Dushan-Wegner

24.03.2024

Pfefferminzbonbons ein Knöchel

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild: Was hätten Sie gern?
Wenn ihr bedenkt, wie viel Lebenszeit ihr aufgewendet habt, um das entsprechende Geld zu verdienen: Welcher Kauf war das am besten investierte Geld, und was war die schmerzhafteste Verschwendung?
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Liebe Leser, lasst mich euch wichtige Wahrheit vorlegen. Neu ins Gedächtnis rufen. Die Rillen im Bewusstsein bezüglich dieser Wahrheit neu ziehen, von Ablenkung und anderem Schutt säubern, vertiefen und geradeziehen.

Lasst mich diese wichtige Wahrheit mithilfe einer Geschichte neu aufs Podest unserer Aufmerksamkeit stellen.

Die Geschichte

Der Reisende, wenn man ihn später fragen sollte, würde sagen, dass er einfach nur falsch abgebogen war. Einmal falsch abgebogen. Doch in Wahrheit hatte ihn der zarte Nebel, welcher an jenem Morgen über diesem Dorf hing, angelockt. Der zarte Nebel und die übliche Neugier.

Ein Pferdewagen war dem Reisenden entgegengekommen, dorfauswärts. Der Bauer, der auf dem Wagen saß, nickte zum Gruß.

Der Bauer hielt die Zügel des Pferdes in den Beugen beider Arme, nicht in den Händen. Das fiel dem Reisenden auf, und als die Kutsche nah vorüberfuhr, wurde auch der Grund für diesen ungewöhnlichen Griff deutlich: Dem Bauer fehlten Finger und Daumen, an beiden Händen.

»Was für ein Unfall wohl für eine solche Verkrüppelung verantwortlich war?«, fragte sich der Reisende.

Rauch stieg aus den Schornsteinen des Dorfes auf. Die Dörfler hatten wohl die Morgenfeuer angezündet.

Weitere Bauern zogen ins Feld. Die Morgensonne im Rücken zeichnete ihre Umrisse in den Morgennebel.

Der Reisende sah, dass auch jedem dieser Bauern wichtige Körperteile fehlten. Einer humpelte auf Krücken, weil ihm das Bein fehlte, einem gleich der ganze rechte Arm. Ein anderer, dem die Augen fehlten, wurde geführt von einem, der statt auf Füßen auf zwei verbundenen Stumpen ging und dem bei jedem Schritt schlimmer Schmerz das Gesicht zusammenzog.

»Wie viele Unfälle hier doch geschehen müssen«, dachte der Reisende bei sich, »und was wohl die Ursache des vielen Unglücks ist, das diese Menschen ereilte?«

Auf dem Dorfplatz baute kaum eine Handvoll Händler ihre Stände auf. Und mit »Handvoll« meinen wir hier etwa fünf. Von diesen Händlern hatte kein einziger alle Finger beisammen. Ja, auch nur beide Arme noch an seinem Körper zu tragen, war eine Ausnahme. Doch als die, die noch sehen konnten, den Reisenden mit seinen vollständigen Gliedmaßen erblickten, funkelte es in ihren Augen.

Die Glocke der Dorfkirche erklang. Das Tor der Kirche wurde geöffnet. Heraus trat der Pfarrer. Er war ganz grün im Gesicht, schlurfte vornüber gekrümmt und hielt sich die Seite.

Der Reisende fragte sich: »Ob sie dem wohl ein Organ entfernt hatten?«

Er wollte jemanden fragen, was es mit den vielen Beschädigten dieses Dorfes auf sich hatte. Doch wie sollte er die Frage formulieren?

Kinder sammelten sich an der Dorfschule, und der Reisende traute sich kaum, die Kinder genauer anzuschauen, auch nur flüchtig ihre Arme, Beine oder gar Finger durchzuzählen.

Da hatte der Markt eröffnet. Ein Händler rief: »Frische Sardinen! Frische Sardinen! Ein Dutzend für nur einen Knöchel!«

Einen Knöchel?

Ein anderer Händler rief: »Neueste Mode aus der Großstadt! Ein Mantel für ein Ohr! Eine Hose für einen Finger! Umnähen gratis!«

Der Reisende spürte, dass ihn jemand an seinem Hemd zog.

Er schaute an sich hinab. Der ihn zog, war ein Junge, der doch eigentlich in der Schule sein sollte und dem beide Unterarme fehlten. Der Junge zog mit den Zähnen am Hemd des Reisenden.

Als der Junge den Blick des Reisenden bemerkte, wies er mit seinem Armstumpf auf einen Stand mit bunten Bonbons hin.

»Eine Tüte Bonbons, bitte, bitte«, sagte der Junge, »kauf mir eine Tüte Bonbons. Du hast noch Fingerknöchel, und meine Zunge will ich nicht hergeben, denn dann nützen mir die Bonbons ja nichts!«

So schrecklich die Vorstellung war: Der Reisende begriff allmählich, was die Ursache all der Verkrüppelungen war.

An einem nahen Stand wurden Waschpulver und Seife verkauft.

»Ein Pfund vom Extra-Weiß bitte«, sagte eine Frau.

»Aber gern doch, die Dame«, antwortete der Händler. Er nahm einen dicken, reichlich zerbissenen Lederstreifen, wischte ihn an seinem Schurz ab und gab ihn der Kundin. Die biss darauf und legte ihre Hand auf den Hackblock.

