3.4.2020

Kanzlerin, so lange sie will

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Sebastian Pena Lambarri
Falls Merkel eine 5. Amtszeit will, weil sie meint, dass ihr »Werk« noch nicht vollendet sei, wird der GEZ-Staat sie ihr geben? Wenn das Wahlergebnis nicht dazu passt, erklärt sie es dann für »unverzeihlich« – und sich zur Kanzlerin auf Lebenszeit?
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»Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie glücklich macht, oder tugendhaft macht, deshalb für wahr halten«, so hofft Friedrich Nietzsche, und warum ich es Hoffnung und nicht Beschreibung nenne, wird deutlich, wenn wir in Jenseits von Gut und Böse, und dort im Aphorismus Nr. 39, weiterlesen, und weil meine Zwischenrede so lang war, dass wir den Anfang bereits wieder vergessen haben könnten, und während es ein Vorteil von Büchern ist, leichter noch als beim Film »zurückspulen« zu können, aber eben doch anstrengend bleibt, zitiere ich den ersten Satz gleich nochmal mit:

Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie glücklich macht, oder tugendhaft macht, deshalb für wahr halten, die lieblichen »Idealisten« etwa ausgenommen, welche für das Gute, Wahre, Schöne schwärmen und in ihrem Teiche alle Arten von bunten plumpen und gutmüthigen Wünschbarkeiten durcheinander schwimmen lassen. Glück und Tugend sind keine Argumente. Man vergisst aber gerne, auch auf Seiten besonnener Geister, dass Unglücklich-machen und Böse-machen ebensowenig Gegenargumente sind. (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse)

Ach, Orwell steht nicht allein damit, dass man ihm bald vorwerfen könnte, dass das Dystopische seiner Gedanken zu optimistisch war!

Stellen wir uns die Empörung vor!

Wir nahmen ja an (oder hofften wir es, wie Nietzsche?), dass Merkel nach vollbrachtem Werk abtreten würde, dass das Land also eine neue Chance erhielte – und sei es unter der Knute eines Clowns oder eines zufällig erwürfelten Bürgers! Unsere Hoffnung war, bald, nach Merkel und Corona, wieder auf- und durchatmen zu dürfen.

Schon vor dem Virus verloren Menschen ihre Arbeitsplätze, bald wird der Ärger ärger, weit ärger. Doch nun, in der Krise, zeichnet sich ab, dass Deutschland sogar eine Pandemie überleben könnte, dass in den Deutschen eine Resilienz zu finden ist, welche selbst die Zerstörerin nicht voraussah – und also müssen natürlich bei der Ex-FDJ die Alarmsirenen schrillen (vermutlich die DDR-Einheitssirene Typ DS977) – und eine fünfte Amtszeit wird diskutiert (zum Beispiel bild.de, 3.4.2020 (hinter Berliner Bezahlmauer, aber mit Gratis-Heldinnenfoto der Frau M.), oder etwa merkur.de, 3.4.2020).

»Im Krieg offenbart sich der wahre Charakter«, so schrieb ich, und mit »Krieg« mein(t)e ich natürlich »Krise«, und in diesen Tagen offenbart sich tatsächlich, was wirklich in Menschen und ihrer »Haltung« steckt. Der deutsche »Kampf gegen Rechts/Hass« (gemeint: Opposition/Kritik an Regierung) ist nicht der einzige Fall, in dem deutsche Politiker mit moralischem Augenaufschlag kritisieren, was in Deutschland ganz selbstverständlich passiert: Stellen wir uns die Empörung vor, was geschehen würde, wenn Trump die Begrenzung auf 2 Amtszeiten pro Präsident aufheben würde! Putin wurde es im März 2020 via Änderung der russischen Verfassung möglich, eine fünfte Amtszeit dran zu hängen, und prompt werden Leute zitiert, die von einem »Staatsstreich« sprechen (sueddeutsche.de, 10.3.2020). Wir lesen ganz empört, dass Putins »System« »allein auf seinen Machterhalt ausgerichtet« sei (zeit.de, 23.3.2020). – Dass aber in Deutschland die Kanzler heute praktisch so lange regieren können, wie sie wollen und wie sie den Staatsfunk mindestens ideologisch auf ihrer Seite haben, von gesetzlichen Limits unbehelligt, so lange wie die Propaganda die Wähler auf Kurs bringt und die Opposition dämonisiert, und dass auch in Deutschland das System Merkel wenig mehr als Merkels Macht im Fokus hat – all diese Ironie übersehen die Empörten.

