15.5.2020

Der Häuptling und die Arbeitsplätze

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Niilo Isotalo
Die Wirtschaft bricht ein. Einkaufshäuser könnten schließen und Tausende ihren Job verlieren. Man wird versuchen, die Schuld allein aufs Coronavirus zu schieben – doch waren die Probleme nicht schon VORHER, äh…, virulent?!
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Als man den Häuptling fand, war sein Schädel gespalten und sein Speer zerbrochen. Drei Finger und das linke Auge fehlten ihm, seine Kleidung hing, wie seine Haut, in Fetzen.

Doch, der Junge, der ihn fand, berichtete später, dass er noch gelebt hatte, und dass er noch röchelte: »Ich bin über einen dürren Zweig gestolpert.«

Die Weisen des Stammes sollten später, nach und nach, herausfinden, was wirklich passiert war, und das war in etwa dies: Der Häuptling war aufgebrochen, einen Streit mit einem alten Rivalen auszufechten. Die Ältesten hatten ihm davon abgeraten. Der Priester hatte Unglück prophezeit. Alles sprach dagegen, doch er blieb stur und brach allein auf, sich aufgrund einer Lächerlichkeit mit seinem Rivalen anzulegen.

Bereits der Weg zum Kampf war von Zeichen des Unglücks begleitet. Die Wasserflasche zerbrach ihm auf halbem Weg, und so war er den Tag lang durstig unterwegs. Sein Schuh verfing sich, und bald wurde sein Gehen zum Humpeln. Ein Wolf knurrte ihn an, ließ aber noch von ihm ab, weil es Tag war.

Am Abend kam der Häuptling dann, gegen allen guten Rat, bei seinem Rivalen an, und er humpelte, war durstig und ganz elend müde – sein Rivale aber trat frisch, ausgeruht und zwei Jahrzehnte jünger gegen ihn an.

Der Rivale besiegte den Häuptling, so schnell wie schmachvoll, und dass er den Häuptling am Leben ließ, das stellte eine ganz eigene Demütigung dar.

Als der Häuptling wieder zu Bewusstsein gekommen war, blutig, zerschlagen und allein auf dem Kampfplatz, brach er wankend zum Rückweg auf, und aus fernen Zelten hörte er die Jubelfeier seines Rivalen.

Im Wald aber, auf seinem Rückweg, geriet der geschlagene Häuptling unter die Räuber. Er hatte nichts, was den Räubern raubenswert erschien, also prügelten sie ihn wütend gleich nochmal durch.

Nach den Räubern, es war längst tiefe Nacht geworden, kam der Wolf wieder, und er brachte sein Rudel mit, und auch sie setzten ihm zu (doch er überlebte es, denn unsere Geschichte muss noch ein wenig weitergehen).

Nach dem Überfall der Wölfe, in der zweiten Hälfte der Nacht, brach ein Sturm los. Der Häuptling kämpfte sich dennoch weiter, er wollte zurück zu seinen Leuten. Er fiel in den Schlamm und stand doch auf, wie abgekämpft und zerschlagen er auch war.

Auch die dunkelste, nasseste Nacht geht zu Ende (so man sie denn überlebt). Der Regen wich der Sonne. Durch die letzten Bäume des Waldes schimmerten bereits die Felder, auf denen sein Stamm lagerte, und er beschleunigte seinen Schritt.

Das Blut verkrustete in dem einen Auge, das ihm da noch verblieb. Der Häuptling war mehr blind als sehend. Seine Wunden wollten nicht verheilen, nicht so schnell, nicht nach einer Nacht im Regen, er blutete und seine Knochen schmerzten, und doch, beseelt von der Hoffnung, bald bei seinem Stamm zu sein, bald daheim zu sein, mit allerletzter Kraft also stand er auf, tat einen Schritt, und noch einen – und dann stolperte er über einen dürren Zweig, fiel einen kleinen Abhang hinunter, zerbrach an spitzen Steinen alles, was zuvor noch nicht zerbrochen war.

Ein Kind war in der Nähe, und als es den Sturz hörte, lief es zu ihm, und so kam es, dass er mit letztem Atemzug röchelte: »Ich bin über einen dürren Zweig gestolpert!«

In den ersten drei Monaten

Ich weiß es zu schätzen, wenn, wie in den mythischen »guten alten Tagen« des Journalismus, Dachzeile und Überschrift eines Artikels den Text zusammenfassen und echte Information transportieren. – Ein Beispiel dafür:

Wirtschaft in den ersten drei Monaten um 2,2 Prozent eingebrochen – Das Schlimmste steht uns noch bevor (bild.de, 15.5.2020)

Wir erfahren im Text, was mit »das Schlimmste« gemeint ist: »Analyse-Experten der Deutschen Bank erwarten für das zweite Vierteljahr sogar einen BIP-Einbruch um 14 Prozent zum Vorquartal!« (»BIP« bedeutet »Bruttoinlandsprodukt«.)

