07.03.2021

Rasse und Kaugummi

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Юлия Михейкина
Die Regierung will das Verbot der Benachteiligung wegen Rasse aus Grundgesetz streichen, durch »rassistische Gründe« ersetzen. So wird de facto erlaubt, Weiße zu diskriminieren, denn antiweißen Rassismus »gibt es ja nicht«. Sicher nur ein Versehen!
high angle photography of withered trees during day time
Telegram
Facebook
Twitter
WhatsApp

Wissen Sie, was so alt wie die Menschheit ist? Älter als das Fernsehen, älter als die Schrift, ja sogar älter als das Rad selbst? Ja, das auch, doch was ich meine, ist das Kaugummi! (Wir zählen hier großzügig und der Metapher halber alles, was ohne Schluckabsicht regelmäßig und jeweils für längere Zeit gekaut wurde, zur Kaugummikategorie.)

Im Neolithikum kauten sie zur Entspannung auf Birkenpech (wenn sie damit nicht gerade Pfeilspitzen befestigten oder Boote abdichteten). Die Mayas und Azteken kauten auf Chicle (was heute alle Arten von Kaugummi bezeichnet; hier ein kurzer YouTube-Film (7:50, engl.) zur heutigen Chicle-Produktion, was ebenfalls ein Baumextrakt ist, ebenso wie das Mastixharz, in dem die alten Griechen die Abdrücke ihrer Zähne hinterließen (hier eine einstündige,  problematisierende Reportage zum Kaugummi als globalem Kulturphänomen).

So alt wie die Menschheit ist, derer Teil wir bei allem gelegentlichen Fremdeln eben doch bleiben, so alt ist auch das Bedürfnis des Menschen, auf weitgehend nährstofffreiem Material zu kauen – womit wir natürlich (Sie ahnen es), bei den Nachrichten des Tages wären!

Das schmerzhafte Wort

Eine richtige Politik mag im neusozialistischen Deutschland nicht so recht gelingen (täglich Firmen samt Arbeitsplätzen futschi, Coronapolitik hochnotpeinlich, Verfassungsschutz unterm CDU-Mann versucht im Wahljahr spannende Dinge, demokratische Werte werden mehr so zum sarkastischen Gag, von der Bildung reden wir lieber gar nicht erst) und also tut man, was man in einem Propagandastaat eben erwartet, das getan wird: Man treibt Symbolpolitik.

Die Figuren, die Deutschland seine »Elite« nennt, haben sich in den selbstbewussten Kopf gesetzt (etwa welt.de, 5.3.2021), das wohl schmerzhafte Wort »Rasse« aus dem Grundgesetz zu streichen.

Bislang stand im Artikel 3, dass niemand aufgrund seiner Rasse benachteiligt werden darf. (Übrigens auch nicht aufgrund seiner politischen Anschauung – es wirkt heutzutage wie Hohn. Ja, der Propagandastaat Deutschland torkelt in gefährlicher Schräglage, und das seit einigen Jahren schon – ich gebe dem Pack in gewissen Redaktionen die erste Schuld). Man will nun also das Wort »Rasse« streichen, und stattdessen soll da stehen, dass niemand »aus rassistischen Gründen« diskriminiert werden darf.

Man würde ja gern meinen, dass das Übelste an dieser Symbolpolitik es sei, dass sie echtes Handeln durch ein nur symbolisches Handeln ersetzt, dass sie also quasi Fake-Politik ist (womit jede Berichterstattung über sie eine Art Fake-News darstellt), dass sie das Gute nur andeutet und derweil das Böse gewähren lässt – doch in dieser Unsinnigkeit immerhin geht man in Deutschland den entscheidenden Schritt weiter: Diese Symbolpolitik »setzt Zeichen«, welche in sich selbst überhaupt keinen Sinn ergeben, die selbst als Symbolpolitik versagen und sogar vom eigenen politischen Lager als kontraproduktiv gedeutet werden.

Bis auf die Knochen (durchnässt)

Wie bald alles, was Merkels Murkstruppe anfasst, hat die an praktische Idiotie grenzende Entscheidung zur Grundgesetzverbiegung gleich mehrere beachtenswerte Folgen, die wohl mutwillig ignoriert werden (ich traue diesen Gestalten nicht einmal zu, sie in übler Absicht heimlich einzuplanen).

Sogar von den sonst aller staatsmännischen Vernunft unverdächtigen Grünen hört man einen erstaunlich klardenkenden Einwand: »Die ­Formulierung könne so interpretiert werden, als sei künftig nur eine absichtliche Diskriminierung verboten«, so die Grüne Katja Keul (siehe welt.de, 5.3.2021).

