30.04.2021

»Ich packe meinen Koffer, und ich nehme mit …«

von Dushan Wegner, Lesezeit 10 Minuten, Foto von Jakub Kriz
Deutschland eilt von einem Rekord zum nächsten! Aktuell: Höchste Abgabenlast für Singles, weltweit! – Andere Frage: Wenn Sie Ihren Koffer packen sollten/dürften/müssten, was würden Sie mitnehmen?
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Ich würde uns gern ein paar Wissensfragen stellen, und ich bitte Sie, diese aus dem Kopf zu beantworten, ohne zuvor im Internet zu suchen, ohne das Publikum zu befragen oder einen befreundeten Alleswisser anzurufen.

Die erste Frage: Wie viele Dramen hat Goethe in etwa geschrieben, welche Romane, und wie viele von diesen können Sie (Bonus: samt grober Angabe des jeweiligen Inhalts) nennen? Und, noch brennender: Wann haben Sie zuletzt irgendetwas von Goethe gelesen? Wann haben Sie es zuletzt mit Ihrer Familie gelesen und dann darüber diskutiert?

Wo wir von den Meistern des schön geschriebenen Wortes reden: Wir sind uns ja alle einig, dass die deutsche Kultur eine reiche und bewahrenswerte ist. Kurze Frage: Was sind Ihrer Meinung nach die zehn wichtigsten deutschsprachigen Autoren und Denker der Geschichte, und wie viele davon haben Sie in den letzten zwölf Monaten gelesen? Wie viele haben Sie mit Ihren Lieben gelesen und besprochen?

Ja, ich weiß, es ist schmerzhaft. Ich selbst bin weit davon entfernt, diese Testfragen auf berichtenswerte Weise zu bestehen. Doch dies könnte guter Schmerz sein, ein Schmerz, der uns treibt, besser und klüger zu werden.

Wir heben kurz den Blick, bleiben aber beim Deutschen. Martin Luther hat nicht nur Deutschland, sondern die gesamte Welt verändert – und damit wiederum uns. Einmal durch seine reformatorischen Forderungen (wobei er da natürlich Vorläufer wie Jan Hus hatte, siehe etwa den Essay vom 5.8.2018), einmal durch die Übertragung der Bibel ins Deutsche (wobei es schon vor ihm deutsche Bibeldrucke gab; vergleiche welt.de, 29.10.2016).

Erlauben Sie mir bitte noch ein paar schnelle Fragen zur Luther-Angelegenheit: Können Sie sagen, wie viele Bücher die Luther-Bibel enthält? Das Alte Testament, das Neue, die Apokryphen? Wir alle sind uns einig, dass die Zehn Gebote sehr wichtig sind – können Sie die aus dem Kopf  aufzählen? Wo würden Sie die Bibel aufschlagen, um die Zehn Gebote nachzulesen? (Bonus-Frage: Worin unterscheiden sich die verschiedenen Unterteilungen der Zehn Gebote?)

Ich weiß, dass einige unter Ihnen, liebe Leser, viele oder sogar alle dieser Fragen sicher und selbstbewusst beantworten können (und es ist immer wieder eine Ehre, solche Leser zu haben). Jedoch, ich weiß auch, dass es vielen von Ihnen ähnlich geht wie mir, und wir auf zu viele dieser Fragen mit »Uff!« oder »Man müsste…« antworten.

In mir aber wächst täglich die Ahnung, dass diese und solche Fragen zu jenen gehören, von denen wir uns bald plötzlich sehr dringend wünschen werden, wir hätten uns früher um das persönliche Erforschen und Erlernen der Antworten bemüht.

Spitzenreiter und Internet-Pferde

Wissen Sie noch, als man beim Hören »Deutschland« und »Spitzenreiter« nicht gleich an Steuern und Abgaben dachte? Es hat sie gegeben, jene Zeit, ich kann mich noch daran erinnern, doch beim Reden von ihr fühle ich mich zunehmend, wie wenn ich meinen Kindern von der Zeit vor Internet und Smartphones berichte – sie schauen mich mit einer höflichen Mischung aus Mitleid und Geduld an.

