14.11.2020

Wenn es an der Tür klopft

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Victor He
Deutschland 2020, das bedeutet auch, in Angst vor Denunzianten zu leben. Etwas zu frei seine Meinung geäußert? Maske falsch getragen oder gar Freunde getroffen? Wenn es an der Tür klopft, fragst du dich, wer dich wohl verpfiffen hat.
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Aus Gründen, deren Weisheit und Geheimnis tief in den YouTube-Algorithmen verborgen sind, wurde mir gestern die »Erste Allgemeine Verunsicherung« empfohlen: »Küss die Hand, schöne Frau« – Natürlich drehte ich die Musik laut auf!

»Hach«, rief ich der Familie zu, »das ist ja Musik von früher!« – Prompt spielte ich auch noch Bruttosozialprodukt von Geier Sturzflug vor (auf YouTube angesagt von Dieter Thomas Heck!); als ich etwa neun Jahre alt war lief dieses Lied tatsächlich in ganz Deutschland auf Dauerschleife. Schier unvorstellbar, dass man halb im Spaß und dann doch ganz im Ernst es als kollektive Aufgabe ansehen konnte, das eigene Land wirtschaftlich zu stärken.

Ich denke zurück an MC Hammer – U Can’t Touch This und Vanille Ice – Ice Ice Babyund ich frage mich, ob ich noch die alten Tänze beherrsche. Jahrzehnte später beherrsche ich noch immer weite Teile von Rapper’s Delight.

Ist es nur Nostalgie, wenn ich mich nach einer leichteren, weit freieren Zeit (zurück-) sehne?

Ich sehe das aktuell sehr virale und absolut wunderbare Video eines Herrn mittleren Alters, der auf dem Skateboard zur Arbeit fährt, dazu ein altes Lied von Fleetwood Mac spielt, mitsingt und zwischendurch Preiselbeersaft trinkt (hier das Original auf TikTok) – und ich ahne: Ja, die Zeit und Kultur, die uns prägte, sie roch noch nach Freiheit – und die wenigen »jungen Leute«, die noch nicht von der Propaganda in den Schulen auf Einheitslinie zurechtgezimmert wurden, die nicht mit den Comedians des Staatsfunks nach schwereren Ketten für sich und nach Feuer gegen die Abweichler rufen, die bei denen man noch den Schimmer der Freiheit im Auge blitzen sieht, sie stimmen mir zu.

Von den Nachbarn verpfiffen

In der anderen Realität, in der Realität jenseits von Staatsfunk, Politik und den Lügnern in Berliner Fluren, in der realen Realität spürt man heute eine neue Angst den Nacken der Bürger hinaufkriechen.

Was ist es, das heute Angst macht? Ist es das Virus? Ist es das Virus allein oder auch nur zuerst. – Nein.

Ja, es gibt sie, die Virus-Erkrankten. Doch spätestens seit der US-Wahl wirkt die sogenannte »Pandemie« immer mehr wie ein extra schmutziger politischer Trick, mit dem »der Sumpf« seine Machtziele durchsetzt.

Millionen Bürger in Deutschland haben Angst – doch noch mehr als vor COVID-19 fürchten sie sich vor dem Lockdown, vor der Verlust der Freiheit (und manche der wirtschaftlichen Existenz) im Namen des Anti-Virus-Kampfes.

Millionen Bürger fürchten sich davor, von den Nachbarn verpfiffen zu werden, weil sie sich angeblich in irgendeinem Detail nicht an die täglich wechselnden Regeln gehalten hätten – die Politik ruft ja stellenweise aktiv zur Denunziation auf!

»Teile und herrsche« ist eine so alte wie bewährte Technik des Machterhalts. Nicht nur moderne »postdemokratische« Politik weiß, dass ein durch und durch geteiltes Volk, wo jeder seinen Nachbarn fürchtet – oder denunziert – sich nur schwer verbünden wird, um sich der destruktiven Politik in den Weg zu stellen (wenn der Staat pleite ist und die Stimmung kippt, kann es eben doch passieren – siehe DDR).

Eine Familie oder eine Belegschaft, wo die einen von der Propaganda fanatisiert werden, und die anderen deren Denunziation fürchten, so eine traurige, geteilte Gruppe wird sich nicht zusammenschließen und gegen die Mächtigen erheben.

Mit einem Kleinkriminellen

Unsere Kinder- und Jugendzeit prägen uns fürs Leben. Heute ist eine Zeit, in der man das Uneigentliche mehr fürchtet als das Eigentliche – und so abstrakt es zunächst klingt, es wird das Erwachsensein heutiger Kinder formen.

Wir fürchten die Folgen des politischen Handelns, also des Eigentlichen, doch noch mehr fürchten wie die Folgen unseres eigenen unvorsichtigen Redens über die Folgen der Politik, also des Uneigentlichen.

