10.07.2021

Egal. 🤷‍♂️

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Chris Arthur-Collins
Merkel lädt Verfassungsrichter ins Kanzleramt ein. Demnächst sollen die dann entscheiden, ob es okay ist, wenn Merkel mal eben Wahlergebnisse, die ihr nicht passen, für »unverzeihlich« erklärt. Kann es sein, dass denen inzwischen alles egal ist?
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Es kommt die Zeit im Leben eines Mannes, da muss er sich zugestehen, dass sein liebstes T-Shirt sterben wird. Der Mann kann beschlieĂźen, dieses T-Shirt nicht mehr zu tragen, es aber dennoch im Schrank zu lagern. Er kann entscheiden, das T-Shirt den Weg alles Irdischen gehen zu lassen.

Manche Erinnerung mag mit jenem T-Shirt verknüpft sein, mag sich in das Gewebe eingewebt haben. Ein Riss vom Fußballspiel mit Freunden auf der Wiese. Ein Brandfleck vom Grillen. Motoröl, das einfach nicht herausgeht – und nicht herausgehen soll.

So oder so, der Mann muss loslassen, was nicht zu halten ist. »Es war mir wichtig«, so wird er sagen, »aber jetzt soll die Erinnerung bleiben, doch das Ding selbst soll mir egal sein.«

Und wo wir von Abschied reden und davon, was uns egal sein soll, wären wir wohl bei der Politik angelangt.

Der Beigeschmack

Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden aus einem fernen, gewiss sehr korrupten Land hören, dass der Chef des Staates die obersten Richter zu sich ins Büro einlädt, um mit ihnen fröhlich zu Abend zu essen. So etwas hätte einen »exotischen« Beigeschmack.

Und stellen wir uns zusätzlich vor, dass just zur gleichen Zeit eine Klage vor eben diesem obersten Gericht ansteht, welche die unter demokratischen Aspekten sehr fragwürdige Politik eben dieses Staatschefs zum Gegenstand hat. Der exotische Beigeschmack würde mit streng scharfen Obertönen angereichert, um es höflich zu sagen.

Zuletzt stellen wir uns noch vor, dass der oberste Richter an eben diesem Gericht ein Politiker und treuer Gefolgsmann des Staatschefs ist, der vor seiner Berufung durch linientreue Appelle im Sinne der Regierung auffiel. Spätestens dann würden wir sagen: »Typisch! So geht es eben dort zu, im fernen Korruptistan!« – Tja, etwas sehr Ähnliches passierte dieser Tage in unserem geliebten Propagandastaat, in diesem besten Deutschland aller lupenreinen Demokraten.

Am 30. Juni 2021 empfing die Zerstörerin aus der Uckermark, so bild.de, 8.7.2021, die Richter des Ersten und Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts bei sich im Kanzleramt.

Am 21. Juli werden einige derselben Richter eine Klage gegen Merkel verhandeln.

Bei dem Verfahren gegen Merkel geht es übrigens nicht um die »Ermächtigungen« rund um die Corona-Panik, es geht nicht um das Unrechtjahr 2015 oder gar um Merkels mögliche Verantwortung für die Toten in Folge offener Grenzen. Es geht um Merkels offenen Angriff auf die Werte der Demokratie. Es geht um Thüringen 2020, als Merkel von Afrika aus das Wahlergebnis im Thüringer Landtag für »unverzeihlich« erklärte, woraufhin der demokratisch gewählte FDP-Ministerpräsident zurücktrat und der Mann von der umbenannten Mauermordpartei wieder eingesetzt wurde (siehe Essay vom 6.2.2020: »Kann Merkel-Deutschland sich ›Demokratie‹ nennen?«).

(Der Chef dieses Verfassungsgerichts ist ein gewisser Stephan Harbarth, der nicht nur mit seinen Nebeneinkünften auffiel, siehe Essay vom 30.05.2020, und öffentlich seine Nähe zu Merkel implizierte (siehe cdu-wiesloch.de, 14.9.2013/ archiviert), sondern auch mit großem Pathos für den wenig demokratischen »UN-Migrationspakt« stritt; siehe Essay vom 9.11.2018.)

Wie sollte man?

Man wird schon länger den Eindruck nicht los, dass Merkel das Kanzleramt (also Gebäude, Amt und Personal) als Machtwerkzeug außerhalb demokratischen Gepflogenheiten nutzt. Da wären etwa die merkwürdigen Psycho-Forschungen ausgerechnet im Unrechtjahr 2015 (welt.de, 12.3.2015: »Merkel will die Deutschen durch Nudging erziehen«). Da wäre die Übernahme des Wahlkampfs durch ihre (damalige) »Allzweckwaffe« und (damaligen) Kanzleramtschef Altmaier im Wahljahr 2017 (tagesspiegel.de, 10.4.2017). Da wären Merkels geheime »Hintergrundgespräche« mit ausgewählten Journalisten im Kanzleramt (tagesspiegel.de, 10.11.2019) – wie sollte man eine kritische Berichterstattung erwarten, wenn die Journalisten in die Mechanik des Propagandastaates eingebunden sind?

