01.02.2022

Bürger A fürchtet die Tonne

von Dushan Wegner, Lesezeit 10 Minuten, Foto von Atharva Tulsi
Es kommt nicht darauf an, was passiert, so lehrt die Stoa, sondern wie wir darauf reagieren. Es ist wichtig! Was Politik und Propaganda heute fordern, das ist die eine Sache – doch wie wir reagieren, das entscheidet ganz konkret über unser Leben.
silhouette of person standing on concrete road with streetlights turned on during nighttime
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Es war einmal ein Mensch – nennen wir ihn »Bürger A« – und Bürger A war, auch wenn man es heute sich nur schwer vorzustellen vermag, vor gar nicht so vielen Jahrzehnten einmal jung gewesen.

Bürger A besuchte eine gewöhnliche öffentliche Schule, doch er hatte dort auf mancherlei Weise großes Pech. Bürger A gehörte als Schuljunge zu keiner Clique. Bürger A war auch nicht von einem Körperwuchs, den man üblicherweise »besonders schön« nennt, und sein Verhältnis zu den Mädchen war keines. Es half bei all dem nicht, dass Bürger A gewisse Verhaltensweisen aufwies, die ihn bei Schülern wie auch bei Lehrern unbeliebt machten – und in seiner Schule hatten weder die Schüler noch die Lehrer große Hemmungen, den jungen Bürger A sein Anderssein spüren zu lassen.

Das markanteste Ereignis seiner Schulzeit war vermutlich, als vier seiner Mitschüler ihn einmal ohne konkreten Anlass packten, in die große Mülltonne hinter der Schule beförderten und deren Deckel zufallen ließen.

Man könnte sagen, dass dieses Ereignis den jungen Bürger A zu dem Menschen werden ließ, der Bürger A heute ist, doch es wäre unpräzise – es wäre so unpräzise, dass man es falsch nennen könnte (und wohl auch sollte).


Bürger A hatte, denklogisch betrachtet, mindestens zwei Möglichkeiten, auf jenes traumatisierende Mülltonnen-Ereignis zu reagieren. Erst seine Reaktion machte ihn zu dem Menschen, welcher er heute ist. 

Bürger A hätte jenes Ereignis zum Anlass nehmen können, eine innere Kraft und dazu den Willen wachsen zu lassen, bösen und übergriffigen Menschen nie wieder zu erlauben, ihm so etwas zuzufügen.

Wie Bürger A aber auf jenes Ereignis tatsächlich reagierte, es enthielt tatsächlich den Wunsch, so etwas möge ihm nie wieder geschehen – doch die Methode, die er für dieses Ziel wählte, sie enthielt das Gegenteil von Mut.

Bürger A schlussfolgerte für sich – wahrscheinlich gar nicht falsch – dass ihm solche Dinge zugestoßen waren, weil er anders war. Seine Eltern waren vermutlich eher von der schwachen Art, und auch sonst war niemand da, der das Geschehene als Unrecht markiert hätte, gar für eine Bestrafung der Täter gesorgt hätte.

Mit dem ihm zur Verfügung stehenden Kontext hatte es durchaus innere Logik, wenn Bürger A schlussfolgerte, dass er die Schuld an den Ereignissen trage, da er anders gewesen sei. Also beschloss er, von da an mit aller Kraft zu versuchen, nie wieder anders zu sein, um so nie wieder »in die Tonne« gesperrt zu werden.


Jeder Tag und jede Entscheidung in seinem Leben waren von dieser eigenen Angst gesteuert, dienten diesem einen großen Superwunsch, nämlich nie wieder in der Tonne zu enden. Was auch immer Bürger A tut, er tut es, um zu signalisieren: Seht her, ich bin so, wie man zu sein hat! Verstoßt mich bitte, bitte nicht!

Wir schreiben das Jahr 2022, und mit den sogenannten »Sozialen Medien« hat Bürger A die Möglichkeit, jeden Tag zu signalisieren, wie sehr er »nicht-anders« ist. Was die Chinesen mit dem »Social Score« einführten, das betreibt Bürger A schon längst in eigener Sache, und er tut es so weit »freiwillig«, wie man reichlich zwanghaft wirkende Handlungen aufgrund früher Traumata eben »freiwillig« nennen kann.

