Irgendeine Organisation entzieht Heinz Rühmann und Leni Riefenstahl irgendwelche »Ehrenmedaillen«. Es ist sehr modern, sehr links, leider auch sehr deutsch. Es ist, wie wenn Zwerge sich groß fühlen wollten, indem sie auf die Gräber von Riesen pinkeln.

Das Wurmgeschütz der »Unsere Demokratie« gibt zu Protokoll:

Die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (Spio) entzieht 14 bekannten Persönlichkeiten aus der Filmbranche rückwirkend ihre Ehrenmedaille.
– (spiegel.de, 20.11.2025)

Dieser erste Satz soll vermutlich so klingen, wie er klänge, wenn da stünde: »Die North Atlantic Treaty Organization (NATO) …«. Oder etwas mit Nobelpreiskomitee. Oder von mir aus USA, WHO oder CIA.

Aber nein, da steht »Spitzenorganisation der Filmwirtschaft«, also eine Organisation, die selbst eine Ehrenmedaille für den denkbar bürokratischsten Namen verdient. Eine weitere Ehrenmedaille für erfolgreiche Anonymität – ich zumindest kannte sie nicht und werde sie aber auch bald wieder vergessen haben. Sehr bald.

Die »14 bekannten Persönlichkeiten« sind nämlich Kulturschaffende aus der »dunklen Zeit«, in welcher die Mitläufer von heute keinesfalls ebenfalls Mitläufer gewesen wären, sondern selbstredend allesamt im Widerstand.

Zu den Namen, die man derart demütigen will, gehören Leni Riefenstahl und Heinz Rühmann.

Man hat wohl eine Studie anfertigen lassen. Ohne jeden Sinn für Ironie erstellte man Listen, in welchen man Künstler kategorisierte. Wer in die Liste »NS-belastet« oder »NS-konform« gerät, dem wird posthum die Ehrenmedaille entzogen.

Ja, es ist ebenso lächerlich wie entlarvend. Es erinnert an das Phänomen des stetig anschwellenden Widerstands:

Je länger das Dritte Reich zurückliegt, umso mehr nimmt der Widerstand gegen Hitler und die Seinen zu.
– Johannes Gross, zitiert nach Henryk Broder

Bezüglich ihres Sach- und sonstigen Verstandes sei hier lediglich angemerkt, dass diese Herrschaften offenbar eine Studie anfertigen lassen mussten, um festzustellen, dass Leni Riefenstahl irgendwie mit Hitler verbunden war.

Aber darum geht es denen natürlich nicht. Es ist politisches Schauspiel im Propagandastaat, täglich Brot »Unserer Demokratie«. Und es geht um noch etwas anderes, so wage ich zu postulieren.

Es gibt nichts Neues unter der Sonne, so wusste schon der Prediger, denn was gewesen ist, dasselbe wird wieder sein, und was geschehen ist, dasselbe wird wieder geschehen.

Im Essay vom 26.11.2023 schrieb ich von »der vergeblichen Hoffnung, der Zwerg, der dem Riesen auf den Fuß pinkelt, sei dadurch irgendwie über diesen hinausgewachsen«. Es ging um Thomas Gottschalk – und irgendwelche längst wieder vergessenen Zwerge, die sich an ihm abarbeiteten.

Wir waren mal das Volk der Dichter und Denker. Dann nannte man uns das Volk der Richter und Henker, und das sind unsere staatsnahen Kulturschaffenden noch immer, wenn auch ihr Gericht und ihre Hinrichtung in diesem Fall zumindest von symbolischer und also hilfloser Natur ist.

Es sind Zwerge, die sich groß fühlen, wenn sie sich auf den Gräbern der Riesen erleichtern. Was diese Zwerge aber nicht wissen, um in der Metapher zu bleiben: Die Riesen schlafen gar nicht wirklich in diesen Gräbern. Diese Riesen leben und marschieren unter und über uns, solange wir ihre Filme sehen, ob mit Gänsehaut, Tränen oder lautem Lachen. Die Gräber sind leer und die Zwerge stehen allein da, den Schniedel in der Hand und die Schuhe in einer warmen Pfütze …

»Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen; die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden«, so sagt Heinz Rühmann am Ende der Feuerzangenbowle (siehe YouTube).

Ich habe da eine Ahnung, von wem noch lange Erinnerungen bleiben werden – und wen wir eigentlich schon jetzt, am Ende dieses Textes, wieder so gut wie vergessen haben.

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Der Essay Heinz Rühmann kümmert’s nicht von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ruehmann/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!