Dushan-Wegner

06.02.2024

Hättest du die Limonade getrunken?

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten
Die Bewohner von Jonestown träumten von einer sozialistischen Utopie, umgeben von Natur. Bald wurde in der marxistischen Kommune totalitäre Kontrolle errichtet. Und am Ende tranken sie gehorsam Gift. Wie undenkbar wäre solche Ideologie heute?
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Kennt ihr den Namen »John Cobb«? Oder »Christine Miller«. Oder »Hyacinth Thrash« und »Zippy Thrash«?

Vermutlich nicht. Dabei sind es wichtige Menschen. Menschen, die am Leben sind oder waren, lange, nachdem viele ihrer Freunde und Familienmitglieder verstarben. Und diese Menschen ringen und rangen noch Jahrzehnte später mit den Ereignissen, die dazu führten, dass ihre Freunde und Familie eben nicht mehr am Leben sind oder waren. Lasst mich erklären!

Wahrscheinlicher ist, dass ihr vom »Jonestown-Massaker« gehört habt. Und von deren Anführer »Jim Jones«.

Und wenn ihr euch im amerikanischen Sprachraum bewegt, dann habt ihr sicher den Ausdruck gehört: »To drink the Kool-Aid.« – Das hat damit zu tun.

16 Quadratkilometer

Die Siedlung »Jonestown« wurde vor 50 Jahren, im Jahr 1974, im Nordwesten Guyanas gegründet.

Der volle Name war »Peoples Temple Agricultural Project« (siehe Wikipedia), den meisten ist aber »Jonestown« ein Begriff.

Meine Ausführungen hier sind bewusst so formuliert, dass gewisse mögliche Parallelen zur heutigen Zeit klar werden. Ich verwende hier aber nur zentrale, bekannte Fakten. Und ich lasse zumindest bewusst nichts weg, was der aufgezeigten Parallelität widersprechen würde. Aber, bitte: Prüft selbst! Lest selbst in den Quellen nach!

In Guyana wird Englisch gesprochen (und die Steuergesetze waren dort damals »entspannter«), deshalb pachtete Jim Jones dort 16 Quadratkilometer Regenwald. Er und seine Anhänger wandelten diesen Regenwald durch Brandrodung in Siedlungsland um.

Traum der idealen Gesellschaft

Jim Jones überzeugte Hunderte Amerikaner, mit ihm nach Guyana zu ziehen, um in Jonestown als dem »gelobtem Land« zu leben.

Er versprach eine Gemeinschaft von Menschen verschiedener Hautfarben. Jones selbst war weiß, doch 70 % seiner Anhänger waren Schwarze, und 74 % waren Frauen.

Der Grund für die hohe Zahl schwarzer Anhänger war, dass er ihnen in einer Zeit rassistischer Diskriminierung und sozialer Chancenlosigkeit einen Neustart ohne diese Bürden versprach. Seine adoptierten Kinder waren schwarz, und seine Rhetorik klang nach Martin Luther King.

Jim Jones war Methodist und Gelegenheitsprediger, und er nannte ein früheres seiner Projekte »Kirche«, doch tatsächlich war Jonestown eine marxistische Kommune (siehe theatlantic.com, 8.11.2012).

Der Grund für die hohe Zahl weiblicher Anhänger war … nun, rechnet es euch selbst aus. Jim Jones wird regelmäßig zuerst als ungewöhnlich »charismatisch« beschrieben. Dank YouTube können wir das selbst prüfen. Aussehen und Habitus des jungen Jim Jones könnte man mit einem James Bond seiner Zeit vergleichen. Die Entscheidung für Jim Jones war aber womöglich auch, äh, »emotional«.

Erinnert euch das an etwas?

Randnotiz an dieser Stelle: Seit Jahren und aktuell wieder berichten Propaganda-nahe Postillen begeistert, dass Frauen laut Studien deutlich öfter »links« wählen als Männer (etwa spiegel.de, 2.2.2024, hinter Bezahlschranke). Fangt damit an, was ihr wollt.

James Bond für Sozialisten

Der Traum der idealen Gesellschaft von Jonestown war explizit sozialistisch. Jim Jones hatte sich mit Mao, Stalin und, ja, Hitler beschäftigt.

Er versprach seinen Anhängern eine marxistische, gerechte Utopie ohne Unterschiede durch Hautfarbe oder Status – wenn sie sich ihm nur unterwarfen.

Tatsächlich waren Schwarze und Weiße nicht in allen Teilen der Jonestown-Gesellschaft gleich vertreten. Ihre tatsächliche Führung bestand aus Weißen, um Jim Jones herum waren es vor allem weiße Frauen.

Erinnert euch das an etwas?

Zur Durchsetzung der notwendigen Arbeiten an der Utopie setzte Jones bald Bespitzelung und Wärter ein. Bei aller Rhetorik von Gleichheit, Revolution und einem sozialistischen »Gelobten Land« war Jonestown sehr totalitär strukturiert. Abweichler wurden geächtet, gedemütigt und hart bestraft.

Erinnert euch das an etwas?

Neben bewaffneten Wärtern, die Gehorsam und Disziplin erzwangen, setzte Jim Jones auch auf Denunziation und totale Kontrolle aller Lebensbereiche.

Zitat aus der doch eher linken Wikipedia: »Unter anderem wurden Kinder dazu ermutigt, ihre Eltern auszuhorchen und zu denunzieren.«

Erinnert euch das an etwas?

Angehörige von Menschen, die fluchtartig nach Jonestown gezogen waren, informierten Behörden und Politiker in den USA darüber. Frühe Jonestown-Aussteiger berichteten von sexuellem Missbrauch an Frauen und Kindern.

