02.11.2021

Nimm dir Zeit, Gregor

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten
Du wachst auf, und du fühlst dich wie ein Käfer, und du fragst dich, wer dir eigentlich für deine tägliche Arbeit dankbar ist. Die Welt würde sich ja auch ohne dich arrangieren. Gehst du dennoch zur Arbeit? Und warum?!
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Vielleicht kennen Sie die Geschichte Die Verwandlung von Franz Kafka. Es ist jene Geschichte mit dem Käfer. Die Erzählung hat einen der berühmtesten Anfänge eines Textes überhaupt.

Ich darf zitieren:

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen. (Franz Kafka, Die Verwandlung (1912), via projekt-gutenberg.org)

Schockierend! Ein Albtraum nach dem Wachwerden, im Wachwerden!

Aus Träumen zu erwachen, das steht bildlich fürs Erkennen der Welt und seiner eigenen Rolle darin, wie die Welt und die eigene Rolle wirklich sind!

Es ist so gut geschrieben, der Leser kann gar nicht anders, als sich zu fragen: Bin ich Gregor Samsa? Bin ich in Wahrheit nur ein Käfer? Ist das Nichtkäfersein nur ein Nochnichtsichalskäfererkannthaben, also eine Lüge in eigener Sache, und damit die böseste der Lügen?

Wir sind erschüttert – und blättern indessen weiter. Noch sind wir keine Käfer, und unser Leben muss weitergehen. Kafka ist tot. Wir leben noch. Wir kämpfen uns bestmöglich durch die kafkaesken Konstellationen, die wir »die Realität« zu nennen uns angewöhnten.

So schockierend das Schicksal des Käfers namens Gregor sein mag, mich selbst hat das Ende dieser Geschichte auf andere Weise noch tiefer traumatisiert.

Im dritten Teil jener Erzählung – Vorsicht: Ich verrate hier einfach mal den Schluss! – wird Gregor Samsa zunehmend vernachlässigt, nur noch als störend empfunden, was man ihn unmissverständlich spüren lässt.

Der hässliche, staubige, verwundete, nutzlose Käfer stirbt schließlich – und die Familie atmet auf.

Im letzten Absatz jener Erzählung unternimmt Gregor Samsas Familie eine Erholungsreise. Es ist ein Aufbruch, ein Neuanfang.

Die Familie stellt fest, dass die (auch einst von Gregor geliebte) Tochter der Familie zur jungen Frau wurde, und sie ist es nun, auf welche die Eltern ihre Hoffnung legen.

Die Erzählung schließt so:

Während sie sich so unterhielten, fiel es Herrn und Frau Samsa im Anblick ihrer immer lebhafter werdenden Tochter fast gleichzeitig ein, wie sie in der letzten Zeit trotz aller Plage, die ihre Wangen bleich gemacht hatte, zu einem schönen und üppigen Mädchen aufgeblüht war. Stiller werdend und fast unbewußt durch Blicke sich verständigend, dachten sie daran, daß es nun Zeit sein werde, auch einen braven Mann für sie zu suchen. Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte. (Franz Kafka, Die Verwandlung (1912), via projekt-gutenberg.org)

Man beachte den Kontrast zur Schilderung des abscheulichen Äußeren des Käfers in den ersten Sätzen!

Die Grausamkeit

Weder Sie noch ich erwarten, in nächster Zeit als Käfer wach zu werden. Sicher, man wacht schon mal mit steifen Gliedern auf, das geht mit dem Alter einher, aber zum biologischen Käfer verwandelt werden wir uns wohl nicht vorfinden.

Wie gesagt: nicht zum biologischen Käfer.

Ob wir uns jedoch metaphorisch als Käfer fühlen, das ist eine andere Frage – und die lässt sich nicht ganz so schnell und nicht ganz so selbstsicher verneinen.

Vergessen wir nicht: Der Sohn Gregor Samsa arbeitete als Handelsreisender, und er arbeitete bis zur Erschöpfung. Er brachte das Geld ein, von welchem die Familie lebte. Es wurde ihm wenig Dankbarkeit zuteil – ja, die Familie empfand es sogar wie eine Befreiung, als sie plötzlich arbeiten und sich ihr Geld selbst verdienen mussten, da der Brotverdiener Gregor zum unnützen Käfer geworden war.

