Dushan-Wegner

18.04.2024

Die Regenwürmer von Nävermoor

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Bild: »Wer will kuscheln?«
Eine Pest, die keine war. Ein Pestarzt, der sich gut mit dem Bürgermeister verstand. Ein Dorf namens »Nävermoor«, das plötzlich der Bank gehörte.
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Es war einmal ein Dorf, das lag am Flüsslein Näver, umgeben von Mooren, und so hieß dieses Dorf »Nävermoor«.

Dies aber ist die Geschichte jener Ereignisse, die dazu führten, dass ganz Nävermoor in den Besitz der städtischen Bank geriet, und diese Geschichte hat mit Regenwürmern zu tun, aber zunächst mit einem Pestarzt.


Es war ein trostloser Dezembermorgen. Die Nebel waberten vom Moor her über die Näver. Da hörten die Bewohner aus dem morgendlichen Nebel das Wiehern eines Pferdes, das Knirschen von Kutschenrädern.

Auf der Kutsche saß eine Gestalt mit einer furchteinflößenden schwarzen, langen und spitzen Maske, die ihr zusammen mit dem schwarzen Umhang das Aussehen eines schwarzen Vogels verlieh.

Die Gestalt lenkte ihre Kutsche auf den Marktplatz des Dorfes und stieg ab. Die Dorfbewohner versammelten sich neugierig. Durch die schnabelartige Maske hindurch erklärte die Gestalt mit einer kreischenden und doch gebieterischen Stimme: »Ich bin Arzt. Ich bin Pestarzt. Im Auftrag des Königs erkläre ich: Die Pest kommt näher!«

»Er sieht aus wie Rabe«, rief ein Kind, das die Pest nicht fürchtete, denn es hatte noch nicht von ihr gehört.

»Doktor Rabe«, rief jemand anderes.

Einige lachten. Jemand verhustete sich beim Lachen, und als das passierte, stürzte Doktor Rabe auf diesen zu und griff ihn fest. Der Hustende fand sich wohlbehütet in den Armen des guten Doktors Rabe, und dieser deklamierte: »Dieser Husten, das ist kein gewöhnlicher Husten. Das ist die Pest!«


»Das ist doch nur ein Husten«, sagte eine alte Frau, doch kaum hatte sie das gesagt, griff der Dorfpolizist sie am Arm und führte sie ab.

Die Nävermoorianer lachten nicht mehr. Wer in diesem Augenblick einen Hustenreiz verspürte, unterdrückte ihn.

Der Bürgermeister stellte sich an die Seite von Doktor Rabe, der noch immer den gestrauchelten Hustenden hielt, und auch er erklärte: »Die Pest ist nahe. Die Pest ist in Nävermoor angelangt. Gut, dass Doktor Rabe uns warnte. Was für eine glückliche Fügung, dass Doktor Rabe zufällig gerade jetzt durch unser Dorf reist, da die Pest uns heimsucht.«

Einige Bürger waren tatsächlich dankbar, so sehr vertrauten sie dem Bürgermeister. Andere waren misstrauisch, auch weil es ihnen so erschienen war, dass dieser Doktor Rabe und der Bürgermeister das Funkeln alter Bekannter in den Augen hatten, dass ihr Auftritt etwas zu geschmeidig ablief, um nicht einstudiert zu wirken. Doch diese wenigen schwiegen lieber, hatten sie doch erlebt, wie der Dorfpolizist die freche Alte abgeführt hatte.

»Doktor Rabe«, fragte der Bürgermeister mit besorgtem Augenaufschlag, »gibt es denn ein Heilmittel gegen die Pest?«

»Dem Himmel sei es gedankt«, jubelte Doktor Rabe, »wie es das Schicksal will, existiert eine Medizin. Ich habe sie selbst gemischt!«

Doktor Rabe griff unter seinen schwarzen Umhang, holte eine braune Flasche hervor und hielt sie in die Höhe.