(Randnotiz: Nebenbei erfahren und sehen wir, wie in Moskau am Flughafen die Corona-Proben der Gelandeten sofort bearbeitet werden (sueddeutsche.de, 20.3.2020) – im merkeligsten Deutschland aller Zeiten bleibt das ein utopischer Traum.)

»Unverzeihlich«?

Deutschland ist nicht Russland, China oder die Türkei – noch kann man »Merkel macht Deutschland kaputt« ausrufen (doch bereits jetzt hat man Angst, dies allzu öffentlich zu tun – fragen Sie Leute wie Lucke, Maaßen oder Kemmerich, wie es um Rede-, Meinungs- und sonstige Freiheit in Deutschland wirklich steht, sobald die Schläger-Trupps der »Antifa« aufmarschieren; manchem Demokraten ist es ein weiteres Mal kalt den Rücken herunter gelaufen, als eine Grünen-Politikerin im Bundestag beklagte, dass »Antifa-Gruppen« ihre »Arbeitsverträge« nur »von Jahr zu Jahr« abschließen können, siehe YouTube). – Deutschland bewegt sich aber in die Richtung von Zuständen, welche deutsche Politiker und Journalisten, wenn sie denn anderswo geschehen, als undemokratisch brandmarken würden (außer sie geschehen in Ländern, zu denen Deutschland augenscheinlich »besondere« Beziehungen pflegt, uns könnte spontan der Iran einfallen).

Falls Merkel eine fünfte Amtszeit will, wird der Staatsfunk-Staat ihr diese bescheren – würden Sie dagegen wetten? Nach dem Demokratie-Skandal von Thüringen (siehe: »Kann Merkel-Deutschland sich ›Demokratie‹ nennen?«), könnten wir uns fragen: Sollte der Staatsfunk darin versagen, die Bürger »auf Linie« zu bringen (wovon niemand ausgeht), und wenn das Wahlergebnis nicht zu einer fünften Amtszeit passen sollte, wird Frau Merkel die Wahl dann eben für »unverzeihlich« erklären – und sich de facto zur Kanzlerin auf Lebenszeit ernennen? (Parallel: Wie wahrscheinlich ist es, dass Staatsfunk-Bonzen mit ihren komfortabel fünfstelligen Monatsgehältern diese drangeben würden, um Frau Merkels Machtanspruch ernsthaft in Frage zu stellen?)

Das renommierte Institut

Merkels fünfte Amtszeit wird, so Merkel es will, durch eine ganz bestimmte Eigenschaft moderner deutscher Denkweise möglich werden.

Erlauben Sie, zur Illustration, gewisse »Empfehlungen« des Gesundheitsministeriums zu erwähnen.

Noch am 19. März 2020 wurde via Staatsfunk verkündet, das es »nur zwei Fälle« gäbe, in denen das »Tragen einer Schutzmaske sinnvoll« sei (@tagesschau.de, 19.3.2020): Wenn man bereits infiziert sei und wenn man »medizinisches Personal« sei. – Woher sollte man aber wissen, dass man infiziert ist, wenn verdachtlose Tests nur für privilegierte Kreise wie Politiker bereitzustehen scheinen?

Am 2. April 2020 dann schien dann auch jene immer merkwürdiger wirkende Unterbehörde des Gesundheitsministeriums, das »Robert-Koch-Institut«, seine Meinung um 180-Grad zu drehen, und zwar wieder einmal genau zu dem, was der Staatsfunk eben noch als »Panikmache« von »Rechten« abgetan hatte. »Das Robert-Koch-Institut hat seine Einschätzung für das Tragen von Mundschutz geändert«, lesen wir bei deutschlandfunk.de, 2.4.2020.

