Dushan-Wegner

28.04.2024

Lüge nicht!

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild: »Was hast du gesagt?«
Belogen zu werden ist schlimm, doch auf gewisse Weise ist Lügner zu sein schlimmer: Der Belogene kann daran arbeiten, nicht mehr belogen zu werden – der Lügner aber muss Lügner bleiben, denn er belügt sich auch selbst darüber, ob er ein Lügner ist.
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Dies ist der siebte und abschließende Essay meiner »Zwischenstandswoche«. Die ersten sechs Texte hießen »Jeder Wirkung eine Ursache«, »Affe und Philosoph«, »Die Welt apfelt«, »Glück zuletzt«, »Menschen schaden sich« und »Rasend schnell in kleinen Schritten«.

Es sind sieben Lektionen, die ich in fünf Lebensjahrzehnten gelernt habe, und jede dieser Lektionen ist in ihrer jeweiligen Dimension meines Erachtens die wichtigste. Beginnend etwa mit dem Text von Wirkung und Ursache: Was ist denn das Denken eines Menschen wert, der dieses grundlegende Prinzip der Welt (zumindest der Welt oberhalb der Quantenebene) in seinem Denken (und dann Fühlen!) ignoriert?

Auch dieser abschließende Text ist wieder auf seine Art ein »wichtigster« Text – und das ist nicht gelogen!

Routine, schmerzfrei

Im Internet kursiert das Video eines Fallschirmprofis, der beim fünften Sprung des Tages statt seines Fallschirms versehentlich nur seine Fotoausrüstung auf den Rücken geschnallt hatte.

Das Springen aus dem Flugzeug war ihm derart zur Routine geworden, dass er nicht mal mehr richtig darauf achtete, ob er auch wirklich einen Fallschirm dabei hatte.

Die Tragik und die Umstände jenes Todes haben viel mit dem Inhalt meiner »siebten Lektion« zu tun.

Unter Strafandrohung

Über die Jahre habe ich immer wieder Shakespeares Hamlet zitiert, 1. Akt, 3. Szene: »This above all: to thine own self be true« – »Dies über allem: Zu dir selbst sei wahrhaftig« oder auch: »Dir selbst bleibe treu«.

Beispielsweise 2019 im Essay »Balkanroute und Hafermilch«, 2020 in »Inseln der Wahrheit« und in manch anderem Text.

In Texten wie »Darf man über ›Lügen‹ reden?« habe ich verhandelt, ob man nicht nur einzelnen Menschen, sondern ganzen Systemen (wie etwa Redaktionen) attestieren kann, dass sie lügen.

Die Feststellung ist inzwischen banal und trivial, dass wir in orwellschen Zeiten leben, in denen nicht nur die Propaganda täglich Lügen verbreitet und die Wahrheit zu sagen ein revolutionärer Akt sein kann (wobei das entsprechende Zitat von unklarer Herkunft ist). Mit dem »Selbstbestimmungsgesetz«, welches das Lügen und Behaupten offensichtlicher Unwahrheiten unter Strafandrohung erzwingt, wird Deutschland zur Rechtsstaat-Parodie und zur Gaga-Republik.

Selbst da, wo Nachrichten mal die Wahrheit sagen, können sie lügen, nämlich indem sie Irrelevantes zur Hauptnachricht erklären, aber tatsächlich Lebens- und Überlebenswichtiges verschweigen – und damit sind sie »Fake News, so oder so«.

Nicht alle

Damit der Lügner überhaupt ein Lügner sein kann, braucht es den Belogenen. Um aber nicht ein solcher Belogener zu sein, muss man verstehen, warum wir Menschen auf Lügen hereinfallen, und das habe ich etwa im Essay »8 Gründe, warum wir auf Lügen hereinfallen« untersucht.

Ja, ich habe mich wahrlich oft und öffentlich genug an der Lüge abgearbeitet. Und 2021, als die Lügen im Kontext jener globalen Panik zum »neuen Normal« wurden, fragte ich: »Ist es Lüge, wenn es nicht schmerzt?«

Leider etwas spät im Leben begriff ich, dass nicht alle Menschen die Lüge so sehr schmerzt wie mich. Diese schmerzliche Erkenntnis teilte ich kürzlich mit euch im Text »Wenn Lügen (nicht) wehtun«.

Dies nun ist die letzte und (vielleicht nicht nur) auf ihre Art wichtigste der sieben Lektionen dieses Fünf-Jahrzehnte-Zwischenstands. Sie lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Lüge nicht!

