentation die Metapher vom »Fitbit fürs Gehirn« wiederholt, gehen die Ambitionen weit darüber hinaus, was Fitnesstracker (heute) leisten. (Ich empfehle Ihnen das gesamte Video inklusive der interessanten Fragen und Antworten im zweiten Teil – Sie können es ja schauen, während Sie auf dem Heimtrainer etwas Sport machen und Ihr Fitnesstracker Ihren Pulsschlag misst.)

In der Endrunde des Frage-und-Antwortteils dürfen die anwesenden Forscher sagen, was sie sich von dieser Technologie wünschen würden. Einer würde gern Blinden und Sehbehinderten helfen, indem er eine Kamera direkt ans Gehirn anschließt – Musk erweitert es um die mögliche Fähigkeit, etwa ultraviolettes Licht zu sehen. Einer will Telepathie via Technologie realisieren, also direkte Übertragung von Gedanken, ohne sie zuvor auf Worte reduziert zu haben, da Worte eine sehr niedrige Datenrate besitzen und Sprache viel langsamer funktioniert als unsere Gedanken eigentlich funktionieren könnten. Einer würde gern dabei helfen, kreative Ideen direkt aus dem Gehirn auszulesen, etwa die Idee eines Gemäldes, ohne den Umweg etwa über eine Staffelei zu gehen. Einer würde gern Depressionen oder Angst ausschalten (Musk weist darauf hin, dass ein wenig Angst gut ist). Einer würde gern im Hirn selbst auslesen, wann und wo ein Mensch zu erkranken droht, und so eine Zukunft ohne Krankheiten erschaffen. Der Chef-Neurochirurg würde gern das Leiden der Menschen mindern. Musk selbst führt aus, dass die Menschheit einen Weg finden muss, in Symbiose mit fortgeschrittener Künstlicher Intelligenz zu leben.

Eine technologische Hoffnung aber taucht immer wieder auf, nämlich jene von den Erinnerungen. Kann diese Technologie dazu dienen, Erinnerungen auszulesen und sie wieder einzuspielen? Musk und seine Mitarbeiter scheinen davon zu träumen.

Die aktuelle Neuralink-Veranstaltung dient offiziell dem einzigen Zweck, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Es ist noch viel zu tun, so betont Musk immer wieder.

Begrenzung der (inneren) Welt

Der Schritt vom Auslesen von Daten zum Einpflanzen von Daten ist nicht unerheblich, dennoch halte ich es nicht für unmöglich, dass das Projekt ein Erfolg wird. Jenes Team scheint einige sehr wichtige Denkblockaden der Philosophie erkannt und überwunden zu haben – etwa die von Wittgenstein formulierte Begrenzung der (inneren) Welt durch Worte.

Musk ist sich der Bedeutung des Jobschen »real artists ship« bewusst, er weiß die Zwischenstufen seiner Forschung zu Produkten zu verpacken und zu vermarkten. Er kann und wird selbst definieren, was für ihn Erfolg ist, so wie der Autopilot des Tesla ein Erfolg ist, auch wenn noch nicht die vollständige Autonomie erreicht wurde.

»superhuman vision«

Das Projekt Neuralink verspricht, unter anderem und zuerst, das Leid von Menschen zu lindern, deren Gehirn aus diesem oder jenen Grund nicht »richtig« funktioniert. Doch natürlich sind es die Möglichkeiten, die über das Ausgleichen von Krankheit hinausgehen, welche wirklich unsere Phantasie (neu) zum Leben erwecken.

Musk selbst spricht von möglicher »superhuman vision« und einer »Symbiose von Mensch und fortgeschrittener Künstlicher Intelligenz«. Ob und wie weit dieses Projekt auch gelingen mag, ich will aus dem Versprechen meine eigene Variante der Frage formulieren, die beantwortet wird – und dann der Bedeutung dieser Frage maximalen Nachdruck verleihen. (Ist es ein argumentativer Taschenspielertrick, wenn man es offenlegt?)

Irgendwelche Klimaveränderungen

Natürlich wecken manche der großen Themen unserer Tage gewisse Nervosität in mir, seien es die Angriffe auf die Werte der Demokratie durch Regierung und Propaganda, sei es die unheilige Quasi-Allianz von kriminellen Schleppern, NGOs und Wohlfahrtskonzernen.

All diese (teils selbstbereiteten) Probleme und noch Jahrzehnte nachwirkende Schäden am Land lassen mich nervös werden, doch ein anderes Thema, die Abwesenheit einer dringenden notwendigen Handlung, könnte einen geradezu mit Panik erfüllen.

Ich halte ein Problem für dringender und wichtiger, und bei Nichtbeachtung für weit gefährlicher als irgendwelche Klimaveränderungen oder aktuell Viren.

Das eine Problem, das mich in Panik versetzt: Wir Menschen sind nicht (mehr) in der Lage, die Komplexität der von uns selbst geschaffenen modernen Welt zu überblicken und erfolgreich in ihr zu handeln.

Ich wage die These aufzustellen: Wir müssen weiser und klüger werden, und zwar nicht um 10%, sondern um den Faktor 10.

Mit »weise« und »Weisheit« meine ich die Fähigkeit, den Kontext von Dinge zu kennen und die (auch: kausalen) Zusammenhänge zu verstehen. Mit »klug« und »Klugheit« meine ich die praktische Fähigkeit, in komplexen Situationen verändernd zu handeln.

