05.01.2023

Nein, es wird nicht – außer …

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Bild: DW via Stable Diffusion
Nein, es wird nicht, nicht von selbst, und schon gar nicht in einer Mehrheit der Fälle! Und wenn Sie meinen, dass »es« das doch tun wird, lassen Sie uns darüber reden, was wir mit »besser« meinen. – Frage unklar? Nicht schlimm, bitte lesen Sie weiter …
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Nein, es wird nicht, nicht von selbst, und schon gar nicht in einer Mehrheit der Fälle!

Es fehlt nicht viel, und ich würde tatsächlich des Nachts schweißgebadet aufwachen, und diese Worte ins Dunkel rufen (worauf gewiss der Hund käme und mir beruhigend die Hand lecken würde). Wie gesagt: Noch ist es nicht so weit – aber es fehlt nicht viel.

»Nein, es wird nicht, nicht von selbst, und schon gar nicht in einer Mehrheit der Fälle!« – es ist die Antwort auf ein vom Philosophen Habermas stammendes Ideal, das ich einst zu glauben lernte.

Jenes Ideal vom »zwanglosen Zwang des besseren Arguments« erwähnte ich 2019, 2020 und 2021.

Und zuvor, 2018, zitierte ich Habermas wie folgt:

Wir unterstellen, dass zurechnungsfähige Subjekte jederzeit aus einem problematischen Handlungszusammenhang heraustreten und einen Diskurs aufnehmen könnten. (Jürgen Habermas, »Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz«, 1971)

Man seufzt. Jener Essay von 2018 trug übrigens den Titel »Talkshows verhalten sich zu Debatte wie Pornographie zu Liebe«.

Das bessere Argument wird sich nicht durchsetzen, nicht aus »eigener Kraft« – außer wir verdrehen die Bedeutung von »besser« in einen darwinistisch-evolutionären Sinn, wonach »besser« ist, was sich durchgesetzt hat.

Sollen doch Andere

Nein, es wird nicht, nicht von selbst, und schon gar nicht in einer Mehrheit der Fälle!

Dass das Bessere sich durchsetzen wird, und dass das, was sich durchsetzte, damit auch das Bessere sei, das ist eine der umfassendsten Lebenslügen des ach-so-aufgeklärten Westens, und sie ist in derart vielen Facetten unserer kollektiven Existenz fundamental, dass ich nicht sagen könnte, wie man sich ihrer spontan entledigen könnte – also will ich es uns immerhin bewusst machen. Sollen doch Andere auf unsere Schultern steigen und das Problem »lösen« – ob diese »Anderen« nun Menschen oder Roboter sein werden.

Es scheint ein Grundgedanke etwa der Demokratie zu sein, dass das Volk wählt, wer es am besten regieren wird. – Ach, zum bislang ewig aktuellen politischen Elend siehe etwa meinen gestrigen Essay »Frau L. gewinnt viele besondere Eindrücke«.

Es ist das Versprechen des Kapitalismus, dass die »unsichtbare Hand« (Adam Smith, siehe Wikipedia) oder »der Markt« (FDP, siehe Sonntagsreden) die beste Lösung für der Menschen große und kleine Malaisen finden wird. – Die Realität ist, dass Qualität eher akzidentell ist, und sich die profitabelste Lösung durchsetzen wird. Wenn Haushaltsgeräte früher jahrzehntelang hielten, aber heute gerade so bis zum Ablauf der Garantie, und Batterien in Smartphones ganz selbstverständlich nicht vom Kunden austauschbar sind, dann wissen wir, dass der Markt die Dinge vielleicht »besser« macht, doch wir fragen uns: besser für wen?

Betrachten Sie Ihr eigenes Umfeld, Ihre Stadt, Ihr letztes Meeting, Ihre letzte Verhandlung – das »Bessere« setzt sich nur dann zuverlässig durch, wenn wir »besser« so selbstbewusst wie zirkulär als »besser ist, was sich durchgesetzt hat« definieren.

Es wird sich durchsetzen, was sich durchzusetzen vermag – in der Politik etwa der und das, wer und was »Sitzfleisch«, »Beharrungsvermögen«, »den richtigen Riecher« oder schlicht genug »moralische Flexibilität« besitzt – nicht der, der am ernsthaftesten daran interessiert ist, nicht nur sein, sondern auch das Wohl des Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden.