Österreichs Kanzler sagt: »Nachdem es anfangs einige Kritik an unseren Plänen gegeben hat, den Nasen- und Mundschutz für Supermärkte einzuführen, ändert nun auch das renommierte Robert-Koch-Institut in Deutschland seine Meinung« (@sebastiankurz, 2.4.2020), und es fällt schwer, im Ausdruck »renommiert« nicht gewissen Sarkasmus zu hören.

Man müsste über erstaunlich wenig Lebenserfahrung verfügen, um nicht eine bestimmte Motivation hinter den Beschwichtigungen zu ahnen. Wie der Fuchs in Äsops Fabel, der die ihm nicht zugänglichen Trauben für sauer erklärt, so erklärt die Regierung, die nicht in der Lage ist, Schutzmasken in ausreichender Zahl aufzutreiben, diese ebenfalls für »sauer«. Die Masken würden die Träger eher »in falscher Sicherheit« wiegen, so heißt es.

Wenn die deutsche Autoindustrie nicht in der Lage wäre, Gurte herzustellen, würde die deutsche Propaganda verkünden, dass Sicherheitsgurte »nicht hundertprozentig« schützen, also in »falscher Sicherheit« wiegen und daher eher abzulehnen seien, zwangsfinanzierte »Satiresendungen« würden Gurtbenutzer als »rechte Trottel« veralbern, im Abendprogramm würden die Bürger dazu aufgerufen, ohne Gurt zu fahren, um ein »Zeichen gegen Rechts« zu setzen – bis die Gurtproduktion wieder anliefe, woraufhin man von heute auf morgen wieder das Gegenteil behaupten würde und die Gurtpflicht wieder einsetzte, und wer dann Zweifel am Gurt hätte, der würde dann als »Rechter« gelten, und als »Gurtleugner« dazu.

Länger schon

Wenn Merkel eine fünfte Amtszeit will, wird sie eine fünfte Amtszeit bekommen, aus demselben Grund, warum die Mehrheit der Deutschen heute glaubt – oder praktisch glaubt, sprich: hinnimmt – dass gestern Masken sinnlos waren, heute aber durchaus sinnvoll sein können: Die wahlrelevante Mehrheit der Deutschen glaubt alles, was mit Autorität sprechende Figuren in Film und Fernsehen ihnen sagen – länger schon.

(Fast schon amüsante Randnotiz: Eine gewisse Produktionsfirma produzierte einst Propaganda-Bewegtbilder für Hitler, heute arbeitet die Tochter eines bekannten Politikers für jene Firma, und man produzierte etwa den Film »Aufbruch ins Ungewisse« für den deutschen Staatsfunk – ein Film, zu dem man Kommentare wie »einfältige Propaganda« hörte; Quellen dazu im Essay »2018, 1984 und die einfachen Wahrheiten«. Nicht, dass jemand aus den einen Kontinuitäten auf andere schließt, das wäre geradezu frech!)

Trost von Nietzsche

»Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie glücklich macht, oder tugendhaft macht, deshalb für wahr halten«, so schrieb Nietzsche – ach, wenn es nur universell wahr wäre!

Für einen bestimmten Menschentypus fühlt es sich sehr, sehr gut an, Teil der Masse zu sein, in der Masse aufzugehen, »Wir sind mehr!« zu brüllen, und am Abend dann vom Mann im Fernsehgerät gesagt zu bekommen, was heute die Tageswahrheit ist.

Nichts ist nur deshalb wahr, weil die Masse es sagt. Nichts ist nur deshalb klug, weil die Behörden oder die Propaganda es verkünden – morgen könnten sie dann das Gegenteil sagen – was sagt das aber über dich aus, wenn du ihnen gestern geglaubt hast, ohne den Inhalt ihrer Worte geprüft und hinterfragt zu haben?

Herr Nietzsche schränkt das »Niemand« ja schnell ein – eine Gruppe schräger Gestalten könnte es eben doch glauben, nämlich »die lieblichen »Idealisten« etwa«, »welche für das Gute, Wahre, Schöne schwärmen und in ihrem Teiche alle Arten von bunten plumpen und gutmüthigen Wünschbarkeiten durcheinander schwimmen lassen«.

