29.1.2020

Totalitarismus 3.0

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Bild von Olesya Yemets
Linker Journalist verpfeift einen Zeichner, weil dieser mit der Opposition sympathisiert. Die logische Konsequenz wären Berufsverbote, wie früher. Fühlt er sich so an, der dritte deutsche Anlauf zum Totalitarismus?
Totalitarismus 3.0
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Stellen wir uns einmal vor, ein Zeichner bekäme einen Auftrag von der Stadt, die Cartoon-Figur für eine Info-Kampagne zu zeichnen. Zunächst sind alle glücklich und zufrieden mit dem gezeichneten Produkt, jahrelang, bis dann Schillers Regel greift, hier paraphrasiert, wonach der Frömmste nicht in Frieden zeichnen kann, wenn es dem denunzierenden Linken nicht gefällt. – Ein sogenannter »Journalist« betätigt sich in unserem rein fiktiven Beispiel als Gesinnungsspitzel. Er stellt fest, so unser ausgedachtes Beispiel, dass der Zeichner mit einer archaischen Religion sympathisiert, deren Anhänger nicht immer klarstellen, ob sie akzeptieren, dass die Gesetze der Demokratie über denen ihres Glaubens stehen, oder der »Journalist« könnte feststellen, dass der Zeichner aus Israel stammt, was natürlich Hassvorlage wäre für den in linken Kreisen grassierenden, als »Israelkritik« dünn verkleideten Antisemitismus. Ja, stellen wir uns vor, der Zeichner würde öffentlich gebrandmarkt werden, weil er einer bestimmten Religion oder Ethnie angehört, und in der journalistischen »Recherche« würde mitschwingen, man möge sich doch bitte seiner Dienste entledigen – es wäre aus gutem Grund ein Skandal!

Wir ahnen: Es ist kein Skandal, wenn man statt der Religion in obiges Beispiel die größte und lauteste Oppositionspartei einsetzt. Denunziation und Quasi-Verfolgung sind kein Skandal, wenn es gegen Mitglieder und Unterstützer der Opposition geht – und nein, mit Opposition meinen wir hier weder die quasi-mitregierenden Grünen noch die umbenannte SED.

»Eine freundliche Zeichentrick-Figur«

In der Süddeutschen Zeitung, einem links-dogmatischen Konkurrenzblatt der TAZ, lesen wir aktuell den Text eines gewissen Bernd Kastner, mit diesem Intro:

Eine freundliche Zeichentrick-Figur ist auf Bildschirmen in U- und Trambahnen zu sehen. Gezeichnet wurde das Wahrzeichen der Stadt von einem Mann, der mit der AfD und Björn Höcke sympathisiert.
(
sueddeutsche.de, 28.1.2020)

Der Sachteil des Artikels ist schnell zusammengefasst: Der Zeichner einer Werbefigur der Münchner Verkehrsgesellschaft ist AfD-Mitglied und hat auch für die AfD, konkret: Herrn Höcke, einen Comic gezeichnet. – Könnte das schon Anlass genug für die SZ sein, zur Gesinnungspitzelei und Denunziation anzusetzen? Nun…

Interessanterweise stellt der Artikel selbst implizit fest (ohne es zu merken?), dass er für sich genommen wenig Nachrichtenwert hat: »Die SZ verzichtet auf eine Namensnennung, da der Zeichner als Person nicht in der Öffentlichkeit steht.« – Der Mann tritt nicht in der Öffentlichkeit auf, ist also zuerst Dienstleister, wird aber von der SZ zum Gegenstand von Gesinnungsspitzelei gemacht? Warum?

Zu Beginn wird ausführlich die Arbeit des Zeichners, das im Auftrag der Münchner Verkehrsgesellschaft gezeichnete »Münchner Kindl«, ausführlich positiv beschrieben: »Das Münchner Kindl ist ein Held. Es rettet in einem fort andere Menschen, die in Not oder in Gefahr sind. (…) Wie Superman ist das Münchner Kindl zur Stelle, freundlich und hilfsbereit.« (Das Lob ist sehr vergiftet, wie der Leser bald begreift.)