Jemand oder etwas

Nein, es wird nicht, nicht von selbst, und schon gar nicht in einer Mehrheit der Fälle!

Ein Argument ist immer nur ein Katalysator, und es braucht einen Reaktanten, eine Vernunft etwa, innerhalb derer es als Auslöser einer – hoffentlich vernünftig zu nennenden – Handlung fungiert.

Weil aber das bessere Argument in einer von Staatsfunk und Konzernmedien immer wieder aufs Neue erschreckend vulgär gehaltenen deutschen Denkkultur sich nicht »von selbst durchsetzen« wird, braucht es eine Konkurrenz der Ideen.

Jemand oder etwas muss richten, muss urteilen, wer oder was »besser« ist – und wir sollten für uns befinden, was wir überhaupt besser nennen. Dieser Richter muss aber die Realität selbst sein.

Wer und was, wenn nicht der praktische Vergleich unterschiedlicher Szenarien, soll in einem Propagandastaat, in welchem die »richtige« Meinung vorgegeben ist – und ernsthafte Kritik als »destabilisierend« verfolgt wird – denn prüfen können (oder: wagen), welches von mehreren möglichen Argumenten »besser« ist?

Das eine Kennzeichen

Nein, es wird nicht, nicht von selbst, und schon gar nicht in einer Mehrheit der Fälle!

Zeigen Sie mir einen großen politischen Verbrecher der Geschichte, und ich zeige Ihnen einen Zentralisten.

Ja, gehen Sie es ruhig in Ihrem Kopf durch, und listen Sie alle politischen Großverbrecher auf, von denen Sie je gelernt haben – und Sie werden feststellen, dass dies das eine Kennzeichen ist, das sie eint: Diese Lumpen wollten stets die ihnen unterworfenen Menschen zentral steuern, im wahnhaften Glauben, höhere Mächte hätten ihnen dazu das Recht und die notwendige Weisheit verliehen. Es scheint fast so, als ob die Ideologie und vorgebliche Moral jeweils wenig mehr als billige Schminke war, mit welcher man den immergleichen Zentralismus kaschiert. (Jeder neue Zentralismus will Sie überzeugen, dass er anders ist, dass seine Moral wirklich moralisch, sein Machtanspruch gerechtfertigt.)

Und betrachten Sie im Gegenzug die Freiheitskämpfer und Weisheitslehrer, die im Verlauf der Geschichte für ihre Ideen verfolgt und verachtet wurden, und dann doch ein Publikum fanden, wenn auch zunächst ein kleines, eingeschworenes – immer wieder war ihre Botschaft eine der eigenen Verantwortung, der inneren Emanzipation und Aufklärung, der selbst ergriffenen Freiheit.

Lediglich die Abwesenheit

Nein, es wird nicht, nicht von selbst, und schon gar nicht in einer Mehrheit der Fälle!

Die Bundesrepublik Deutschland wurde stark, als EU und die Grünen noch schwach waren. Deutschlands starke Bundesländer können die linksgrüne »Failed City Berlin« nur deshalb querfinanzieren, weil und insofern sie nicht tun, was Berlin tut.

»Wettbewerb ist lediglich die Abwesenheit von Unterdrückung«, so sagte der französische Ökonom Frédéric Bastiat (siehe Wikipedia). Ein Leben in Unterdrückung, ist das aber überhaupt ein ganzes Leben?

Er ist buchstäblich überlebenswichtig, dieser Wettbewerb – Wettbewerb von Ideen, von politischen Ideen, und, ja, medizinischen Ideen.

Dazu ein Wettbewerb von Vorhersagen zu großen Themen von Migration bis Künstliche Intelligenz – und zu manchen dieser Vorhersagen ist inzwischen heute bereits genug Zeit vergangen, um im Geist des ehrlichen Wettbewerbs zu prüfen – wer mit seinen Vorhersagen regelmäßig richtig liegt – und wer regelmäßig falsch.

Mit gutem Gewissen

Nein, es wird nicht, nicht von selbst, und schon gar nicht in einer Mehrheit der Fälle!

Unser geistiges und körperliches Überleben hängt davon ab, dass sich zumindest oft genug ein Argument durchsetzt, das man mit gutem Gewissen »besser« nennen darf.

Nein, das bessere Argument wird sich nicht von selbst durchsetzen – lassen Sie uns also den guten Argumenten helfen – zum Beispiel, indem wir, ganz im Geist des Wettbewerbs, noch bessere Argumente finden.

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