Verschiedene Spezies

Ich sage »Lüge nicht«, und das ist etwas anderes als: »Sage die Wahrheit«.

Kein Mensch kennt »die Wahrheit«, zumindest nicht die ganze, also kann keiner sie sagen.

Lüge und Wahrheit sind keine Geschwister, eine gute und eine böse Schwester. Lüge und Wahrheit sind überhaupt nicht in derselben Familie, ja, sie gehören vermutlich zu völlig verschiedenen Spezies.

Was wir »die Wahrheit« nennen, ist immer nur der bestmögliche Versuch, beim Sprechen über die Welt täglich weniger falschzuliegen, gemäß dem ebenfalls kurzen Leitgedanken des digitalen intellektuellen Untergrunds: »less wrong« – »weniger falsch«. Wahrheit ist ein asymptotischer Prozess, ein ewiges und ehrliches Bemühen um Näherung.

Die Lüge dagegen ist das Sprechen einer Unwahrheit, von der man weiß – oder wissen kann! –, dass sie eben unwahr ist.

Die Wahrheit hat und braucht nur genau eine Rechtfertigung, nämlich dass sie nach unserem besten Wissen wahr ist.

Der »Rechtfertigungen« für die Lüge aber sind viele: dass es dem Lügner einen Vorteil bringt (und er gemäß seiner Moral zuerst sich selbst verpflichtet ist), dass die Lüge der öffentlichen Ruhe dient, dass sie den Staat stabilisiert, dass der Belogene es nicht besser verdiente und so weiter.

Die innere Verbindung

Oberflächlich betrachtet könnte es scheinen, als ob die Lüge dem Lügner regelmäßig Vorteile brächte und den Belogenen die Nachteile. Also könnte man zunächst meinen, die siebte und (nicht nur auf ihre Art) wichtigste Lektion sollte »Lass dich nicht belügen« lauten. Doch das wäre zu flach gedacht.

Auch das habe ich über die Jahrzehnte gelernt: Beim gesunden, glücksfähigen Menschen herrscht eine innere Verbindung zwischen dem, was er über die Welt glaubt (Wissen), und dem, was er über die Welt sagt (Sprechen).

Den Menschen, der zum ersten oder zweiten Mal wissentlich die Unwahrheit über die Welt sagt, sprich: der andere Menschen belügt, den schmerzt diese Lüge. Die Lüge reißt an der inneren Verbindung von Wissen und Sprechen, und jede Lüge zerreißt einige Fasern dieser Verbindung.

Mit jeder weniger

Bei Psychopathen und Verrückten ist die Verbindung zwischen dem, was sie über die Welt wissen (können), und dem, was sie über die Welt sagen, aufgrund zerebraler Besonderheiten getrennt. Also schmerzt sie die Lüge nicht.

Der Mensch aber, der sich durch Gier, Lust oder Feigheit dazu verführen lässt, zu lügen, dem tut jede weitere Lüge weniger weh – bis die Verbindung zerrissen ist. Ist die innere Verbindung von Wissen und Sprechen einmal endgültig durchtrennt, wird sie nicht wieder zusammenwachsen, wie ein vollständig durchtrennter Oberschenkelmuskel nicht von sich aus wieder zusammenwachsen kann. Der Mensch bleibt ein Lügner, ein Leben lang, ein Krüppel an der Seele.

Und der Fallschirmspringer?

Einem »normalen« Menschen ist eine intensive Angst vor großen Höhen angeboren, was evolutionär denkbar sinnvoll ist.

Profi-Fallschirmspringer aber, die über Jahre und Jahrzehnte mehrmals täglich springen, können diese Angst quasi abtöten und müssen sich dazu zwingen, trotzdem jedes Mal mit voller Aufmerksamkeit die Ausrüstung zu prüfen.

Für uns »Normalsterbliche« wäre es praktisch undenkbar, dass wir den Fallschirm vergessen, zumindest nicht deshalb, weil das Springen zur Routine wurde. Bei uns ist die Verbindung von »aus großer Höhe springen« und »große Angst, die zu großer Vorsicht zwingt« eben noch nicht gekappt.

Der eingangs erwähnte Profi-Fallschirmspringer aber hatte über 800 Sprünge erfolgreich absolviert, bevor er in den Tod sprang. Er hatte seinem Kopf die Verbindung von »Höhe« und »Angst« vermutlich vollständig abtrainiert.

