25.07.2021

Ich bin hier um zu helfen

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Ainsley Myles
In Berlin feiert dicht-an-dicht die LGBTQ-Szene – ohne Masken, kein Problem. Im Flutgebiet helfen Querdenker beim Aufräumen (und sagen, dass man im Freien keine Maske braucht) – und DAS ist es, was Journalisten wütend macht. Es ist so absurd.
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»Die braune Flut« und »Braune Helfer«, hetzte es in taz.de, 22.7.2021 und taz.de, 22.7.2021 (geschrieben von einer jener Gestalten, die sich »Experte« nennen – für »Rechtsextremismus«, klar – und davon zu leben scheinen, überall den rechten Feind zu sehen).

Wenig überraschend stimmte das Relotiusmagazin dasselbe Lied an (spiegel.de, 22.7.2021(€): »Wie rechte Aktivisten die Flutkatastrophe ausnutzen«). Der Staatsfunk berichtete am 20.7.2021 bei tagesschau.de: »Obskure ›Helfer‹ in Hochwassergebieten« (um Helfer stellen die Staatsfunker die Anführungszeichen des Ekels, also eigentlich stellten sie das Zeichen für die Maßeinheit Zoll hin, eben was »Journalisten« heute für Anführungszeichen halten).

Am 24.7.2021 schrieb tagesschau.de dann, es seien »THW-Helfer beschimpft und angegriffen« worden, »offenbar« würden »Querdenker« und »Prepper« »Stimmung« machen. Das Wörtlein »offenbar« leistet in jenem Propaganda-Schmierstück wahre Schwerstarbeit, denn im textlichen Niemandsland einige Absätze weiter erfährt man dann nebenbei, die Polizei Koblenz habe auf den Bericht eher verhalten reagiert, und sie könne »die Schilderungen in keiner Weise bestätigen«.

Jedoch, sogar die WeLT unterbricht die Neubauer-PR und berichtet uns von den »falschen« Helfenden. – Ich wünsche es Ihnen, lieber Leser, dass Sie im Leben jemanden finden, der Sie so innig und treu liebt, wie die Poschardt-WeLT eine gewisse Luisa Neubauer liebt. – Der zahlende Leser erfährt unter welt.de, 22.7.2021 die Antwort auf die Frage »Welche Rolle spielen ›Querdenker‹ im Katastrophengebiet?«: »Dass es ihnen allein um Hilfe geht, ist fraglich.«

Markus 16:15

Es liegt eine beißende, bittere Ironie darin: Würde die deutsche Politik irgendein Thema – etwa die Warnung vor Katastrophen – mit auch nur zehn Prozent der Ernsthaftigkeit angehen, mit dem sie den Kampf gegen Abweichler und Andersdenkende betreiben, dann wären womöglich Dutzende Flutopfer weniger gestorben. Statt sich aber ob des eigenen Versagens zu schämen, geht man zum Angriff gegen Andersdenkende über.

(Man könnte sich an den Fall des zuletzt mit Skandalen auffallenden ASB erinnert fühlen (bild.de, 12.2.2020bild.de, 31.7.2019: »10 Millionen Euro Flüchtlingsgelder abgezweigt«), welche 2018 zum Applaus von Linken verkündete, AfD-Abgeordneten nicht dabei helfen zu wollen, Erste Hilfe zu lernen; siehe Essay vom 26.10.2018. Wer würde schon wollen, dass im Notfall ein Andersdenkender ihm das Leben rettet?)

Wenn eine gesamte, liebenswürdige Familie samt Haus buchstäblich vom nassen Abgrund »verschluckt« wird (bild.de, 24.7.2021(€)), stockt einem der Atem und es fühlt sich nach Apokalypse an – und zwar nicht »irgendwo weit weg«!

Zugleich erleben wir, wie es die größte Sorge sogenannter »Journalisten« zu sein scheint, dass »die Falschen« helfen könnten. (Führen die eigentlich auch einen, äh, Kreuzzug gegen christliche Missionare, wenn die eine Krankenstation aufmachen und ja auch nicht »nur« helfen wollen – zumindest nicht, wenn sie Jesu Auftrag folgen; siehe Markus 16:15.)

