28.03.2022

»Hoffnung« – wisst ihr noch?

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Foto von Francesco Ungaro
Wisst ihr noch? Die Welt war etwas friedlicher mit Präsident Trump. Unabhängig vom Mann mit der Fönfrisur hatten wir eben noch eines: Hoffnung. – Und jetzt? Es gibt keine Hoffnung, außer wir schaffen sie selbst.
»Hoffnung« – wisst ihr noch?
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Info: Zum Titel dieses Essays, »›Hoffnung‹ – wisst ihr noch?«, gibt es auch ein T-Shirt-Design!

Die Welt war schien doch etwas friedlicher zu sein, damals, mit Präsident Trump. Es fühlt sich ja heute an, als wäre das tausend Jahre her. Etwas in mir will nicht akzeptieren, dass es vorbei ist. Eine andere Dimension, ein anderes Universum. Eine nicht-genommene Abzweigung im sich fortwährend verästelnden Baum der Möglichkeiten.

Es ging ja nicht nur um den einen Herren, um diese ultralaute TV-Persönlichkeit mit fragwürdiger Frisur. Es ging doch (und geht noch immer) darum, dass wir vor kurzem noch Hoffnung hatten, die Gewissheit einer Möglichkeit, dass es nicht so sein würde, wie es wurde.

Sicher, auch damals wurde in der Welt gekämpft, in Syrien und so. Trump ließ immerhin die »Mother of all bombs« in Syrien abwerfen (theguardian.com, 15.4.2017). Aber zumindest war nicht Krieg in Europa! – Ja, ja, das mag zynisch klingen, wahrscheinlich ist es sogar zynisch, doch Zynismus allein macht es nicht falsch in der Sache – und, seien wir ehrlich: Ist es emotional falsch?

Trump warnte uns, wie gefährlich die Abhängigkeit von Putin sein kann. Die lupenreinen Demokraten, die über uns herrschten und weiter herrschen, sie lachten nur (siehe Essay vom 8.3.2022: »Trump warnte, Maas lachte, Trump behielt recht«). Was für ein Versagen! Was für ein Versagen auch in der ersten und letzten Aufgabe, »a mensch« zu sein. (siehe auch englische Wikipedia zu »mensch«)

Uff.

Im Jahre 2020, kurz vor der sogenannten »Wahl« in den USA, zitierte ich einen US-Leser zur dortigen Stimmung:

Alle wissen, es kann nur noch der grosse Krieg kommen. (Leserzitat aus dem Essay vom 10.11.2020)

Nein, die Welt war wahrlich auch damals nicht total friedlich. Wir wussten jedoch, dass im Weißen Haus einer saß, der das Leben selbst liebte, wie wir (inklusive der Hamburger). Jetzt ist da dieser senile Lügner (sogar CNN gibt es zu dass er lügt!), dieser demente Rassist, dieser Systemling, der seit Jahrzehnt in jeder Beurteilung außenpolitischer Entscheidungen und Konsequenzen notorisch falsch liegt.

Herr Biden ist der schlechtest mögliche Außenpolitiker, und das war er noch bevor er senil wurde, und auch das ist seit langer Zeit bekannt, lange bevor der Sumpf ihn zum »Präsidenten« erklärte, siehe etwa theatlantic.com, 31.1.2012: »Joe Biden’s History of Making the Wrong Call«.

Putin hat die Ukraine angegriffen, und schon jetzt übertrifft die Verwüstung alles, was sich »einfach so« reparieren ließe (siehe etwa haaretz.com, 24.3.2022). Die Todeszahlen allein auf russischer Seite insgesamt sollen inzwischen fünfstellig sein. Das heißt: Bei mehr als zehntausend Familien in Russland und der Ukraine wird zum nächsten Familientreffen ein Mensch fehlen, und das nicht nur, weil er gerade keine Zeit hatte, sondern weil dieser schlicht nicht mehr existiert.

Wie reagierte die Regierung der USA? Der senile Trottel Joe Biden drohte dieser Tage mit dem »Regime Change« in Russland, also der zwangsweisen Absetzung des Herrn Putin:

For God’s sake, this man cannot remain in power. (US-»Präsident« Joe Biden über Vladimir Putin; nach theguardian.com, 26.3.2022)

Soso.

