Dushan-Wegner

25.01.2024

Deutschland ist nicht unnütz

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten
Niemand ist unnütz, er kann noch immer als schlechtes Beispiel dienen – oder als Spekulationsobjekt. Erster Hedgefonds wettet 1 Milliarde Dollar auf Deutschlands Absturz. Wie geht man als Deutscher damit um?
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Niemand ist unnütz, so sagt man, er kann noch immer als schlechtes Beispiel dienen.

Es wird halb im Scherz gesagt und halb im Ernst. Und manchmal denken wir heimlich: Ach, wären die Unnützen »nur« unnütz – und würden nicht auch noch so viel Schaden anrichten.

Es braucht eine gewisse persönliche Reife, um bei Gelegenheit festzustellen, dass man selbst der Unnütze ist. (Beim Heimwerken bin ich das Beispiel, wie ungeschickt man nicht sein sollte.)

Doch die Funktion als »schlechtes Beispiel« ist nicht der einzige Nutzen, der sich aus Versagenden ziehen lässt.
(Übrigens habe ich gerade nicht gegendert – ich meine mit »Versagenden« tatsächlich das nominalisierte Partizip, also Menschen, die just im relevanten Zeitraum im Vorgang des Versagens begriffen sind.)

Und jetzt setze ich den vielleicht brutalsten thematischen Schnitt und Übergang meiner Essayistenlaufbahn, wenn ich sage: Niemand ist ganz unnütz, denn er kann als schlechtes Beispiel dienen – oder als Spekulationsobjekt!

Rentable Ausschussverwendung

Der britische Hedgefonds »Qube Research & Technologies« hat, wie gemeldet wird, via »short selling« jetzt gerade 1 Milliarde US-Dollar auf den Niedergang der deutschen Wirtschaft gewettet (bloomberg.com, 24.1.2024).

Im Bloomberg-Artikel, hinter Bezahlschranke, liest man dann (ich übersetze): »Viele deutsche Unternehmen leiden unter einer Kombination aus Energiekrise, schrumpfender Binnenwirtschaft, schwächeren Exporten außerhalb der Europäischen Union und steigenden Zinsen.«

Wir lesen, dass der DAX zwar aktuell hoch steht, doch das liegt wohl weniger an erwarteter Wirtschaftskraft als an der Erwartung baldiger Zinssenkungen.

Der Hedgefonds jedoch wettet, so liest man, gegen Volkswagen-Stammaktien (236,5 $M), gegen Rheinmetall (157,9 $M), gegen Siemens Energy (146,2 $M), noch mal gegen Volkswagen, und zwar Vorzugsaktien (140,1 $M), und gegen jene hochmoralische Institution, deren US-Kollegen einen Jeffrey Epstein als Kunden aufnahmen, nachdem dieser verurteilt worden war (americanbanker.com, 4.1.2024), und die mit einem Corporate Equality Index von vollen 100 Punkten quasi das BlackRock-Moralsiegel tragen (db.com): die Deutsche Bank (131,8 $M).

Der in London ansässige Hedgefonds arbeitet mit mathematischen und statistischen Methoden, um zukünftige Entwicklungen vorauszusagen. Ja, in der Geschichte gab es Hedgefonds, die mit mathematischen Modellen operierten und dabei im riesigen Maßstab scheiterten. Doch diese sind die Ausnahme. Die Superreichen werden superreicher, weil sie öfter richtigliegen als falsch, und wenn sie richtigliegen, liegen sie spektakulär richtig.

Ich als Ahnungsloser erwarte ja nicht, dass der Aktienmarkt abstürzen wird. Zu viele Politiker und deren Spender haben zu viel eigenes Geld investiert. Die werden alles tun, um die Kurse zu stützen.

Doch die Mathematiker und Analysten des 600-Leute-großen Hedgefonds wetten 1 Milliarde Dollar, dass auch das nicht genügen wird.

Nebenbei, lasst mich auch die Gegenthese vorstellen: Es wäre logisch möglich, dass diese Wette auf Deutschlands Abstieg nur eine Absicherung ist, nämlich einer noch zu veröffentlichenden, viel größeren Wette auf einen überraschenden deutschen Boom.

Ja, das ist logisch möglich – aber zurück zum Vorliegenden und dem, was bislang bekannt ist.

Niemand ist ganz unnütz – er kann noch immer jemandem als Spekulationsobjekt dienen.

Ja, das ist brutal hart. Es tut mir fast körperlich weh.

Ich versuche ja, wie ihr wisst, Rezepte zu finden, um »am Wahnsinn unserer Zeit nicht selbst wahnsinnig zu werden«.

Lasst mich euch vorlegen, wie ich konkret mit dieser brutalen und riesig dimensionierten Meldung klarkomme.

Sechs zum Preis von Dreien

Ich werde mir dessen bewusst, dass in mir mindestens drei Mechanismen arbeiten, dass quasi drei »Antriebe« zugange sind. Manchmal kooperieren sie, manchmal herrscht in mir innerer Bürgerkrieg.

Mein Verstand sagt mir, dass etwas dran ist, gegen Deutschland zu wetten – wir kennen ja die Zahlen und Vorhersagen. Und dann formuliert mein Verstand wieder die Gegenthesen. Eine Börse kann eine gewisse Zeit lang auch von rohen Wirtschaftszahlen entkoppelt sein – die New Economy war es jahrelang. Und die Wirtschaft wiederum kann durch Zins- und Buchhaltungstricks, durch Hype und Marketing oder durch Firmenkäufe et cetera vom sinnvollen Wirtschaften entkoppelt sein – eine Zeitlang. Das alles würde Short-Selling gegen Deutschland teuer machen, sehr teuer, unabhängig davon, ob deutsche Maschinenhersteller auch nur eine Maschine exportieren.

Mein Gefühl hört diese innere Debatte meines Verstandes und will einfach nur brüllen: »Halt die Fresse, Verstand!« (Also quasi mein innerer Grünen-Parteitag.)

Was für ein gefühlskalter Hund musst du sein, Verstand, um solche Debatten auch nur auszuformulieren! Es geht im Endeffekt bei diesen Zahlen um Menschen, um Hoffnung, um die Lebenspläne von Millionen Seelen.

Und als wäre das alles nicht kompliziert genug, greift eine dritte Partei in diesen inneren Bürgerkrieg ein, nämlich meine Instinkte – und die sind sich selbst wahrlich nicht einig.

Die einen Instinkte wollen sich inhaltlich zurückziehen, wie so mancher heute, und wollen die Nachrichten und damit die Realität ignorieren, komme was da wolle. Der emotionale Preis ist einfach zu hoch für den erwarteten praktischen Nutzen des Informiertseins.

Ein anderer Instinkt in mir will genau das Gegenteil, will attackieren (demokratisch natürlich), will retten, was zu retten ist – und sei es mit den Waffen des Philosophen, was auch immer das bedeutet.

Nun, Deutschland ist jetzt nicht nur als Beispiel dafür nützlich, wie man es nicht machen soll, sondern auch ganz offiziell als Spekulationsobjekt – in einer nicht wünschenswerten Richtung.

Wenn ihr euch aber in meiner Zerrissenheit wiederfindet, dann hoffe ich, dass ich euch hier durchs Beschreiben und Offenlegen nützlich war.

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