Heute ist heute, und heute lesen wir: »Niemand auf der Welt zahlt mehr Steuern und Abgaben als der deutsche Single« (welt.de, 29.4.2021).

So wichtig mir das Konzept der Familie ist, so wichtig der »alter weise Mann« wie auch die »Mater Familias« sind – ohne die »jungen, freien Genies«, welche mit ihren Erfindungen, ihrem Sturm und ihrem Drang die Welt immer wieder neu aus den Angeln heben, wird das Land bald in seiner immer dicker werdenden eigenen Soße köcheln.

In den Internet-Mekkas der USA gelten 100.000 US-Dollar jährlich als Einstiegsgehalt, hochqualifizierte Ingenieure etwa im Bereich künstlicher Intelligenz können, wenn sie auf die richtigen Internet-Pferde setzen, sich bald in Richtung einer Viertelmillion und darüber hinaus bewegen – wohlgemerkt als Angestellte (vergleiche etwa indeed.com).

In Deutschland nennt uns gehalt.de für den »Systemingenieur Telekom« etwa zwischen 47.000 Euro und 70.000 Euro Jahresgehalt. Wie realistisch ist es, dass die Telekom sein Gehalt kurzfristig aufgrund seiner Marktrelevanz vervierfacht und über das Gehalt des Chefs seines Chefs hebt? Hahaha. Aber hey, dafür hat er die höchsten Abgaben weltweit. Und wenn er eine Familie gründet, wird es ja auch nicht viel besser – Deutschland ist inzwischen stolz darauf, bei der Belastung der Familien nicht am allerschlimmsten zu sein – für den hohen Preis werden dann aber auch Schulen angeboten, wo die Kinder lernen, warum es böse ist, weiß zu sein.

Mir ist sehr wohl bewusst, dass diese Zahlen einem guten Teil von uns – fürwahr auch mir – ein gepflegtes »Wow, davon träume ich!« entlocken könnten. Das sind aber die Zahlen, mit denen jene ganz persönlich kalkulieren, welche die Geräte und die Software entwickeln, mit deren Hilfe ich diesen Text schreibe und Sie ihn lesen.

Nein, Sie können nicht langfristig ein Land betreiben und stabil halten, indem Sie die Klügsten und Fähigsten aus dem Land treiben, dafür aber gleich mehrere Kasten von Staatsabhängigen gründen und immer weiter wachsen lassen.

Leere Lagerhallen

Deutschland ist ein rohstoffarmes Land, und im Geist des linksgrün-merkelschen Suizidalismus will es auch noch die Rohstoffe, die es hat, ungenutzt in der Erde lassen. Über Jahrzehnte galten Bildung, Disziplin und Klugheit als der andere Rohstoff. Der linksgrüne Zeitgeist will die Nutzung beider Arten von Rohstoffen abwürgen.

Im Bann der Corona-Panik und des zerstörerischen Merkel-Machtrausches könnte fast vergessen werden, dass das Land schon vor 2020 und vor 2015 auf Kante genäht war.

Ja, ich weiß, dass stellenweise neu gebaut wird und einige Menschen neue Immobilien kaufen (nicht nur weil sie Politiker mit zu viel Geld sind, manche wollen einfach aus der Stadt raus). Doch bei den Immobilien, die quasi »das ganze am Leben halten«, sieht es stellenweise anders aus: Deutschlands Lagerhallen etwa stehen zunehmend leer – weil schlicht immer weniger produziert wird und das deutsche Bruttoinlandsprodukt sinkt (welt.de, 29.4.2021).

Wäre Deutschland eine Aktiengesellschaft (die sich anders als ein Land nicht beliebig verschulden kann und meist auch nicht zig Millionen Menschen zwingen kann, ihr Geld zu geben), wie begeistert würden Sie die Aktien dieses Landes kaufen?