Routiniert holte der Händler mit einer mittelschweren Axt aus, ließ sie herunterkrachen. Die Frau stöhnte auf und biss fest in den Lederstreifen. Der Händler nahm den abgehackten Finger und warf ihn einen Korb zu den übrigen an diesem Morgen bereits kassierten Fingern.

Weil er ein ehrlicher Händler war, reichte er der Käuferin nicht nur das Pfund Waschpulver, sondern auch den nur leicht angekratzten Ring, den sie am Finger vergessen hatte.

»Darf es noch etwas sein?«, fragte der Händler, während er ihr ein Stück Verband für den Fingerstumpf reichte.

Dem Reisenden wurde flau im Magen. Das Geschehen des Marktplatzes verschwamm vor seinen Augen. Der bettelnde Junge zog wieder an ihm, das Hemd des Reisenden in den Zähnen, mit den Armstümpfen auf den Bonbonstand zeigend.

»Ich muss hier raus«, sagte der Reisende, »schnell raus.«

Die Erinnerungen des Reisenden brechen an dieser Stelle ab. Als Nächstes findet er sich auf der Straße wieder, wo ihm am Morgen jener Kutscher begegnet war. Diesmal läuft er, so schnell es sein benebelter Geist zulässt, in umgekehrter Richtung vom Dorf weg.

Wenn er im Nebel auf einen Krüppel stieß, stieß er diesen mit den Schultern weg. Sein Ekel über die geschäftlichen Gewohnheiten jenes Dorfes erstreckten sich wohl auch auf alle, die daran teilnahmen.

Der Reisende gelangte zurück zur Abzweigung, an welcher er, vom zarten Nebel angelockt, seinen Plan geändert hatte und zum Dorf abgebogen war.

Eine Meile etwa ging er zu Fuß zurück in Richtung seines ersten Ziels.

Er hörte von hinten eine Kutsche nahen.

»Hoffentlich ein normaler Kutscher«, dachte er bei sich und wandte sich um.

Ja, dieser Kutscher schien noch im Besitz sämtlicher Gliedmaßen zu sein.

Der Reisende winkte, noch immer benommen von den Ereignissen, um ein Stück mitgenommen zu werden.

Die Kutsche verlangsamte ihre Fahrt und wollte für den Reisenden anhalten.

Doch da schüttelte der Kutscher den Kopf und wies auf die winkende Hand des Reisenden.

Der kleine Finger der rechten Hand des Reisenden war bandagiert, und Blut tropfte von seinem Handgelenk.

Bei dem Anblick seiner eigenen blutenden Hand klarte sich jäh das Bewusstsein des Reisenden auf. Stechender Schmerz ob des nun fehlenden Knöchels durchfuhr seinen Körper.

In einer plötzlichen Erinnerung hörte der Reisende sich selbst sagen: »Bitte einmal Pfefferminz!«

Der Kutscher hatte wieder beschleunigt und ließ die Peitsche knallen, auf dass die Pferde nur schnell von diesem verfluchten Ort wegkamen.

Die Lehre

An dieser Stelle in Geschichte und Text überlassen wir den ausgedachten Reisenden seinem Schicksal. (Welches davon abhängt, ob die Leser sich eines für ihn ausdenken – der Schreiber ist erstmal fertig.)

Meine lieben Leser, meine Absicht für diesen Text und diese Geschichte war, eine wichtige Wahrheit neu ins Gedächtnis rufen zu wollen.

Diese wichtige Wahrheit aber ist: Es erscheint euch gruselig und wahnsinnig, Bonbons und andere Dinge durch Abhacken von Fingern oder anderen Körperteilen zu bezahlen.

Ihr bezahlt lieber, wie es üblich ist, mit Geld. Doch wie haben die meisten von uns ihr Geld verdient?

Durch Arbeit.

Diese Arbeit fand unter Einsatz von Lebenszeit und Aufmerksamkeit statt.

Und diese Einheiten kommen nie wieder. Euer Leben besteht buchstäblich aus eurer Zeit und Aufmerksamkeit.

Mit dem Gegenwert so und so vieler Jahre an Arbeitszeit zu bezahlen ist vergleichbar damit, etwa mit einer Hand oder einem Fuß zu bezahlen.

Ja, auf gewisse Weise ist es ärger, mit seiner Arbeitszeit zu bezahlen!

Dein Leben findet mithilfe des Körpers statt, doch Körper und Leben sind nicht identisch. (Sonst müsste einer, dem eine Hand fehlt, »weniger« Leben erleben, aber wir wissen, dass ein Amputierter viel mehr Leben erleben kann, wenn er es nur richtig anstellt.)

Doch deine Lebenszeit, deren aufmerksamste Stunden du deinem Arbeitgeber oder deinen Kunden gibst, sind buchstäblich dein Leben.

Jeder Tag und jede Minute kommen nur einmal, so wie du nur zwei Hände und an jeder nur einen kleinen Finger hast.

Überlege gut, welche Bonbons du wofür kaufst! Wir kennen ja auch noch ganz andere Verschwendungen von Lebenszeit, von Jahren und Jahrzehnten, die sind weit tragischer als »nur« eine abgehackte Hand.

Weiterschreiben, Wegner!

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