Wir fürchten uns natürlich vor dem Virus, das Eigentliche, doch noch weit mehr fürchten wir die Maßnahmen gegen das Virus, als das Uneigentliche. (Das Virus offenbart ja tägliche neue »magische« Eigenschaften, die immerzu dem »politischen Sumpf« zu dienen scheinen – zuletzt etwa, indem die Impfung pünktlich wenige Tage nach der »Wahl« in den USA verkündet werden konnte.)

Wir erleb(t)en es ja täglich vor den Schulen in den »besseren« Gegenden, wenn Kinder in der Schule von Umweltschutz und Verzicht reden, unter großem Applaus der wahrscheinlich grünwählenden Eltern – um dann von ihrem Eltern im SUV abgeholt zu werden – zwei Tage vor Ferienanfang auch schon mal direkt zum Flughafen fahrend. Das Eigentliche, also was wirklich getan wird, es fühlt sich heute unwichtig an – und erschreckend unwirklich.

Nota bene: Ich kritisiere hier nichts am Verhalten der erwähnten Einzelnen. Feine Autos sind fein. Der Flug übern Horizont ist gut für eben jenen. Gerade als Familie sollte man nicht immerzu den Helden spielen; es ist nicht dumm, schlicht zu sagen, was man sagen muss, um in Ruhe gelassen zu werden.

Jedoch: Dass das Doppelleben heutiger Familien und Kinder für den Einzelnen ethisch zu rechtfertigen ist, ändert nichts an der folgenreichen Tatsache, dass Kinder, die in einer zwischen »Eigentlichem« und »Uneigentlichem« gespaltenen Welt aufwachsen, in einer Welt der Lüge leben – und damit der Angst vor der Aufdeckung der Lüge.

Der Staatsfunk meldet, dass die Familienministerin Giffey auf ihren Doktortitel »verzichtet« (tagesschau.de, 13.11.2020) – sie will vermutlich einer Aberkennung wegen der üblichen Plagiate zuvorkommen und natürlich gutbezahlte Ministerin bleiben. Das geringere Problem dabei ist, dass das schlicht nicht möglich ist (man kann nicht auf einen Doktortitel »verzichten«, er ist Teil des Namens und kann nur aberkannt werden), in der Sache nicht und moralisch erst recht nicht. Die SPD Berlin spricht der Parteikomplizin ernsthaft »Respekt« dafür aus (@spdberlin, 13.11.2020).

Es ist wie wenn ein Ladendieb, nachdem er erwischt wurde und ein Jahr lang leugnete, plötzlich erklärt, er wolle auf seine Beute »verzichten« und nun möge man ihn gefälligst in Ruhe lassen. Der Vergleich eines betrügerischen Doktoranden mit einem Ladendieb ist nicht von mir, siehe sueddeutsche.de, 23.2.2011: »Oppermann verglich Guttenberg mit einem Kleinkriminellen. Auch ein erwischter Ladendieb könne sich nicht damit herausreden: ›Das war mein zweites Ich, das gerade schlampig eingekauft hat.‹« – Das Eigentliche ist in beiden Fällen recht ähnlich, das Uneigentliche aber ist verschieden (die Parteizugehörigkeit, Frau Dr. Giffey ist keine Machtbedrohung für Merkel, et cetera).

Das Eigentliche, also diejenigen Aspekte, welche wirklich unsere Zukunft formen, und das Uneigentliche, also etwa wie wir über das Eigentliche reden, um akzeptierter Teil des Gesprächs zu bleiben, es fällt gefährlich auseinander, und dass es konstant auseinander fällt bis wir kaum noch wissen, was was ist, das prägt uns mehr als uns gelegentlich bewusst ist – und es prägt die nächste Generation.

Kinder, denen das Eigentliche zur Nebensache wird während das Uneigentliche sich eigentlich anfühlt, gehen mit einer schweren Last ins Leben. Mancher wird verbogen, bevor er je gerade war.

Um die hier anwendbaren Passagen der Relevanten Strukturen in einem Satz zusammenzufassen: Was wir »Glück« nennen, ist (am ehesten) das bewusste Wissen, dass die uns relevanten Strukturen »konzentrisch geordnet« sind.

Kinder, deren Leben konstant in Eigentlich und Uneigentlich auseinander bricht, welche Strukturen sollen sie wirklich als relevant empfinden?

Das Eigentliche, der Respekt

»Ich bin so froh, alt zu sein, wenn die #GenerationCorona ihre Kindheitstraumata verarbeitet…«, sagt Thilo Schreiber (@ThiloSc, 14.11.2020).

