Merz sagt in der Causa Weimer wohl die Unwahrheit. Wir wüssten nicht, warum er das tut – Absicht, Naivität oder ganz andere Gründe? Das Beunruhigende wäre: Sagt er die Unwahrheit, scheint es ihm völlig egal zu sein, dass wir es wissen.

Ihr kennt gewiss jenes Zitat über das Lügen, das (ohne Beleg) dem russischen Schriftsteller Aleksandr Solzhenitsyn zugeschrieben wird:

Wir wissen, sie lügen. Sie wissen, sie lügen. Sie wissen, dass wir wissen, sie lügen. Wir wissen, dass sie wissen, dass wir wissen, sie lügen. Und trotzdem lügen sie weiter.
– Pseudo-Solzhenitsyn

In den letzten Jahren werden wir unangenehm regelmäßig an diese Wahrheit über Lügen erinnert. Ich selbst zitiere es auch, etwa 2024 im Essay »Deutsche, seid unhöflich!«.

Jedes Mal aber, wenn ich jenen wahren Satz unbelegter Herkunft höre, denke ich mir: Wie kann es eigentlich zu solchen Zuständen kommen? Was war geschehen, dass die Menschen in einer Gesellschaft so wurden? Was muss zuvor der Fall sein, damit das der Fall sein kann?

Nun, in den letzten Tagen beginne ich, Umrisse einer Erklärung zu sehen. Es geht um die Causa Weimer. (Siehe dazu auch meine Deutung im Essay »Politische Metaphysik«.)

Es gibt eine neue Entwicklung. (Das Wort »Entwicklung« ist hier suboptimal, da es einen Fortschritt impliziert. Es ist aber mehr ein Abstieg. Eine politisch-kulturelle Regression, moralische Degeneration.)

In einem Staatsfunk-Interview sagte Merz nun:

Die Vorwürfe, die gegen Wolfram Weimer erhoben wurden, haben sich alle als falsch erwiesen.
Friedrich Merz (Video bei @maxmannhart, 23.11.2025)

Merz sagt womöglich die Unwahrheit. Ich sage nicht, dass Merz lügt, denn Lüge bedeutet, dass man absichtsvoll die Unwahrheit sagt, und ich weiß nicht, was im Herzen des Merz vorgeht. Auf der anderen Seite gehe ich davon aus, dass Merz die Mittel hat, mindestens so gut informiert zu sein wie der durchschnittliche Bürger.

Merz sagt, so höre ich als informierter Bürger, die Unwahrheit. Merz sollte und könnte dann eigentlich wissen, dass er die Unwahrheit sagt. Die informierte Minderheit wird wissen, wenn Merz die Unwahrheit sagt, und Merz sollte wissen, dass sie es weiß.

Merz behauptet, sein Kulturstaatsminister würde »von ganz links und von ganz rechts unter Feuer genommen«. Auch das ist so nicht richtig, denn sogar der Staatsfunk selbst berichtete über die Angelegenheit. Mit dieser Behauptung scheint der deutsche Kanzler aber de facto zuzugeben, dass unangenehme Wahrheit heute nur in jenen Medien zu finden ist, die von Politik und Propaganda als extremistisch abgetan werden.

Ich sehe die Video-Aufnahme und Herrn Merz mit großer Selbstverständlichkeit, ohne erkennbare Nervosität, eine mutmaßliche Unwahrheit äußern. Mir wird flau im Magen und ich frage mich: Was muss der Fall sein, damit ein Politiker so offen und buchstäblich un-verschämt im Staatsfunk eine Unwahrheit sagen kann, dass er gegen die Wahrheit und ihre Überbringer wettern kann, und es seine Macht nicht beendet, sondern absehbar sogar stabilisiert.

Hier aber ist das Problem: Merz kann die Unwahrheit sagen, denn die Informierten und Gewissensgeplagten sind in Deutschland eben in der Minderheit, und dank Propaganda und schmutzigen NGOs gelten die Informierten in Deutschland als die Bösen, die Unberührbaren und Irrelevanten. In Zeiten der universellen Lüge gilt eben der, der die Wahrheit sagt, als Extremist.

Was also tun, als Bürger, als Deutscher, als Mensch?

Um nicht an und in diesen Zeiten zu verzweifeln, um nicht am Wahnsinn wahnsinnig zu werden, schlagen wir die Bibel auf und lesen ganz spontan:

Ein falscher Zeuge bleibt nicht ungestraft; und wer Lügen vorbringt, wird (der Strafe) nicht entrinnen.
– Sprüche 19:5

Droht die Bibel, droht Gott selbst also dem Vorsitzenden der CDU mit Strafe? Nun, wir können nicht belegen, dass Herr Merz weiß, dass er die Unwahrheit sagt.

Vielleicht ist Herr Merz ja sehr naiv. Ich hörte sogar Verschwörungstheoretiker raunen, dass dieser Herr Weimer etwas gegen Herrn Merz in der Hand haben muss. Oder vielleicht existiert eine ganz andere Erklärung! (Die moralisch womöglich noch übler wäre.)

Eines aber ist wohl wahr: Wenn jemand Merz vorwerfen sollte, auch in schwieriger Lage die Wahrheit zu sagen, wäre dieser Vorwurf vermutlich nicht weniger falsch.

Ja, wir leben in Zeiten, in denen es ratsam ist, sich daran zu erinnern, dass man selbst nicht zu diesen Zeiten gehört.

»Wohl dem Manne, der nicht wandelt im Rate der Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzt im Kreise der Spötter«, so mahnt Psalm 1:1. Man könnte auch sagen: »Wohl dem Bürger, der solche Politiker erleidet und doch nicht wird wie sie.«

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Der Essay Bundeskanzler: Alle Vorwürfe falsch von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/alle-vorwuerfe-falsch/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!