»Bürger von Nävermoor, hier ist sie, die Medizin gegen eure Pest!«


Der Nebel war zurückgewichen. Ein Sonnenstrahl fiel auf die braune Flasche mit dem groben Pulver und ließ sie funkeln und glitzern. Prompt begannen manche in der Menge zu husten.

»Ich fürchte, ich habe ebenfalls die Pest«, sagte einer, und ein anderer meinte: »Besser die Medizin schnell nehmen, noch bevor man erkrankt.«

Was für eine wunderbare Fügung war es doch, dass mit dem Bekanntwerden der Pest auch sogleich die Medizin bereitstand!

»Bürger von Nevärmoor«, sagte der Bürgermeister, »ich höre eure Sorge, ich fühle euren Auftrag.«

»Danke, Herr Bürgermeister«, rief es aus der Menge. Einige Nävermoorianer applaudierten. Einige weinten vor Rührung darüber, wie gut ihr Bürgermeister sich um sie sorgte.

Der Bürgermeister rief: »Herr Doktor Rabe, helfen Sie uns beim Kampf gegen die Pest! Welche Mittel Sie dafür auch brauchen, die Kasse unseres Dorfes steht Ihnen offen!«

Und siehe da: Die Kutsche enthielt noch weitere Fläschchen mit der Medizin gegen die Pest. Schöne, glitzernde Fläschchen, kistenweise. 18 Flaschen pro Kiste – 18 ist die Zahl des Lebens. 37 Kisten – 37, eine Primzahl aus 3 und 7, zwei der heiligsten Zahlen überhaupt.

»Ich liebe euch doch alle«, sagte Doktor Rabe, »doch ihr müsst wissen, dass mich die Entwicklung dieser Medizin gegen die böse, böse Pest sehr viel Geld gekostet hat …«

Jemand hustete, ein anderer rief: »Gebt uns die Medizin!«

Der Bürgermeister hob beide Arme, wie ein Prophet von dazumal, und beruhigte die Menge: »Freunde, Familie, Schwestern und Brüder von Nävermoor, ich sagte doch: Ihr werdet die Medizin erhalten. Ihr werdet von der Pest geheilt. Ihr werdet vor der Pest geschützt. Ich will heute nicht geizen. Ich opfere mich, ich opfere mich für euch und kaufe diese Medizin, was auch immer der gute Doktor Rabe an Kosten hatte.«

»Danke, Bürgermeister«, hörte man rufen, und: »Wir werden geheilt werden. Geheilt und geschützt!«


Der Dorfpolizist hatte zwei Helfer angeheuert. Während die Nävermoorianer die Medizinflaschen mit Geschrei und Gezeter von einer Seite der Kutsche aus verteilten, trugen sie das gesamte Vermögen des Dorfes in drei handlichen Truhen zur anderen Seite der Kutsche.

Die Menschen rissen die Flaschen auf und schütteten sich das Pulver in den Hals. Das trockene Pulver ließ sie husten. Einige hielten das für die Pest und schüttelten sich noch mehr Pulver in den Rachen. Andere waren klug genug, das grobe Pulver mit Wein und Wasser hinunterzuspülen.

Das Dorf war an einem einzigen Tag arm geworden. Die Ersparnisse aus Jahren und Jahrzehnten harter Arbeit, nun in der Kutsche des guten Arztes. Wie Doktor Rabe gekommen war, reiste er auch wieder ab. Mit der Medizin verschwand auch die Pest wieder, und seit sie die Medizin eingenommen hatten, war auch ein Husten eben nur das.

Doch bald gab es ein anderes Problem, und es war nicht die neue Armut des Dorfes.


Sieben Tage nach der Abreise des Doktor Rabe wurden vier Dorfbewohner plötzlich krank und lagen mit glühendem Fieber darnieder.

Die Pest konnte es nicht sein, an der sie erkrankt waren, denn gegen die hatte jeder von ihnen eine gute Medizin vom guten Doktor Rabe eingenommen.

Doch was war es dann? Was war das für eine rätselhafte Krankheit?

