30.11.2020

Die Grenzen des Expertentums

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Sergey Pesterev
Ein »Experte« kann komplett falsch liegen und wird doch nicht dafür belangt werden. Wir sollten hören, was Experten sagen – aber auch, was ANDERE Experten sagen. Und dann bleibt uns wenig übrig als: Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst!
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»Hört auf die Experten!«, so ordnet die Regierung es an, und so schreiben es also brav die Journalisten, »glaubt den Experten fester als ihr euren Augen glaubt! Folgt den Experten treuer als ihr eurem Verstand folgt!«

Das Argument verläuft etwa so: »Da haben sich Leute ihr Leben lang mit dem Thema beschäftigt (Viren, Bankenwesen, Populismus) und nun wissen sie so viel mehr darüber als wir, der Pöbel, also ist es moralisch zwingend – und rechtlich zulässig – das Schicksal der Republik und ihrer Bürger in die Hände der Experten zu legen.«

Ist der unbedingte Glaube und der ebensolche Gehorsam an jene, welche uns als Experten vorgestellt werden, wirklich 1. vernünftig, und/oder 2. moralisch zwingend?

Sowieso nicht anders

Nichts auf dieser Welt ist absolut und unausweichlich, nicht einmal die Steuern (fragen Sie die Konzerne; siehe heise.de, 3.5.2019), nicht einmal der Tod (fragen Sie die Turritopsis-Quallen; siehe Wikipedia). Moralische Fragen sind nicht absolut (siehe Trolley-Problem, etwa im Essay vom 13.11.2017), und rechtliche Fragen sowieso nicht (siehe die Standard-Antwort der Juristen, »es kommt drauf an«, sowie die Redensart von der Hohen See und dem Gericht – auf dem einen und vor dem anderen sei der Mensch »in Gottes Hand«, was wohl das Gegenteil von »sicher« bedeuten soll).

Nein, der Gehorsam gegenüber jenen, die man »Experten« nennt, kann nicht und sollte nicht absolut sein.

Denk-Experiment: Ein Chip wird in Ihr Gehirn eingepflanzt, und immer wenn Sie sich zwischen A und B entscheiden müssen, und sich für B entschieden haben, greift der Chip ein und ändert Ihre Entscheidung zu A um. Wenn Sie sich für A entscheiden, tut der Chip nichts. – Frage: Wie »frei« ist eine Entscheidung für A wirklich, wenn Sie sowieso nicht anders entscheiden konnten?

Entsprechend: Die Experten, die uns von Politik und Staatsfunk als solche vorgestellt werden, sind selten solche, welche der beabsichtigen Politik grundsätzlich widersprechen. Wer der »offiziellen« Wahrheit aus ehrlichen Gründen widerspricht, wird allerhöchstens als »Freakfall« vorgeführt (um »Druck vom Kessel zu nehmen«).

Ich will dem Experten glauben, dass er seine Bewertung und Empfehlung nach »bestem Wissen und Gewissen« aufstellte, mit aller denkbaren Mühe und Sorgfalt – ich glaube aber Regierung und Staatsfunk nicht, dass die von ihnen ausgewählten Experten das Gesamtbild des Expertentums darstellen – dafür hat uns die Regierung zu oft sehenden Auges geschadet und allzu offen anderen Interessen gedient – der Merkel-Apparat macht ja etwa bei der Migration wenig Hehl daraus, dass ihm die Interessen der Deutschen (»diejenigen, die schon länger hier leben«) nicht nur de facto egal sind, sondern als geradezu unmoralisch erscheinen.

Die Auswahl der Experten durch Regierung und/oder Staatsfunk ist funktional. Wenn die Pläne von Regierung und/oder Staatsfunk sich drehen, können Experten in »Ungnade« fallen; wir denken etwa an Dr. Wodarg, der noch im April 2020 als Kronzeuge zur Beruhigung der Bevölkerung diente (zdf.de, 10.3.2020) – und kurz darauf die Meinungsmaschine gegen sich hatte (zdf.de, 3.4.2020).

Weiterhin und dringender denn je

Dass die Autoritäten sich aussuchen, wer die »Experten« seien, ist natürlich nicht das einzige Problem des Aufrufs, eben diesen blind und brav zu gehorchen!

Ja, Experten können sich irren. Einstein hielt Atomstrom für undenkbar, da ein Atom doch nicht nach Belieben zerschlagen werden könne. Einige Experten hielten die Elektrizität für eine vorübergehende Mode, andere den Computer und wieder andere das Internet. Ärzte hielten den Einfluss von Rauchen auf Lungenkrebs für vernachlässigbar. In der New York Times hieß es einst, der Mensch würde niemals die Erdatmosphäre verlassen – aber gut, die New York Times pries einst auch Stalin und half ihm seine Massenmorde zu verstecken (so tabletmag.com, 23.10.2020).

Die Erkenntnis, dass Experten allzu sehr nach ihrer Nützlichkeit ausgewählt wurden, und die Ernüchterung, dass auch sogenannte »Experten« groben Unfug erzählen können, ach, wären sie hier unsere einzigen Probleme – wir könnten es vielleicht einschätzen und damit umzugehen lernen!

Gerade heute aber erleben wir eine Spielart des »Argumentum ad verecundiam« (siehe Wikipedia) – des »Autoritätsarguments«. Der Trick läuft so: Eine Person wird als Experte für X vorgestellt – und automatisch wird ihr die Autorität in weiteren Bereichen zugeschrieben, die bei näherer Betrachtung gar nicht in deren Expertenbereich fallen. Menschen sterben nicht nur durch Viren, sie sterben auch durch Armut, Depression und aufgeschobene Behandlung ihrer Krankheiten. Dass einer im Labor irgendwelche Viren untersucht hat und von der Regierung zum »Experten« erklärt wurde, macht ihn zum Experten für Glück und Lebenswege, zum Herrn über Leben, Tod und depressives Dahinsiechen.

Ein »Experte« ist einer, der von Autoritäten dazu erklärt wird. Der Experte kann komplett falsch liegen und wird doch nicht dafür belangt werden. (Ich kritisiere das nicht einmal: Natürlich muss ein Experte mutige Thesen aufstellen können, ohne noch mehr Angst vor Fehlern zu haben – wir sollten es aber auch im Kopf behalten, dass zum Experten-Status gehört, meist nicht auch für grobe Denkfehler und falsche Vorhersagen verantwortlich zu sein, anders als etwa Unternehmer, Arbeitnehmer, Eltern – und jedes einzelne Individuum in eigener Sache.)

Auf hoher See und vor Gericht, so heißt es, sind wir »in Gottes Hand« – eine Ahnung beschleicht mich, dass es »in des Experten Hand« noch unsicherer wäre. Nennen Sie mich einen Blasphemiker, doch mein Leben, so nur irgend möglich, will ich in meiner Hand halten.

Wir sollten durchaus hören, was Experten sagen (und ihre Motivationen abklopfen) – und wir sollten hören, was andere Experten sagen.

Wir tragen die Verantwortung für unser Leben, nicht irgendwelche Experten, die uns die Regierung tagesaktuell vorsetzt. In Sachen unseres eigenen Lebens bleibt uns wenig anderes übrig, als selbst zum Experten zu werden.

Es gilt, weiterhin und dringender denn je: Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst!

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