Es ist nicht die Qualität der Arbeit, die den SZ-Journalisten stört, was also dann? Wir erfahren: »Dieser Zeichner, der einen Namen hat in der deutschen Comic-Szene, hat nicht nur große Auftraggeber wie BMW, ADAC oder Lidl, er hat auch für Björn Höcke gearbeitet.«

Ich weiß nicht, wie der linke Journalist an die Idee für diesen Text kam, der wie eine als Recherche verkleidete Gesinnungsschnüffelei wirkt. War es ein Denunziant mit linkem Parteibuch und kurzem Draht in die SZ-Redaktion? War es ein missgünstiger Konkurrent, der selbst gern den Auftrag hätte, und es mit Denunziation probiert? War es doch »Kollege Zufall«? Wir wissen es nicht, doch es fällt schwer, einen Anlass für die »Recherche« auszudenken, der nicht ein fieses Geschmäckle hätte.

Bei heutiger Debatten-Lage könnten linke Gesinnungsschnüffler aus fast jedem der Auftraggeber einen fake-moralischen Strick für den Zeichner drehen. Er hat für BMW und ADAC gezeichnet? CO2!! How dare you!! Lidl?! Billige Nahrungsmittel, steinigt ihn!! – Aber nein, natürlich sucht man sich seine »falsche« politische Sympathie aus – und das ist der Punkt, wo der Aktivismus des SZ-Journalisten in seiner Selbstgerechtigkeit ganz eigene Stufen der Absurdität erreicht.

In diesem dreiseitigen Comic mit dem Titel „Zeit für die Wende 2.0“ beklagen eine Frau und ein Mann den Zustand der Bundesrepublik, die sie auf eine Stufe mit der DDR stellen. Man sei „wieder auf dem besten Weg in eine Gesinnungsdiktatur“, heißt es etwa.
(
sueddeutsche.de, 28.1.2020; entgegen den Standards netzüblicher Höflichkeit – wer hätte es von Linksjournalisten anders erwartet? – scheint die SZ den Link zum beschriebenen Comic »vergessen« zu haben; hier ist er.)

Der darauf folgende Absatz beschimpft Björn Höcke mit den üblichen Phrasen, wie sie in linken Redaktionen wahrscheinlich via Text-Makro und Tastatur-Kürzel schnell eingefügt werden.

Auf beinahe amüsante Weise absurd wird es, wenn der SZ-Mann feststellt: »Höcke selbst fällt seit Jahren mit dezidierten Äußerungen auf, die keinen Zweifel an seiner Gesinnung lassen.« – Der Zeichner wird kritisiert, weil er an einem Comic arbeitete, in dem vor dem Abgleiten in die »Gesinnungsdiktatur« gewarnt wird, und im nächsten Absatz geht man direkt dazu über, wörtlich die »Gesinnung« des Auftraggebers zu bemäkeln, welche dann via »Kontaktschuld« auf den Zeichner übergehen soll. Man möchte ausrufen: »Merken die noch was?!«

Die mögliche Absicht des SZ-Autoren scheint recht deutlich zu sein:

Die MVG ist ein Tochterunternehmen der Stadtwerke, die wiederum im Besitz der Stadt München sind. Für dieses Unternehmen zeichnet jemand das Münchner Kindl, das Symbol der Stadt schlechthin, der Björn Höcke unterstützt. Wie passt das zusammen?
(
sueddeutsche.de, 28.1.2020)

Man wird davon ausgehen dürfen, dass die Münchner Verkehrsgesellschaft mitliest. Die Frage »Wie passt das zusammen?« wird wohl als Antwort erwarten: »Es passt nicht zusammen!« – woraus die Konsequenz wäre: »Kündigt ihn, gebt ihm nie wieder einen Job!«