Der gute Arzt Doktor Rabe war leider, leider nicht zur Hand. Und es gelang leider nicht rechtzeitig, einen anderen Arzt zu finden.

Am darauf folgenden Tag starben drei der Kranken und sechs weitere Dorfbewohner erkrankten.

Es war zwar immer noch kein Arzt aufzutreiben, aber wenigstens war der Bestatter zur Stelle. Die Leichen wurden zu ihm gebracht, und er bereitete Särge vor.

Dann aber, als der Bestatter und sein Helfer die Toten für ihren letzten Gang vorbereiteten, hörte man aus der kalten Arbeitshalle dieser Hartgesottenen große Aufregung.

Der Bestatter rief nach dem Bürgermeister, der in der letzten Woche erstaunliche 7 Pfund an Gewicht zugelegt hatte und sich in bemerkenswert edlem Tuch kleidete. Der Bürgermeister zögerte zunächst, doch der Bestatter insistierte.

In den drei Särgen bot sich ein gar scheußliches Bild: Aus den Körpern der drei Toten waren Regenwürmer gekrochen, und die Leichen lagen in einem Bett aus sich unablässig windenden Regenwürmern.


»Was zum …«, begann der nun dicke Bürgermeister, und mehr fiel ihm erst mal nicht ein. Zu mehr kam er auch nicht, denn von draußen hörte man Geschrei und Tumult.

Bürgermeister und Bestatter traten auf die Straße, und da schrie der Bürgermeister auf.

Lenore, die Frau des Bürgermeisters, war auf dem Weg vom Markt nach Hause mitten auf der Straße zusammengebrochen und auf der Stelle gestorben. Um sie herum lag ihr Einkauf, allerfeinste und nur für sie aus der Stadt herangekarrte Seide, aus der sie neue Vorhänge nähen lassen wollte.

Aus den Toten aber krochen Hunderte Regenwürmer, aus dem Mund, aus den Ohren, aus anderen Körperöffnungen. Sie krochen über die teure Seide, und es ekelte die Menschen so, dass sie sich Lenore gar nicht erst nähern wollten.

Eine Straßenecke weiter gab es ebenfalls einen Tumult. Zwei weitere Nävermoorianer waren zusammengebrochen. Wieder ein ähnliches Bild.

»Kümmert euch«, gebot der Bürgermeister kalt dem Bestatter und seinen Helfern.

Er war ratlos und hatte Angst, doch als Bürgermeister durfte er das nicht sagen. Angst ergriff ihn noch aus anderem Grund. Angst und dazu nun Ratlosigkeit.


Der Bürgermeister ließ den Leichnam seiner Frau auf der Straße liegen, was aber im allgemeinen Tumult nicht weiter auffiel, und wankte benommen nach Haus.

»Erst mal nachdenken«, sagte er zu sich, »erst mal nachdenken.«

Daheim warf er seinen neuen teuren Mantel achtlos auf einen Stuhl, goss sich erst einmal ein starkes Getränk ein und ließ sich in seinen Sessel fallen.

»Ich muss irgendwie meinen Freund kontaktieren«, murmelte er bei sich, »diesen Pestarzt. Haha. Was, wenn er versehentlich die Wahrheit gesagt hat und uns tatsächlich die Pest heimsucht? Ausgerechnet hier in Nävermoor!«

Der Bürgermeister hatte selbst nichts von der Medizin genommen. Wie konnte er eine Geschichte glauben, die er selbst mit ausgedacht hatte?

Nach diesen schrecklichen Bildern in der Bestattungshalle aber befielen ihn Zweifel. Was, wenn das alles wahr war mit der Pest?

Er zweifelte an seinem Verstand. Seine Hände zitterten, er stellte sein Glas zur Seite und erhob sich.

Der Bürgermeister hatte sich etwas von der Medizin aufbewahrt.