Der Philosoph Kevin Hart verdient sein Geld als sehr gut bezahlter Comedian, und als solcher stellt er fest:

Nur Frauen, Kinder und Hunde werden bedingungslos geliebt. Ein Mann wird nur unter der Bedingung geliebt, dass er liefern kann. (Kevin Hart, via YouTube)

In anderen, von Kafka inspirierten Worten: Wenn er nicht mehr liefert, kann der Mann genauso gut auch ein Käfer sein.

Was ist also die Lehre? Die zwei Fragen der Philosophie – und des Lebens – sind bekanntlich »was ist der Fall?«, und: »was sollen wir tun?«

Wenn ein Mann nun also feststellte, dass das hier Beschriebene der Fall ist, was soll er tun?

Charakter einer Schätzung

Du bist Gregor, lieber Leser, und diesem Gregor wäre schlecht geraten, seinen Aufgaben aus Trotz und enttäuschter Liebe nicht mehr nachzukommen, einfach so nicht mehr nachzukommen, solange du Kraft und Antrieb zu eben diesen verspürst.

Oder, ein anderes Tier: Einem Pferd wird man ja auch nicht raten, nicht mehr zu laufen und also seine starken Muskeln verkümmern zu lassen, allein weil seine Kraft und sein Wille gewissenkalt ausgenutzt wurden. Das Pferd will laufen. Das Laufen und seine Muskelarbeit sind dem Pferd ein Selbstzweck im schönsten Sinne, und hier dazu im wörtlichen Sinne: Der Selbstzweck als Zweck des Selbst.

Wirst du gegen deine Natur verstoßen, weil die Leute so abgestumpft sind, deine Pferdhaftigkeit undankbar auszunutzen? Was soll er tun, der verstanden und auch eingesehen hat, dass der Fall ist, was der Fall ist?

Ach, ich hoffe nicht mehr auf ewige Antworten. Ich will eine Antwort, die für den Moment trägt.

Zu wissen, dass man nichts weiß, es ist der Beginn der Weisheit. Wer sich aber nicht auf seinem Nichtwissen bequem ausruhen will, der könnte den Wissenserwerb ja zumindest mit einer Schätzung beginnen. Ich weiß nichts, weil niemand irgendwas wirklich sicher weiß – aber ich gebe eine vorläufige Schätzung ab!

Meine Antwort auf Samsas Frage, soll hier lauten, und sie soll den Charakter einer Schätzung haben: Nimm dir Zeit, Gregor!

Sein Imperium mit ihm

Bedenken wir die reichsten Männer der Welt, einen Bezos, einen Musk, einen Gates – oder einen jener Reichen, deren Namen nicht ganz so geläufig sind, vielleicht weil sie die wahren Namen sind, und die also nicht genannt werden können. Wenn einer von diesen plötzlich verschwände – und sein Imperium mit ihm! – die Welt würde sich dennoch weiterdrehen, die Gesellschaft würde sich mit dem Verlust schneller arrangieren, als es diesen Leuten vielleicht lieb ist.

Wenn aber selbst der Verlust der Großen und Reichen für die Welt möglich wäre (der Verlust der Komödie des Aristoteles ist bis heute schmerzhafter), warum sollten wir »Käfer« uns unter Druck setzen lassen?

Ich sage: Nimm dir Zeit, Gregor!

Wenn du es schon tun musst, was du tust, nicht weil sie es dir sagen, sondern weil es deine Natur ist, dann tu es richtig, sorgfältig, aus und mit Liebe.

Beginne damit, dass du sicherstellst, das Richtige zu tun. Und dann lass dir Zeit, und tue das Richtige richtig. – Vielleicht ist es das, worauf es ankommt: Das Richtige richtig tun.

Samsas Tragödie ist nicht, dass er am Körper zum Käfer wurde, sondern dass er schon lange zuvor am Leben sich zum Käfer gemacht hatte. Die körperliche Käferwerdung war nur der letzte Vollzug.

Du kannst nicht alles steuern, und zum Lernen des Lebens gehört die Einsicht, wie wenig du überhaupt steuern kannst, wie begrenzt die Möglichkeiten eines Käfers wirklich sind.

Mein Rat, und natürlich gebe ich diesen Rat zuerst mir, mein Rat soll also sein: Nimm dir Zeit, Gregor! Nimm dir die notwendige Zeit, das Richtige richtig zu tun.

Weiterschreiben, Wegner!

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