Wenn Merkel die Herren Richter auf ein Weinchen und einen netten Plausch zu sich ins Kanzleramt einbestellt, dann fühlt sich das für uns zuerst wie ein Machtbeweis an. Es ist ein vulgärer Stinkefinger an die letzten unverbesserlichen Demokraten in Deutschland. Merkel scherzte offenbar nicht, als sie sagte, sie habe vielleicht »ein autoritäres Verhalten« verinnerlicht (siehe Essay vom 25.06.2021). Wie moralisch marode muss aber die »Elite« eines Landes sein, die sich der stammelnden Ex-FDJ-Sekretärin so willig ausliefert?

Von Gleichheit

»Legal, illegal, scheißegal«, so riefen einst Spontis und Antifa (ich erwähnte es im Essay vom 20.01.2020) – heute fürchten wir, dass es das (inoffizielle) Motto Berlins ist (in mehreren Bedeutungen von »Berlin«).

»Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben«, so wird als Zitat dem für den Bau der Mauer verantwortlichen Kommunisten Walter Ulbricht zugeschrieben. Man wird sentimental: Heute versuchen sie nicht einmal mehr, es demokratisch aussehen zu lassen. Es ist alles egal.

Ich wage die These, dass wir Beobachter des Berliner Geschehens die Angelegenheiten weit ernster nehmen als die Akteure selbst. Für die ist der »demokratische Eindruck« wie ein Spiel – ein sehr profitables Spiel – wir nehmen es als heiligen Ernst. Könnte es uns nicht ebenso egal sein, wie es denen offenbar egal ist? Sollte es? (Darf es?!)

Ich ringe nicht erst seit heute mit der Frage ums »Egal-Sein«. Im Mai dieses Jahres schrieb ich noch, es sei »nicht egal, dass es egal ist«. Wie sicher bin ich mir noch?

(Randnotiz hierzu, in eigener Sache: Letztens wollte ich ausprobieren, wie es sich anfühlt »Kanzler Laschet, Vizekanzler Lindner« geschrieben zu sehen – ich tweetete es. Ein Twitterer mit dem Kürzel »@owirschaffendas« antwortete lapidar: »Egal. Alles egal. Völlig egal.« – Die zynische Antwort traf so exakt meinen Nerv, dass ich ihn darum bat, diesen Tweet für ein T-Shirt »klauen« zu dürfen, ganz im grünen Zeitgeist ohne Quellenangabe. Es wurde mir gestattet – und das T-Shirt ist jetzt erhältlich.)

Die Herren selbst

Das Wort »egal« stammt aus dem Französischen (und dort vom lateinischen aequalis). Wir kennen ja den französischen Wahlspruch »Liberté, Égalité, Fraternité«, zu Deutsch: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«. Was mir egal ist, dabei bewerte ich jeden Ausgang der Sache als gleich wünschenswert.

Der Buddha lehrt uns, loszulassen. Man lässt etwa das alte T-Shirt los. Man lehrt sich selbst, dass einem das Weiterleben ohne dieses T-Shirt ebenso lieb ist wie das Weiterleben mit diesem T-Shirt. Sprich: Das alte T-Shirt, dessen Zeit um ist, es soll uns ab da egal sein.

Merkel und ihren Helfern scheinen die Demokratie und das Land egal zu sein. (Ob das Land den Richtern, die bei Merkel zum fröhlichen Umtrunk auflaufen, ebenso egal ist wie der Zerstörerin, das können Sie die Herren ja selbst fragen, wenn die bei Ihnen zum Abendessen vorbeikommen.)

Es ist keine rhetorische Frage, ob nicht auch mir selbst das egal sein sollte.

Oder doch reparieren?

Ich ringe mit mir. Mein »egal. alles egal. völlig egal.«-T-Shirt ist zugleich ernsthaft-direkt und ironisch-gegenteilig gemeint. (Darin darf ich mich »Künstler« nennen, dass ich meine inneren Kämpfe zum öffentlichen Produkt mache, sei es als Essay oder als T-Shirt.)

Ist es egal? Ich will nicht, dass mir »alles egal« ist! Etwas in mir weigert sich, zu akzeptieren, dass Ihr und mein Streben hinsichtlich des Zustands unseres Landes »völlig egal« sind – etwas anderes in mir ahnt, dass es so ist – und dass »egal« ist, ob es mir gefällt.

Es ist immer wieder an der Zeit, alte T-Shirts loszulassen. Ein Land ist doch kein alter T-Shirt! Ich ringe noch mit der Frage, ob ich bereit bin, die Hoffnung auf einen nicht-korrupten, nicht-wahnsinnigen Staat loszulassen.

Ja, ich sage dieser Tage manchmal extra laut: »Das ist mir egal! Völlig egal! Alles egal!« – und ich sage es nur deshalb so laut, um in mir den Widerstand zu wecken.

Ich fürchte den Tag, an dem mir wirklich »alles egal« ist. Solange mir etwas wichtig ist, solange kann ich auf dieses Ziel hin handeln. Solange ich weiß, was mir nicht egal ist, solange ich auf das Wichtig hin arbeite, solange habe ich Hoffnung.

Manche alten T-Shirts sind es wert, geflickt und weiter getragen zu werden, denn sie sind nicht egal.

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