17.07.2021

Von jetzt auf gleich

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Joshua Reddekopp
Hochwasser. Menschen sitzen auf Urlaubskoffern vor den nassen Ruinen ihrer Häuser, warten auf Evakuierung. Anderen wurde das Haus ganz weggespült. Es ist so zerbrechlich, all das, woraus wir unsere Sicherheit schöpfen.
Es verbietet sich nicht
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»Ein Tigerhai (mittlerweile der zweite, da der erste auseinandergefallen war), in einer aquariumartigen Vitrine, konserviert in fünfprozentiger Formaldehydlösung. Das Maul des Tieres ist aufgerissen. Wer es wagt, sich von Angesicht zu Angesicht vor den Hai zu stellen, blickt erst auf dessen Zähne, und dann tief in den Rachen des Tieres hinein…« – so dramatisch eröffnete ich den Essay vom 5. Oktober 2020.

Ich beschrieb das bekannteste Kunstwerk des Briten Damien Hirst. Der Titel ist ein essentieller Teil. Es heißt:»The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living«, zu Deutsch: »Die physische Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden«.

Jener Essay verhandelt die Frage, wie man damit umgehen soll, wenn man selbst eine Katastrophe kommen sieht, aber der Mitmensch nicht. Der Titel ist »Lots Dilemma«. Er bezieht sich auf Lot, der aus Sodom fliehen sollte, da dies vernichtet würde, und auf Lots Frau, die sich das nicht vorstellen konnte, die sich wehmütig umdrehte – und zur Salzsäule wurde.

Es entspricht der Dynamik solcher Essays, dass der Autor und damit seine Leser sich in Lot hineindenken, den Guten, der das Richtige tut – so wie sich der Konsument von Zombiefilmen mit den lebenden Helden identifiziert, während die Tatsache, dass er pizzavertilgend Zombiefilme guckt, es statistisch plausibler macht, dass er im Falle der Zombieapokalypse einer der Untoten wäre.

Ich fühle mich heute aber nicht heldenhaft. Ich ahne, dass ich heute Lots Frau sein könnte. In meinem Kopf sind der Tod und andere maximale Katastrophen schlicht unvorstellbar. Wo wir aber von Apokalypse und unvorstellbaren Katastrophen reden… wären wir bei den Nachrichten des Tages.

Bunte Urlaubskoffer

Manche Meldung klingt heute wie die Stichworte der biblischen Plagen: Eine weltweite Seuche (mit Fragezeichen – sei’s drum). Regen und Fluten, die Häuser und Straßen samt Autos und Menschen forttragen. Auf anderen Kontinenten wird geraubt, gebrandschatzt und geplündert (siehe Essay »Sahne und Plünderungen« vom 13.7.2021). Es brodelt, und die Mächtigen scheinen die Feuer zu schüren. Was steht bevor? Die nächste Plage, aber mit Heuschrecken? (Ja, in Afrika rechnen sie genau damit; siehe news24.com, 6.7.2021.)

Über dem Artikel bei welt.de, 16.7.2021(€)(Titel: »Ich dachte, heute Nacht sterben wir«) sehen wir das Foto eines unterspülten, zum Teil weggebrochenen Familienhauses in Insul, Rheinland Pfalz.

Elli berichtete mir gestern von den Menschen in Erftstadt, die vor ihren Häusern auf Evakuierung warteten. Neben sich bunte Urlaubskoffer, auf den Gesichtern schiere Verzweiflung. Einige sitzen erschöpft auf ihren Koffern. Das Gegenteil von Urlaubern. Der Unterschied zu Touristen, für welche diese fröhlichen Koffer doch gemacht sind, dieser Kontrast tut weh. Die wissen nicht, sagte Elli, wohin ihre Reise geht. Jedenfalls nicht mehr in ihr Wohnzimmer oder ihre Küche.

Ich sehe die Sorge der Menschen in diesem Moment: Wer von meinen Freunden hat überlebt? Was zahlt die Versicherung? (Die Erinnerungen können sie mir ja nicht neu kaufen.) Werde ich neu anfangen können? (Ich bin ja nicht so jung wie damals, als ich mich hier einrichtete.)

Und wenn ich das Bild jenes unterspülten Hauses in Rheinland-Pfalz betrachte, sehe ich eine weitere Dimension. Es ist kein Luxushaus, aber auch gewiss kein armes Haus. Weiße, verputzte Wände. Relativ kleine Fenster, weil es wohl ein renoviertes und ausgebautes Haus ist. Ein rotes Tondach und ein besonderes rundes Dach überm nun eingestürzten Holzbalkon.

Jenes Haus wurde, das sieht man ihm an, nicht »nur« mit Geld, sondern mit Liebe eingerichtet. Nicht die Liebe zum Ding, zu Ziegelsteinen und Putz, sondern die Liebe zu den Momenten, welche die Familie in diesen Mauern verbringen soll. Ich nehme an, dass es einen Garten hatte – auf dem Bild sehen wir nur Wasser, Schlamm und Geröll.

In diesen Mauern steckten Pläne und Hoffnungen, feine Absichten – und vermeintliche Sicherheit. Ich nehme an, dass einen Tag zuvor jemand die Wäsche gewaschen und den Boden gefegt hat. Ich nehme an, dass die Menschen ihre Pläne hatten, für weitere Umbauten etwa. Vermutlich war das Haus ein Teil ihrer Altersvorsorge (hoffen wir, dass es versichert war und die Versicherung zahlt).

