10.03.2022

Auf die und von der Schippe

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Nathan Dumlao
Krankenschwestern mussten um ihren läppischen Corona-Bonus bangen. Es war halt kein Geld da. Doch für die Armee entdeckte Scholz plötzlich 100 Milliarden Euro »Sondervermögen«. Das sind 91-TAUSEND EURO pro Pflege- und Rettungskraft.
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Wer »dem Tod von der Schippe springt«, der ist redensartlich gerade so dem Tod entkommen. Wer »eine Schippe macht«, der zieht eine Schnute. Wer »eine Schippe drauflegt«, der gibt sich extra Mühe und wendet extra Energie auf – doch nachdem er sich extra viel Mühe gab, stellt er womöglich fest, dass er so gründlich »auf die Schippe genommen« wurde – womit wir natürlich bei den Nachrichten wären!

Sonntagsreden und Wochentagslügen

Worte sind billig, deshalb verteilen Politiker sie so gern – im Austausch gegen die Steuern, die sie den Arbeitern und Unternehmern abgezwungen haben.

Wir erinnern uns alle noch gut – es dauert ja teils noch an! – was für glühende Lobeshymnen die Politiker aufs Krankenpersonal sangen, auf Feuerwehrleute, Putzkräfte und all die anderen »Helden«, die teils im Monat etwa so viel netto erhalten, wie sich Grünen-Bonzen nebenbei als »Corona-Bonus« gönnen (sueddeutsche.de, 20.1.2022).

Als es dann aber darum ging, dem Lobpreis ein konkretes Preisetikett aufzukleben, da wurden diese feinen Damen und Herren wieder knauserig. rbb.de, 24.1.2022 zitiert eine Notfall-Schwester: »Am Ende bleibt auf allen Seiten nur ein großes Ungerechtigkeitsgefühl«.

Im Essay »Gefährlich das Land, das sich Helden baut« schrieb ich 2020: »Am Höhepunkt der China-Virus-Angst wurde von den ›Corona-Helden‹ in den Krankenhäusern geredet – als Dank für ihr Heldentum erhielten sie Erdnüsse. Nicht nur im Krieg ist ›Held‹ ein Euphemismus für »Kanonenfutter«.«

Zwei Jahre später ändert sich an meiner Bewertung wenig – wen die Politik zum Helden erklärt, wird von denen eher so als »Kanonenfutter« behandelt, er wird verheizt, um den Laden warm und am Laufen zu halten (siehe auch Essay vom 18.2.2022).

Warum werden die Menschen, die unsere Gesellschaft wirklich am Laufen halten, so mickrig bezahlt, während die Abnicker im Bundestag sich monatlich Fünfstelliges gönnen? – Man könnte antworten: »Weil diese es zulassen und dennoch zur Arbeit erscheinen, weil sie eben zu anständig sind«, und es wäre zwar harsch, aber nicht falsch.

Zur ganzen Wahrheit zählt aber auch eine simple Meta-Wahrheit: Entgegen der festen Überzeugung von Gutmenschen, Zeichensetzern und Icon-auf-Facebook-Einfärbern sind es nicht deine Worte, sondern deine Handlungen, die uns sehen lassen, was dir wirklich wichtig ist, was wirklich deine relevanten Strukturen sind.

Das gilt für den Einzelnen, und das gilt auch für die Gesellschaft insgesamt: Spart euch eure Sonntagsreden und eure Wochentagslügen, eure Heldenhymnen und Dankbarkeitssprüchlein, ob ihr einer von den Typen seid, die vor ihren Skandalen und Untersuchungsausschüssen nach ganz-weit-oben abhauen, oder ob ihr sogar der Papst persönlich seid (krone.at, 20.2.2022: »… das heldenhafte Gesundheitspersonal zeigt seine Heldentaten in der Zeit der Pandemie«).

Zwei Meldungen aus diesen Tagen beleuchten extra hell, was den Herrschaften in den breiteren Fluren wirklich wichtig ist, die erste Meldung handelt von einem Herrn Scholz, die zweite von einer Frau Spiegel.

Bestimmt effizient eingesetzt

Putin und seine Armee werden ganz wesentlich durch die deutsche Energieabhängigkeit von Russland möglich gemacht. Die Abhängigkeit von Putin aber ist eine direkte Folge bewusster Entscheidungen von Merkel und SPD, die dabei zum Teil die fake-ökologischen Energie-Ideen der Grünen umsetzten.

Im Duktus linker Argumentation ließe sich sagen: »Wer Erdgas in Russland einkauft, mordet in der Ukraine mit.«

Wie reagierte die Regierung Olaf »nichts mit Cum-Ex zu tun« Scholz auf den Angriff Russlands auf die Ukraine? (Siehe dazu auch den Essay »Brutal, nicht irrational« vom 9.3.2022 zu Putins brutaler Rationalität.)