Durch eine rätselhafte Logik fühlte man sich durch den Traum von der sozialistischen Utopie gerechtfertigt, sogar Kinder zu sexualisieren und zu missbrauchen.

Ja, ich stelle die Frage: Erinnert euch das an etwas?

Und ich wiederhole: Meine Darstellung wählt Fakten aus. Informiert euch also selbst, und fangt damit gern bei der zweifellos »nicht-rechten« Wikipedia an (etwa zu Jonestown-Massaker), oder bei einem der vielen YouTube-Videos, gern von Mainstream-Medien.

Mit Musik und Tanz

Am 17. Januar 1978 wurde der US-Kongressabgeordnete Leo Joseph Ryan Jr. in Jonestown freundlich empfangen. Man führte ihm das kulturelle Leben von Jonestown vor, mit Musik und Tanz. Die Beschreibungen lesen sich eins zu eins wie die Beschreibung eines Multikulti-Stadtteilfests in Deutschland. Ihr kennt das, wenn mit teurem Propaganda-Aufwand eine heile Multikulti-Welt vorgespielt wird, ob nun für Wähler und TV-Kameras oder für den Abgeordneten.

Dann wurde dem Kamerateam, das mit dem Abgeordneten gekommen war, ein Zettel zugesteckt, auf dem »Holt uns hier raus!« stand. In einem nahen Ort wurde ihnen von Folter in Jonestown berichtet.

Der Abgeordnete und sein Team begannen, Fragen zu stellen, vor allem nach der Freiheit der Bewohner. Er bot an, Bewohner, die gehen wollten, mit in die USA zu nehmen. Daraufhin riet man ihm, Jonestown sofort zu verlassen. Er wurde mit einem Messer attackiert.

16 Menschen kamen dennoch mit ihm, darunter aber ein bewaffneter Jones-Agent. Am Flughafen attackierten Jones-Leute das Flugzeug, auch der Agent schoss. Fünf Menschen starben, darunter der Abgeordnete.

Als Jim Jones vom Tod des Abgeordneten erfuhr, wurde ihm klar, dass und wie die USA reagieren würden.

Statt sich zu ergeben – in meiner Interpretation: die Realität als solche endlich anzunehmen –, entschloss sich Jim Jones zu dem wahnsinnigen, finalen Schritt, den wir heute als »Jonestown-Massaker« und »Drinking the Kool-Aid« kennen.

Lieber tot als ungehorsam

Er rief die Bewohner von Jonestown zusammen und überzeugte sie, aus Pappbechern einen Cocktail aus Saft, Valium und Zyankali zu trinken. (Es war wohl übrigens nicht wirklich die Marke, die in der davon inspirierten Redeweise enthalten ist, sondern vor allem die billigere Variante »Flavor-Aid«. Dieses »drinking the kool-aid« wird dennoch, wieder laut linker Wikipedia, »meist als Metapher verwendet, die mit ›blind auf eine Ideologie wegen Gruppenzwangs vertrauen‹ übersetzt werden kann«.)

Zuerst tranken die Säuglinge und Kinder. Oder man verabreichte es als Spritze.

Man tröstete einander, der Tod sei nur der Übergang in eine andere Ebene.

Einige der Bewohner mussten mit Gewalt gezwungen werden, das Gift zu nehmen, wie Tonbandaufnahmen belegen. (Ja, die gibt es – und dass es die gibt, das ist ein eigenes psychologisches Thema.)

Viele aber, vermutlich die Mehrheit, nahm das Gift freiwillig. Eltern gaben das Gift erst ihren Kindern, dann nahmen sie es selbst.

Ja, die Anhänger der naturnahen, multikulturellen, sozialistischen Jonestown-Utopie würden lieber ihre Kinder und dann sich selbst das Leben nehmen, als der charismatischen Autorität ungehorsam zu sein und sich so selbst aus dieser Gemeinschaft herauszunehmen.

Im Internet findet ihr die Bilder von Jonestown, mit Hunderten herumliegender Körper. 909 Menschen starben an dem Tag.

Keine Sekunde vergessen

Kommen wir aber nochmal zu den Namen »John Cobb«, »Christine Miller«, »Hyacinth Thrash« und »Zippy Thrash«.

Es sind nur vier Beispielnamen der Überlebenden von Jonestown, denn die gibt es eben auch. (Siehe dazu etwa time.com, 17.11.2021 oder canoe.com, 13.11.2018, oder einfach nach »jonestown survivors« suchen.)

Einige der Überlebenden waren geflohen oder hatten sich dem Gift entzogen. Andere waren an jenem Tag zufällig außerhalb unterwegs. Alle aber rangen und ringen noch Jahrzehnte später mit ihrer Rolle in der Welt. Wie soll man Menschen und Jahre hinter sich lassen, die man doch keine Sekunde vergessen kann?

Ich umreiße euch hier die Fakten zu Jonestown auf eine Weise, die Parallelen zu gewissen massenpsychologischen Entwicklungen der heutigen Zeit nahelegt. Wenn mir aber diese Parallelen nicht wichtig, zentral und augenfällig erschienen, würde ich sie euch hier nicht vorlegen – informiert euch und vergleicht selbst!

Die Chance zu überleben

Was aber lernen wir daraus?

Natürlich ist es vorzuziehen, gar nicht erst in einen solchen Wahnsinn wie Jonestown zu geraten. Manchmal aber – etwa als Kind! – hat man keine Wahl.

Und dann fragt euch mal: Wenn ihr, ob freiwillig oder unverschuldet, selbst in eine Psycho-Situation wie Jonestown geraten solltet, wie könntet ihr eure Chancen erhöhen, zu denen zu gehören, die den Wahnsinn überleben?

An welchem Punkt und wie würdet ihr es anstellen?

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