All diese Mühe und Pläne, jahre- und jahrzehntelang Arbeit, all das menschliche Bemühen – fort, von eben auf gleich.

Wir sehen ihn vor uns

Es wird in Deutschland diskutiert, wie es überhaupt zu der Katastrophe kommen konnte. Warum starben so viele Menschen, in einem modernen Land wie Deutschland, das doch einige Erfahrung mit Hochwasser hat. Laut focus.de, 17.7.2021 sagen Experten, das Desaster sei vorhersehbar gewesen, es läge schlicht ein »monumentales Systemversagen« vor. – Es ist richtig und wichtig, dass Experten kritische Fragen stellen. Nur so lässt sich lernen.

Die Menschen in den Häusern aber, die ihre Hoffnung auf Zukunft und ihr Gefühl von Sicherheit in eben diese Häuser investiert hatten, denen war die Katastrophe nicht vorhersehbar. Wem ist es denn allzeit präsent, egal wo er wohnt, dass es jederzeit alles von jetzt auf gleich vorüber sein kann?

Kein »normaler« Mensch grübelt unentwegt darüber, dass es alles von jetzt auf gleich vorbei sein kann, dass man mit gepackten Urlaubskoffern vor den Ruinen seines Hauses auf den Bus zur Evakuierung wartet. Wer aber das Leben kennt, der bedenkt von Zeit zu Zeit die Möglichkeit, dass man plötzlich nicht mehr derjenige sein könnte, der einem die Pläne zeichnet.

Damien Hirsts gruseliger Haifisch ist ein Symbolbild, ist nicht das, was der Titel des Werks eben diesem zuschreibt. Der Haifisch ist nicht »unvorstellbar« – wir sehen ihn vor uns (so wir das Museum besuchen oder zumindest die Bilder begutachten, etwa bei Wikipedia). Das Schlimme wird vom Unvorstellbaren zur Realität. Hirsts Haifisch und die Flut überspringen die Phase der Angst: Man hat es nicht erwartet, man hat es sich nicht einmal vorstellen können – und plötzlich ist es Realität, mit der man, so man sie überlebt, sich arrangieren muss.

Und dann freue dich

Es wäre nicht ratsam, in einem fort daran zu denken, dass es alles von heute auf morgen ins Rutschen geraten und in den Abgrund stürzen kann. Von Zeit zu Zeit aber könnte es therapeutisch wirksam sein, sich ein paar Als-ob-Fragen zu stellen.

Wie zufrieden wäre ich mit meinem Leben gewesen, wenn alles, wirklich alles über Nacht fortgespült würde, und mir kaum ein Koffer voller Kleidung übrig bliebe?

Als meine Eltern und Großeltern damals die ČSSR verließen (Leser der Relevanten Strukturen wissen es), ließen sie zwei Häuser zurück – der Verkaufserlös war nach Währungstausch nicht viel mehr wert als die Flugtickets. Wir ließen alles zurück – allerdings freiwillig – weil wir die Freiheit und Möglichkeiten für wertvoller schätzen als die Mauern des eigenen Hauses. Das Leben ist uns nur einmal gegeben, und es ist mehr Wert als Mauern. Diese Denkweise hat mich geprägt (weshalb ich das schreibe, was ich schreiben will – und mich nicht auf der anderen Seite des Grabens für ganz anderes Geld prostituiere).

Wäre ich mit meinem eigenen Leben zufrieden, wenn alles plötzlich fortgespült und vernichtet würde?

Wir wissen, dass über 100 Menschen in den aktuellen Hochwassern gestorben sind. Jeder von ihnen hatte Pläne. Niemand von ihnen hat sich vorstellen können, dass es so plötzlich zu Ende sein würde. Es ist die Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden.

Die Opfer wie auch die Helfer vor Ort haben wohl Dringenderes zu tun, als Essays zu lesen. Wir beruhigen uns selbst, wenn wir ihnen Kraft wünschen, wenn wir bestmöglich im Geiste bei ihnen sind.

Ich hoffe, dass die Angehörigen der Toten eines Tages wieder ihren Frieden finden werden. Ich hoffe, dass jeder Einzelne der Menschen in den Katastrophengebieten die notwendige Hilfe bekommt. Und ich hoffe, dass die Menschen, die ihr Zuhause verloren, denen alle Pläne zunichte gemacht wurden, ihr Leben neu in den Griff bekommen und ordnen können.

Dem Rest von uns aber, die wir zuschauen und mitbangen, uns wünsche ich die innere Kraft und, ja, die Größe, unser Leben so zu leben, dass es auch dann groß und seiner Tage wert war, wenn morgen alles, was wir haben und sind, fortgeschwemmt würde.

Wir wollen mit mehr Liebesmüh an dem arbeiten, was von uns bleiben soll, wenn morgen eine Flut alles in den Abgrund reißt, alle Konten löscht und sogar unsere eigene Lebensuhr rapide nach vorn stellt. Wenn diese wichtige Arbeit geleistet ist, wollen wir uns dankbar an jedem einzelnen schönen Moment freuen.

Ordne deine Kreise – und, solange dir Freude geschenkt ist, freue dich an ihrer Ordnung!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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