04.02.2021

Mögen eure Fesseln schmerzen!

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Zdeněk Macháček (Symbolbild)
Eine der Gefahren der Pandemie haben wir kaum auf dem Radar: Was, wenn Menschen sich an die Unfreiheit gewöhnen? Werden Kinder, die heute aufwachsen, überhaupt wissen, was Freiheit ist?
brown bear
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Zwei Jahrzehnte lang lebte sie in Gefangenschaft. Wenn man Braunbär ist mit einer Lebenserwartung von etwa 25 Jahren, dann sind zwei Jahrzehnte der größte Teil des Lebens.

Zwei Jahrzehnte lebte die Braunbärin in einem rumänischen Zoo, und sie lebte in einem Käfig, der wahrscheinlich kleiner als Ihr Wohnzimmer ist und nur wenig größer als ein gewöhnliches Bad (bei millionsoffriends.org, 23.4.2018 gibt es ein Photo).

Zwei Jahrzehnte lang lief sie auf dem engen Betonring ihres brutal kleinen Käfigs im Kreis herum. (Es erinnert uns an Rilkes Panther, den ich im Essay »Bleibt wütend!« vom 23.1.2020 besprach.)

2018 wurde die Bärin endlich aus dem Zoo von Piatra Neamț (Kreuzburg an der Bistritz) befreit. (Auf der bekannten Reisebericht-Website Tripadvisor nennt ein Reisender jenen Ort den »traurigsten Zoo der Welt«: »Saddest zoo in the world«, mehrere Reisende empfehlen die sofortige Schließung; tripadvisor.com, 18.9.2016.)

Die Bärin wurde in einer speziellen Pflegeeinrichtung mit ihrer Schwester zusammengebracht, wo sie sich in einem geschützten Wald bewegen konnte und doch von qualifizierten Tierpflegern versorgt wurde.

Jedoch, was tat die alte Bärendame, als sie in eine geschützte Freiheit entlassen wurde, die sie gar nicht kannte?

Die Bärin lief weiter im Kreis. Bei zenger.news com 3.2.2021 findet sich ein Foto, bei YouTube via Digi24HD (ca. ab Sekunde 13, rumänisch) auch die Videoaufnahmen des Tieres.

Um eine bekannte Redeweise neu und hier sehr treffend anzuwenden: Die Bärin blieb gefangen, obgleich sie in Freiheit war. Man hatte die Bärin aus dem Gefängnis zu holen vermocht, jedoch nicht das Gefängnis aus der Bärenseele.

Kinder, die beim Spielen draußen immer Ausschau halten, ob sie nicht von der Polizei vom Schlittenhügel gescheucht werden – Kinder, die sich morgens ganz automatisch ihr Gesicht verstecken wie der Beduine im Sandsturm – und bald: Kinder, die ganz nebenbei ausgefragt werden, ob die Eltern sich gestern Abend nicht verbotenerweise daheim mit den Nachbarn getroffen haben – werden diese Kinder überhaupt zur Freiheit in der Lage sein?

Sie und mich, liebe Leser, sträubt es ja jeden Tag, die Maske aufsetzen zu müssen. Ich zähle nicht mehr mit.

Aber auch wir Erwachsenen, die wir inzwischen dann doch gelernt haben, uns im Zweifelsfall auf die Zunge zu beißen, bis es nach Blut schmeckt, bevor wir eine »falsche Meinung« zu sagen riskieren, wären wir denn noch überhaupt in der Lage, wirklich frei zu sein, wenn man uns die Freiheit anböte?

Der Mensch ist das Tier, das in sich die Möglichkeit trägt, weit mehr als nur Tier zu sein. Ein Skorpion wird immer ein Skorpion sein, und bekanntlich will er sich auch nicht ändern. Ein Hund – richtigerweise »des Menschen bester Freund« genannt – kann bestenfalls versuchen, ein sehr guter Hund zu sein.

Ein Mensch aber, und das unterscheidet ihn vom Tier, kann sich selbst befehlen, ein ganz anderer Mensch zu sein. Genauer: Der Mensch kann es können. Es ist im Menschen angelegt, sich selbst etwas befehlen zu können. Der Feigling kann sich selbst befehlen, mutig zu sein. Ein Fauler kann sich selbst befehlen, fleißig zu sein. Und einer, der im Kopf unfrei ist, kann sich selbst befehlen, frei zu sein – das unterscheidet den Menschen von jener traurigen Bärin.

(Der Mensch ist ja, so die Bibel, zum Abbild Gottes geschaffen, und ist es nicht in vielen Religionen ein Kennzeichen der Götter, in mancherlei Gestalt aufzutreten?)

Gerade weil die Fäden, die man um unsere Fußknöchel, Armgelenke und um unsere Gedanken legt, so viele werden, dass sie bald zu Seilen werden, gerade weil wir eine neue und doch uralte Unfreiheit zu schmecken beginnen, gerade deshalb ist es uns aufgetragen, nicht zu vergessen, wie sich die Freiheit einst auf unserer Haut anfühlte.

Solange der Bär sich erinnert, wie es ist, nicht nur im Kreis zu laufen, solange ist seine Freiheit noch nicht ganz erloschen, solange ist er, zumindest in der Seele, noch ein wenig frei.

»Wer sich nicht bewegt«, so heißt es, »der spürt seine Fesseln nicht.«

Ich sagte letztes Jahr: »Bewegt euch!« (Essay vom 18.8.2020)

Ich sage wieder: »Bewegt euch!«

Und jammert dabei nicht: »Ich bewege mich, obwohl es weh tut!«, sondern erklärt stolz: »Ich bewege mich, damit die Fesseln weh tun! Solange die Fesseln mich noch schmerzen, solange habe ich nicht vergessen, was Freiheit ist.«

»Weiterschreiben!«

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