16.04.2022

Darf man darüber lachen?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Łukasz Łada
Das Erzbistum Köln zahlte 1,15 Millionen Euro, so aktuelle Berichte, um die Spielschulden eines Priesters (plus Folgekosten) zu decken, teils wohl aus einem Fond für Missbrauchsopfer. Darf man über derart monströse Absurdität lachen?
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Hmm, da hätte ich aber nicht lachen sollen! – Ja, so habe ich heute gedacht, als ich jene Nachricht las.

Es geht um Geld – um viel Geld. Es ist denkbar makaber. Und es ist eine jener Angelegenheiten, die man für überdreht und absurd halten würde, wenn ein Romanautor sie aufschriebe – oder natürlich für bösartig und verschwörungstheoretisch, wenn ein sogenannter »Verschwörungstheoretiker« so etwas behaupten sollte, bevor der »Mainstream« es zugibt.

wdr.de, 14.4.2022 schreibt: »Das Erzbistum Köln hat insgesamt 1,15 Millionen Euro bezahlt, um Ausgaben im Zusammenhang mit den Spielschulden eines Geistlichen auszugleichen.«

Ja, das wird so berichtet.

Bald nur noch lachen

2017 habe ich im Essay »Gutmensch« über den Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki geschrieben, der sich – warum auch immer – selbst als »Gutmensch« bezeichnete, was doch im allgemeinen Sprachgebrauch für »Heuchler« steht.

Es war nicht Herr Woelki selbst, dessen Spielschulden samt Folgekosten das Erzbistum übernahm – aber es war »sein Laden«, der das Geld auszahlte, der Laden eines Gutmenschen.

Wenn ich den Bericht bei wdr.de richtig verstehe, hatte der Erzbischof über die Auszahlung persönlich entschieden. Die ganze Angelegenheit kam offenbar nur deshalb heraus, weil jemand im Erzbistum die Notbremse zog und man Selbstanzeige erstattete, bevor es zum Steuerverfahren kam.

Warum sind es wieder und wieder und wieder die »Extra-Guten«, die bei Vorgängen auffallen, über deren absurde Außermoralität man bald nur noch lachen kann?

Was macht Duden da?

Zwischendurch, eine Randnotiz aus dem Propagandastaat: In jenem Gutmensch-Essay aus dem Jahre 2017 zitierte ich die damalige Duden-Definition des »Gutmenschen«:

[naiver] Mensch, der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend o.ä. empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält, sich für die Political Correctness einsetzt. (duden.de zu »Gutmensch«, Stand 2017, von mir damals zitiert)

Diese Definition hatte wohl schon länger bei duden.de so gestanden, und sie klang richtig. Man findet sie etwa in einer archivierten Version von 2012.

Heute, im April 2022, lautet die Gutmensch-Definition des Dudens in wesentlichen Punkten anders:

jemand, der sich (in einer als unkritisch oder übertrieben empfundenen Weise) empathisch und tolerant verhält, sich für Political Correctness u. Ä. einsetzt (duden.de zu »Gutmensch«, Stand April 2022)

Man beachte die Nuancen, in denen der Duden im deutschen Propagandastaat die Bedeutung des Wortes »Gutmensch« in Richtung seiner Rehabilitation verändert. Als »Gutmensch« soll nun einer gelten, der »empathisch« oder »tolerant« (sprich: Gewalt duldend) ist, was ja gerade im fake-linken Propagandastaat positiv besetzte Vokabeln sind. Aus dem potenziell naiven Menschen ist ein diffuser jemand geworden. Seine Eigenschaften sind nicht mehr negativ, sondern werden lediglich als »unkritisch« oder »übertrieben« empfunden.

Man könnte paraphrasieren: »Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Heuchelei ist Empathie!« – »Orwellscher« im Sinne des immer wieder zitierten 1984 kann eine Zeit kaum werden, als wenn die Wörterbücher umgeschrieben werden, um ein seit zwei Jahrhunderten aus gutem Grund negativ besetztes Wort (dessen Grundidee, nämlich die Pharisäer und Heuchler, schon in der Bibel ein unzweideutiges Feindbild darstellt) kraft Neu-Definition schrittweise positiv besetzen zu wollen.

