Dushan-Wegner

14.02.2023

Ist das Ablenkung?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Beobachtest auch du den Himmel?
Bei so mancher Meldung hat es sich bewährt, zu fragen: »Cui bono?«, »Zu wessen Nutzen?« - Immer öfter stellen wir in diesen Tagen (und Jahren) aber eine weitere Frage: »Wovon soll das ablenken?«
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Wir fragen heute nicht mehr »Cui bono?« – »Wem nutzt es?«, denn wir kennen und sehen ja die Antworten. Die, die davon profitieren, schämen sich nicht mehr, und sie profitieren so selbstbewusst wie öffentlich.

Fürs Sehen braucht es Sehvermögen. Fürs Schämen braucht es Schamgefühl. Wir sind mit Sehvermögen gestraft, die aber nicht mit Schamgefühl. Denen ist egal, wenn wir »Cui bono?« fragen. Wir fragen es nicht mehr so oft.

Wir fragen heute nicht mehr »Wem nutzt es?«, sondern: »Wovon soll es ablenken?«

Erklärt nichts

Gestern schrieb ich von den »Ufos« über den USA (Essay vom 13.3.2023), und vom großen grünen Scanner im Himmel über Hawaii.

Ich höre und lese regelmäßig als Reaktion auf diese Meldungen: »Das ist doch eine Ablenkung!«

Wenn eine Antwort alles erklärt, erklärt sie nichts.

»Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst«, so lautet unser Motto hier. Wenn wir es ehrlich und ernst meinen – und wie sonst sollten wir es meinen? – müssen wir diesen Leitspruch selbstbewusst auch auf unsere eigene Intuition anwenden, aktuelle Meldungen seien doch »Ablenkung«.

Heute aber

Ich selbst habe ja oft genug über die große Ablenkung gemault. »Abstieg und Ablenkung«, so orakelte ich an (Essay vom 6.7.2022). »Ablenkung und Aufmerksamkeit«, so diagnostizierte ich (Essay vom 19.4.2020). »Ablenkung tötet«, so warnte ich (Essay vom 17.8.2022).

Die Lupenreinen in Berlin bedienen sich ja regelmäßig der Ablenkung, wenn sie einen weiteren Sargnagel für die leider bereits etwas streng riechende Idee der Demokratie hauen.

Erst kürzlich, kurz vor Ende des letzten Jahres, beschrieb ich im Essay »Es wird legal sein, aber dadurch auch okay?« (29.12.2022), wie in der Ablenkung von Fußball und Vorbereitung aufs Jahresende die diätensatten Durchwinker im besten Bundestag aller Zeiten das Denunziantentum zum Gesetz erhoben. Politiker nennen es »Hinweisgeberschutzgesetz« – und finden sich gut dabei.

Ja, es scheint Allgemeinwissen zu sein, dass Politiker ihre »legalen Anschläge« auf die Demokratie dann ausüben, wenn das Volk durch Fußball und andere hochemotionale Trivialitäten abgelenkt ist.

Ich frage mich heute aber: Was, wenn sie gar nicht ablenken wollten, weil es ihnen schlicht egal ist?

Wissen wir

Wer wollte noch bestreiten, dass sich derzeit jeden zweiten Tag eine weitere angebliche »Verschwörungstheorie« zu bewahrheiten scheint. Die Verschwörungsleugner (Essay vom 27.5.2021) sind es, die heute die ganz große Glaubensleistung aufbringen müssen.

Der Verschwörungstheoretiker ist heute oft der kritische Rationale, und der Verschwörungsleugner ist der autoritätsgläubige Verblendete. Und doch könnte auch der kritische Theoretiker in eine kritische Falle tappen.

Wer die Propaganda in Frage stellt, wird heute oft als »Aluhut-Träger« beschimpft. Ursprünglich steht der Aluhut für den erhofften Schutz vor Telepathie. Symbolisch steht er für die Furcht, dass Geheimdienste unsere Gedanken auslesen. Seit Snowden wissen wir, dass sie es auch tun.

Jedoch, der Aluhut könnte symbolisch auch für einen Denkfehler aufgrund veralteter Vorstellungen von Technologie stehen.

Ein prototypischer Aluhut-Träger geht davon aus, dass die Regierung genau ihn abhört. Das hat mit alter Technologie zu tun: Früher brauchte es viel Aufwand, um einen Menschen abzuhören, Einbrüche, Wanzen und Agenten in Kleinbussen vor der abgehörten Wohnung.