2:20 Uhr lokale Zeit

Um 9:00 am Morgen des 14. April 1912 traf die erste Warnung ein, die nächste um 13:42 Uhr, eine um 13:45, und so fort – insgesamt sechs Warnungen von Schiffen in der Gegend. Um 23:39 dann, kurz vor Mitternacht lokaler Zeit, wurde der erste Eisberg von der Titanic aus gesichtet und ein Ausweichmanöver gestartet, doch es war zu spät. Die Titanic rammte den Eisberg! Zwischen dem Rammen des Eisbergs (14.4.1912, 23:40 lokale Zeit) und dem endgültigen, finalen Versinken (15.4.1912, 2:20 lokale Zeit) aber spielten sich manche großen und kleinen Dramen ab – und immer wieder flammte gewiss die Hoffnung auf, dass es doch so schlimm schon nicht kommen würde!

Ja, es ist mir bewusst, dass in Deutschland noch vieles gut läuft und sehr vieles sehr schön ist. Ja, es ist mir bewusst, dass Deutschland noch immer viel Wirtschaftskraft hat. Ja, ich hoffe noch aufs Wunder, auf eine Abschaffung des verfluchten Staatsfunks, welcher die Deutschen dumm und panisch hält, auf die Entmaskierung des grünen Dummkultes, auf ein Herausgehen Deutschlands aus Brüsseler Knechtschaft – ich will jedoch nicht leugnen, dass der Fall ist, was der Fall ist.

Wenn Sie auf der Titanic wären, und wenn Sie sich eine echte Überlebenschance ausrechnen würden – was würden Sie mitnehmen?

»An die Apatschen“

Einst hat Reich-Ranicki einen Kanon aufgestellt, den Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke – es gibt sogar und berechtigerweise einen Wikipedia-Eintrag dazu mit dem großartigen Titel »Der Kanon«.

Der Reich-Ranicki, mit dem viele von uns aufwuchsen, ist tot, und wir haben keinen neuen. Was sich heute im Staatsfunk als Intellektueller gibt, das ist meist kaum unserer Zeit wert.

Niemand wird unseren Kanon für uns aufstellen, unsere »Leseliste« – auch Reich-Ranicki nicht, selbst wenn er noch lebte.

Im Essay vom 15.4.2021 berief ich mich auf die Pascalsche Wette: »Selbst wenn man nicht mit Sicherheit weiß, ob es einen Gott gibt, so ist es doch eine gute Idee, so Pascal, an Gott zu glauben – der Preis, den man bezahlt, wenn man nicht an Gott glaubt, sich darin aber irrt, dieser Preis ist weit höher als der Preis im umgekehrten Fall.«

Wir wollen vielleicht in Sachen eigener Bildung eine eigene Wette aufstellen: Selbst wenn man nicht davon ausgeht, dass Deutschland instabil ist, dass das letzte Verschwinden Deutschlands bereits begonnen hat, wäre es eine gute Idee, so viel wie möglich vom Guten an Deutschland zu bewahren, indem wir es erlernen, indem wir die alten Bücher studieren und verinnerlichen.

Liebe Leser, lasst uns lesen! Vom Nibelungenlied (»Des todes waffen ie ce sere sneit.«) über Kafka (»Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet«) und Morgenstern (»Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.«) bis Gernhardt (»Paulus schrieb an die Apatschen: Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.«).

Lasst uns lesen, und lasst uns das Gelesene so gut merken, wie die Nervosität der Zeiten es noch zulässt. Lasst uns unseren eigenen Kanon schaffen – einen anderen kannst du ja gar nicht haben.

Unser Kanon muss ein eigener, lebender, lebendiger und immer unvollständiger sein. – Sage nicht »ich habe nur wenig gelesen«, oder »ich habe nur wenig parat«, sage: »Ich arbeite noch und immerzu an meinem Kanon!« ( Und arbeite auch tatsächlich daran. Öfter mal: Glotze aus, Buch auf!)

