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Mein eigenes Hinausgehen aus der schulverschuldeten Unmündigkeit führte (zu spät, aber immer noch besser als viel später) zu der Erkenntnis: »Die Aufklärung war ein Fehler«.
Meine Argumentation ist im Kern praktisch: »Ja, es klingt gut, ›Mut‹ zu haben, ›sich seines Verstandes‹ zu bedienen, statt auf Tradition zu hören. Darin liegt aber ein praktischer Fehler: Wenn der Mensch ein Trottel ist, dann ist sein Verstand ein mieser Ratgeber.«
Ich habe mal gelesen, dass niemand leichter zu betrügen ist als der, der meint, dass er selbst der Gewiefte ist und gerade dich betrügt. (Die TV-Serie Better Call Saul präsentiert gar köstliche Szenen dazu: mit einer Münze, für teuren Tequila oder natürlich mit einer »Rolex«.)
Ähnlich verhält es sich mit der sogenannten Aufklärung: Während die Aufklärung im Biologieunterricht tatsächlich zu einer gewissen Kompetenz und Selbstbestimmtheit in den besprochenen Angelegenheiten beiträgt, ist das »Hinausgehen« des Menschen aus der »Unmündigkeit« ein massenpsychologischer Taschenspielertrick.
Nicht mehr, als diesem zusteht
Tradition und Gemeinsinn stärken dem Volk (und damit jedem Einzelnen darin) den Rücken, sich Aug in Aug seinen Mächtigen gegenüberzustellen. Wer nichts fürchtet außer Gott und sich mit sogar mit diesem regelmäßig bespricht, der fürchtet eben nicht den Fürsten (zumindest nicht mehr, als dem Fürsten an Furcht zusteht).
Die Aufklärung riss die Macht des Volkes ein, und dann plünderte sie die Trümmer zur Verstärkung der Burgmauern der etablierten Macht.
»Sei du selbst«, so rufen die Schlangenölverkäufer, und: »Sei ein Individuum!«
Was sie aber meinen, worauf sie wirklich referieren, ist: »Sei schwach, sei allein.«
»Sprenge die Fesseln der Tradition, fliehe aus dem Gefängnis des Kollektivs«, so rufen sie, und: »Gehe hinaus aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit!«
Es bedeutet: »Ignoriere die Weisheit, welche die Generationen vor dir ansammelten, stell dich dumm und taub gegenüber deinen Vätern. Springe hinunter von den Schultern der Riesen und werde wieder zum Säugling, zum Zwerg, der sich vom Tier nur durch mühsam gelernte Rechtschreibung und die alljährliche Steuererklärung unterscheidet.«
Sonst Schubert, Strawinsky oder Saint-Saëns
Die vorerst letzte, moderne Konsequenz der Aufklärung ist ein Phänomen, das man vor einigen Jahren die Generation Mitmachpreis nannte, dann Generation Z.
Anfang des Jahres – es sitzt mir als Schrecken noch immer in den Knochen –, besuchte ich (versehentlich?) ein »Konzert« zweier »Musiker«, die ich der Generation Mitmachpreis zuordne.
Im örtlichen Kammermusiksaal, in dem sonst Schubert, Strawinsky oder Saint-Saëns zu hören sind, aufs Virtuoseste von bestausgebildeten Musikern interpretiert, präsentierten sich zwei junge Herren, die offenbar kein Instrument beherrschten, was sie allerdings keineswegs daran hinderte, sich für neue Schönbergs zu halten.
Der eine junge Herr spielte durchgehend einen einzigen Akkord, manchmal fächerte er diesen in Einzeltöne auf, während er recht zufällig an den Reglern seines elektrischen Pianos drehte. Der andere raunte ins Mikrofon. Basierend auf einigen Jahren eigenen Klavierunterrichts kann ich sagen, dass der Herr am elektrischen Piano einen solchen eben nicht genossen hatte. Ähnlich mit meiner Zeit im Chor und im Gesangsunterricht – und den Gesangsversuchen des anderen jungen Herrn. Ross in Friends ist ein Meistermusiker dagegen.
Die beiden versahen ihr kindisches Geklimper und Geraune natürlich mit viel Hall und anderen elektronischen Effekten. »Viel hilft viel«, so dachten sie vermutlich. Hätten sie aber, während sie den Instrument- und Gesangsunterricht verpassten, zumindest den Mathematikunterricht besucht, dann hätten sie gewusst, dass man null noch so oft vervielfachen kann – das Ergebnis bleibt null.