Es ist 2020 und in Deutschland werden implizit Berufsverbote für Mitglieder der größten Oppositionspartei gefordert. Was wir heute in Deutschland erleben, erinnert nicht wenige Bürger an einen dritten deutschen Anlauf zum Totalitarismus. Dass die Arbeit des Cartoonisten zu Beginn des Texte explizit und ausführlich gelobt wird, ist keineswegs Freundlichkeit, es ist zynischste Kälte und Machtdemonstration, denn unausgesprochen schwingt mit: »Egal wie gut deine Arbeit ist, wenn du die falsche Gesinnung hast, machen wir dich fertig.« (Und auch die Erwähnung etwa von BMW oder Lidl lässt vermuten, dass es dem SZ-Journalisten nicht unlieb wäre, wenn auch diese dem Zeichner keine Aufträge mehr geben würden.)

Im Kontext gewisser religiöser Kreise (etwa des alt-ägyptischen Aten-Kultes, wenn ich mich recht entsinne) kennen wir den Scherz-Spruch: »Nenn’ meine Religion nicht brutal, sonst bring ich dich um!« – Ähnlich könnten Linke heute formulieren: »Wer von Gesinnungsdiktatur redet, zeigt dass er eine Gesinnung hat, wegen derer er gesellschaftlich vernichtet werden sollte«, oder: »Wer von Gleichschaltung redet, der sollte mundtot gemacht und von allen Einkommensquellen abgeschnitten werden, denn es gibt keine Gleichschaltung.« (siehe auch: »Wie nennt man es, wenn sie alle gleich schalten?«)

Die ganze Absurdität

Ich mache mir wenig Illusionen: Es steht zu befürchten, dass der Mann diese Aufträge verlieren wird, weil Linke es so wollen.

Man könnte die These aufstellen: Linke können keine Demokratie. Das linke Weltbild ist auf Lügen gebaut. Das linke Weltbild ist darauf angewiesen, jeden Abweichler mundtot zu machen, wenn und weil er die Risse im linken Lügenfundament aufzeigt. (Das hängt übrigens mit dem Grund zusammen, warum der Kapitalismus immer und immer wieder gewinnt: Der Kapitalismus baut auf reale menschliche Schwächen wie Gier und Angst, aber auch – und das ist wichtig! – auf reale Stärken, etwa die Sehnsucht nach Sicherheit, nach Spaß, Glück und Selbstverwirklichung.)

Was für »Argumente« haben Linke denn? Auf Büchermessen werden abweichende Meinungen in einsame Gassen verbannt. Parteitage der Opposition und Lesungen nicht-linker Autoren werden durch Androhung von Gewalt der »roten SA« unmöglich gemacht – und diese Schlägertrupps wiederum scheinen erschreckend offenen Rückhalt von Teilen des Staatsfunks und des Bundestags zu genießen. Wen man nicht widerlegen kann, den will man mundtot machen, oder wie es in linker Sektensprache heißt: Man will Andersdenkenden »keine Plattform bieten«.

Der SZ-Journalist scheint sehr offen darin zu sein, was er wirklich erreichen will:

Will man weiter einen Mann das Münchner Kindl zeichnen lassen, der mit den Ansichten eines Björn Höcke sympathisiert? Umgekehrt: Soll und darf man ihm künftige Aufträge verwehren, obwohl die AfD nicht verboten, im Bundestag und allen Landtagen vertreten ist? (sueddeutsche.de, 28.1.2020)

Der SZ-Journalist nimmt hier in Frage-Form die Argumente vorweg, die gegen die implizit im Raum stehende Forderung stehen, einen Zeichner wirtschaftlich zu vernichten, weil er sich nicht auf Linie bringen lässt, und damit räumt er die Argument gefühlt ab (aber aber nur gefühlt). Wir müssen wenig spekulieren, welche Antwort die »vierte Gewalt« erwartet, man wird nicht einfach so »künftige Aufträge verwehren« formuliert haben. (Und wer denkt, dies sei ja »nur« eine rhetorische Frage, keine Forderung, der sei zurückgefragt: Würden Sie es »nur eine Frage« nennen, wenn »gefragt« würde, ob man ihn töten soll? Nein, Sie wären empört. – Hier wird quasi vorformuliert, welche Art von Gehorsam die SZ von der Münchner Verkehrsgesellschaft erwartet.)