Welches Thema im öffentlichen Diskurs ansteht, Bürger A fragt stets und zuverlässig die eine Frage dazu, und nichts als diese eine Frage: Was muss ich sagen, damit sie mich nie wieder in die Tonne sperren?


Was auch immer das Thema des Tages ist, Bürger A postet auf allen seinen Sozialen Kanälen, wie sehr er gerade dafür oder dagegen ist.

Bürger A postete in den letzten Jahren »Refugees Welcome!«, dazu Bilder des ertrunkenen Aylan, und seine Erklärung, wie ihn der Tod des Jungen weinen ließ.

Wenn »Pride« das Thema des Tages ist, dann postet Bürger A großformatige Regenbogenflaggen, und wie ihn die Benachteiligung von Schwulen in Deutschland weinen lässt (die im Iran lässt ihn aber erstaunlich kalt).

Als Black Lives Matter das große Thema war, postete er Bilder jenes bei der Verhaftung gestorbenen Gewaltverbrechers, und schrieb auch dazu, wie sehr ihn das alles weinen ließ. Die absehbar undurchsichtigen Finanzen dieser »Bewegung« – siehe etwa nymag.com, 31.1.2022 – interessieren Bürger A ebenso wenig wie die Tatsache, dass »BLM« wie eine von sehr reichen Weißen »hinter den Kulissen« angezettelte Unruhe wirkt, um im Schutz der buchstäblichen Rauchwolken ausgerechnet den rassistischen Lügner Joe Biden als Präsidenten einzusetzen.

Jüngst aber hat Bürger A seinem Flehen nach moralischer Zugehörigkeit einen selbst für seine Maßstäbe ungewöhnlichen Höhepunkt verliehen.

Dieser Tage haben die Propaganda-Abteilungen der Politik ihre Protagonisten dazu angehalten, die jährlichen »Nie Wieder«-Schilder auszupacken, denn es stand wieder die Instrumentalisierung des Holocaust für politische Ablenkung an. Bürger A aber postete dazu gehorsam, wie es ihn weinen lässt, dass während er des Holocausts gedenkt, wieder (!) diese Menschen in den Straßen marschieren.

Ja, er meinte die Demonstrationen für Grundrechte und gegen staatliche Corona-Willkür.

Würde man die Postings des Bürgers A ihrem Wortsinn nach deuten, müsste man seine jüngsten Äußerungen so deuten: Die Menschen, die heute gegen Impfpflicht und für demokratische Werte demonstrieren, sind ideologisch dieselben wie jene, die damals in der Diktatur tödliche Impfexperimente an Menschen vollzogen und in ihrem kalten Wahnsinn ein millionenfaches Leid und Sterben verantworteten.

Denkt er wirklich so? Nein, Bürger A denkt nicht, zumindest nicht, wenn »Denken« die eigene geistige Suche nach kohärenten und an der Realität orientierten Thesen und Meinungen bedeutet.

Die Äußerungen und Postings des Bürgers A wirken mehr so wie funktionale Geräusche und Satzfragmente, die alle nur das eine Ziel verfolgen: Bürger A will nie, nie, nie, nie wieder in die Tonne gesperrt werden, nur weil er »nicht dazugehört«. Was Bürger A sagt, ergibt insgesamt nur dann einen Sinn, wenn man als eine Variante dessen deutet, was Bürger A wirklich sagen will: »Ich flehe euch an, glaubt mir doch, ich gehöre dazu!«


Die inhaltlichen und moralischen Widersprüche in seinen vorgeblichen »Meinungen«, sie bereiten Bürger A wenig Kopfweh. Er sagt Dinge nicht, weil sie eine logische oder sachliche Prüfung durchlaufen hätten, sondern wenn und weil sie ihm zum Dazugehören verhelfen.

Zu Beginn der Corona-Panik postete Bürger A, wie unnötig doch Masken seien und dass alles eine Verschwörungstheorie der Rechten sei – und eine Woche später postete er das Gegenteil.

Was hatte sich geändert?