Wenn es nur nach der trotteligen Äußerung des Totalausfalls Biden ginge, hätte Putin nun gar keine andere Wahl, als notfalls alles zu opfern, um seine Macht zu verteidigen.

Später ruderte man in den USA zurück. Der verwirrte Herr im Weißen Haus hat das alles wohl nicht so gemeint (theguardian.com, 27.3.2022).

Uff.

Weltkrieg abgewendet.

Weniger direkt

Ach, es ist lächerlich, wenn sich ein jeder Hanswurst die Taten der Großen und Genialen anzieht, und behauptet, »wir als Menschheit« hätten dies oder das getan, aber so ist es eben Brauch: Wir als Menschheit sind auf dem Mond gelandet und haben Symphonien geschrieben, doch es ist uns bislang nicht gelungen, ein Herrschaftssystem aufzustellen, das nicht von der geistigen Stabilität einiger vollständig weltfremder Individuen abhängt.

Putin hat in der Ukraine auf mörderische Weise zu »optimistisch« geplant. Sein Militär blutet stärker, als man es ihm prophezeit hatte. Die 2018 von der Trump-Administration für die Ukraine freigegebenen Javelin-Anti-Panzer-Missiles (dsca.mil, 1.3.2018) richten größeren Schaden an, als man vermutlich im Kreml erwartet hatte. Russland hat »nur« etwas mehr als vier mal so viele Soldaten wie die Ukraine; 900.000 vs. 200.000 (so z.B. cbc.ca, 26.2.2022; Russland hat zusätzlich etwa 2 Millionen »Reservisten«), allerdings ist erstens ein Teil der russischen Armee anderswo eingebunden, und zweitens wird die Motivation der russischen Soldaten im zweiten Monat der Besatzung vermutlich nachgelassen haben – spätestens, wenn die jungen Soldaten sich für immer von Freunden und Kameraden verabschieden mussten.

Wenn »der Westen« klug wäre, würde er Putin eine Möglichkeit bieten, seine Truppen gesichtswahrend zurückzuziehen. Man würde dem Schauspieler Zelensky ein angepasstes Drehbuch in die Hand geben (immerhin ist es angeblich bereit, über einen neutralen Status der Ukraine zu reden; siehe u.a. foxnews.com, 28.3.2022).

Es braucht ein Script, dass beide Seiten irgendwie als »Sieger« dastehen lässt (siehe Sun Tzu) – und das Sterben beendet. Es ist ein unheiliger Domino-Effekt, womöglich auf beiden Seiten: Das Volk soll nicht das Gefühl haben, seine Söhne seien vergeblich gestorben, also führt man weiter Krieg, und immer weitere Söhne sterben.

Übrigens: Ich habe letztens mit Bekannten in den USA gesprochen. Ich war geschockt, wie egal denen der Ukraine-Krieg war. Es fehlte noch, dass sie es aussprechen: »Just get it over with.« – Dann sprach ich mit Freunden hier in Europa, und ihre wahre Haltung war nicht viel anders, nur ihre Sprache war weniger direkt.

Weniger Sorgen

Eine Beobachtung: Wer heute nicht wild und wüst über Putin schimpft, während es Zelensky und das »current thing« preist, kann in den Verdacht geraten, ein »russian bot« zu sein. Es ist fast, als hätten all diese Leute von der ganzen Bibel nur Matthäus 12, Vers 30 gelesen, und auch davon nur den ersten Teil: »Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich«.

Dazu erstens: Ich bin ein Vertreter der »Truhen-Metapher-Moral« (der ich immer wieder einen neuen Namen gebe; ich sprach im Essay vom 16.3.2022 davon); in Kürze: Ich helfe lieber da aus, wo weniger Leute helfen, als dort, wo ohnehin alle mit anpacken.

Vor allem aber, zweitens: Unsere Feinde bereiten mir weniger Sorgen als unsere Freunde, und mehr noch als unsere Freunde fürchte ich uns selbst, unsere Schwäche und unsere Feigheit.

Ich fürchte heute nicht mal mehr den Krieg. Irgendwie war es, irgendwie wird es schon werden. Sicher, Tausende sterben, aber die Konzernmedien werden uns ablenken.

(Auf der oberen Titelseite von bild.de (»first screen«) steht, während ich dies schreibe, kein Krieg mehr, sondern ein inszenierter »Skandal« bei der Oscar-Verleihung. Es wird bestimmt aber bald wieder zum »regulären Programm« zurückgekehrt.)