Ich habe zu viele Gespräche mit tiefen-überzeugten Linken erlebt, um darauf bauen zu können, dass sich die Harten unter ihnen mit Argumenten oder einem Appell ans Gewissen überzeugen ließen. Ich sehe wenig Anlass dafür, davon auszugehen, dass allzu viele Haltungsjournalisten merken, wie absurd und widersprüchlich ihr Tun ist.

Worte und Wahrheiten

Ich will mein Leben leben, meine »Kreise« und »relevanten Strukturen« ordnen, nach meinem Gusto, meinem Gewissen und meinem besten Vermögen, zusammen mit Menschen, welche mit mir grundlegende Werte teilen aber ansonsten ihr eigenes Ding machen, von Demokraten nach demokratischen Regeln regiert. Linke wollen Macht, und alles andere, von Demokratie und Rechtsstaat über Menschenrechte und Schlagworte wie »Gerechtigkeit« bis hin zu uns, den Menschen selbst, ist Linken nur Mittel zum Zweck. Wer den Machtanspruch der Linken stört, muss in deren Augen mindestens gesellschaftlich vernichtet werden – und wenn sie in der Geschichte die Macht und Mittel bekamen, schreckten sie nicht immer zurück, ihre politischen Gegner auch zu foltern und zu oft letzten Endes zu töten.

Was unterscheidet denn die Motivation hinter einem Berufsverbot, der sozialen und ökonomischen Vernichtung und einem politischen Mord? Beides, die Forderung nach wirtschaftlicher Vernichtung und der politische Mord, haben zwei Ziele: Dem politischen Gegner die Mittel zu nehmen, dem totalitären Machtanspruch zu widersprechen, und allen anderen Bürgern handfeste Angst davor einzujagen, selbst laut zu werden und den totalitären Machtanspruch zu hinterfragen.

»Töte einen, um tausend zu warnen«, sagt eine alte chinesische Weisheit. Mancher linke 1968-er trug bei sich das »Kleine Rote Buch« (siehe Wikipedia) des Linken Mao Zedong (mind. ca. 45 Millionen Tote), und Mao benutzte gerne eine Variante jenes Sprichworts, nämlich: »Töte das Huhn und erschrecke den Affen!« (杀鸡吓猴)

Es gibt keine Brücke, so fürchte ich heute, zwischen Links und Nicht-Links, denn wie sollte sie aussehen? Ich will in Frieden und selbstbestimmt leben, die wollen, dass ich mich denen unterwerfe, und zwar total.

Die totalitäre Linke will »das Huhn«, den Abweichler und Andersdenkenden, wirtschaftlich vernichten, um uns »Affen« einzuschüchtern und zum Gehorsam zu bewegen – den Gefallen will ich diesen Gestalten nicht tun!

Ich will und werde mich wehren, täglich und beständig, indem ich denen mit all meiner Kraft und Fähigkeit widerspreche. Deren Weltbild ist auf Lügen gebaut, und wenig fürchten diese selbsternannten Guten so sehr, wie dass man offen ihren Lügen widerspricht.

Es fühlt sich an, als ob Deutschland in diesen Jahren einen dritten Anlauf zum Totalitarismus nimmt. Auch diesmal wähnen sich die Denunzianten und Feinde der Freiheit in der Überzeugung, die »Guten« zu sein. Auch diesmal wird die Geschichte sie widerlegen.

Lasst uns der Geschichte zuvorkommen und die linken Lügen schon jetzt widerlegen, in Worten und Argumenten – es ist unsere beste Chance, zu verhindern, dass es noch schlimmer wird.

Wenn Deutschland die Totalitären weiter gewähren lässt, wird die Geschichte sie auch diesmal widerlegen und schuldig sprechen. Lasst uns die Totalitären schon jetzt mit Worten und Wahrheit widerlegen, bevor die Geschichte es wieder in Taten und Toten tut.

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