16.10.2021

Von Flut und Pflicht

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Lukas Hron
Wir bedauern die Menschen im Flutgebiet. Es ist ja auch grausam. Unsere Häuser stehen aber heute ALLE im Flutgebiet, metaphorisch gesprochen – wir wollen es vielleicht nur nicht wahrhaben.
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Es waren einmal ein paar liebe Menschen, die hatten ihre Häuser in einem Flutgebiet gebaut. Viele lange und schöne Jahre lebten sie dort zufrieden, und sie erwarteten nichts Böses.

Dann aber kam sie doch, die große, gefährliche Flut, und wilde Wasser rissen den Menschen ihr Zuhause weg.

Gänzlich fremde Leute sagten daraufhin: »Haha, selber Schuld, wenn ihr euer Haus dort hingestellt habt, wo die Flut eure Mauern unterspülen kann!«

Einige der Menschen, die nun ohne Bleibe waren, antworteten: »Wir haben dieses Haus geerbt! Es stand schon dort. Hätten wir es ohne Not aufgeben sollen?«

Andere erklärten: »Wir haben es ehrlich nicht gewusst, dass dies ein Flutgebiet ist, es sagt einem ja keiner was!«

Wieder andere rechtfertigten sich: »Wir hatten von der Flutgefahr gehört, doch wir vertrauten den Behörden. Wir waren uns sicher, dass man die Flut hinter den Schutzwänden und weit weg von unseren Häusern halten würde.«

Und einige wenige gaben zu: »Ja, wir hatten gehört, dass wir im Flutgebiet wohnten. Hätte man uns gefragt, so hätten wir es auch als Wissen darlegen können. Jedoch, wir haben es ignoriert, es ist ja ein unangenehmer Gedanke.«

Dann liegt es in deiner Hand

Das eigene Haus im Flutgebiet, es ist eine Metapher für fortgespülte Versprechen, für die im Nebel vorgeblicher Sachzwänge aufgelösten Gewissheiten.

Lerne fleißig, so sage ich meinen Kindern, dann liegt es in deiner Hand, wie und wo du leben wirst.

Arbeite fleißig, so versprach man einst den Angestellten, dann wird dein Job bis zur Rente sicher sein – genauso wie eben diese Rente.

Handle ehrlich, so lehrte man einst den jungen Kaufmann, dann wird dein Vorhaben blühen und geldwerte Frucht tragen.

Lege beizeiten etwas beiseite, so versprach man dem Bürger einst, dann werden Zins und Zinseszins dein Erspartes vermehren.

Ja, spare dir das Brot vom Mund ab, und kaufe dir ein Haus dafür, oder eine Wohnung, die du im Alter vermieten kannst. Das kann dir niemand wegnehmen, solange es nicht im Flutgebiet steht, das wird dich vor Armut schützen.

Wie Butter in der Sonne

Ich vermisse die Tage, als wir an die grundsätzliche Gerechtigkeit des Systems glaubten, an die Wahrhaftigkeit der Versprechen.

Die großen Versprechen, sie gaben uns Richtung und Gewissheit.

Eine angenehme Richtung im Leben, und eine beruhigende Gewissheit dazu, das ist so nah an Sinnhaftigkeit, wie ein vom Staatsapparat vertretenes System es einem überhaupt anzubieten vermag.

Die Welt ist eine andere heute, und die Veränderung geschah nicht plötzlich, sie brach nicht unerwartet über uns herein.

Wir haben es doch kommen sehen.

Wir haben reichlich gewarnt, so laut wir konnten.

Man lachte uns aus.

Man beschimpfte und man bekämpfte uns.

Und jetzt ist es eben so weit.

Die großen Versprechen, sie wurden erst kleiner, dann galten sie nicht mehr als Versprechen im Wortsinn, und dann waren sie ganz fort.

Unsere Gewissheit löste sich auf wie Butter in der Sonne.

Etwas anderes ist aber doch geblieben.

Es ist allzu beharrlich

Etwas in mir wurde nicht mit meiner Gewissheit und meinem Glauben an die großen Versprechen fortgespült.

In mir überlebte, ob ich es wollte oder nicht, jene Instanz, die man das Pflichtgefühl nennt.

Die Gewissheit ist fort, die Pflicht wiegt umso schwerer. Das moralische Gefühl in mir, wie Immanuel Kant es formulierte, es ist allzu beharrlich.

Meine Verantwortung für das, wofür Verantwortung zu tragen meine Rolle im Leben ist, diese ehrenvolle Bürde, ich spüre sie heute schwerer auf Schultern und Nacken.

Im Moment der Flut spielt es keine praktische Rolle, ob du das Haus im Flutgebiet geerbt oder selbst gebaut hast. Das Haus steht, wo es steht, bis es eben nicht mehr steht, und dann fragen sich die Leute, warum es überhaupt dort gestanden hatte und nicht woanders.

Flut oder Vogelgezwitscher

Ich, du, ein jeder von uns hat sein Haus heute im Flutgebiet stehen, wir wissen es vielleicht nur noch nicht, wir wollen es einfach nicht wahrhaben.

Wenn dein tatsächliches Haus eigentlich eine Wohnung in der Innenstadt ist, dann musst du vielleicht nur aus der Haustür treten, und du siehst ganz praktisch, wie die Flut bereits die Grundmauern deiner Gewissheiten zu unterspülen begonnen hat.