Wohl auch nicht

Politiker und politiknahe Journalisten werden so tun, als ob der kommende Brutalabschwung ganz auf die Maßnahmen zur Bekämpfung des China-Virus zurückzuführen wäre.

Es ist verständlich, dass und wenn Politiker die Schuld für den ansetzenden, heftigen Abschwung auf das Virus allein schieben wollen, und es ist verständlich, wenn die Bürger die Ursache und Schuld bei den Anti-Corona-Maßnahmen suchen, und es ist auch nicht ganz falsch – doch ganz richtig wäre es wohl auch nicht.

In der Einleitung zum Text »Limburg, Hoffnung und das Nichts« (8.10.2019) schrieb ich: »Öko-Aktivisten sehnen sich ganz offen nach dem Weltende. Derweil gehen tausende Jobs verloren.« – Im Text selbst notierte ich den zynisch-traurigen Hashtag »#futschi«, der in den sozialen Medien die mehrmals-wöchentlichen Meldungen zu Arbeitsplatzverlusten begleitete. In den Texten wie »Tue, was richtig ist, nicht was dir Szenenapplaus einbringt!«, »Das Ende der Wahrheit, wie wir sie kannten« und »Der guten Zeiten wegen« halte ich fest, wie die Schließung von Produktionsstätten und Entlassungen von Tausenden von Angestellten die Ära des politisch korrekten Selbstbetrugs begleitet.

Nein, das hier fing nicht mit Fledermaussuppe an, auch nicht mit etwas chaotischen Laboren.

Ganz und vollständig wahr?

Als man den Häuptling fand, war sein Schädel gespalten und sein Speer zerbrochen, zerschlagen von seinem Rivalen, dem sich der Häuptling unvorbereitet und leichtsinnig ausgeliefert hatte. Mit seinem letzten Atemzug flüsterte der Häuptling, dass er über einen Zweig gestolpert war, als ob es das gewesen wäre, was ihn getötet hatte – doch war das wahr? War es ganz und vollständig wahr?

Während ich diese Zeilen schreibe, wird die Meldung verbreitet: »5000 Jobs bedroht – Galeria Karstadt Kaufhof will knapp 80 Häuser schließen« (bild.de, 15.5.2020). Eine Gewerkschafterin wird zitiert, es habe »den Anschein, dass die Unternehmensleitung und der Eigentümer die Corona-Krise missbrauchen, um ihre ursprünglichen Planungen von Standortschließungen und Entlassungen doch noch umzusetzen.« – Die Krise trifft viele Menschen hart. Facebook-Boss Mark Zuckerberg muss damit klarkommen, nur noch halb so reich zu sein wie Amazon-Boss Jeff Bezos (Bezos’ Vermögen liegt aktuell bei 140 Milliarden US-Dollar, so forbes.com, 29.4.2020).

Im Text »Wir sind da nicht zuständig…« schreibe ich: »Die Nähte der auf Kante genähten deutschen Gesellschaft zerreißen. Wir hören hier und da die Fäden reißen.« – Nun, jetzt reißen sie eben.

Nein, es war nicht nur das Stolpern über den dürren Zweig, das den Häuptling tötete – geholfen hat es aber auch nicht.

Irrtum, Fehler und Katastrophen

Was hätte der Häuptling tun sollen? Dem Zweig ausweichen? Nicht drüber stolpern?

Nun, nicht alles, was sich uns in den Weg stellt, ist vorhersehbar, ausweichbar, vermeidbar. Doch wir können uns vorbereiten, wir können einplanen, was sich nicht einplanen lässt, Raum für Irrtum, Fehler und, ja, Katastrophen.

Man diskutiert heute, ob und wie die »neue Normalität« aussehen wird. Manche finden die Frage fürchterlich, akzeptieren keine Normalität außer der alten Normalität als wirklich »normal«. Ach, ist Zeit nicht ohnehin die eine Dimension, in der wir alle nur die eine Richtung kennen, erbarmungslos, letztendlich tödlich und doch beruhigend zuverlässig?

Wir sind weit von Normalität entfernt, und zwar nicht erst seit China uns viral beglückte – wir sind spätestens seit 2015 weit von Normalität entfernt – und solange dieser verfluchte Staatsfunk die Debatte dumm hält und linksgrüner Wahn das Land irre macht, solange reden wir von der Normalität wie Maulwürfe von der Sonne – so hoffnungsvoll, hoffnungslos und ein wenig niedlich.

Übt euch darin, am Irrsinn nicht irre zu werden. Und, vor allem: Hütet euch vor den dürren Zweigen!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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