An der Absicht des Bürgers A hatte sich exakt nichts geändert, und darauf kam es an. Bürger A wird sagen, was er seiner besten Erkenntnis nach sagen muss, um nicht wieder, bildlich gesprochen, in die Mülltonne gesteckt zu werden. Dass die Aussagen, die er von sich gibt, in sich widersprüchlich sind, das stört ihn eher weniger.

Bürger A postet gern, dass man doch »auf die Wissenschaft hören soll« (und er meint, was das TV als »Wissenschaft« festlegt) – doch er wird auch gern mit Kretschmann ausrufen, dass die Wissenschaft sich gefälligst aus der Politik heraushalten soll (welt.de, 29.1.2022: »Kretschmann kritisiert Einmischung von Wissenschaftlern in Corona-Politik«).

Bürger A wird eine Träne darüber weinen, wie viele Covid-Patienten im Krankenhaus liegen – und es wird ihn nicht stören, wenn es sogar in die CNN-Parallelwelt eindringt, dass weltweit oft genug einer, der etwa mit gebrochenem Bein ins Krankenhaus eingeliefert wird, aber positiv auf COVID getestet wird, als »Covid-Patient« gilt (@nickfondacaro, 10.1.2022).

Bürger A ist natürlich militanter Impf-Befürworter, doch auch er stellt fest, dass man sich trotz Impfung anstecken kann, und also hat er sich davon überzeugen lassen, dass ja nie versprochen wurde, die Impfung verhindere eine Infektion. Uns aber, die wir Bürger A beobachten, uns läuft es kalt den Rücken herunter. Es wirkt wie Gehirnwäsche im Stil von Orwells 1984, es ist das Umschreiben von Geschichte vor unseren Augen. Wir erinnern uns daran, wie – unter vielen anderen – Joe Biden, Tony Fauci, der Von-der-Leyen-SMS-Freund und Pfizer Chef Alberta Bourla oder auch Weltmediziner Bill Gates doch exakt dies zu versprechen schienen.

Man könnte die weltweiten Demonstrationen für Grundrechte und gegen Corona-Willkür als ein modernes Gegenstück zur Friedensbewegung des 20. Jahrhunderts deuten (und schon damals waren unter den Teilnehmern auch schwierige Gestalten) – jedoch mit dem Unterschied, dass das »legale Unrecht«, gegen das es heute geht, nicht irgendwo weit weg geschieht, sondern ganz konkret vor Ort, buchstäblich vor der eigenen Haustür, im eigenen Leben. Umso rätselhafter und zugleich erschreckender ist die Frage, was jene Menschen bewegt – es sind wohl einige »Bürger A« darunter – die sich heute aktiv gegen Freiheit, Grundrechte und blanken Verstand stellen.


Corona stellt die Demokratie auf den sprichwörtlichen Prüfstand, und es ist eben das Wesen von Prüfungen, dass man eben auch durchfallen kann.

Dass aber die Demokratie in der Corona-Prüfung peinlich durchzufallen droht, das ist ganz wesentlich der »Verdienst« zu vieler »Bürger A«.

Bürger A schaltet brav abendlich seinen TV an, brav auf den Staatsfunk-Kanal, und er hört: »Hallo, wir sind der Politik-Presse-Pharma-Propaganda-Komplex. Wir haben euch wieder und wieder nur die halbe Wahrheit gesagt, oder gleich ganz gelogen, wir biegen Fakten zurecht und verdienen gut daran, wer uns aber nicht vertraut, der ist der wirklich Böse! Wer die Lüge eine Lüge nennt und dem Lügner nicht traut, der ist ein Nazi und seine Kinder sind Ratten!« – »Ja, das sind Ratten«, ruft Bürger A, wie schon die Anhänger von Trump ›Ratten‹ waren, die man doch töten kann (sinngemäß im SWR, siehe Essay vom 4.3.2019), und auch die Opposition lebt doch gewiss in Rattenlöchern (SPD-Politiker, siehe Essay vom 16.2.2019).

Wo Sie oder ich ein Gewissen haben, da sitzt bei Bürger A ein großer Klumpen Angst. Die Angst, nicht dazuzugehören. Die Angst, zum Abweichler erklärt zu werden. Die Angst, wieder in die Tonne gesteckt zu werden.

