16.7.2020

Übergewicht und Übermoral

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Foto von Christopher Williams
Übergewicht und Übermoral sind ähnliche Fehlleistungen. Wer sein Übergewicht nicht in den Begriff bekommt, stirbt daran – dasselbe gilt für Gesellschaften, die wie wir an Übermoral zu sterben drohen.
burger beside fried potatoes with drinking glass
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Wie entsteht Übergewicht? Warum sind manche von uns ein klein wenig weicher um die Hüften, als sie es gern hätten?

Die erste Antwort ist einfach zu geben: Wir werden dick, wenn und weil wir mehr Kalorien zu uns nehmen, als wir für die Tätigkeit des Tages bräuchten. Dick zu werden ist ein simples Summenspiel.

Dick zu sein ist ungesund, verkürzt die Lebensdauer und ist eine mögliche Ursache einer Reihe von Krankheiten von Herzproblemen bis hin zu Krebs (zweithäufigste Ursache laut cancerresearchuk.org).

Wir wissen, wie und warum wir dick werden – weil und wenn wir mehr Kalorien essen als unser Körper benötigt.

Es schließt sich jedoch eine zweite Frage an, und diese zweite Frage ist vielleicht für Leute, die abnehmen wollen, weit hilfreicher als nur die nach den physischen Ursachen – es ist die Frage nach den psychischen Ursachen!

Warum essen wir zu viel? Wir alle kennen die Begriffe »Frustessen« oder »Nervennahrung«. Etwa im Essay vom 20.1.2019 erwähnte ich unsere so menschliche wie tierische Lust an Salz, Zucker und Fett.

Die meisten der Neigungen und Eigenschaften, die uns Lust empfinden lassen oder die wir als tief eingegrabene Pflicht empfinden, waren einst aus evolutionärer Sicht vorteilhaft, um die eigene DNA am Leben zu erhalten.

Je notwendiger eine Tätigkeit für die Erhaltung unserer Art einst war, umso mehr Lust bereitet sie uns (oder: umso mehr Leid bereitet uns ihre Abwesenheit). Die (für die meisten Menschen) lustvollste Tätigkeit ist natürlich der Sex – eine Art oder Gruppe, die schaffenden Sex doof findet, wird langfristig aussterben.

Ähnlich nun wie mit dem Sex verhält es sich mit weiteren menschlichen Bedürfnissen. Wir empfinden gewisse Lust beim Essen von Süßem, Salzigem und Fettigem, weil diese Nahrungsarten zugleich eigentlich für uns wichtig sind, weil sie früher nicht einfach zu beschaffen waren, und, extra wichtig, weil sie früher meist mit Vitaminen und anderen wichtigen Nahrungsbestandteilen einhergingen (ein süßer Apfel brachte neben der Süße viele weitere wichtige Nahrungsbestandteile mit).

In diesen Tagen und Jahren spüren wir jedoch, dass neben Sex und Süßigkeiten ein weiterer Lustlieferant unser Leben bestimmt, und das ist die Moral.

Manche von uns sind zu dick, weil sie mehr aßen, als ihnen guttat. Es soll Leute geben, die könnte man »übersext« nennen (wie geht es eigentlich Charlie Sheen?), weil sie mehr und wilderen Sex hatten (und ihn haben konnten!), als ihnen gut tat. Und dann gibt es Leute, die sind übermoralisiert, deren Lust an Verboten und Geboten ist größer, als denen und uns allen gut tut.

Wettbewerb des Benachteiligtseins

Wer nichts wird (und wenig kann), der wird hauptberuflicher »Benachteiligter« und »Moralist«. Zu den merkwürdigsten Auswüchsen des großen Wettbewerbs ums schlimmer Betroffen- und Benachteiligtsein gehört die neue Begriffskonstruktion »Mikroaggression«.

Wenn die Frustrationstoleranz Ihres Verstandes es hergibt, können Sie einen mit gebrochen-larmoyanter Stimme gehaltenen Mikroaggression-Vortrag (englisch) bei YouTube anschauen. Sie können auch den deutschen Eintrag der traditionell linken Wikipedia lesen (»Darunter werden kurze, alltägliche Äußerungen verstanden, die an die andere Person abwertende Botschaften senden, welche sich auf deren Gruppenzugehörigkeit beziehen«). Der Begriff »Mikroaggression« ist ein theoretisch-magisches Konstrukt, dass es (semi-) professionell »Benachteiligten« ermöglicht, jede Interaktion zur »Aggression« umzudeuten und sich so die eigene Machtposition im Wettbewerb-des-Benachteiligtseins zu erhöhen/sichern.