Nicht zehn Prozent

Während ich dies schreibe, marschieren in Berlin viele tausend Menschen. Es wird gegen Merkels Corona-Maßnahmen demonstriert, doch wir alle spüren, dass im Kern der Proteste die Wut auf eine Regierung ist, deren demokratische Gesinnung und deren Willen, zum Wohl des Volkes zu handeln, täglich weniger spürbar sind. Die moralische Rechtfertigung der Macht ist es, Schaden vom Volk abzuwenden, und diese moralische Berechtigung hat das Merkel-System spätestens seit 2015 verloren.

Aus Schweden werden derweil Unruhen jener jungen Männer gemeldet, welche in Deutschland euphemistisch »Partyszene« genannt werden (reuters.com, 28.8.2020).

In Deutschland wiederum könnte es fast ein wenig in der ganzen Aufregung untergehen, wenn das Bundeskriminalamt es meldet, dass 2019 deutlich häufiger Deutsche zum Opfer einer Gewalttat durch Asylbewerber wurden als umgekehrt (bka.de, 21.8.2020, PDF; welt.de, 29.8.2020, hinter Bezahlstacheldraht).

All dies ist besorgniserregend, kein Zweifel, doch diese Probleme könnten beschrieben werden als etwas, das sich »nur« aus einem anderen Problem ergibt, dem einen Zukunftsproblem, das in mir wirklich Panik weckt: Wir müssten klüger werden, sehr viel klüger. Nicht zehn Prozent klüger sondern zehnmal klüger.

Ein Fitnesstracker allein

Ich weiß nicht, wie es uns gelingen kann, klüger zu werden  – und damit weiß ich nicht, ob es uns gelingen kann.

Heute stürmen pro Tag mehr neue Informationen auf den »einfachen Bürger« ein, als ein »einfacher Bürger« früher vielleicht innerhalb seines gesamten Lebens erfuhr – doch unsere Gehirne und vor allem unsere Denkmethoden sind weitgehend die gleichen wie damals, als wir in der Savanne Büffel jagten.

Praktisch jeder Mensch hat Zugriff auf Werkzeuge und technische Möglichkeiten, von denen vor wenigen Jahrzehnten sogar Regierungen, Militär und Geheimdienste nur zu träumen wagten – doch unsere Motivationen sind weiterhin praktisch dieselben wie damals, vor zehntausend Jahren.

Ich weiß nicht, ob Musks Gehirn-Chip eine Antwort auf das Problem ist, dass wir um ein Vielfaches klüger werden sollten – und zwar schnell. Ein Fitnesstracker allein macht dich nicht zum schlanken Sportler – es wäre erst zu prüfen, ob ein Mensch, dem man das Wissen um die Zusammenhänge der Welt direkt ins Hirn einspeist, auch wirklich dadurch weise würde.

Sehr viel klüger

Neue Technologien können unbeabsichtigte Konsequenzen haben. (Beispiel: Die Popularität von Fitnesstrackern, die aus den Kundendaten sogenannte »Heatmaps« im Internet erstellt, führte dazu, dass Soldaten ihre Laufdaten hochluden und so ihre Bewegungsmuster für die Welt offenbarten; siehe washingtonpost.com, 29.1.2018 und bbc.com, 29.1.2018.)

Eine Reihe philosophischer Gedankenexperimente arbeitet mit einem fiktiven Chip im Kopf und prüft so unsere alltäglichen Begriffe – mit tatsächlichen Chips-im-Kopf würden sich die Fragen plötzlich praktisch stellen. Wenn etwa nach und nach das Gehirn eines Menschen durch Computerchips ersetzt würde, wie würde sich sein Bewusstsein entwickeln? Im Essay »Offensiv ist wie machen in Freiheit« notierte ich das Rätsel vom Computerchip, der einem ins Gehirn eingreift und Entscheidungen beeinflusst, wenn man sich »falsch« entscheidet – waren die »richtigen« Entscheidungen dann philosophisch frei, wenn man sich gar nicht anders entscheiden konnte? Und, natürlich: Würden wir mit den neuen Computerchips im Gehirn dem alten Traum näher kommen, unser Bewusstsein »hochzuladen« und so »ewig zu leben«?

Wir wissen noch nicht, was ein »Fitbit im Kopf« alles unbeabsichtigt verraten wird. (Was wird eine Regierung daran hindern, linksglobalistische Propaganda nicht nur über Staatsfunk und Schulen zu verbreiten, sondern direkt in die Gehirne einzuspielen?)

Der ethischen Fragen an neue Technologien sind viele – doch das zu lösende Problem ist riesig – und es nicht zu lösen könnte tödlich sein: Wir sind nicht klug genug für die Komplexität der von uns geschaffenen Welt. Wenn wir überleben (und frei bleiben) wollen, müssen wir sehr viel klüger werden – sehr schnell. (Ich gehe davon aus, dass »die wirklich Reichen« sich sowieso ihre geistigen Eigenschaften »erweitern« lassen werden – die Frage ist, ob wir es alle tun werden wollen/können/sollen/müssen/dürfen.)

Wenn wir nicht klüger werden, wird es sehr schnell sehr viel problematischer werden – doch wenn wir wirklich klüger werden sollten, ob mit elektronischen Erweiterungen oder besseren Denktechniken, werden sich auch eine Reihe schier unüberwindbar geglaubter Probleme lösen lassen.

Wir werden klüger werden müssen, sehr viel klüger, sehr bald!

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