»Journalisten« halt

Man stelle sich das einmal vor: Da fährst du in ein Katastrophengebiet. Du sagst: »Ich bin hier, um zu helfen« – und man antwortet dir: »Nein, geh fort, denn du bist ›unrein‹!«

Es sind aber meist nicht die tatsächlich Betroffenen, die gegen die »falsche« Hilfe protestieren. Es sind wieder mal die »Journalisten«, weit fort vom Geschehen, fest angeschnallt im durchs Weltall der Ideologien dahindriftenden Raumschiff Berlin, die aus der Ferne die »falsche« Hilfe anprangern.

Ein Herr Restle stellt wütend fest, »Neonazis und ›Querdenker‹« würden sich »als Helfer« »gerieren« und dabei die Arbeit der »wahren« Helfer gefährden (@georgrestle, 20.7.2021).

Derselbe Tweet geht weiter, und erklärt die »alte Strategie« der bösen Leute, und dass er es ohne einen Anflug von Selbstreflektion tut, steht für die Unmöglichkeit von Debatte in Deutschland. Restle schreibt weiter: »Eine alte Strategie von Rechtsextremisten: ›Konsensfähige‹ Themen besetzen, um in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen.« (Auch er nutzt Zollzeichen statt Anführungszeichen. »Journalisten« halt.)

Wenn wir Herrn Restles vermeintliche Entlarvung seiner politischen Gegner in die Sprache der relevanten Strukturen übersetzen, erkennen wir schnell, wo der eigentliche Dissens liegt!

Restle (und seine »journalistischen« Kollegen) werfen den »bösen« Helfern die Strategie vor, deren relevante Strukturen zu stützen. Es ist ein sehr ähnlicher Vorwurf wie jener, der sogenannten Populisten gemacht wird. »Populisten« sprechen über das, was den Menschen wichtig ist. Die »falschen Helfer« helfen den Menschen darin, wo sie wirklich Hilfe brauchen. Ja, und nebenbei erzählen sie auch, was ihnen sonst so durch den Kopf geht.

Que(e)rdenker

Während in den Hochwassergebieten die Menschen versuchten, mit Unterstützung der »bösen« Helfer der Lage Herr zu werden, feierte man in Berlin schon wieder.

In Berlin wurde diese Woche auch der Christopher-Street-Day begangen. Dicht an dicht feierte die LGBTQ-und-Sympathisanten-Community, meist ohne Masken (siehe @queerspiegel, 24.7.2021) – sollten wir von »Queerdenkern« reden? – doch schon von Anfang an (siehe etwa Essay vom 2.8.2020) war COVID ein magisches Virus, das um linke Demonstrationen zuverlässig einen weiten Bogen machte.

Man darf sich die ganze Absurdität der deutschen Debattenlage einmal bildsprachlich auf der Zunge zergehen lassen: Während in Berlin die »Queerdenker« meist ohne Maske, schwitzend, tanzend und dicht gedrängt die sexuelle Freiheit feiern, sind Berliner Journalisten wütend darauf, dass in den fernen Hochwasserregionen einige der Helfer nicht nur Schutt wegräumen, sondern auch als »Querdenker« nebenbei der Meinung sind, dass Masken für Gesunde an der frischen Luft nicht zwingend notwendig sind.

Sehr vieles sehr richtig

Ich fühle Schrecken und zugleich Verwunderung. Einen Schrecken, ob der Dinge, die passieren. Verwunderung ob des unironischen Widerspruchs, in den sich jene begeben, welche uns die große Moral lehren wollen. Sollen wir uns wirklich die Welt erklären lassen von Leuten, die offenbar seit Jahrzehnten nicht mehr in eigenen Seelenangelegenheiten einen prüfenden Blick in den Ankleidespiegel geworfen haben?

Ach, es gilt ja nicht nur für die Helfer in den Flutgebieten. Es gilt für uns, für den Menschen an sich: Wir sind hier, um zu helfen.

Ja, ich bin hier, um zu helfen. Ich will den Menschen da helfen, wo die Menschen tatsächlich Hilfe brauchen, und auf die Weise, die ich beherrsche.

Wenn diese Gestalten in Berlin einen dafür angreifen (»Populisten« etc. nennen), dass man den Menschen dort hilft, wo sie Hilfe benötigen, dann ist das doch eine Auszeichnung!

Wenn sie uns dereinst vorwerfen, selbst gedacht, selbst Verantwortung übernommen und dazu noch den Menschen geholfen zu haben, wo sie Hilfe brauchten, dann haben wir doch sehr vieles sehr richtig gemacht.

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