Ich denke nicht, dass eventuelles Eingesperrtsein mit den Eltern allein das ärgste Trauma ist. (Damit ist nicht gesagt, dass es kein Problem sei!)

Zwischen den politisch korrekten Lügen um Migration und der Politik ums »magische Virus« existiert ein wichtiger Unterschied: Wenn man Glück hatte, kann es bis heute sehr gut sein, dass man kein einziges Mal persönlich mit den negativen Folgen dieser linken Lügen in Kontakt kam. Der Lockdown wird wahrscheinlich viel mehr Menschen betreffen. Viel mehr Menschen werden es erleben, dass ihre Leben durch eine Quarantäne-Maßnahme auf den Kopf gestellt wird. Und dann werden sie in die Situation geraten, das Eine zu tun und das Andere vorzuspielen, dann wird das Eigentliche und Uneigentliche auseinanderbrechen.

Tja, es sind andere Zeiten.

»Küss die Hand, schöne Frau«, das zu sagen gälte heute als sexuelle Beleidigung. Mit dem Uneigentlichen, der Form, starb auch das Eigentliche, der Respekt.

»Wenn früh am Morgen die Werksirene dröhnt«, so sangen wir einst, doch die Zahl der dröhnenden Werksirenen in Deutschland wird täglich weniger – das Bruttosozialprodukt interessiert nicht mehr, wir arbeiten am Brutto-moral-produkt.

»Du sagst, dass du deine Freiheit willst«

Ist es denn nicht wichtig, in welcher Atmosphäre wir, die »Großen« leben? Sind wir denn nicht auf gewisse Art selbst wie Kinder, die jeden Tag neu anfangen? (Werden wir von den Weisen nicht sogar explizit dazu aufgerufen, wieder »wie die Kinder« zu werden?)

Unsere Gedanken besuchen noch einmal Nathan Apodaca, den Skateboarder mit dem Preiselbeersaft, und wir hören nochmal rein, in »Dream« von Fleetwood Mac:

Now, here you go again
You say, you want your freedom
Well, who am I to keep you down

Zu Deutsch etwa: Nun, hier sind wir wieder! Du sagst, dass du deine Freiheit willst; wer wäre ich, dich zurückzuhalten…

Es ist ein Song über den Schmerz, der aus Abschied und vergangener Liebe geboren ist. Wir blicken zurück, und wir wünschen uns, schon damals gesehen zu haben, dass einige Augenblick lang »die Kreise geordnet« waren.

Monty Python würden heute ja als »rechtsextrem« gelten und »gecancelt« werden – ja, es ist fast schon Liebeskummer, wie ich die Freiheit und Freude vermisse.

Wir wollen unsere Freiheit wieder! Wir wollen sagen dürfen, was wahr ist. Wir wollen Spaß machen dürfen, ohne den Henker politischer Korrektheit zu fürchten. Es ist kaum in Worte zu fassen, und wir hätten nicht gedacht, dass wir es je würden sagen müssen: Wenn wir uns daheim mit Freunden treffen und es an die Tür klopft, wollen wir nicht fürchten müssen, dass der missmutige Nachbar uns bei der Polizei verpfiffen hat.

Nein, ich denke nicht, dass diese Zeit »stabil« ist. Gesellschaften, deren Bürger in Angst leben und immerzu rätseln, was eigentlich ist und was uneigentlich, sie sind selten kreativ – und also werden sie von weniger unglücklichen Gesellschaften überholt.

Die Zeit, als wir Witze ohne Furcht vorm Zensor erzählten, also wir aus Freude lachten und nicht aus Pflicht, weil es gerade gegen den politischen Gegner ging, damals als unsere Hoffnung nicht schon im Keim von Bedenken erstickt wurde, sie wirkt so fern, dass ich mich frage, ob es sie jemals wirklich gab (ich höre erstmal etwas japanischen City Pop, z.B. auf Apple Music und denke darüber nach).

Es wäre eine neue und dringende Aufgabe, das Eigentliche wieder vom Uneigentlichen zu trennen, den Weizen von der Spreu, das Gold vom Blech.

Wie kann ich verhindern, dass diese Zeit meine Kinder derart prägt, dass sie unglückliche, verbitterte, sich selbst belügende Linke werden? Wie werde ich verhindern, selbst bitter zu werden?

Ich will mich mit neuer Sorgfalt darin üben, das Eigentliche vom Uneigentlichen zu trennen. Und jetzt gehe ich erst einmal mit den Kindern nach draußen, zum Nachmittags-Spaziergang.

Am Abend spiele ich den Kindern dann vielleicht noch ein paar der Lieder vor, bei denen Mama und Papa ganz warm ums Herz wird, weil sie damals dazu tanzten – lange bevor sie sich kannten.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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