1,2 Millionen junger Leute in DE zwischen 15 und 24 Jahren haben sich aus dem produktiven Teil des Lebens ausgeklinkt – die Zahl der Rentner hat sich aber verdoppelt und steigt. Rechnen wir mal aus, was das für die Zukunft bedeutet …

Merkt euch diese Zahl: 1,2 Millionen Menschen in Deutschland. Menschen zwischen 15 und 29 Jahren. Einige »Mihigrus« wie ich, die meisten Deutschen seit Generationen. Einige aus prekären Verhältnissen, einige nicht.

Diese 1,2 Millionen zählen laut aktueller Berichterstattung (focus.de, 1.8.2024) zu einer Gruppe, die in der Fachliteratur als »NEET« geführt wird: »Not in Education, Employment or Training« – »Nicht in Ausbildung, Anstellung oder Fortbildung«.

Ich nenne diese Menschen einen neuen »Untergrund«. Und dieser Untergrund sagt: »Ich will nicht! Ich will nicht, und ich werde nicht.«

Die konkrete Zahl, die für diesen neuen »geistigen Untergrund« angegeben wird, schwankt je nach Studie und Abgrenzungskriterien. Manche sprechen von »nur« 600.000, andere sogar von zwei Millionen. Die Zahl »1,2 Millionen« aber stammt aus einer neuen Studie der Europäischen Kommission, ist damit also quasi »offiziell«.

Ich habe mal nach einer Kontext-Zahl geschaut – und war schockiert!

Stark geändert

Hier der Kontext: Laut offizieller Statistik (destatis.de, 7.6.2023) leben in Deutschland nur noch 8,3 Millionen Menschen in der Kohorte »15 bis 24 Jahre«.

Ich sage »nur noch«, weil sogar die offizielle deutsche Website des Statistischen Bundesamtes im Titel ganz dramatisch klingt: »Zahl und Anteil junger Menschen zwischen 15 und 24 Jahren auf neuem Tiefststand«. Und: »Ende 2021 war jeder zehnte Mensch in Deutschland im Alter von 15 bis 24 Jahren, vor 40 Jahren war es noch jeder sechste«.

Eine andere Seite auf destatis.de warnt derzeit: »Demografischer Wandel: Anteil der Bevölkerung ab 65 Jahren von 1950 bis 2021 von 10 % auf 22 % gestiegen« und: »Die Altersstruktur der Bevölkerung hierzulande hat sich in den vergangenen sieben Jahrzehnten stark geändert.«

Nebenbei: Wenn man Menschen auf Zahlen reduziert und diese Zahlen auch noch sehr selektiv betrachtet, und wenn man ohnehin »mit Deutschland nichts anfangen« kann, wie Politiker es zuweilen tun, dann ergibt es durchaus Sinn, die Grenzen offen zu halten und junge Männer ins Land zu bitten. Immer wieder finden sich beim Statistischen Bundesamt des deutschen Propagandastaates Hinweise wie: »Nettozuwanderung bremst Alterung«.

Lebensplanung im Leerlauf

Zurück zu den 15- bis 24-Jährigen! Freunde, die ihr wie ich deutlich älter seid: Ja, unser Alter hat gewisse Vorteile. Manche von uns haben über die Jahre und Jahrzehnte etwas Weisheit erworben oder präziser: Weisheit eingeübt. Man hat gelernt, was man mag und was nicht. Und so weiter.

Doch vertun wir uns nicht: Die Zeit zwischen 15 und 24 Jahren ist im Allgemeinen die Zeit, in der ein Mensch sein Leben formt.

Viel früher, schon vom ersten Atemzug an, vielleicht schon vom Mutterbauch an, wird unsere Persönlichkeit geformt – was wir sind.

Doch im Alter zwischen 15 bis 24 Jahren formt der Mensch die andere Interpretation dessen, was er ist, nämlich: was er aus sich gemacht hat.

Und nun hören wir, dass über eine Million – also locker ein Zehntel! – der verbleibenden jungen Menschen in Deutschland in diesem so wichtigen Alter nichts tut.

Wozu denn?!

Eine neue Untergrundbewegung wächst in Deutschland heran, eine Jugendbewegung. Es ist ein Untergrund in aller Öffentlichkeit, und die erste Regel der Mitglieder lautet, dass man nichts will, also auch nichts wird. Man will und wird auch nicht darüber reden – das sollen die Soziologen – und dann auch Essayisten – tun.