Sie und ich mögen es zum Fürchten finden, dass in Deutschland wieder Menschen als Ratten bezeichnet werden, und auch Bürger A hat Angst, doch seine Angst ist eine etwa andere als die unsere. Wenn Bürger A hört dass Abweichler als »Ratten« gelten, dann packt ihn die blanke Angst, selbst eine »Ratte« zu sein, und er wird alles tun, um nicht selbst eine »Ratte« genannt zu werden.


Ich erlebe heute manches nervöse Mitläufertum, und ich frage mich: Welche Tonne fürchtest du?! Ach, wenn es doch zumindest immer ein so wirklich schrecklich Erlebnis wäre!

Ein armes Kind aus kaputtem Elternhaus, mit schlechter Ausbildung und nicht besonders ansehnlich, so einem Menschen kann man es noch nachsehen, dass er aus Selbstschutz lieber »mitläuft« – doch ich erlebe erschreckend viele Menschen aus durchaus wohlsortierten Verhältnissen, gesund, mit Arbeit und solidem Kredit, die auf mich dennoch wirken, als würden sie jeden Tag fürchten, beim kleinsten Fehltritt in die Tonne gesperrt zu werden.


Es kommt nicht darauf an, was dir passiert, so lehrt uns die Stoa, sondern wie du darauf reagierst.

Bürger A hatte die Wahl, wie er auf das ihm angetane Unrecht reagieren würde. Er wählte es, stromlinienförmig zu werden und mit aller Kraft das zu tun und zu sagen, was die Obrigkeit von ihm (seiner Meinung nach) erwartet.

Wie aber sollen wir Nicht-Bürger-A auf die vielen Fälle von »Bürger A« reagieren?

Ich für meinen Teil habe mich entschlossen, auf Bürger A zu reagieren, indem ich mir eingestehe, dass wir Menschen verschieden sind.

Bürger A ist von andern Motivationen angetrieben als ich.

Bürger A will gelobt werden. Für ein billiges Kopftätscheln von Personen mit Autorität, und sei es virtuell durch das TV-Gerät, wird er seine Familie verraten und sein Leben zum fernen Schatten seiner Möglichkeiten verkümmern lassen.

Bürger A fürchtet das Ausgestoßenwerden – ich aber fürchte die Folgen der Taten, die Bürger A in seiner Furcht begeht oder auch »nur« möglich macht.


Dass sind die zwei Aufgaben, die ich mir heute gebe. Ich gestehe mir ein, dass wir nicht alle nach den gleichen Kriterien denken, entscheiden, reden und handeln.

Und dann will ich versuchen, im Bürger A den kleinen, verletzten Jungen zu sehen, der seine Stärke im Mitläufertum sucht, während das kleine Kind in ihm hockt, wo es zittert und sich fürchtet, wieder in eine Tonne gesperrt zu werden. Bürger A spricht oft davon, zu dieser oder jener politisch korrekten Angelegenheit zu weinen, und innen drin weint er vielleicht tatsächlich – aus Furcht, wieder ausgestoßen zu werden.

Zu den paradoxen Phänomenen dieser Zeit gehört wohl, dass man ein Mitgefühl für gewisse Mitmenschen entwickeln könnte, während man genau dieselben Menschen fürchtet.

»Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen«, so sagt Jesus (Matthäus 5:44). Bürger A ist nicht mein Feind, selbst wenn er mich so sehen sollte, und »Liebe« wäre mir arg viel.

Ich ermahne mich heute selbst, in vollem Bewusstsein darüber, welche emotionale Arbeit es erfordert: Hüte dich stets davor, aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit eine Lüge zu leben.

Zugleich aber: Hüte dich vor den Menschen, die aus ihrer eigenen Angst heraus eine Lüge leben.

Was auch immer den Mitmenschen zu dessen Taten treibt, selbst wenn es praktisch notwendig sein könnte, mich und meine Familie vor den Konsequenzen seines Tuns zu schützen: Ich will ein Mensch sein, der auch im »Bürger A« immer zuerst und zuletzt den Menschen sieht.

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