Dushan-Wegner

11.04.2023

Unsere Tempelchen zwischen den Ruinen

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Wo baust du deinen Tempel?
Als Deutsche für Grundrechte und gegen Corona-Schikane demonstrierten, schritt die Polizei knallhart ein. Aber wenn »Gruppen« auf Arabisch »Tod den Juden« skandieren, guckt die Polizei lässig zu. Was BEDEUTET das?
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Stellen Sie sich ein Feld vor, am Fuß eines Berges. Rätselhafterweise stehen auf diesem Feld viele Ruinen. Hunderte von Ruinen. Doch es sind besondere Ruinen: die Ruinen Hunderter kleiner und einiger großer Tempel.

Viele Generationen haben dort viele Tempel gebaut. Unzählbare Stunden an Arbeit, steingeworden. Doch jetzt sind es Ruinen, verlassen und traurig.

Durch das Feld mit den Geistertempeln hindurch führt ein Weg, und er führt nach oben, hoch zum Gipfel eines Berges. Jedoch, die Ruinen dieses Tempelackers wirken auf den Wanderer wenig einladend – und so kehrt mancher wieder um.

Auf gewisse, metaphorische Weise wandle ich zwischen den Ruinen. Ich will diese Metapher bald erklären – zuerst aber eine aktuelle Nachricht!

Berliner Traditionen

In Berlin marschieren junge Männer durch die Straßen und sie brüllen auf Arabisch, dass sie Israel und Juden lieber tot sähen (bild.de, 9.4.2023). Die Polizei ermittelt ein klein wenig, Politiker tun ein klein wenig empört (berliner-zeitung.de, 10.4.2023), und bald wird es sich fürs Erste wieder verlaufen haben, die Männer wie auch die Empörung.

Aufmärsche muslimischer Judenhasser, teils mit Unterstützung linker Antisemiten, sind seit Jahren fester Bestandteil der neuen Berliner Folklore, gerade wenn es in Kreuzberg und Neukölln passiert. Judenhass in Neukölln verbieten? Und als Nächstes dann das Oktoberfest in München und den Karneval in Köln? Nee, nee. Dit is Berlin. Ich erwähnte es etwa 2018 im Essay »Nein, Muslime sind nicht ›die neuen Juden‹«.

Die Berliner Polizei stand offenbar entspannt daneben, als »Tod den Juden« skandiert wurde. Warum das in Deutschland wieder skandiert werden kann, das ergibt sich recht direkt aus einem peinlichen Tweet des Justizministers, es seien »Gruppen« gewesen, die das gebrüllt hätten (@MarcoBuschmann, 9.4.2023). Die Politik hat Angst davor, zu sagen, wer es ist, der das brüllt, und die Polizei hat Angst davor, dagegen einzuschreiten. Die Polizei selbst berichtete zunächst einmal explizit vom »störungsfreien Verlauf« (tagesspiegel.de, 9.4.2023).

Wenn deutsche Rentner für Grundrechte demonstrieren oder Kinder verbotenerweise Schlitten fahren, ja, dann zeigt die Polizei ganze Härte. Wenn aber »Gruppen« ihre traditionellen Judenhass-Aufmärsche abhalten, dann läuft das für die Polizei unter Folklore – und die Regierung traut sich nicht auszusprechen, was das für »Gruppen« sein sollen. Sind das gar »junge Männer«?

Anderen »Zwängen« unterworfen

Ich fühle mich heute etwas verloren, und ich will Ihnen sagen, wieso. Ich erkläre es mit dem Bild von den Tempelruinen.

Die kleinen und großen Tempelruinen der Metapher stehen für die Bedeutung unserer Wörter und für das Gewicht unserer Debatten. Die verfallene, nur noch sentimental zu ahnende Schönheit der Tempelruinen steht für die Schönheit unserer in Vergessenheit verschwindenden Rätsel.

Im Essay vom 1.11.2022 schrieb ich: »Mein größter Denkfehler im Leben war – und ich bin wahrlich nicht der Einzige damit –, dereinst davon ausgegangen zu sein, dass ›die Menschen‹ im Grunde alle so ähnlich ticken wie ich, und dass wir, wenn wir uns mal zusammensetzen und alles ausdiskutieren, zu befriedigenden Lösungen kommen werden. Und der größte Irrtum, der mir je erzählt wurde, war der ›zwanglose Zwang des besseren Arguments‹ von Jürgen Habermas. – Manche Menschen ›ticken anders‹, sind anscheinend anderen ›Zwängen‹ unterworfen als du.«

Ich wurde mit dem »papiernen Papst« der Protestanten aufgezogen (was meine Wut auf heutige »Protestanten« erklärt; siehe etwa Essay vom 7.4.2023). Ich habe mich immer zur Präzision der Programmiersprachen wie auch der Präzision analytischer Philosophie hingezogen gefühlt (und zur Präzision juristische Sprache, da wo die Juristerei sich noch ernst nimmt).

