Dushan-Wegner

29.04.2024

Werden mehr, beanspruchen Deutschland, fordern Kalifat

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Bild: »Sonne oder Mond«
»Wir sind hier, werden immer mehr und beanspruchen Deutschland für uns«, so wurde vor einiger Zeit den Deutschen gedroht. Es passt erschreckend gut auch auf die Islamisten, die Deutschland beanspruchen und das »Kalifat« fordern.
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Vor einiger Zeit formulierte ein Herr Hasnain Kazim diese Drohung: »Wir sind hier, werden immer mehr und beanspruchen Deutschland für uns. Ob du willst oder nicht.«

Es hat was von doppelter Ironie im Heineschen Sinn, dass und wie ausgerechnet ein Korrespondent des Relotiusmagazins womöglich einen der wahrsten Sätze des vergangenen Jahrzehnts sagte.

Ausgesprochen wurde diese Drohung des Herrn Kazim schon im Jahr 2016 (siehe achgut.com, 6.6.2016).

Der Satz des Herrn Kazim war »witzig« gemeint, doch erst als doppelte Ironie ist er sinnvoll zu lesen. »Unter doppelter Ironie«, so erklärt Wikipedia, »versteht man die anscheinende Benutzung des Stilmittels der Ironie, wobei aber das Gesagte dann doch wortwörtlich zutrifft.«

Der Autor dieser doppelten Ironie versieht seine Aussage mit bekannten Humor-Markern wie Übersteigerung, Absurdität oder unpassender (»schräger«) Wortwahl. Das lässt den Empfänger das Gesagte zunächst in die Kategorie des Nichtgemeinten einsortieren. Wie im Fall des Herrn Kazim später auch geschehen, kann sich der Autor dank der Humormarker darauf zurückziehen, dass es ja ein Scherz war, eine Zuspitzung, ironisch und also ganz anders gemeint.

Wörtlich sinnvoll

Doch etwas stört den aufmerksamen Hörer, etwas scheint nicht zu stimmen, denn die Aussage ergibt offensichtlich mehr (oder erst dann wirklich) Sinn, wenn sie wörtlich und direkt gedeutet wird. Die Ironie- und Humormarker sind selbst wieder nur ironische Fassade, womit die Bedeutung ein weiteres Mal umschlägt – und nun wieder beim Wörtlichen angekommen ist.

Können wir aber sicher sein, dass Hasnain Kazim seine Drohung im Geist doppelter Ironie wörtlich meinte? Ganz sicher kann man nie sein, doch vielleicht gibt es einen Kontext, der eine Deutung nahelegt.

Etwa wenn Herr Kazim (@HasnainKazim, 5.6.2016) den Herrn Gauland von der AfD zitiert, nämlich: »Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land«, und dann explizit erwidert: »Meine Antwort: Gewöhn dich dran, Alter!«

Er wird wohl behaupten, dass es »witzig« gemeint war. Doch spätestens heute, acht Jahre später, haben wir genug Kontext, um die Aussage auch direkt und geradeheraus zu lesen – oder von mir aus als doppelte Ironie.

Wir werden das Gefühl nicht los, dass Herr Kazim für eine Gruppe spricht – aber welche Gruppe mit welchen Zielen ist das?

2024, aus aktuellem Anlass

Sprechen wir über etwas vollständig anderes, was Herr Kazim bestimmt nicht meint. Sprechen wir übers Kalifat – aus, ja, aktuellem Anlass.

Die jeder nichtlinken oder auch nur neutralen politischen Haltung unverdächtige Wikipedia definiert »Kalifat« so: »Als Kalifat bezeichnet man die Herrschaft, das Amt oder das Reich eines Kalifen, also eines ›Nachfolgers‹ oder ›Stellvertreters des Gesandten Gottes‹. Es stellt somit eine islamische Regierungsform dar, bei der die weltliche und die geistliche Führerschaft in der Person des Kalifen vereint sind.«

Seit Jahren gilt es als »Verschwörungstheorie« von »Rechtsextremen«, dass ein besonders motivierter Teil der in den Westen einwandernden Muslime das explizite Ziel hat, im Westen ein »Kalifat« zu errichten.

Ein Kalifat einzurichten bedeutet, die verbliebenen demokratischen Strukturen zu schleifen und an deren Stelle einen theokratischen, konservativ islamischen Gottesstaat zu errichten – mit den Ungläubigen (»Kuffar«) als Menschen zweiter Klasse, bestenfalls mit »Dhimmi«-Status, wenn sie sich willig unterwerfen.