»Vielleicht sollte ich doch etwas davon einnehmen«, dachte er bei sich, »sicher ist sicher.«

Er öffnete seinen Vorratsschrank, in dem er die Medizin aufbewahrte, und was er sah, ließ ihn vor Ekel würgen.


In allen drei Gläsern wanden sich schwarz glänzende Regenwürmer! Bei zwei Gläsern war der Deckel aufgeplatzt und die Würmer krochen aus dem Glas und hinterließen eine schleimige Spur auf dem Regal.

»Ich bin doch Bürgermeister«, sagte sich der Bürgermeister, »ich muss das verstehen.«

Entschlossen griff er nach einem Glas und schaute sich aus der Nähe an, was da passierte.

Er erkannte, dass das Medizinpulver aus kleinen weißen Kugeln bestand, die eine nach der anderen aufplatzten. Aus den Kugeln krochen Regenwürmer hervor, die in beängstigender Geschwindigkeit zu voller Größe anwuchsen.

»Was für ein verfluchtes Zeug ist das?!«, schrie der Bürgermeister nun, obgleich er allein war, »was hat dieser Wahnsinnige den Menschen da gegeben?«

Er stellte das Glas wieder hin und schüttelte ein paar Regenwürmer ab, die ihm bereits auf die Finger gekrochen waren.


Er verschloss den Vorratsschrank wieder und wollte nachdenken. Doch da klopfte es, und als er die Tür öffnete, stand da Doktor Rabe höchstpersönlich.

»Du, du«, stammelte der Bürgermeister wütend, doch vor Wut fand er keine Worte.

»Alter Freund«, sagte Doktor Rabe, trat ein und schaute sich um. »Du hast dich wirklich edel eingerichtet! Gar nicht übel für den Bürgermeister eines kleinen Dorfes.«

»Meine Frau ist tot.«

»Hat sie? Aber ich sagte doch …«

»Sie hat dennoch.«

»Nun«, sagte Doktor Rabe, »ich habe draußen auf jeden Fall das Mittel gegen die Regenwürmer.«

Der Bürgermeister schwieg.

»Du hast keine große Wahl, alter Freund«, sagte Doktor Rabe kalt, »und dieses Mittel wirkt wirklich gegen die Regenwürmer.«

Der Bürgermeister suchte nach Worten, doch Doktor Rabe gab ihm auch ohne Frage die Antwort: »Es hilft – natürlich nur, wenn man noch nicht tot ist. Umso mehr Eile ist geboten!«


Doktor Rabe grinste, als er sah, wie der Bürgermeister zu einem elenden Häufchen verzweifelter Hilflosigkeit schmolz.

»Es kostet natürlich etwas, dieses Mittel«, sagte er, »wie viel ist dir denn jedes Leben wert?«

»Wir haben nichts mehr«, seufzte der Bürgermeister.

»Ja, das dachte ich mir«, konstatierte Doktor Rabe trocken, und da klopfte es ein weiteres Mal an die Tür. Doktor Rabe öffnete sie einfach und sagte: »Und deshalb habe ich unseren Freund von der städtischen Bank hergebeten. Er wird die Häuser und Höfe von Nävermoor beleihen. Dann kann ich euch Medizin gegen die Regenwürmer verkaufen.«

Der Banker trat herein.

Der Bürgermeister schaute aus dem Fenster. Draußen war sein Nachbar zusammengebrochen. Würmer krochen aus ihm heraus.

Doktor Rabe trat neben den Bürgermeister und legte vertrauensvoll einen Arm um ihn.

»Du musst dich entscheiden, alter Freund«, sagte er.

Die Hülle, in welcher bis eben noch die Seele des Bürgermeisters gelebt hatte, schaute mit leeren Augen erst Doktor Rabe und dann den Banker an und nickte.

Der Banker zog Papiere hervor, dazu einen Stift, um die vorbereiteten Dokumente vor ihrer Unterzeichnung zu ergänzen.

»Wie hieß dieses Dorf?«, fragte der Banker gedankenverloren, und Doktor Rabe antwortete gelangweilt: »Nävermoor.«

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