Dushan-Wegner

30.04.2024

Lauter Anfänge, keine Enden

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild: »Alle gelesen?«
Mann ersticht Mann. Potenzielle Attentäter kundschaften Städte aus. Minister scheint zu lügen. Islamisten fordern Kalifat. Nord Stream 2 … wir hören es und sind frustriert. Wir wissen, dass jede dieser Storys sich »verlaufen« wird. – Warum eigentlich?
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Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten – ihr kennt diese Worte. Ihr habt sie wohl auch dann schon mal gehört, wenn ihr den Rest des dazugehörigen Buches noch nicht gelesen habt.

Es ist der Anfang von »A Tale of Two Cities« – »Eine Geschichte von zwei Städten«.

Ein anderer Buchbeginn: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« – Ja, so beginnt die Bibel.

Manche Anfänge sind derart meisterhaft und also wohlbekannt, dass schon ihre ersten Worte – also der Anfang des Anfangs – genügen, uns den Rest mitsprechen zu lassen. Von Franz Kafka etwa, Die Verwandlung: »Als Gregor Samsa eines Morgens …«

Aus dem ersten Satz soll sich der Rest der Story entwickeln, wie der kleine Same zum stolzen Baum wird. Und wenn schon der erste Satz nicht wie ein Donnerhall durch die Kulturgeschichte klingt – trotz aller redlichen Mühe des Schreibers –, dann muss umso mehr die erste Szene eine Frage stellen, welche den Leser nicht loslässt, bis der Erzähler nach Irrungen und Wirrungen die Auflösung liefert.

Erste Szene

Die Film- und Buchgattung »Whodunnit« trägt den Typ der Anfangsfrage bereits im Gattungsnamen. Etwas Kriminelles ist passiert – und dann begleitet das Publikum die Helden auf der Suche nach dem Täter.

Abenteuergeschichten wie »Indiana Jones« sind getrieben von der Suche nach einem alten, mythischen Objekt oder wie der »Da Vinci Code« von der Suche nach der Lösung für ein altes, mythisches Rätsel.

Ja, es ist Teil unserer Medienkompetenz, zu Beginn eines Buches oder Films auf die gestellte Frage zu achten und dann zu entscheiden, ob uns die Suche nach der Antwort auf diese Frage interessieren wird. (Das ist die Aufgabe von Klappentexten und Filmtrailern: den Leser für die Frage und die Art ihrer Beantwortung begeistern.)

Die Spannung

Wenn die Frage aber einmal gestellt ist und uns ergriffen hat, dann wollen wir die Auflösung erfahren – und wollen genießen, wie es zur Auflösung kommt. Wir genießen das erste Erarbeiten der Lösung – und deshalb hassen wir so sehr die Trottel, die ihren Mitmenschen das Ende eines populären Werks verraten. Und wenn die Frage wirklich tief und klug und die Auflösung geschickt erzählt ist, dann wollen wir den Antwortweg ein zweites und drittes Mal abgehen – und manche ein dutzend Male und mehr, in verschiedenen Jahrzehnten unseres Lebens.

Doch stellt euch eine Welt vor, in der durch eine metaphysische Katastrophe von allen Büchern und allen Filmen und überhaupt allen Geschichten nur die ersten Seiten und Minuten geblieben sind, also nur jeweils die Frage, alle Antworten und Auflösungen aber verloren gingen!

Wie frustrierend wäre eine solche Welt!

Hänsel und Gretel verlaufen sich im Wald … und dann?

Romeo und Julia verknallen sich ineinander, aber die Eltern sind dagegen … und dann?

Vater und Sohn reiten durch den Wald, der Sohn hört säuselnde Stimmen … und dann?

Das wäre wahrlich eine quälende Welt, in der alle Geschichten nur einen Anfang haben, aber kein Ende – eine Frage, aber keine Antwort.

Womit wir natürlich bei den Nachrichten des Tages wären.

Dann brach der Mann zusammen

Freunde, ich verglich mein Gefühl beim Lesen der Nachrichten dieser Tage – und Jahre – mit dem Gefühl, aus einem hohen Stockwerk gefallen zu sein und im Fallen die Etagen an sich vorbeirauschen zu sehen; der Essay hieß: »Schon wieder eins – und noch eins!«

Heute aber spüre ich in mir zusätzlich noch ein anderes Gefühl. Ich lese die Nachrichten, und es fühlt sich an, wie lauter Romananfänge zu lesen … aber ohne Auflösung!

Etwa diese Schlagzeile: »Attacke in Essen – Lebensgefahr! Mann mit Messer niedergestochen« (bild.de, 30.4.2024).