Wenn das

Heute werden einfach alle abgehört und ihre Leben digital mitgeschnitten, und wenn sie dich wegen abweichender Meinung, pardon: wegen »Hass und Hetze«, fertigmachen wollen, dann brauchen sie nur in deiner Vergangenheit nachzuschlagen, bis sie etwas finden, woraus sich ein Galgenstrick knüpfen ließe.

Ernest Hemingway wurde vom FBI beobachtet (und galt als paranoid, weil er genau das vermutete). Martin Luther King Jr. wurde recht aktiv abgehört. Wäre es nicht ein Beleg für deine mangelnde Bedeutung, wenn und dass man dich nicht beobachtet?

Ja, es könnte sein, dass früher, als Menschen noch einzeln und aufwändig beobachtet wurden, mancher Bürger sich unbewusst wünschte, abgehört zu werden, da dies ihm Bedeutung verleihen würde.

Schauen Sie

Ich möchte die These ausprobieren, dass es sich mit der Ablenkung inzwischen ähnlich verhält wie mit dem Abhören von Einzelnen: Wir könnten unsere Bedeutung überschätzen, wenn wir vermuten, dass einzelne Meldungen und Ereignisse als »Ablenkung« inszeniert sind.

Die Ufos über Amerika sollen eine »Ablenkung« sein. Wovon soll es ablenken?

Ich hörte, dass es »ablenken« soll davon, dass der Krieg in der Ukraine vorbei sei, weil man das Land verloren gegeben habe.

Ich hörte von denselben Leuten, dass die Ufos davon ablenken könnten, dass der Krieg in der Ukraine gerade erst begonnen habe und man vorhabe, nicht nur westliche Waffen, sondern auch westliche Stiefel – sprich: Soldaten – in der Ukraine einzusetzen.

Eine weitere bewährte Denkregel besagt aber auch: Wenn eine Aussage und ihr Gegenteil beide sinnvoll klingen, dann haben wir wahrscheinlich die Frage dahinter nicht verstanden.

Unglaubwürdig gewesen

Vielleicht ist die Wahrheit noch viel kälter, aber auch viel größer als banale Ablenkung.

Ja, du wirst abgehört, doch nicht speziell du, sondern schlicht alle. Das ist kälter und zugleich größer.

Die Ufos stammen nicht von Außerirdischen. Man vermutet, dass es chinesische Fluggeräte mit militärischer Absicht sein könnten. Das würde bedeuten: »Die USA schießen chinesische Militärflugzeuge ab, die widerrechtlich in den US-Luftraum eingedrungen sind.«

Wenn wir uns in zwei oder drei Jahren in einem veritablen Weltkrieg wiederfinden, dann wären »potenziell militärisch nutzbare Ballons als bewusste Provokation« kein unglaubwürdiges Vorgeplänkel gewesen.

Wir überschätzen womöglich unsere Bedeutung, wenn wir zu schnell »Ablenkung« vermuten – und wir unterschätzen dramatisch das Gewicht der Meldung.

Nicht weniger

Die Erfahrung hat uns gelehrt, hinter jeder Nachricht eine andere als die angegebene Absicht zu vermuten. Das grundsätzliche Misstrauen hat sich bewährt.

»Prüfe alles«, so sagen wir, und das bedeutet auch: Prüfe dein Vertrauen, und prüfe nicht weniger dein Misstrauen.

Wenn die Ballons keine »Ablenkung« sind, aber auch nicht »trivial«, dann ist die Erklärung weit kälter – und weit größer.

Ich beschließe zu hoffen, dass jenes Mögliche verhindert werden kann, dessen Eintreffen alle weiteren Fragen erübrigen würde.

Ich beschließe, zu handeln, als ob feststünde, dass verhindert werden wird, was jedes weitere Handeln seines Sinns berauben würde.

»Wovon soll ich abgelenkt werden?«, so fragen wir.

Ich frage dazu: Ist diese Frage selbst eine Ablenkung?

Die richtige Frage könnte sein: Was, wenn es nicht Ablenkung ist, sondern eher das durchaus wichtige Vorgeplänkel einer weit größeren Sache?

Und dann wäre die Frage: Habe ich den Mut und genügt meine Kraft, die Realität zu sehen, wie sie ist?

Ach, vielleicht ist es tatsächlich alles nur Ablenkung, und ich sollte mich nicht mit düsteren Ahnungen von der Ablenkung ablenken. Doch, da diese Leute, die mich ablenken, auch diesen Zweifel ahnten, ist dieser Gedanke wieder eine Ablenkung, eine Negation der Negation – und womöglich ist alles genau so, wie es aussieht.

»Wir werden sehen«, so sprach der Blinde, und der Lahme rief: »Auf geht’s!«

Weiterschreiben, Wegner!

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