19.2.2018

Welche Worte wählst du, wenn du das, was du sagst, auch wirklich meinst?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Bild von Ben Neale
„It’s fucked up how people get judged for being real, and how people get loved for being fake.“ – Tupac Shakur
Welche Worte wählst du, wenn du das, was du sagst, auch wirklich meinst?
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Wir beherrschen Sprachen auf zwei Arten: passiv und aktiv. „Passiv“ bedeutet, was wir verstehen können. „Aktiv“ bedeutet, was wir tatsächlich an Sprache produzieren. Man versteht grundsätzlich mehr, als man tatsächlich produziert. (Gut, mir passiert es, wenn ich unachtsam bin, dass ich Sätze produziere, die zwar im Prinzip richtig sind, zumindest nicht falsch, aber dermaßen verschachtelt und verwirrt, dass ich selbst nicht mehr durchsteige, ein Rattenkönig der Wortbezüge quasi, und dann muss Elli den Teilsätzen die Schwänze entknoten – aber normal ist das nicht.)

Mein aktives und mein passives Englisch gingen jahrelang auf eine besondere Weise auseinander. Ich habe als Kind nicht nur deutsche Autoren gelesen, sondern etwa auch Roald Dahl oder Douglas Adams, als Jugendlicher dann Paul Auster, Ernest Hemingway und so weiter. Das formte mein passives Englisch, das war, was ich verstand. Ich habe allerdings auch englischsprachige Rapper gehört. Und ich habe die Rap-Songs auswendig gelernt. Das formte mein aktives Englisch. Rapper’s Delight von Sugarhill Gang kann ich bis heute in weiten Teilen mitrappen: „I said a hip hop the, hippie the hippie, to the hip hip hop and you don’t stop…“ (Genius, Spotify, Amazon) Grandmaster Flash natürlich: „Don’t push me, ’cause I’m close to the edge, I’m trying not to lose my head“ (Spotify, Amazon) Und dann, Jahre später, Nas. Was würde ich darum geben, dass mich heute noch ein Stück Kunst so überrollt wie damals „It Was Written“ von Nas! (Spotify, Amazon) Den Refrain eines Nas-Songs vom Album „I Am…“ (Spotify, Amazon), summe ich bis heute manchmal: „You can hate me now, but I won’t stop now.“ – Es ist ein simpler Song, und doch muss ich zu Protokoll geben, dass der ans Plumpe grenzende Refrain mich ein wenig geprägt hat. „But you know, there’s no turnin‘ back now, this is what makes me, this is what I am!“

https://www.youtube.com/watch?v=dKSJN3WWR3E

Irgendwann, als meine Freunde und Altersgenossen von damals längst alle in Büros saßen, begriff ich, dass „normale“ Menschen diese Lieder nicht wirklich praktisch und ernst nehmen. Man hört es, man singt es, es ist ein kleiner Urlaub im Kopf – und dann lebt man das normale anständige Leben weiter. Aufmüpfigkeit, Einmaligkeit und Sehnsucht nach dem großen Ausbruch an der Garderobe der Möglichkeit aufgegeben, der Gehaltszettel als Garderobenabholschein. Morgens im Stau auf dem Weg zur Arbeit singt man noch die Lieder von der Freiheit mit, wenn sie zwischen Werbung und Durchhalteparolen aus dem Radio ertönen. Mitsingen. Träumen. Stop & Go. – Ich halte nichts von Katharsis. – Ja, es ist fast peinlich, welchen stechenden Schmerz mir vor etwa 3 Jahren das Liedchen „Island Life“ von Michael Franks bereitete (Spotify, Amazon, YouTube). – Für Insider: Ja, ich hatte es auf der Insel im Autoradio gehört.

Und natürlich Tupac Shakur. Ein Dichter. Ein Gangster. Eine Seele. Und was für ein Genie!

Tupac Shakur rang sein zu kurzes Leben lang immer wieder mit dem Gegensatz von „echt sein“ („being real“) und „falsch sein“ („being phony“). Er selbst wollte natürlich echt sein.