Schwuppdiwupps zauberte Herr Scholz mal eben ein »Sondervermögen« von 100 Milliarden Euro aus dem Kanzlerhut – und man werde die Rüstungsausgaben auf 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukt heben (tagesschau.de, 27.2.2022).

Laut statista.com (Stand 31.3.2020) gibt es in Deutschland ca. 1,1 Millionen sozialversicherungspflichtige Pfleger, Hebammen und Rettungsdienst-Mitarbeiter. 100 Milliarden Euro geteilt durch 1,1 Millionen ergibt knapp 91 Tausend Euro – pro Pfleger.

Sicher ist eine funktionsfähige Armee wichtig. Und gewiss werden die 100 Milliarden Euro nicht größtenteils für nutzlose Berater-Firmen draufgehen, sowas ist ja in Deutschland unmöglich, und wer für sowas verantwortlich wäre, der würde bestimmt keine weitere politische Karriere mehr machen können. Nein, nein, die 100 Milliarden werden bestimmt effizient eingesetzt und nicht im Sumpf des deutschen Parteien- und Beraterwesens versickern.

Und doch, und doch, selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Regierung des niemals nie nicht mit Selbstbedienungs-Skandalen in Verbindung zu bringendem Olaf Scholz die 100 Milliarden Euro »Sondervermögen« korrekt und sachgemäß investiert, hat es einen bitteren Beigeschmack.

In ihren Worten sprechen sie davon, wie wichtig ihnen die »Helden des Alltags« sind – doch in ihren Taten zeigen sie etwas sehr anderes.

Wenn es wirklich darum geht, dem Tod von der Schippe zu springen, sollen die Krankenschwestern und Pfleger zur Stelle sein – doch von der Politik werden sie gründlich auf die Schippe genommen.

Gern noch eine Schippe

Wie drastisch in der Politik die Worte und die tatsächlichen Wichtigkeiten auseinandergehen, lassen aktuell die Chatprotokolle der Grünen Anne Spiegel erkennen. Bei der Flut im Ahrtal (Juli 2021) starben 134 Menschen.

Auch die Umweltministerin von Rheinland-Pfalz reagierte, doch wie jetzt geleakte Chat-Protokolle zeigen, tat sie exakt das, was man von einer Politikerin aus der Partei der grünen Gutmenschen erwarten würde: Ihre erste Sorge betraf ihr eigenes Image, losgelöst von ihren Taten.

Zitat Anne Spiegel (Grüne): »das Blame Game könnte sofort losgehen, wir brauchen ein Wording, dass wir rechtzeitig gewarnt haben, wir alle Daten immer transparent gemacht haben, ich im Kabinett gewarnt habe, was ohne unsere Präventionsmaßnahmen und Vorsorgemaßnahmen alles noch schlimmer geworden wäre etc.«; zitiert nach welt.de, 9.3.2022, und der Pressesprecher suchte eine »glaubwürdige Rolle« für »Anne« bei dieser Katastrophe, die »nicht nach Instrumentalisierung« aussehe.

Wir alle wissen doch, dass es Frau Spiegels eigentliches »Vergehen« war, sich durch ein geleaktes Chat-Protokoll erwischen zu lassen – ohne vorbereitete »Talking Points« wird aber kein Politiker lange Politiker bleiben.

Die Frage ist ja nicht wirklich, ob Politiker so sind, wie sie sind. Vielleicht ist die Demokratie ein System, in welchem Politiker gar nicht anders sein können als Heuchler und Faker, da hilft es nicht »eine Schippe zu ziehen«, und mir fällt aber auch kein besseres System ein, und so richtig problematisch wird es, wenn angeblich »demokratische« Politiker es einrichten, nicht mehr wirksam kritisiert werden zu können.

Die Frage ist, wie wir damit umgehen, täglich neu auf die Schippe genommen zu werden. Solange in Deutschland noch zumindest behauptet wird, dass demokratische Verhältnisse herrschen, können wir ja diese Behauptung immer wieder neu austesten, indem wie die Regierung (und ihre »Freunde«!) laut und täglich kritisieren.

In Corona-Zeiten konnte man ja Zweifel entwickeln, ob Deutschland noch eine Demokratie ist, denn einige Politiker fühlten sich auffällig »ermächtigt«. Wenn aber Deutschland noch immer so demokratisch ist, wie man behauptet, dann ist es unsere Pflicht, die Heuchelei derer-da-oben zu markieren.

Aufzuzeigen, wie Herr Scholz und all seine politischen Freunde das eine sagen und das andere tun, es ist wichtig, und sei es »nur« für unsere seelische Balance.

Deren Heuchelei aufzuzeigen, einfach um vor uns selbst ohne Zweifel zu dokumentieren, dass es nicht in Ordnung ist, darin will ich (und gewiss auch meine Kollegen, die freien Denker) gern noch eine Schippe drauflegen.

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