Wir könnten an dieser Stelle spekulieren, warum die Menschen keinen Beruf erlernen, warum sie nicht arbeiten. Soweit ich aber Spekulationen von sogenannten Fachleuten mitkriege, stochern diese in demselben Nebel wie du und ich. Das »Bürgergeld« genügt ja zum Leben. Auch mit noch so harter Arbeit würde man sich absehbar keinen Wohlstand erarbeiten können, geschweige denn ein schmuckes Haus im Grünen oder eine lebenswerte Wohnung in der Stadt. Die Elterngeneration lebt lautstark vor, warum eine Familiengründung keine erstrebenswerte Idee ist. Wokeness und Propaganda zerstören alle Werte und Strukturen, für die zu leben und zu streiten es sich lohnen würde, auch über kurzzeitige Euphorien und Moden hinaus.

Gelernte Verachtung

Für einige der Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommen weitere Demotivatoren dazu. Daheim lernen sie womöglich Verachtung für die Kultur der Gesellschaft, in der sie eine praktische Heimat gefunden haben – und von ebendieser Gesellschaft erleben sie deren Selbstverachtung.

Im Kontext von Gündoğan und Özil fragte ich 2018: »Wie soll man sich integrieren in ein Land, das nicht Heimat sein darf?«

Zur deutschen Kultur gehörte einst, dass man eine Ausbildung absolviert und dann jahrzehntelang fünfmal die Woche morgens früh aufsteht und malochen geht. Wäret ihr denn an deren Stelle motiviert, euch in diese Kultur zu integrieren? Selbst dann, wenn es nicht attraktive und realistische Möglichkeiten für »alternative« Einkommen gäbe?

Tausend Häppchen, keine Perspektive

Und zu alldem: Digitale Medien zerstören die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten der neuen Generation. Um zum Leben motiviert zu sein, braucht es die Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken. Wir sehen hier eine ganze Generation, die nur noch in TikTok-Videos und Instagram-Reels denkt. Deren Aufmerksamkeit zerhackt wird in 15-Sekunden-Splitter.

Letztens sprach ich davon, wie viele Jugendliche heute erschreckend unglücklich sind. Selbst wenn es für junge Menschen heute eine zuverlässige, realistische Perspektive auf Glück gäbe, wenn sie nicht zum Unglücklichsein gehirngewaschen wären, wären immer mehr von denen inzwischen gar nicht mehr in der Lage, die für ihr Glück notwendigen langen Perspektiven und großen Zusammenhänge im Geist zu erfassen.

Aus ähnlichen Gründen

Lasst es uns ehrlich aussprechen: Wir haben keine einfachen Lösungen für das, was Kinder erst emotional und dann praktisch »aussteigen« lässt. Und wenn wir schon die harten Realitäten formulieren: Ein Land, in dem die Alten älter und zahlreicher werden, während die Jungen weniger werden und schlicht aus der aktiven Teilhabe an Bildung und besteuerbarer Wertschöpfung aussteigen, hat eine »spannende« Zukunft.

Und lasst uns nicht so tun, als würden wir es nicht auch ein wenig verstehen. Wer dachte nicht schon einmal daran, alles dranzugeben?

Jeder Tag und jede Meldung sollen uns dazu dienen, uns selbst zu erkennen. Γνῶθι σαυτόν – erkenne dich selbst!

Aus ganz ähnlichen Gründen, warum wir manchmal überlegen, einfach auszusteigen, steigen diese Leute gar nicht erst ein.

Mit geradem Rücken wissen, warum

Die 1,2 Millionen Früh-Aussteiger im Untergrund sind auf ihre Weise Philosophen, die sagen: »Aufklärung ist der Aufgang des Menschen aus selbstgewählter Betriebsamkeit. Sei aufgeklärt, mach den Rücken gerade, erkläre mit Stolz: Ich will nicht und ich werde nicht.«

Und wir Alten ergänzen, im Geist zu diesen 1,2 Millionen sprechend, aber natürlich zu uns selbst: Und wenn ein Mensch doch »etwas wollen will«, wenn er doch dies oder jenes tun wird, dann sollte er angeben können, warum er es tut – welche relevanten Strukturen es wert sind, dafür morgens aufzustehen.

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Der Essay 1,2 Millionen Jugendliche im Untergrund von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/der-neue-untergrund/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!