Wie ein Krebs

Das Konstrukt »Mikroaggression« ist nur ein Auswuchs linker Übermoral. So wie Zellwachstum eigentlich eine gute, lebensnotwendige Sache ist, ungebremst jedoch zum zerstörerischen Krebs wird, so wirkt auch ungebremste Moral zuletzt wie ein Krebs, der westliche Staaten und Gesellschaften von innen her auffrisst.

Die Mutationen ungebremster und also zerstörerischer linker Moral sind zahlreich. Aktuell erleben wir etwa die linke Zerstörung von Statuen, welche für uns und unsere Geschichte stehen (siehe auch »Der Mob köpft Statuen – er meint uns«), während die bloße Verhüllung der Büste des Rassisten und Antisemiten Karl Marx, auf dessen Philosophie immerhin 100 Millionen Tote, bittere Armut und unermessliches Leid zurückgehen, in Berlin stante pede den polizeilichen Staatsschutz aktiviert (welt.de, 15.7.2020).

Die eigene Geschichte in Form der eigenen Statuen zu zerstören, mit der vorgeschobenen »Begründung«, dass einen dieses oder jenes moralische Detail an der Vita jener Helden stören – wohlgemerkt in der Vita von Menschen, die zum Teil Staaten begründet, Verfassungen geschrieben und ihr Leben für die Freiheit gegeben haben.

Neue Heldenhaftigkeit

Wie ein Krebs zerstört Übermoral den Körper seines Wirtes. Im Namen von Moral und Toleranz hofiert die Deutsche Regierung türkische Rechtsextremisten und Islamisten (welt.de, 15.7.2020). Bei der New York Times, dem globalen Leitblatt der Übermoral und des Trumphasses, werden in diesen Tagen politisch allzu divers Schreibende »gegangen«. Aktuell gab etwa die Kolumnistin Bari Weiss auf (foxnews.com, 15.7.2020). Weiss berichtet von der »Heldenhaftigkeit« (»bravery«), die es brauchte, als Nicht-Ultralinke für die New York Times zu arbeiten. Weiss, eine Jüdin die unter anderem an der Hebrew University in Jerusalem studiert hatte, berichtete davon, als »Nazi« beschimpft worden zu sein, wenn und weil sie auch nur ein Dagesch weit von der fanatisch linken Anti-Trump-Linie des Blattes abwich. Auf ihrem Blog veröffentlichte Weiss ihr Kündigungsschreiben (bariweiss.com) – es ist eine Abrechnung mit der zynischen Intoleranz jener, die sich »tolerant« nennen.

Weiss kündigte von selbst, linke Bullys ekelten sie aus dem Hochtempel der Intoleranz heraus. Zuvor war der Meinungs-Redakteur James Bennet »gegangen worden« (foxnews.com, 8.6.2020). Die als »Cancel Culture« bekannte Dauer-Inquisition linker Übermoralisten fordert zunehmend absurdere Opfer. Anfang Juli 2020 legte der Kommunikationschef von Boeing sein Amt nieder – weil er vor 33 Jahren, als 29-Jähriger, sich in einem Meinungsstück gegen Frauen in Militärkampfeinsätzen aussprach (reuters.com, 2.7.2020).

Nicht als Verbrechen

Während linke Moralisten sich selbst das moralische Recht verleihen, Andersdenkende zu ruinieren, Existenzen zu zerstören, die Demokratie zu beschädigen und Familien inklusive kleiner Kinder in Angst zu versetzen, verzeihen sie ihren Gegnern nicht einmal nach drei Jahrzehnten eine Meinung, die gegen die heutigen Dogmen verstößt.

Das Denken linker Moralisten ist das Denken totalitärer Terror-Regimes. Man sucht unablässig nach möglichen Gedankenverbrechen, und wenn man eines zu entdecken meint (oder eines als Fake News anheften kann), ist die Strafe immer maximal und erbarmungslos (soziale und ökonomische Vernichtung, teils inklusive Nötigung der Kinder), und das nicht-linke »Gedankenverbrechen« verjährt auch Jahrzehnte später nicht (während linke Verbrechen selbst zur Tatzeit kraft ihrer angeblichen »antifaschistischen« Gesinnung nicht als Verbrechen oder auch nur moralisch falsch angesehen werden).

Prinzipiell glücklich

Die Evolution hat keine Ziele, keine Absicht und gewiss keine Moral. Ähnlich wie das Schachspiel aus seinen Regeln besteht, so besteht das Wesen der Evolution, mindestens philosophisch betrachtet, aus ihren eigenen Regeln – welche natürlich die Regeln der Natur sind.