Ich bin kein Linker, welcher ja bekanntermaßen bis auf die Knochen durchnässt dastehen kann, und dennoch stur behaupten wird, dass doch die Sonne scheint und er trocken ist, wenn und weil ein Nicht-Linker im Vorfeld auf den Regen hinwies. Natürlich liegt diese Grüne hier richtig! – Sollte sich noch irgendwer wirklich an den Wortlaut des Grundgesetzes halten wollen (man bedenke etwa das Verbot der Benachteiligung aufgrund politischer Anschauungen im selben Artikel, das die Etablierten einen Dreck schert), dann würde es ab sofort vom Grundgesetz ausdrücklich nicht verboten sein, Systeme zu betreiben, die Menschen aufgrund phänotypischer Eigenschaften aussortieren, solange keinem Einzelnen explizite »rassistische Gründe« nachgewiesen werden können (was etwa bei Konzernen und ihren Algorithmen ohnehin schwer fallen dürfte).

Es könnte für Linke (und ihre Einflüsterer?) durchaus einen Grund geben, eine solche Abschwächung aktiv zu wünschen (ähnlich wie man in den USA versucht, solche Verbote zu streichen; Stichwort »California Proposition 16«): Wenn es nicht mehr verboten ist, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe zu diskriminieren, sondern dies nur »aus rassistischen Gründen« verboten ist, wenn zugleich aber die Benachteiligung von Menschen weißer Hautfarbe per Dekret und Dogma nie als »rassistisch« gilt, dann wird es grundgesetzlich legalisiert, Weiße ganz offen aufgrund ihrer Hautfarbe zu benachteiligen, weiße Kinder aufgrund ihrer Hautfarbe in Schule und Studium zu schikanieren, weiße Unternehmer bei Zuteilung öffentlicher Aufträge zu benachteiligen, et cetera.

Damit nicht allein

CDU und SPD haben sich in Konsequenz darauf geeinigt, die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft aus Grundgesetz-Perspektive legal werden zu lassen – solange diese Benachteiligung nicht »aus rassistischen Gründen« geschieht, was ja kraft linker Dogmen und der orwellschen Umdeutung der Begriffe niemals »rassistisch« sein kann, wenn es Weiße und/oder Deutsche sind, die benachteiligt werden.

Während »Rasse« noch verständlich ist – gemeint sind Eigenschaften wie Hautfarbe und Volkszugehörigkeit – sind »rassistische Gründe« in heutiger Debattenlage ein Kaugummi-Begriff – erstaunlich frei dehnbar und bei näherer Untersuchung weitgehend frei von Nährstoffen (außer man schluckt es aus Versehen herunter, dann ist der Nährwert eher unbeabsichtigt).

»Rassismus« und »rassistisch« sind heute Kaugummi-Wörter, und das in mehr als einer Hinsicht. Rassismus tut heute so, als wäre es ein Begriff der Moral, doch schnell stellt man fest, dass die Moral simuliert wird, so wie der Kaugummi eine Simulation richtiger Nahrung ist.

Mancher Kaugummikauer kaut heute einen Minze-Kaugummi, um den nach Zwiebel oder Alkohol riechenden Atem zu kaschieren, und genauso ist es heute eher Regel als die Ausnahme, dass einer Rassismus-Debatten anzettelt, um den Gestank seiner Unfähigkeit und gelegentlich blanken Korruption zu verdecken.

Kaugummi beschäftigt die Kiefer, und das Draufherumkauen lenkt vom Essen ab. Zuckerfreier Kaugummi kann vielleicht sogar schlank machen – und Rassismus-Debatten halten ja buchstäblich ebenfalls die Kiefer beschäftigt, und sie halten uns auf jeden Fall moralisch schlank, denn sie halten uns von tatsächlicher Moral ab, wie ein Kaugummi uns (wünschenswerterweise) vom Essen abhält.

Verletzungen im Mund

Jedoch, anders als manches andere dieser Tage, findet die Metapher vom Rassismuskaugummi irgendwann ihre Grenzen; auch das sei hier verzeichnet.

Wer sich zur privilegierten Gruppe der Benachteiligten zählt (oder sich zu deren Sprecher erklärt), der kann heute ja Beliebiges für rassistisch erklären. Fototechnologie? Rassistisch! (laut nytimes.com, 25.4.2019) – Geschichtsunterricht? Rassistisch! (laut vox.com, 26.8.2019) – Mathematik? Superrassistisch! (siehe etwa theatlantic.com, 25.4.2017) – Da wir den Kaugummi tatsächlich in den Mund tun, nicht nur im übertragenen Sinn, sind wir bei den Materialien, die wir zur Kaumasse erklären (wichtigste Voraussetzung: die Enzyme im Speichel dürfen es nicht zersetzen), weit wählerischer als die »woke Linke« bei der Auswahl der Unannehmlichkeiten, die als »rassistisch« zum moralischen Abschuss freigegeben werden.

