Dushan-Wegner

03.09.2023

Ich glaube an den Gartenzaun

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Bild: »Quo vadis, hortulanus?«
»Der Klügere gibt nach«, so sagt man, und ergänzt meist: »deshalb wird die Welt von Dummen regiert.« – Doch richtiger wäre: »deshalb macht die dumme Mehrheit es möglich, dass die Perfiden und Enthemmten die Welt unter sich aufteilen.«
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»Der Klügere gibt nach«, so sagt man, nur um zu ergänzen: »und deshalb wird die Welt von Dummen regiert.« – Präziser wäre aber: Die vermeintlich Klügeren geben nach, deshalb wird die Gesellschaft von den nachweislich Dummen dominiert, welche es zulassen, dass die Perfiden und Gewissenlosen über alle herrschen.

Doch die Dummen kennen erstaunlicherweise durchaus eine Grenze, die zu überschreiten sie sich schwertun: die Religion, die es wirklich ernst meint, die in ihrer Ernsthaftigkeit aber auch fremd und archaisch ist, sodass es schlicht unmöglich ist, gegen sie zu argumentieren. (Es hilft auch, wenn hinter jener Religion reiche Akteure stehen, welche jedes Hinterfragen mit den im jeweiligen Land üblichen Waffen verhindern.)

Der andere Nachbar

Stellen wir uns zwei Nachbarn vor: zwei Häuser, zwei Familien, zwei Gärten und ein Gartenzaun dazwischen.

Der eine Nachbar ist sich seiner relevanten Strukturen bewusst. Er übt sich darin, was ihm nicht wesentlich ist, immer wieder loszulassen. Er versteht, dass Freiheit die Zufriedenheit mit seinen Möglichkeiten ist, und dass wenn es Glück wirklich gibt, dies wohl das Bewusstsein um die Ordnung der eigenen Kreise ist.

Und also lebt dieser Mensch in Frieden mit sich selbst und seinen Nachbarn – Korrektur: er würde gern in Frieden leben. Doch es will einfach nicht gelingen.

Sie wissen ja: Es kann der Normalste nicht in Frieden leben, wenn der entgrenzte Nachbar nicht begreift, wie »Zusammenleben« funktioniert.

Der andere Nachbar lebt entgrenzt und begründet seine Entgrenzung mit »höherer Moral«.

Dem Entgrenzten ist es schier unmöglich, die Grenzen des Nachbarn zu akzeptieren. Entgrenzung hat oft psychologische Gründe (etwa innere Zerrissenheit und Unzufriedenheit), die man nicht zugeben möchte (auch und besonders nicht vor sich selbst). Also erfindet der Entgrenzte stützende Lügen, die seine Grenzüberschreitung rechtfertigen. Die Bäume reichen ja über die Grundstückgrenze. Die Welt endet bald. Wer auf Grenzen besteht, ist ohnehin ein Nazi. (Tatsächlich waren die richtigen Nazis ziemlich »Entgrenzer« – fragen Sie die Nachbarstaaten!)

Das ultimative Narrativ zur Entgrenzung aber bietet die Religion. (Deshalb kommen ja auch heutige Entgrenzungsideen wie die Klimapanik und Coronapanik mit massiv religiösem Duktus daher.)

Was soll der Nachbar des entgrenzten Entgrenzenden tun?

Die neue Gemeinde

Es wird kein Weg drumherum führen: Die Klugen und Weisen müssen die Klugheit und Weisheit immer wieder und aufs Neue so verpacken, dass auch den Dummen und Lügnern das Respektieren der Abgrenzung zwischen den einen und anderen aufgezwungen werden kann.

Auf Deutsch: Wir brauchen eine Religion, welche uns mit dem notwendigen »Narrativ« und der »höheren Moral« versorgt, um unsere verschiedenen Grenzen zu verteidigen. Die Zeit ruft nach einem Propheten des Gartenzauns, nach einer Gemeinde der gestutzten Hecken.

Das kalte Bier unterm eigenen Baum, mit Freunden – es ist nicht nur ein netter Moment, es sei unser Gottesdienst! Die gegrillte Bratwurst sei unser heiliges Ritual, unser Räucheropfer an höhere Mächte. Die Grenzen zu verteidigen aber – ob die Grenzen des Grundstücks, des Landes oder unserer Lebensweise, Pardon: unserer Religion –, das ist nun buchstäblich heilige Pflicht, und wer uns davon abhält, ist ein Religionsfeind und muss entsprechend bekämpft werden, so er nicht ablässt von seiner widerlichen Hetze und Religionsverfolgung.

»Der Klügere gibt nach« ist für sich genommen die falscheste deutsche Redensart. Der Klügere, wenn er samt seiner Kinder überleben will, muss sich zu wehren lernen – wehren gegen die Herrschaft der Perfiden, möglich gemacht von den Dummen.

Vielleicht brauchen wir tatsächlich eine neue Religion. Oder ein neues Selbstbewusstsein.

Hoch die Schaufeln!

Zu sein bedeutet, etwas anderes nicht zu sein, eine Grenze zu besitzen, eine Abgrenzung. Alles ist und entsteht durch Trennung.

Die Klugen werden eine große, heilige Geschichte finden müssen, die sie rechtfertigt, sich gegen die Entgrenzenden zu wehren. Oder wir werden aufhören zu sein.

In diesem Geiste also, liebe Hobbygärtner und Bier-im-Garten-Trinker, liebe Freunde des eigenen Balkons und des gesunden Menschenverstands: Hebt die Gläser und haltet die Schaufeln parat! Schreibt neue heilige Bücher über die alte Geschichte des Volkes jener, die einfach nur in Ruhe leben wollen.

Möge der Gartenzaun halten und mögen die Landesgrenzen noch in unserer Lebenszeit wieder gelten.

Amen.

Weiterschreiben, Wegner!

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