So etwa auch in diesem Ausschnitt aus einem Interview, das er 1995 im Gefängnis gab:

https://www.youtube.com/watch?v=ZLnE4xBF7fU

You can fake for a long time, but one day you gonna show yourself to be a phony.
– Tupac Shakur

Shakur nahm die Frage nach dem Echtsein ernst. Er kritisierte eigentlich, natürlich, die Gesellschaft, also uns. Ein Shakur-Zitat, das man im Internet oft findet, bringt seine Kritik an der Gesellschaft und die davon untrennbaren Mechanismen der Medien auf den Punkt:

It’s fucked up how people get judged for being real, and how people get loved for being fake.
– Tupac Shakur

Es liegt Ungerechtigkeit darin, aber auch große Dummheit, wenn die Echten verachtet werden und die Falschen gepriesen.

Beispiel: In einer gerechten Welt würde ein Akif Pirinçci bei Markus Lanz sitzen und so beworben werden. Es sitzt Klaas Heufer-Umlauf dort. Pirinçci ist zweifellos echt. Heufer-Umlauf hat jetzt eine Show bei Pro Sieben. Die Show heißt „Late Night Berlin“ und wird tagsüber in Potsdam aufgenommen. Pirinçci wiederum musste sich via Gericht dagegen wehren, dass das ZDF eine üble Lüge über ihn verbreitet. (2014 hatten sie ihn noch interviewt.) It’s fucked up how people get judged for being real, and how people get loved for being fake.

Ich sehe diese Mitläufer mit ihren frisierten Bartspitzen, ihren einheitlichen Meinungen und fake-outdoorsy Kleidungsstücken, und ich sehe Falschheit. Ich sehe Journalisten, die gestern #refugeeswelcome twitterten und heute irgendwas mit #deniz, und ich glaube ihnen die innere Bewegtheit in keinem der beiden Fälle, denn ich sehe in ihnen Mitläufertum und Falschheit. Ich sehe Fahrradfahrer, wie sie ihren Redaktionssesselhintern in Talkshowsesseln noch breiter sitzen und ich möchte sie treten. (Radler zu sein ist hier natürlich nur Metapher, das Treten auch, keine Angst – der eine mir tatsächlich als Radfahrer bekannte Schreiber ist durchaus korrekt.)

Eine Internet-Weisheit fordert: Hört auf, Dummköpfe berühmt zu machen! („stop making stupid people famous“) – Wir sollten ergänzen: Hört auf, Leute für ihre Falschheit zu preisen!

Man könnte annehmen, Flüche und Derbheit seien ein Zeichen von Echtheit – doch heutige dauerfluchende SPD-Politiker oder Comedians sind geradezu das Abziehbild von Falschheit und innerer Leere. Flüche (allein) sind definitiv keine Garantie für Echtheit. – Was aber dann?

Ein alte Redensart sagt: „Kindermund tut Wahrheit kund!“ – Kinder müssen das Lügen erst erlernen. Erst lernen wir die Lügen darüber, ob wir heimlich Schokolade gegessen haben. Später, beginnend etwa ab der Pubertät, lernen wir Erwachsenen dann, auch uns selbst zu belügen. Wir haben ja auch wenige andere Wahl, wenn der Schmerz ob der Differenz zwischen innerer Anlage und äußerer Notwendigkeit zu groß ist. Bevor es zu Lügen lernt, spricht ein Kind ohne Absicht. Es spricht nicht taktisch, es berechnet nicht die Wirkung seiner Worte. Das kann wehtun. Das kann sich negativ aufs Taschengeld auswirken. Aber, verdammt noch mal, es ist echt. – Können wir noch die Wahrheit sagen, wie damals, als Kinder?

Aktiver und passiver Wortschatz sind nicht genug. Es braucht einen weiteren Wortschatz, eine weitere Sprache: Einen Wortschatz der Echtheit. – Passiver Wortschatz: Welche Worte verstehst du? Aktiver Wortschatz: Welche Worte sagst du? Echter Wortschatz: Welche Worte wählst du, wenn du das, was du sagst, auch wirklich meinst?

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