Vollblutlügner bereuen nicht

Da jener Fallschirmspringer aber eine Kamera umgeschnallt hatte, filmte er seinen eigenen Tod. Soweit sich die vom Wind verzerrte Audiospur verstehen lässt, waren seine letzten Worte, als er seinen Irrtum merkt: »Oh my god. No!«

Das ist der Unterschied zwischen dem Lügner und jenem Fallschirmspringer: Der Mensch, der in sich die Verbindung zwischen seinem Glauben über die Fakten der Welt und seinem Sprechen darüber gekappt hat – sprich: der zum Lügner wurde –, kann seinen Fehler gar nicht mehr einsehen.

Der Lügner fällt in den Seelentod, doch er ist gar nicht in der Lage, seinen Fehler einzugestehen und »Oh my god. No!« zu rufen. Der Lügner, der sein Leben auf den Boden der Realität zustürzen sieht (siehe dazu auch Essay »Schon wieder eins – und noch eins!«), wird dafür allen möglichen anderen Menschen die Schuld geben, außer sich selbst und seiner mangelnden Tatsachentreue. Doch zunächst wird er sich – unterstützt von einer hilfsbereiten Konsumgüterindustrie – intensiv von seinem Schicksal ablenken.

Die Falle der Schmerzfreiheit

Wenn ein Mensch aber in sich die Verbindung von »was ich über die Welt weiß« und »was ich sage« einmal getrennt hat, sobald er also den »Schmerz des Lügens« nicht mehr spürt, merkt er selbst nicht mehr zuverlässig, wann er lügt und wann er die Wahrheit sagt.

Ein Mensch, dem es nicht wehtut, wenn er sich eine Wunde zufügt, wird bald von Wunden übersät sein. Die schmerzhaftesten Wahrheiten sind ja die über unsere eigenen Fehler, unsere Traumata und unsere Schuld. Der Lügner, dem das Lügen nicht mehr wehtut, wird sich logischerweise vor allem selbst belügen. Und damit ist der Lügner, der sich über Jahre das Lügen angewöhnt hat, unrettbar verloren.

In Matthäus 12, Vers 32 spricht Jesus vom Reden »gegen den Heiligen Geist«. Es ist die eine Sünde, welche dem Menschen als einzige nicht vergeben werden kann, »weder in dieser noch in der künftigen Welt«. Dieser Vers ist Gegenstand vieler Deutungsansätze. Meiner ist: Der Lügner, der so oft log und so lange eine Lüge lebt, dass er auch gegenüber sich selbst zum Lügner wurde, ist verloren – endgültig.

Vom Verlorenen

Ein Belogener kann beschließen und an sich arbeiten, ab sofort nicht mehr (oder zumindest weniger) belogen zu werden – ein Lügner wird aber Lügner bleiben, denn er belügt sich auch über die Tatsache, dass er ein Lügner ist.

Wenn ich sage, dass der Lügner »verloren« ist, meine ich dies: Was wir sagen, wenn wir »ich« sagen, ist das, was wir uns über uns selbst (und unsere Rolle in dieser Welt) erzählen. Der Lügner aber, den die Lüge nicht mehr schmerzt, lebt in einer halb-wahren, halb-gelogenen Dämmerwelt, denn sein »Ich« wird mit jedem Tag weniger real – die Seele als »liminal space«.

Man könnte (und sollte) an dieser Stelle manche weitere Überlegung anstellen, etwa die, ob und wie eine ganze Nation die Eigenschaften eines Lügners annehmen kann – und damit verloren ist. Wie soll eine Gesellschaft klüger werden, wenn die Wahrheit in der öffentlichen Debatte nicht einmal dann als solche erkannt und gewürdigt wird, wenn sie ausgesprochen werden kann – weil alle Aussagen als beliebig nebeneinander stehen?

Und deshalb …

Man könnte (und sollte) für sich persönlich diskutieren, wie man damit umgeht, wenn ein Mitmensch zum Lügner geworden ist. Diskutieren kann man mit ihm nicht. Was also tun? Sich distanzieren, so weh es tut, oder Kodependenz riskieren und sich mit in die Zwischenwelt der Lügen hineinziehen lassen?

Ach, ganze Bücher könnte man darüber schreiben – wer sollte sie aber alle lesen? Die verbleibenden Tage werden täglich weniger, der Berg des ungelesenen Lesenswerten türmt sich schon jetzt deprimierend hoch.

Für jetzt sei also nur noch einmal diese siebte Lektion kurz begründet und wiederholt: Zu lügen macht dich zum Lügner, und Lügner sind verloren, und deshalb … lüge nicht!

Weiterschreiben, Wegner!

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