Woher?

Gewiss kennen auch Sie einige dieser notorischen Optimisten, die immer glauben, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Ich weiß, ich weiß – er ist nervig, dieser Optimismus. Ja, wir wissen auch, dass Optimisten zwar glücklicher sind, aber Pessimisten öfter richtig liegen. Und doch verlässt sich etwas in uns darauf, dass es sie immer geben wird, diese Optimisten mit ewiger Frohmut-Batterie, denn nicht-nur-heimlich hoffen wir, dass wir falsch liegen und die Optimisten richtig.

Es ist mir jedes Mal wie ein Stich im Herzen, wenn ich in jüngster Zeit erlebe, wie die lieben notorischen Optimisten in meinem Bekanntenkreis deutlich leiser werden, weit weniger notorisch in ihrem Optimismus. Ich halte die Luft an, wenn lebenslange Optimisten plötzlich wie ich klingen.

Ich habe mir ein T-Shirt gemacht, und auf diesem T-Shirt steht: »›Hoffnung‹ – wisst ihr noch?«

Früher war mehr Hoffnung, und ich erinnere mich gut daran. (Früher klang auch das alte Wort »Freiheit« heller.)

Die Formulierung »›Hoffnung‹ – wisst ihr noch?«, sie klingt wie Frage, doch es ist noch eine weitere Frage enthalten, die eigentliche Frage, welche lautet: Woher kann uns wieder Hoffnung kommen?!

Nein, von alten Herren mit Fönfrisuren wird keine Hoffnung kommen (auch wenn sie, wie Trumps PAC »Save America« dreistellige Millionenbeträge in der Kriegskasse bereithalten; siehe bloomberg.com, 21.3.2022). – Hoffnung wird es erst dann wieder geben, wenn wir dazulernen und begreifen, dass unsere Hoffnung eine direkte Folge unseres eigenen Handelns ist, unserer relevanten Strukturen, ja, unserer Haltung!

(Ich plädiere weiter dafür, dass wir uns das wichtige Wort »Haltung« aus dem Fake-Deutsch des Propagandastaates zurückerobern – das einst starke Wort »Haltung« darf doch nicht nur für schmieriges Mitläufertum stehen!)

Dies oder jenes

Wäre ich ein Politiker, würde ich Ihnen sagen, warum ich selbst »die Hoffnung« bin. Wäre ich ein »normaler« Essayist, würde ich mich mit der Feststellung begnügen, dass es schlimm ist. – Ich bin ich, und ich sage: Nein, meine (und damit: deine) Hoffnung ist nicht von der Existenz oder dem Erfolg eines Politikers abhängig, sie darf nicht davon abhängig sein, nicht immer und nicht zwingend. Ich verweigere mich auch nachdrücklich der Haltung, dass es keine Hoffnung gibt, weil nun dieses oder jenes (nicht) passiert ist.

Solange wir mindestens in eigener Angelegenheit handeln können, solange wir Entscheidungen treffen und gute Konsequenzen erwarten dürfen, solange besteht Hoffnung, und sei es im Kleinsten. Wenn unsere Hoffnung aber nachhaltig sein soll, werden wir nicht drum herum kommen, uns auch für größere, weitere Strukturen verantwortlich zu erklären.

Die Welt schien einst friedlicher zu sein. Jetzt ist Krieg in Europa. Bald wird etwas anderes sein. (Klingt zynisch und ist zynisch – aber leider nicht dadurch schon falsch.)

Ich fürchte unsere Feinde, doch noch mehr fürchte ich unsere eigene Schwäche. Ich fürchte unsere Fehler mehr als die Erfolge unserer Feinde. Mehr als den Fleiß unserer Feinde fürchte ich unsere Faulheit. Mehr als unsere fremden Feinde fürchte ich uns selbst, wenn wir zu unseren eigenen Feinden werden.

In 4 Wörtern

Ich weigere mich, zu akzeptieren, dass keine Hoffnung mehr sei, dass ab jetzt alles nur noch Krieg und Hinnahme und »so ist es eben« ist.

Ich will klüger werden, um selbst nicht die letzte Hoffnung zu verlieren, ich will einen Weg und eine Möglichkeit finden – für mich und für uns.

Oder, in vier simplen Wörtern: »Hoffnung« – wisst ihr noch?

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