Mit zehntausend Euro multipliziert
Meine Wut auf die beiden Herren, so ehrlich muss ich sein, gründete womöglich nicht nur in der Tatsache, dass sie uns mit kindischem Krach quälten und – vom Fremdschäm-Faktor abgesehen – die erhoffte Abendunterhaltung vermiesten. Die technische Ausstattung dieser Herren war bemerkens- und beneidenswert. Der klimpernde Herr klimperte auf einem Nord Wave 2 Piano, welches zu den feinsten Geräten seiner Gattung gehört (aktuell 2.485 € bei Thomann). Der ins Mikrofon raunende Herr steuerte die Hall-Effekte auf einem Apple MacBook Pro im geschätzten Gegenwert eines gebrauchten Kleinwagens. Doch null mit zehntausend Euro multipliziert bleibt null.
Ich weiß nicht, wie diese beiden Herren in diesem konkreten Fall zu der Ehre gelangt waren, uns an jenem Abend quälen zu dürfen. Vermutlich kannten sie jemanden, der jemanden kannte …
Die spannendere Frage ist: Woher nahmen die beiden das Selbstbewusstsein, ihren kindischen Mist vor einem zahlenden Publikum aufzuführen?
Für ihre Anwesenheit einen Preis
Zu Beginn der Veranstaltung war eine dreistellige Zahl von Personen anwesend. Jeder von uns hatte einen Euro-Betrag bezahlt, den zu vervielfachen eben nicht wieder null ergeben würde. Doch noch ärger: Wir alle hatten uns diesen Abend freigenommen, um Kultur zu genießen – was halt sonst im Kammermusiksaal gespielt wird.
Woher nahmen diese Herren das Selbstbewusstsein, einen Abend lang die Lebenszeit so vieler Menschen zu verschwenden?
»Nichts ist nur deshalb wahr, weil du es gesagt hast«, so schrieb ich 2018. Es ist mein Fanal gegen eine narzisstische Theorie der Wahrheit.
Woher nahmen die beiden Herren die Gewissheit, befähigt zu sein, einen Konzertabend zu bestreiten? Weil sie es fühlten! Es ist »wahr«, dass diese Herren hörenswerte Musiker sind, weil sie fühlen, dass sie es sind. (Und es wurde möglich, weil sie vermutlich außerordentlich günstige Beziehungen hatten).
Ich dachte mir noch an jenem Abend: Das ist ein Konzert der Generation Mitmachpreis. Ein Konzert junger Erwachsener, denen man als Kindern schon allein für ihre Anwesenheit einen Preis verliehen hat. Denen zum Wohlstand ohne Anstrengung auch die Ehre ohne Anstrengung geschenkt wurde.
Wenig fulminante Kulmination
Diese beiden Herren erschienen mir als Vertreter einer intellektuell verwahrlosten Generation, die gelehrt wurde, dass Anstrengung und Wettbewerb »voll nazi« seien, und dass man sich nur als Musiker fühlen muss, um einer zu sein.
Ja, ich deute jenes unwichtige »Konzert« als paradigmatisch-vorläufigen Endpunkt und als wenig fulminante Kulmination einer kulturellen Totalverödung, welche eben mit der sogenannten Aufklärung einsetzte.
»Befreie dich aus den Fesseln musikalischen Handwerks«, so riefen die Herren vermutlich einander zu, »ignoriere die Tradition, lass dich nicht von den Harmonien und Kompositionslehren ins Gefängnis sperren! Sei echt und sei ganz du selbst. Glaub nur an dich, dann ist es Kunst!«
Als die beiden »Musiker« eine, wie sie bestimmt meinten, wohlverdiente Getränkepause einlegten – aber noch weit vor der offiziellen Pause –, flohen wir aus dem Saal, zusammen mit Dutzenden anderer Besucher.
Es sei noch nicht zu Ende
Das Personal an der Tür war recht unglücklich über den Pulk von Besuchern, die nach draußen drängten, um der drohenden Fortsetzung zu entgehen.
Man erklärte uns, es sei noch nicht zu Ende, und wir antworteten, dass es genau das sei, was wir fürchteten.
Wenn wir früher jemanden einen Trottel nennen wollten, scherzten wir: »Du bist wohl zu oft vom Wickeltisch gefallen!« – Heute sollten wir sagen: »Dir hat man wohl zu oft gesagt, du solltest einfach nur du selbst sein.«
Die Aufklärung soll das Hinausgehen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit sein? Ich sage euch, ich sehe im Ergebnis solcher »Aufklärung« heute bald täglich die selbst- und schulverschuldete Unfähigkeit. Die Umsetzung dieser selbstbewussten Unfähigkeit ist es aber, aus der ich hinausgehen will.
Nicht immer ist es so einfach, wie aus einem Konzert hinauszugehen. Im Kammermusiksaal hatte ich ja weder ein Haus gebaut noch mein Büro eingerichtet – wie gern ich dort auch bisweilen einziehen wollte, an guten Abenden.
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