Wochenende in Hamburg

Verschwörungstheorien aber, so viel wissen wir, sind oft bloß Wahrheiten, von denen die da oben wollen, dass sie nicht ausgesprochen werden – oder noch nicht. (Deshalb versucht die deutsche Propaganda, das Wort »Verschwörungstheorie« durch »Verschwörungsmythos« oder »Verschwörungserzählung« zu ersetzen, so wie man – warum auch immer – »Ausländer« durch »Mensch mit Migrationshintergrund« und »Frau« durch »Mensch mit Gebärmutter« ersetzen will.)

Wenn aber keine Muslime ein Kalifat errichten wollen, und wenn Herr Kazim nicht Muslime meint, die »immer mehr« werden und Deutschland für sich »beanspruchen« – wer waren dann die vielen Leute, die dieses Wochenende in Hamburg demonstriert haben?

Auf dem Steindamm in Hamburg versammelten sich am Wochenende etwa 1.100 Muslime und protestierten für die Errichtung eines Kalifats in Deutschland (bild.de, 28.4.2024).

Auf Plakaten hielten sie Sprüche hoch wie »Kalifat ist die Lösung«. (Ich gehe davon aus, dass diese Leute nicht davon ausgehen, dass nach dem Kalifat eine weitere Staatsform kommen wird. Die »Lösung Kalifat« beschreibt also das Ende entsprechender Entwicklungen. Ich bin gerade nicht sicher, ob es für eine solche finale Lösung bereits einen deutschen Begriff gibt, aber wenn, dann könnten diese beiden »Lösungen« eine zentrale Absicht gemeinsam haben.)

»Kalifat, wann?«, fragte ich im November 2023. Es ist ja nicht das erste Mal, dass in Deutschland öffentlich das Kalifat gefordert wird. Der Unterschied ist nur, dass diese Leute mehr werden, und dass sie Deutschland expliziter denn je beanspruchen. Ob wir wollen oder nicht.

Merkels Emo-Trick

Der deutsche Propagandastaat versuchte zunächst, die Islam-Demonstration zu ignorieren. Man suchte offenbar nach einem Framing.

Die Innenministerin nannte die Demo der »Islamisten« zunächst »schwer erträglich« (tagesschau.de, 28.4.2024).

Da hat sie es denen aber so richtig gegeben! Respekt! (Ja, das meine ich ironisch.)

Nancy Faeser versucht hier übrigens Merkels liebsten rhetorischen Trick, den ich im Buch »Talking Points« als »Reductio ad Emotum« beschreibe (siehe auch Essay vom 24.5.2016): Das Sprechen über das Ereignis (und etwa die politische Schuld daran) wird umgelenkt auf das Sprechen über die emotionale Reaktion darauf.

Es sei »gut, dass die Hamburger Polizei mit einem Großaufgebot Straftaten entgegengewirkt hat«, so die Innenministerin. Nur gut dass »Kalifat ist die Lösung« hochzuhalten keine Straftat ist.

Und dann präsentierte der Staatsfunk heute einen Propaganda-Twist, der selbst den Abgebrühten unter uns kurz den Atem stocken ließ: Die Demonstration wurde als einer »rechtsextremistischen Gruppe« nahestehend geframed (@tomdabassman, 29.4.2024).

Die öffentlichen Forderung nach Abschaffung der Demokratie und Errichtung des Kalifats sind direkte Folge linksgrüner »Toleranz« – doch in der emotionalen Logik des Propagandastaates liegt das Ergebnis im politischen Lager derer, die dies alles von vornherein verhindern wollten.

Ob wir wollen

Herr Kazim wird sagen, dass er nicht die Islamisten meinte, als er sagte, dass »wir« »immer mehr« werden und Deutschland »beanspruchen«. Er wird sagen, dass er nicht das »Kalifat« meinte, als er sagte, Gauland solle sich daran gewöhnen, fremd im eigenen Land zu sein.

Doch zur Wahrheit gehört eben auch, dass seine Aussagen sehr präzise für eine solche Deutung funktionieren.

Die jungen Herren, welche die Errichtung des Kalifats fordern, werden immer mehr – ob wir wollen oder nicht.

Ich persönlich finde das nicht witzig (und überhaupt ist Humor bezüglich jener Denkschule und ihrer Figuren eher gesundheitsabträglich).

Ich meine aber, dass mit dem Aufmarsch der Kalifat-Freunde, die zweifellos Deutschland für sich beanspruchen, jeder einzelne Bürger aufgefordert ist, neu darüber nachzudenken, was sein Platz in einem Land ist, wo diese Herren »immer mehr« werden.

Weiterschreiben, Wegner!

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