Genug aber von dieser Randnotiz, zurück zum Erzbistum Köln!

Immer diese Sondervermögen

Jüngst lasen wir (Essay vom 10.3.2022), dass Herr Scholz plötzlich ein »Sondervermögen« von 100 Milliarden Euro aufgetan hatte, um die Bundeswehr damit etwas weniger peinlich zu machen.

Laut duden.de (Stand April 2022) ist ein »Sondervermögen« ein »Vermögen, dem das Gesetz eine rechtliche Sonderstellung einräumt, ohne dass eine juristische Person mit eigener Rechtsperson besteht«.

Und auch das Erzbistum Köln zahlte die Spielschulden ihres anonymen Gottesmannes zum Teil wohl ebenfalls aus einem »Sondervermögen«. Die »Sonderstellung« dieses Vermögens bestand darin, so wdr.de, Stand 16.4.2022, dass von diesem Geld »auch die Zahlungen an Opfer von sexuellem Missbrauch geleistet werden«. (Was den Missbrauchsskandal selbst angeht, sollte man vorsichtig sein, was man genau sagt. Laut kirche-und-leben.de, 4.2.2021 zahlte das Erzbistum seit 2010 etwa 1,5 Millionen Euro an Missbrauchsopfer, aber »Woelki gab 2,8 Millionen Euro für Berater und Anwälte aus«. Egal wie sehr Sie meinen, die Wahrheit oder die Moral auf Ihrer Seite zu haben, der selbsterklärte »Gutmensch« Woelki hat schlaue Anwälte, die Ihnen schnell erklären könnten, warum Ihre Wahrheit eben keine ist und Sie sich Ihr Gefühl für Moral sonstwohin stecken können.)

Das Erzbistum hatte laut aktuellen Berichten sich schon unter Kardinal Meisner der finanziellen Probleme jenes nicht-genannten Priesters angenommen. Das Erzbistum unter Rainer Maria »Gutmensch« Woelki hatte die Angelegenheit seit 2014 »weiter verfolgt«, »offenbar ohne diese Bezahlung ordnungsgemäß zu versteuern«.

Die große Frage

Und wieder die Frage: Darf man schmunzeln, wenn bestbezahlte Gutmenschen, die den niederen Bürgern die hohe Moral predigen, auf geradezu monströse Weise die Unmoral ausleben? Ja, darf man lachen, wenn die Spielschulden eines »Geistlichen« aus einem Geldtopf bezahlt werden, der zur Entschädigung der Opfer von Missbrauch durch »Geistliche« gedacht war?

Nun, Humor ist dafür da, die schmerzhafte Lücke zwischen unseren Begriffen und der Realität erträglich zu machen. Der Widerspruch zwischen dem Anspruch der Moralisten und der Realität selbst ist denkbar schmerzhaft – also ist es nicht nur erlaubt, an dieser Stelle zu lachen – es ist geboten!

Die Lehre

Dass wir lachen, zeigt keineswegs, dass wir die Sache nicht ernst nehmen – im Gegenteil!

Ich lache, weil es weh tut. Wenn es nicht weh täte, wäre es nicht lustig. Was aber weh tut, was uns so schmerzhafte wie lustige Disharmonie beschert, das ist selbstverständlich ernsthaft.

Ich lache, weil ich es ernst nehme. Und ich lache, weil Lachen eben doch mehr Spaß macht, als an der Heuchelei der Guten-und-Gerechten™ zu verzweifeln.

Zorn und Ärger allein ändern nichts an der Welt, sie bereiten uns lediglich Bauchgeschwüre. Das Lachen aber kann durchaus etwas verändern – deshalb haben Diktatoren weit mehr Angst, ausgelacht zu werden, als dass man sich über sie ärgert. Vor allem aber ist Lachen gut für meine Gesundheit, meine Laune, mein Leben.

Deshalb, Freunde: Lasst uns die Dinge wirklich ernst nehmen! Lasst uns gut sein, nach unserem besten Vermögen – und lasst uns nicht daran verzweifeln, dass uns für die, welche sich selbst »gut« nennen, ganz andere Vokabeln einfallen.

Ich sage: Die Angelegenheit ist zu ernst, als dass wir uns erlauben könnten, nicht darüber zu lachen.

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