Der Anfang des Artikels könnte fast Wort für Wort auch der Anfang eines spannenden Thrillers sein: »Blutüberströmt schleppte er sich noch rund hundert Meter bis zu einem Café, dann brach der Mann (63) zusammen«. (ebenda)

Ähnlich bei der nächsten Meldung: »Mit dem Befehl zum Töten kundschaftet Abdelkarim S. Häuser in München aus« (focus.de, 30.4.2024).

Auch da liest sich der Textbeginn wie ein Romananfang: »Eine Gruppe mutmaßlicher Terroristen besteigt einen ICE in Paris und reist nach Deutschland. In München erkundet der Algerier Abdelkarim S. Straßen und macht Fotos von Klingelschildern – im Auftrag des Iran.« (ebenda)

Wie es weitergeht

Manche Meldungen sind zwar zunächst etwas spröde formuliert, doch man kann sich immer vorstellen, wie ein John Grisham aus dem Ansatz einen spannenden Thriller strickt.

Etwa die Meldung von den »AKW-Files«, wonach sich der Wirtschaftsminister »in seinen eigenen Märchen« »verstrickt« (cicero.de, 30.4.2024). (Erklärung: Das Weltbild von Linken ist bekanntlich auf Lügen gebaut, und entsprechend scheint es, dass es der »grüne« Minister in Fragen zum Atomausstieg »mit der Wahrheit nicht so genau« nimmt.)

Jedes dieser Themen stellt große Fragen, allen voran die, wie es weitergeht.

Und hier stellt sich bei mir große Frustration ein: Aus der Erfahrung der vergangenen Jahre und Jahrzehnte ist zu erwarten, dass auf diese furiosen Anfänge keine Auflösung folgen wird, keine Aufdröselung, keine Verfolgung und Bestrafung der Schuldigen, keine finale Offenbarung der wahren Zusammenhänge … und wohl auch kein Happy End.

Die Angelegenheit wird sich »verlaufen«, wie so manche Angelegenheit der letzten Jahre. (Wer hofft eigentlich wirklich auf eine »Aufarbeitung« der Corona-Panik? Auf Konsequenzen aus den Forderungen, Demokratie durch Kalifat zu ersetzen? Die Sprengung von Nord Stream 2 war ein »Roman-Anfang« im paradigmatischen Hollywood-Stil, doch wer hofft wirklich auf eine offene und ehrliche Untersuchung durch den Staat?)

Die Welt, in der nur die Anfänge von Geschichten erzählt werden, große Verbrechen festgestellt und große Fragen aufgeworfen werden, aber nie etwas aufgelöst, sondern immer nur komplizierter wird, das ist genau die Welt der heutigen Nachrichten, die sogenannte Realität.

Zur Verfügung

Dies ist in einigen Aspekten tatsächlich insofern die beste aller Zeiten, als durch das Internet für Milliarden von Menschen weltweit das gesamte Wissen der Menschheit zur Verfügung steht. Durch YouTube können wir die schönste Musik und die tiefsten Gedanken genießen. Durch Projekte wie Gutenberg und Zeno.org können wir die Klassiker der Weltliteratur lesen – inklusive ihrer Enden, und auch gratis, wenn man Internetzugang hat. Durch X (»Twitter«) teilen einige der interessantesten Figuren unserer Zeit ihre Gedanken, für jeden, der sie wissen möchte.

Doch dies ist auch die schlimmste aller Zeiten. Wir verlieren die Hoffnung, dass menschliches Leid und menschliche Dummheit noch aufgehoben und behoben werden könnten, wenn den Menschen nur die richtigen Werkzeuge zur Verfügung stünden.

Wir verlieren die Hoffnung, dass Demokratie die Menschen in ein besseres Zeitalter führen wird, indem aus der Weisheit der Vielen eine neue, größere Weisheit entspringt, durch welche befeuert ein neues menschliches Zeitalter eingeläutet wird. Im Gegenteil: Wir werden den Eindruck nicht los, dass die universelle Verfügbarkeit von Informationen zur Verblödung führt, da jener die breiteste Informationsmacht erlangt, der an die vulgärsten Instinkte appelliert.

Noch immer gespannt

Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde, und ein paar Tage später schuf er den Menschen, und dann wieder einige Jahre später schuf der Mensch sich Werkzeuge, welche ums Vielfache mächtiger sind als das, was man den Menschen gefahrlos anvertrauen sollte.

Die Nachrichten lesen sich allesamt wie die Anfänge von Romanen oder zumindest Krimi-Kurzgeschichten – und es ist denkbar frustrierend, dass den meisten dieser Anfänge absehbar keine Auflösung folgen wird.

Die große Geschichte betreffend bin ich noch immer gespannt, wie sie weitergeht.

Nur was deine und meine Geschichte betrifft, die Geschichte unserer Leben (und der Leben unserer Lieben), da immerhin können wir selbst mit- und weiterschreiben. Vielleicht können wir uns sogar ein Happy End schreiben!

Weiterschreiben, Wegner!

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