Dushan-Wegner

23.05.2024

Es ist viel heimtückischer

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Bild: »Achtung!«
Nicht mit einem Knall, so dichtete einst T.S. Eliot, wird die Welt untergehen, sondern mit Wimmern. Es beschreibt prophetisch den Niedergang des Westens. Und die Ursache hat er auch schon benannt: Männer mit Stroh im Kopf.
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Eine prophetische Vorhersage aus dem Januar 2013 kursiert dieser Tage durch den neuen Marktplatz der Meinungen – die »sozialen« Medien.

Es ist ein Kommentar im mehr als fragwürdigen Forum »4 Chan«, und selbst wenn ich den Link wüsste, würde ich ihn nicht verlinken.

Lasst mich lieber zitieren, ins Deutsche übersetzt und sinngemäß. Der Kommentar beginnt so: »Es wird keinen ›Kollaps‹ geben, wie manche Leute sich das vorstellen. Es wird nicht sein wie in ›Dawn of the Dead‹ (ein Zombiefilm, siehe Wikipedia) oder irgendein Szenario, dass der ganze Mist explodiert und die Preise in die Höhe schießen und es Aufstände gibt und die SS durch die Straßen marschiert, um alle zu töten. Es wird kein ›Ereignis‹ geben. Es ist viel heimtückischer. Lest das Gedicht ›The Hollow Men‹ von T.S. Eliot, und ihr werdet verstehen.«

Der prophetische Kommentar aus dem Jahr 2013 sagt voraus, dass Preise für die »kleinen, alltäglichen Dinge« immer weiter steigen werden. Häuser und Apartments werden kleiner. Menschen arbeiten mehr, doch das Gehalt wird weniger. Du siehst deine Freunde seltener. Und jeden Tag merkst du, wie deine Ansprüche geringer werden.

Träume zu Erinnerungen

Menschen werden sich in technikbasierte Ablenkung flüchten, während Jobsicherheit als Idee verschwindet. Weniger Menschen heiraten, noch weniger haben Kinder.

Von den Träumen davon, wie das Leben hätte werden können, bleiben nur ferne Erinnerungen. Die Realität wird von Schulden und Armut bestimmt sein.

Mit den Träumen der Menschen auf ein besseres Leben wird das Selbstwertgefühl der Menschen verschwinden, ein schleichender, auch innerer Kollaps.

Soweit meine freie Übertragung jenes prophetischen Kommentars aus dem Jahr 2013, gepostet in einem als »schillernd« noch sehr euphemistisch beschriebenen Internetforum.

Not with a bang

Zu Beginn erwähnt jener Kommentar das Gedicht »The Hollow Men« von T.S. Eliot. Und wer »The Hollow Men« als Zeugen aufruft, der hat zumeist die letzte Strophe im Kopf – so auch ich.

Als ich dieser Tage auf diesen Kommentar stieß, fühlte ich mich an meinen Essay vom 17.6.2019 erinnert. Der trägt den Titel »Nicht mit einem Knall, sondern mit Gewimmer«, und das ist übersetzt die letzte Zeile der letzten Strophe jenes Gedichts.

Jene letzte Strophe lautet im Original:

This is the way the world ends
This is the way the world ends
This is the way the world ends
Not with a bang but a whimper.

Auf Deutsch (meine Übersetzung):

Dies ist, wie die Welt endet
Dies ist, wie die Welt endet
Dies ist, wie die Welt endet
Nicht mit einem Knall, sondern einem Wimmern

Was kommt hiernach?

Ich weiß, dass es einigen von euch noch immer relativ gut geht, seelisch wie auch wirtschaftlich – möge dies auch weiter anhalten. (Hier übrigens ein Link zu den Leserbeiträgen.) Ich weiß, dass andere von euch eher »kämpfen«, seelisch wie auch wirtschaftlich.

Doch ob es euch (noch) gut geht oder leider nicht (mehr): Wer seine Augen nicht mutwillig verschließt, wer nicht aktiv Zusammenhänge ausblendet (sprich: freiwillig oder selbstverschuldet dumm ist), der zählt die letzten Tage des Westens mit und fragt sich, was hiernach kommt.

Dasselbe wie bisher, nur deutlich sparsamer? Etwas ganz anderes? Und wenn ganz anders, in welcher Sprache werden wir sprechen? In welchen Schriftzeichen werden wir schreiben? Hanzi? Kyrillisch? Oder auf Arabisch, wie die Plakate der CDU in Leipzig?

Freies Denken statt Stroh

»Die Welt« endet nicht, auch wenn vieles teurer wird und manche Gewissheit zerrinnt. Aber die Welt wird eine andere sein, sie ist seit jenem prophetischen Kommentar von 2013 schon eine sehr andere geworden.

»The Hollow Men« bedeutet wörtlich »Die hohlen Männer«, und diese werden beschrieben als »die Ausgestopften, aufeinander gestützt, mit Stroh im Schädel«. Damit ist metaphorisch und extra präzise beschrieben, welche Art von Geisteshaltung zu dieser Veränderung der Umstände führte.

Für uns aber, die wir uns nicht dem hilflosen Gewimmer anschließen wollen, die wir die Ausnahme sein wollen, die in Würde überleben wollen, bleibt der Auftrag, das Gegenteil von Stroh in den Schädel zu füllen.

Weiterschreiben, Wegner!

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