Unsere Körper wie auch unsere Seelen haben sich durch den Selektionsprozess der Evolution auf die Vermehrung unserer Gene als Stämme in der Savanne hin entwickelt – nicht für das Leben in einer Welt mit endlosen Zucker- und Fettvorräten, interaktivem Internet und sozialen Verhältnissen, die nah genug an »Gerechtigkeit« sind, dass (fast) jeder, der fleißig und ausreichend gesund ist, prinzipiell ein lebenswertes, glückliches Leben führen kann.

Unsere ungebändigte Lust auf Süßes und unsere Lust auf Moral entwickelten sich beide in einer Zeit, in der beides begrenzt war.

Alte Lust, neue Zeit

Unsere Lust auf Süßes ist (beinahe) unendlich, da es für die Evolution schlicht nicht notwendig war, uns ein Limit einzubauen – es obliegt uns selbst, mittels Erziehung und Bildung unseren Lüsten »künstlich« Grenzen einzuziehen.

Unsere Lust auf moralische Erregung entstammt ebenso einer Zeit, als die praktischen Möglichkeiten sehr, sehr beschränkt waren – und die Notwendigkeiten groß.

Schon vor zehntausend Jahren wurde es moralisch durchgesetzt, dass man dem Häuptling zu gehorchen und nicht voneinander zu stehlen hatte (sonst geriet der Stamm ins Chaos und starb aus), doch wer eine Debatte über Mikroaggressionen und die korrekten Pronomen für die Stammesmitglieder angefangen hätte, während die Hungersnot drohte und der Nachbarstamm angriff, der hätte mit der Keule eine schnelle, korrigierende Makroaggression abbekommen.

Gelegentlich buchstäblich

Es ist kein Zufall, dass es dieselben Kreise sind, die einerseits das Dicksein als gesellschaftlich akzeptabel durchsetzen wollen (mit evolutions-logisch unsinnigen und dazu gesundheitlich gefährlichen Slogans wie »Fat is Beautiful«), die aber auch andererseits ihre Umwelt mit moralischem Extremismus terrorisieren – gelegentlich buchstäblich.

Deutschland leidet an Moral-Verfettung – es ist dringend an der Zeit für eine Moral-Diät – wir merken doch selbst, dass wir außer Atem sind!

Unsere Lust auf Süßes und unsere Lust auf Moral sind evolutionär bedingt unendlich – doch wenn wir sie nicht im sinnvollen Maß halten, zerstört das eine als Krankheit und Krebs den Körper, und das andere unsere Seelen und unsere Gesellschaft.

Wirt vor seiner Zeit

Übergewicht und Übermoral können beide, wenn man ihnen nicht Einhalt gebietet, den Wirt vor seiner Zeit töten.

Außer vielleicht durch versehentliches Draufsetzen auf einen anderen Menschen, gefährdet Übergewicht »nur« den Übergewichtigen. Übermoral dagegen gefährdet ganze Gesellschaften. Im übermoralischen Wahn zerstreiten wir uns, wir geben unsere innere Sicherheit dran, öffnen die Grenzen, sprengen unsere Sozialsysteme, schalten gute Kraftwerke ab, vernachlässigen Bildung und Zukunftstechnologien, erfinden dafür Phantasie-Wissenschaften und wickeln die Aufklärung wieder ab.

Beiden Problemen, allzu großem Übergewicht wie allzu großer Übermoral, müssen wir beizeiten entgegentreten – und wenn wir es nicht tun, »erledigen sie sich von selbst«, und das ist regelmäßig grausam.

Sie wird vorübergehen

Die Frage ist nicht, ob diese Phase von Übermoral vorbeigehen wird – sie wird vorübergehen. Die Frage ist, wie wir danach dastehen werden – tot durch Moral oder wieder vernünftig und »moral-schlank«?

Die Übermoral wird vorübergehen, so oder so. Wer sich Übergewicht angefressen hat, der sollte sich irgendwann aufraffen, sein Gewicht in den Griff zu bekommen, keine Kohlenhydrate nach vier Uhr und Sport statt TV.

Wir haben uns, als Nation, ganz schön viel Übermoral angefressen. Wir brauchen dringend eine Schlankheitskur – von der Moral nur noch halbe Portionen, keine Empörung nach vier Uhr und Bücherlesen statt TV. (Es scheint, dass TV zu glotzen universell schlecht ist.)

Es ist nicht gut, wie es heute ist. Es könnte irgendwann weniger nicht-gut sein, vielleicht. Auf keinen Fall aber sollte es wieder »zu gut« werden!

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