Was aber, wenn diese schrägen Vögel einen wahlrelevanten Teil der Bevölkerung stellen? Was, wenn eine ausreichende Zahl der Menschen alles glauben wird, was »die da oben« ihnen sagen, weil es sich für sie gut anfühlt, zu gehorchen, im geistigen Gleichschritt zu marschieren (und manchmal nicht nur im »geistigen«), weil ihr Weltbild so poetisch wie treffend beschrieben ist mit dem »Teiche«, in dem sie »alle Arten von bunten plumpen und gutmüthigen Wünschbarkeiten durcheinander schwimmen lassen«?

Wenn das Richtige und die Wahrheit dadurch definiert ist, was sich »gut anfühlt«, dann waren wir schon immer im Krieg mit Ozeanien, dann waren Masken gestern sinnlos und morgen werden sie sinnvoll, dann wird Frau Merkel selbstverständlich eine fünfte Amtszeit erhalten, denn alles andere wäre »unverzeihlich«.

Wer heute Tag für Tag, metaphorisch gesprochen, einen Fuß gerade vor den anderen setzt, und auch im Sturm von Viren und Lügen darauf Wert legt, dass jeder Schritt sich sinnvoll aus dem Vorherigen ergibt und kein Schritt die Realität des Bodens ignoriert, denn dann fällt man schnell auf die Nase, der wird sich regelmäßig in der denkbar schmerzhaften Lage finden, der Menge und Masse zu widersprechen.

Kann Nietzsche uns Trost spenden, kann er aus dem kühlen Grab den brennenden Schmerz der Nochlebenden lindern? – Nun, er kann uns Worte für unseren Schmerz geben, was den Schmerz dann doch erträglicher macht: »Glück und Tugend sind keine Argumente«, so schreibt er, und dann weiter: »Man vergisst aber gerne, auch auf Seiten besonnener Geister, dass Unglücklich-machen und Böse-machen ebensowenig Gegenargumente sind.« – Selbst zu forschen kann einsam machen, kann schmerzhaft sein (und es gilt weiter: »Denken tut weh«, wie meine Großmutter sagt), doch der Schmerz macht die Ergebnisse noch nicht in der Sache oder in der Moral falsch!

Die stehengebliebene Uhr, die zweimal am Tag die »richtige« Uhrzeit anzeigt, zeigt in diesen Momenten dann eben auch die richtige Zeit an, und dies wird nicht schon dadurch falsch, dass die Anzeige der Uhr nicht mit dem verbunden ist, womit wir erwarten würden, dass sie verbunden sein sollte (dem Vorbeistreifen der Zeit). Entsprechend, bekräftigend: Nichts ist nur deshalb wahr, weil Regierung oder Staatsfunk es sagten – doch auch nicht nur deshalb falsch! (Ein »pragmatischer« Begriff der Wahrheit schließt ja nicht aus, dass das Gesagte in korrekter Korrespondenz zur »realen Realität« steht, so »zufällig« das Gesagte sein mag!)

Defekte Uhr, richtige Uhrzeit

Wer selbst denkt, wer seine Meinung selbst formt, wer sich selbst der Wahrheit nähert, der ist selbst dann einsam, wenn die »offizielle« Wahrheit sich für ein paar Tage der Wahrheit annähert, die wir uns nach bestem Wissen und Gewissen erarbeitet haben.

Die stehengebliebene Uhr, die zweimal am Tag die »richtige« Uhrzeit anzeigt, zeigt in diesen Momenten eben die richtige Zeit an.

Es werden stürmische Zeiten bleiben, noch eine gute Zeit lang, auch lange nachdem dieser »unsichtbare« Sturm mit seiner sehr sichtbaren Verwüstung vorbeigezogen ist.

Selten war unser Motto wichtiger – und wir dürfen dann doch ein wenig stolz sein, unsere Wahrheit und unsere Motivation nicht wie Fahnen im Wind gedreht zu haben, sondern seit einiger Zeit schon denselben Weg zu gehen: Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst!

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