Und doch, ob du in der Stadt oder auf dem Land lebst, ob du dich gut versorgt fühlst oder arm, oder ob du lieber nicht darüber nachdenkst, deine Pflichten bleiben deine Pflichten, komme da fatale Flut oder fröhliches Vogelgezwitscher.

Wähle deine Pflichten so, dass du sie auch dann tragen kannst, wenn niemand deine Last teilt, wenn sie dir statt zu helfen sogar mehr und mehr Last auferlegen.

Ja, freue dich an deinem Haus. Gieße dein Blumenbeet und repariere den Wasserhahn. Doch wisse, wo dein Pass ist. Prüfe, ob dein Koffer noch öffnet und schließt. Stelle sicher, dass deine Kreditkarte funktioniert, und dass du jemanden hast, den du anrufen kannst, der dir mit mehr als nur Worten tief empfundenen Mitgefühls aushilft.

»Wolle, was du sollst!«

Die großen Versprechen, sie wurden fortgespült. Gewissheiten sind zerbröselt. Deine Pflichten sind geblieben.

Das große moralische Gefühl in dir, das ist noch immer da, selbst wenn du deine Pflicht gar nicht mehr fühlen willst, und du fragst dich: Wie frei bin ich, was ist mein freier Wille wert, wenn ich mir selbst nicht befehlen kann, mein Pflichtgefühl loszulassen?

Es hilft hier denkbar wenig, wenn die Philosophie dir erklärt, dass das Konzept des freien Willens logisch eigentlich mit überhaupt nichts zu vereinen ist. Eine kausal geschlossene Welt und eine tatsächlich zufällige Welt schließen beide eine Freiheit des Willens aus. Also definiert man die Freiheit um.

Man formuliert, dass meine Handlung frei sei, indem ich sie als meine eigene Handlung annehme. Ich erfülle meine Pflicht, und ich bin frei darin, indem ich mein Wollen meinem Müssen folgen lasse.

Die Willensfreiheit der Philosophen lautet: Wolle, was du sollst! Damit ist sie identisch mit der Freiheit der Diktatoren und Kriegsherren. Das allein macht sie allerdings auch nicht falsch.

Gefördert und gestärkt

Die großen Versprechen, sie sind zum Witz geworden. Ein Scherz, ein Sarkasmus, eine müde Ironie. Die Werte aber, derer sich die großen Versprechen bedienten, die durch die Versprechen gefördert und gestärkt werden sollten, diese Werte bleiben doch.

Lerne fleißig, nicht weil sie dir dafür etwas versprachen, sondern weil Lernen sein eigener Wert ist. Und wenn du dein Lerngebiet klug wählst, wird es dir auch ohne großes Versprechen im Leben ganz praktisch nutzen.

Arbeite fleißig. Nicht nur zahlt es heute die Rechnungen, die heute bezahlt werden müssen, es formt auch, und das ist nicht unwichtig, deinen Charakter.

Sorge für die Zukunft vor, auf dem einen oder anderen Weg, und im besten Fall, auf mehr als nur einem. Zu den zerbröselten Versprechen zählt auch jenes, dass es schon irgendwie werden wird, dass Vater Staat sich kümmert. Oh ja, er wird sich kümmern, aber nicht um dich, nicht auf die Weise, die dir heute Unbekümmertheit rechtfertigen würde.

Die großen Versprechen gelten nicht mehr, und doch bleiben nicht wenige der alten Werte – und damit bleibt unsere Pflicht.

An dir besonders

Ich sage zu mir selbst: Prüfe und wähle deine Pflicht, und dann folge deiner Pflicht, weil sie deine Pflicht ist.

Du fragst dich, und ich kann es gut verstehen, ob dein Pflichtgefühl dich nicht zu deinem eigenen Sklaven werden lässt. Die Welt hält sich nicht an ihre Versprechen, warum hältst du dich an deine?

Antworte dir selbst: Wärest du denn glücklicher, wenn du wüsstest, dass du dich den in dir verankerten Pflichten entzogen hast? Was willst du dir vorweisen, wenn du dich selbst eines Tages zur Rechenschaft ziehst?

Du verfluchst es womöglich, dieses Pflichtgefühl in dir, das dich mit wütender Willenskraft vorantreibt.

Du könntest dich selbst dafür schlagen.

Du willst es manchmal los sein, dieses verdammte Pflichtgefühl, und das alles ist menschlich, und es ist verständlich, doch glaube mir nur soviel: Jenes moralische Gefühl in dir, diese Pflicht, die dich aus dem Morast herausziehen möchte, die deinen Kopf über Wasser hält, wenn die Flut deine Grundmauern fortgespült hat, diese Kraft wird bis zum letzten Ende bleiben.

Diese Kraft wird erst verlöschen, wenn alle übrigen Kräfte aufgebraucht sind – bis jetzt und heute aber ist diese Kraft in dir eben noch nicht erloschen.

Die Pflicht, die du dir selbst auferlegt hast, und dazu das Pflichtgefühl, das dich auch in Flut und Sturm nach vorn zieht, das ist es, was ich an dir besonders mag.

Weiterschreiben, Wegner!

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