Kaugummi und Rassismusdebatten unterscheiden sich neben der Enge der Kriterien zur Kategorisierung in einem weiteren Punkt: Kaugummi tut manchmal wirklich Gutes!

Das Birkenpech des Neolithikums desinfizierte Verletzungen im Mund und sollte auch allgemein gegen Zahnschmerzen helfen.

Die Mayas kauten Chicle auf langen Jagden, gegen Hunger und Durst.

Manche modernen Kaugummis können wohl helfen, die Zähne ein wenig zu reinigen.

Heutige Rassismusdebatten dagegen, dieses Kaugummi für das Gehirn, sie sind alles andere als dem allgemeinen Wohlbefinden bedienlich, sie vergiften vielmehr eine Gesellschaft, welche sich ohnehin schon arg flau im Magen fühlt.

Rassismusdebatten entfachen ja oft erst, was sie zu bekämpfen vorgeben. (Es hilft nicht, dass ohne »Rassismus« die ansonsten oft erfrischend konzise berufsqualifizierten Rassismusbekämpfer buchstäblich arbeitslos wären, und also überall Rassismus sehen müssen. Es hilft der Debattenqualität desweiteren nicht, dass die Rassismuskeule durchaus kurzfristig als Universalwaffe in Situationen argumentativer Unterlegenheit hilfreich sein kann. Und es hilft ganz-und-gar-nicht, dass sich angeblicher Rassismus Dritter auch prinzipiell als Entschuldigung für eigenes, konzeptuelles Lebensversagen anbietet.)

Kaugummi im Grundgesetz

Sollen wir also protestieren gegen diese weitere, diesmal extra giftige Dummheit, die jetzt sogar grundgesetzlich verankert werden soll?

Sicher, es könnte das eigene Selbstbild stabilisieren, zu Protokoll zu geben, dass man nicht Teil dieses Wahnsinns sein will.

Sollen wir uns in den Weg zu stellen versuchen, jenem, was unabhängig von unserem Dagegensein geschehen wird (oder auch nicht)? Sollen wir unsere Kraft und Zeit opfern? (Das Vorhaben ist übrigens beabsichtigt, aber noch nicht »durch«.)

Nun, was tun Sie, wenn Sie entdecken, das auf einem Stuhl ein alter Kaugummi klebt? – Sie achten zuerst darauf, sich nicht hineinzusetzen. Doch machen Sie es sich zur Aufgabe, ihn abzupuhlen? Wahrscheinlich nicht. Vor allem aber piddeln Sie den fremden Kaugummi nicht vom Stuhl ab und kauen auf ihm herum – nichts anderes aber tut man, wenn man in deren klebrige Debatten mit deren erfundenen, widersprüchlichen und im Effekt bösen Begriffen einsteigt.

Ja, es ist eine Schande, von wem unser Land regiert wird, wie wir vom Vorbild zur Peinlichkeit werden – jedoch: Kaugummi im Grundgesetz könnte bald unser geringstes Problem sein.

Mein Ratschlag – auch an mich selbst! – lautet also: Nehmt es zur Kenntnis, und wendet euch dann wieder den Dingen zu, die nicht nur wichtig sind, sondern die ihr auch ändern könnt.

Haltet eure Zähne auch zwischen den Mahlzeiten sauber, ob mit Birkenpech oder Dentalkaugummi, und kämpft für die Angelegenheiten, für die ihr wirklich verantwortlich seid!

Guter Text?

Diese Texte – bei /liste/ finden Sie alle (bislang) 1,060 Essays! – und der Betrieb dieser Website sind nur mit Ihrer freiwilligen Unterstützung möglich. Es geht einfach und schnell via Kreditkarte oder PayPal – und schon jetzt: Dankeschön!

Jahresbeitrag(entspricht 1€ pro Woche) 52€

Mit Freunden teilen

Telegram
Reddit
Facebook
WhatsApp
Twitter
E-Mail

Dushan tragen

alle Designs: /merch/ →

Wegner verstehen

Alles, was ich schreibe, basiert auf einer bestimmten Philosophie, den Relevanten Strukturen. In diesem Buch erkläre ich Ihnen, wie ich denke.

alle Bücher /buecher/ →

Rasse und Kaugummi

Darf ich Sie via E-Mail darauf hinweisen, wenn ich einen neuen Text schreibe? (Via Mailchimp, gratis und jederzeit mit 1 Klick abbestellbar – probieren Sie es einfach aus!)