13.10.2017

Was bedeutet „Zeichen setzen“ wirklich?

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten,
„Zeichen setzen“ ist wie eine goldene Uhr zu tragen, die man sich nicht leisten kann, nur um „reich“ zu tun.
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Es gibt Menschen, die tragen teure, goldene Uhren, obwohl sie sich diese gar nicht leisten können. Warum tun sie das? Sie wollen „reich aussehen“. Wenn man schon nicht das Glück oder die Disziplin hat, sich so eine Uhr locker leisten zu können, dann will man wenigstens so tun, als ob. Man ist nicht „reich“, will aber, dass die Welt denkt man sei es.

Ähnlich verhält es sich mit dem „Zeichen setzen“, von dem man immer wieder aus den Kreisen der Empörten und Gutmenschen hört.

Wer Zeichen setzt, der will sich für einen Augenblick wie ein anständiger Mensch fühlen – oder wie das, was er für einen anständigen Menschen hält.

Leute, die „Zeichen setzen“, sind oft moralische Hochstapler. In Wahrheit ist der Zeichensetzer vielleicht ein ganz übler Hund. Vielleicht ist er einfach nur faul. Und, öfter als vermutet, ist er heimlich schlau und weiß genau, dass die durchs Zeichen ausgedrückte „Haltung“ (auch so ein modernes Wort) sinnleer ist. Er „setzt Zeichen“, weil Zeichen zu setzen ganz eigene Vorteile birgt.

Schon in der Bibel wird vor Menschen gewarnt, die „Zeichen setzen“.

„Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen!“
– Mt 23:5a

Lasst uns ehrlich sein, so wie Jesus ehrlich war! Nicht alles, was Jesus sagt, scheint mir vollständig durchdacht (andere Wange hinhalten? ist einfacher, wenn man eine Auferstehen-nach-3-Tagen-Bonuskarte hat…) – aber über Heuchler (heute würde Jesus wohl das moderne Wort „Gutmenschen“ verwenden), über Heuchler hat Jesus sich sehr nachdrücklich und konsequent aufgeregt.

Seine Anleitung, wie man kein „Zeichensetzer“ ist:

Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut. Dein Almosen soll verborgen bleiben und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.
– Mt 6:3

Daraus lassen sich zwei Lektionen ableiten:

  1. Handle tatsächlich! (Almosen zu geben ist die Prämisse.)
  2. Handle still, ohne viel Aufhebens.

An anderer Stelle (Mt 6) sagt Jesus, man solle sein Licht nicht „unter den Scheffel stellen“. Die übliche Deutung: Man soll seinen Glauben öffentlich leben. Das ist etwas ganz anderes! – Zeichen setzen verhält sich zur gelebten Moral wie Pornographie zur vollzogenen Liebe.

Über wenig hat Jesus so intensiv geschimpft wie über Leute, die ihre Moral zu Markte tragen, sprich, „Zeichen setzen“.

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Angst vor Antifa am Fachbesuchertag? Oder wird Polizei fürs „Zeichensetzen“ missbraucht? – Quelle: twitter.com/boev

Ich meine: Sei gut oder sei böse. Verantworte dich vor deinem Gewissen. Wenn du gläubig bist, fühle dich wahlweise vom Teufel oder vom Heiligen Geist lobend auf die Schulter geklopft. Aber um Himmels Willen entblöße dich nicht, deine angebliche Moral als Monstranz vor dir her zu tragen.

Ein besonders peinlicher Fall von Zeichensetzen ereignete sich diese Woche auf der Frankfurter Buchmesse. Vertreter des mächtigen Börsenvereins des Deutschen Buchhandels veranstalteten am Fachbesuchertag (also ohne echte Öffentlichkeit, rein für wahrscheinlich befreundete Journalisten) das, was sie für eine „Demonstration“ hielten.

Ungelenk trugen sie designte und offensichtlich von Profis hergestellte Schilder vor sich her. Darauf stand „Gegen Rassismus“. Es waren alles – zumindest dem Eindruck nach – alles wohlhabende, ältere Weiße, aber okay, auch die dürfen das. Es stand auch auf ihren vorgefertigten Schildern: „Freiheit und Vielfalt“. Sie demonstrierten gegen einen Verlag mit unangepassten Meinungen, also buchstäblich gegen Freiheit und Vielfalt.

Was bedeutet „Zeichen setzen“ wirklich?
Manchmal genügt 1 Wort, um alles Wichtige zu sagen.
(Link zum Original-Tweet)

Der Irrsinn: Der Börsenverein „demonstriert“ am Fachbesuchertag gegen einen einzelnen privaten Verlag – gleichzeitig blieben die Stände diverser konservativst-religiöser Verlage unbehelligt. Von der Unterstützung durch die umstrittene Amadeu-Antonio-Stiftung fange ich erst gar nicht an, zumindest nicht hier.

Das war Zeichensetzen in comicartiger Reinform. Wenn man sich die Details zur Durchführung durchliest, muss man erst mal durchschnaufen, um nicht durchzudrehen.

Twitterer Christian Leuenberg brachte es perfekt mit 1 Wort auf den Punkt: „Schildbürger“.

Doch, ich will durchaus nicht im Abseits stehen. Auch ich habe in den letzten Tagen „Zeichen gesetzt“. Vor allem Kommata, Punkte – und immer mehr Frage-zeichen.

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