Urzustand und Regale

ἐντροπία ist Altgriechisch etwa für Hinwendung, und es wird »entropía« ausgesprochen. (Das Wort ἐντρέπω bedeutet übrigens etwa wenden, aber auch Respekt bezeugen, beschämen, beschämt werden oder schamrot werden. Es kommt mehrfach im Neuen Testament vor, etwa in 2. Thessalonicher 3:14: »Wenn aber jemand unserm Wort in diesem Brief nicht gehorsam ist, den merkt euch und habt nichts mit ihm zu schaffen, damit er schamrot werde.«)

Der Begriff Entropie aber begegnet uns heute meist in der (populären) Physik. Technisch bezeichnet er eine »thermodynamische Zustandsgröße mit der SI-Einheit Joule pro Kelvin« und ein »Maß für die Unkenntnis der Zustände aller einzelnen Teilchen« (so Wikipedia). Wenn wir im Alltag flapsig von der Entropie reden, meinen wir meist eine Art natürliche Unordnung oder ein diffus definiertes ursprüngliches Chaos. (Weshalb man Kindern erst später im Leben von Entropie erzählen sollte, sonst verneinen sie die Anordnung, ihre Zimmer aufzuräumen, mit physikalischen Argumenten: »Doch, Papa, das Lego muss so auf dem Boden verteilt sein, das ist Entropie! Je höher der Grad der Entropie eines Systems, desto größer die Stabilität! Mensch, Papa, weißt du das denn nicht?«)

Kultur ist immer etwas, das wir der Entropie der Welt entreißen. Kultur ist nicht unser Urzustand.

Unser »Urzustand« wäre wohl eher, uns von Baum zu Baum zu schwingen, gegenseitig den Schädel einzuschlagen oder vielleicht erschöpft auf dem Sofa zu hängen und TV zu glotzen.

Wenn wir unsere Kultur sich selbst oder irgendwelchen dumpfen Staatsfunkern überlassen, wird sie schmelzen und verschwinden wie Eis in der Sonne oder Zucker im Kaffee (beides entropische Vorgänge).

Unsere Romane und Gedichte, unsere heiligen Bücher und manche unheiligen Schelmereien – wenn wir sie nicht lesen und weitertragen, dann sind sie wenig mehr als schwarze Kringel auf dem Papier oder tote Daten auf irgendwelchen Festplatten.

Wenn wir zulassen, dass all diese Bücher in die Entropie übergehen, wer können oder werden wir selbst dann noch sein?

Es wird nur bleiben, was wir bewahren. Was auch immer wir aus der verblassenden Epoche in die nächste mitnehmen wollen, sollten wir schon jetzt einzupacken beginnen.

Wir Deutschen können nicht-nur-ein-wenig stolz sein auf das, was an alter Weisheit in den Regalen unserer Bibliotheken steht (bis die linksgrüne Revolution der Dummen die Regale leert!), doch gerade wenn uns Land und Staat abhanden zu kommen drohen, wird uns aufs Neue gewahr, was Goethe seinen Faust monologisieren lässt: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen« (siehe zeno.org).

Inzwischen nachgeschaut?

Als Kinder hatten wir Vergnügen an einem Merkspiel, das »Kofferpacken« hieß (siehe Wikipedia), und da sagte man immer: »Ich packe meinen Koffer, und ich lege … hinein.«

Es ist ein Spiel, das mancher Bürger heute praktisch zu spielen erwägt (und wir reden nicht vom verbotenen bis unmöglichen Urlaub). Es ist ein Spiel, das wir in Sachen unserer Geistesbildung spielen könnten!

Wie ist es nun um Ihren Koffer bestellt?

Ist Ihnen seit dem Beginn dieses Essays eingefallen, was Goethe außer Faust, Die Leiden des jungen Werther und Iphigenie auf Tauris (sowie all diesen Gedichten) noch geschrieben hat?

Haben Sie die Größe der Schnittmenge zwischen Ihrem und Reich-Ranickis Kanon abgeschätzt?

Haben Sie inzwischen nachgeschaut wie die Zehn Gebote einzeln lauten?

Wir wollen ehrlich sein, zuerst zu uns selbst! Wir wollen ja nicht schamrot werden müssen, entropisch sozusagen, weil wir »falsch Zeugnis reden«.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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