Jedes Thema und jede Debatte waren für mich wie »Tempel«: Orte der Kontemplation, von denen aus sich jeweils, wenn die Debatte in der Sache und in ihrer Logik redlich geführt wurde, ein Widerschein der ganzen Welt erblicken ließ.

Eine dieser Debatten war auch das »Nie wieder«. Ja, natürlich ist die heutige Negation der damaligen totalen Negation der Menschlichkeit ein Werkzeug, das Wesen des Menschseins selbst zu betrachten – und manches andere mehr.

Diese Debatten sind heute Ruinen, Haufen bedeutungsloser Worte. »Junge Männer« in den Straßen von Berlin brüllen »Tod den Juden«, doch es kümmert die Politik nicht wirklich. (Oder: Gestern schrieb ich von den Grünen, die für die Ukraine eine ganz andere Logik und Wahrheit aufziehen als für Deutschland, und auch das ist kein Skandal, denn auch diese Worte bedeuten nichts mehr.)

Ich fühle mich heute auf metaphorischer, abstrakter Ebene heimatlos – aber nicht allein. Ich irre zwischen Tempelruinen, und dann sehe ich andere Wanderer – etwa genau Sie, die Sie genau jetzt genau diesen Text lesen: Noch haben wir nicht aufgegeben, dass etwas etwas bedeuten kann – aber etwas verloren fühlen wir uns doch.

Kein Pflichtgefühl, kein Schmerz

Lasst uns unsere eigenen, neuen kleinen Tempelchen auf dem alten Tempelacker am Fuß des Berges bauen. Unsere Worte sollen Bedeutung tragen!

Der Berg und sein Gipfel in dieser Metapher aber stehen für die möglichen Erkenntnisse. Der Berg symbolisiert das, was wir wissen könnten, wenn wir nur unsere Denkfaulheit überwinden würden, wenn wir uns von den Ruinen verlassener Bedeutung nicht entmutigen lassen.

Glauben Sie, dass ein »Gipfel« existiert, sprich: dass der Mensch wenigstens die Chance hat, zu verstehen, »was passiert« und »worum es geht«? Ich beschließe, es zu glauben.

An dieser Stelle bin ich versucht, Luther zu paraphrasieren, der ja vom Apfelbäumchen sprach, das er pflanzen würde, selbst wenn er wüsste, dass morgen die Welt unterginge.

In dieser Angelegenheit wäre ein Konjunktiv wie »unterginge« aber ungenau! Es ist keine »Möglichkeit«, es ist schmerzhaft sichtbare Realität, dass Worte ihre Bedeutung verlieren. In Berlin kann Beliebiges skandiert werden, weil Worte nichts mehr bedeuten, weil weder »nie wieder« noch »Tod den Juden« dort noch ein Gewicht haben, weil das eine kein Pflichtgefühl auslöst und das andere keinen Schmerz.

Das Gebrüll triggert kaum mehr als kraftlose Floskeln. Copy & paste vom letzten Mal. Und dann ist auch bitte Ruhe. Bis zum nächsten Mal. Man hat ja auch »richtige« Probleme, den »Kampf gegen Rechts« und so.

Als Zwischenhalt

Einsam wandern wir zwischen Ruinen einstiger Bedeutung.

Und dann spüren wir einen Muskel zucken, spüren einen Funken brennen, der sich stur dem Verlöschen verweigert. Und dann bauen wir doch noch ein neues Tempelchen. Teils nutzen wir alte Steine, und geben ihnen neuen Sinn, teils schlagen wir ganz neue Steine aus dem Fels der Möglichkeit (oder bilden uns zumindest ein, dies getan zu haben).

Ein weiteres Mal will ich heute den guten Luther bemühen, und ich paraphrasiere: Hier baue ich, und ich kann nicht anders – und ich will auch gar nicht anders können!

Die Bedeutung der Worte zerfällt, und die alten Tempel sind alle zu Ruinen geworden. Lasst uns also neue hübsche Tempelchen bauen, hier am Fuß des Berges, als Zwischenhalt für alle, die noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben haben, dass der Gipfel existiert und auch zu erreichen ist.

Weiterschreiben, Wegner!

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