25.09.2021

Die Hölle, das sind die anderen Wähler

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Tanya Grypachevskaya
Wahlen wären eine so vernünftige Angelegenheit – wenn nur nicht die Feiglinge wären, die aus Gehorsam wählen, was die Propaganda ihnen zu wählen vorgibt, selbst wenn sie sich und uns damit die Hölle bereiten.
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»L’enfer, c’est les autres«, so lässt Sartre den Feigling Garcin in der geschlossenen Gesellschaft sagen; zu Deutsch: »Die Hölle, das sind die anderen.«

Ich schreibe diesen Text am Tag vor der Bundestagswahl 2021. Ich will gern gestehen: Früher war mehr Kribbeln.

Es ist zwar abzusehen, dass nach der Wahl bald die Zerstörerin abtreten wird – wir fürchten aber, dass höhere Mächte sie an einen Ort heben werden, wo sie weiter und womöglich sogar noch mehr Schaden über Deutschland bringen kann: Brüssel. Wir denken an die Skandalpolitikerin und Plagiatorin »Zensursula« von der Leyen, welche quasi vor ihren Skandalen aus Berlin floh und zur EU-Chefin erhoben wurde (deren beste Leistung bestand bislang darin, auf keinem Wahlzettel gestanden zu haben, und damit die EU-Wahl als Farce vorzuführen).

Die Demokratie sieht sich heute mit gleich mehreren moralischen Legitimationsproblemen konfrontiert.

Das erste der Probleme, extra frei Schopenhauer paraphrasierend: Du kannst wählen, wen du willst – aber auf dem Wahlzettel steht nicht der, den du willst. (Warum stehen etwa nicht Maaßen oder Merz auf dem CDU-Wahlzettel? Bräuchte es nicht eine Umweltpartei, deren Spitzenpersonal nicht geradezu grotesk dumm ist? Ist Demokratie wirklich die Resterampe der Lebensgescheiterten, Gewissenlosen und Plagiatoren?)

Zum zweiten Problem werden die massenhaften Briefwahlen. Die Verantwortlichen erzählen, Briefwahlen seien so sicher wie die Urnenwahl. Es ist lächerlich. Ich zitiere nochmal den Tagesspiegel: »Die massive Ausweitung der Briefwahl öffnet Manipulation Tür und Tor. Doch auch darüber hinaus stellt sich damit die Frage, ob die Wahl per Post noch mit dem Grundgesetz vereinbar ist.« (tagesspiegel.de, 13.9.2013) – dass eine Wahrheit von 2013 im Propagandastaat von 2021 nicht mehr ausgesprochen werden darf, macht sie nicht weniger wahr – im Gegenteil.

Das dritte Problem aber, das bestünde selbst dann, wenn das erste und zweite Problem gelöst wären. Das dritte Problem der Wahlen, das sind die anderen Wähler – und die sind, frei nach Sartre, die Hölle.

Was nützt dir die gute Wahlmöglichkeit, wenn genug Andere die Dummheit wählen? Es soll in der Vergangenheit ja vorgekommen sein, dass ganze Völker sich in den Untergang wählten. Nicht alle Wahlen, in welchen die Menschen sich in den Abgrund wählten, waren frei zu nennen, aber einige Wahlen für einige Wähler eben doch.

Der Feigling, die Egoistin, die Grausame

Die Handlung von Sartres Geschlossene Gesellschaft (Französisch: Huis Clos) ist schneller erzählt: Drei Verstorbene treffen im Nachleben in einem Raum aufeinander, und ein Kellner bedient sie. Der Feigling Joseph Garcin, die Egoistin Estelle Rigault und Inèz Serrano, die Grausame.

Dieses Nachleben, man könnte es eine Hölle nennen, wenn es auch eine ohne Foltergeräte (oder Zahnbürsten) ist. Sind die wahren Folterinstrumente der Hölle also die anderen Menschen? Ist die Hölle das Andere?

Wenn man jenes Berühmteste unter den Sartre-Zitaten in der populären Kultur umherflatternd vorfindet, dann ist als Autor (und damit als Sprechender) meist nur Jean-Paul Sartre notiert, doch mit dieser Quellenangabe ist es nicht vollständig!

Es ist ein Satz, den Sartre einer Figur in den Mund legt, dem feigen Deserteur und Frauenquäler Garcin. Dieser Charakter leugnet die Schuld für seine Taten. Er will nicht gestehen, dass er sich die Hölle selbst bereitet.

Will Sartre also das Gegenteil des Satzes sagen, nämlich dass alle Hölle selbstbereitet sei? Dass wir »selber Schuld« sind? – Wohl ebenfalls nicht.

Sartre selbst sah sich missverstanden, wenn »das andere« als »die anderen Menschen« gedeutet (und übersetzt) wurde. Sartre erklärte 1965 in einem öffentlichen Gespräch, dass durchaus nicht alle Beziehungen zu anderen Menschen vergiftet und »die Hölle« seien. Jedoch, indem wir die Maßstäbe und Urteile anderer Menschen übernehmen, und anwenden, bereiten wir unsere Hölle. Und in diesem Sinne gilt dann: Die Hölle, das sind die anderen (und doch bereiten wir sie uns selbst). (Siehe »The Hell of our Choosing: Sartre’s Ethics and the Impossibility of Interpersonal Conversion«, Edward J. Grippe, via Google Books)

Der Hölle zu entgehen

Zur anstehenden Wahl in Deutschland lassen sich aber beide Deutungen jenes Zitats anwenden!

Mancher Bürger wird nicht wählen, was er wirklich wählen will, weil er zuließ, dass Presse und Propaganda ihm »die Hölle heißmachen«. Die Hölle des Gehorsamen, sie ist eine Hölle, die er sich selbst bereitet – und doch ist es eine Hölle, die Andere ihm vorgaben, eine fremde Hölle.

Für jene aber, welche tatsächlich frei wählen, denen kann es widerfahren, dass die Mehrheit stur im Sinne jener selbst bereiteten Hölle unfrei wählt. Für die Freien gilt dann obige erste Deutung: Egal was du wählst, wenn die Mehrheit den Abgrund wählt, stehen die Chancen gut, dass sie dich in ihren Abgrund mitschleifen – die Hölle, die bereiten dir die Anderen.

Was also tun, um der Hölle zu entgehen? Ich weiß, ich weiß, es kribbelt nicht mehr, es ist wenig Vorfreude und nicht viel Hoffnung – und doch!

Wähle das, was dein Gewissen dir als Wahl empfiehlt.

Wähle das, was dein Mut dir zu wählen gestattet.

Wähle so, dass du später sagen kannst: Die Hölle, das ist die Schuld der anderen.

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