25.05.2021

Gendersprache und Stöckchen

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Foto von Dustin Humes
Sprache macht uns klüger, wenn und indem sie die Realität präzise beschreibt. Gendersprache aber ist eine Phantasiesprache, wie ausgedachtes Kindergebrabbel. Daraus folgt aber: Gendersprache macht dumm.
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In jeder unserer Seelen, in Ihrer wie in meiner, verbirgt sich ein Showpferdchen – oder vielleicht ist es ein Hündlein mit Darstellungsdrang? – und wenn man uns ein Stöckchen hinhält, dann drängt es uns sogleich über eben dieses Stöckchen zu springen.

»Du musst nicht über jedes Stöckchen springen!«, so ermahnen wir einander – und manchmal uns selbst – doch das Springen macht so viel Spaß!

In vollem Bewusstsein der (hoffentlich) produktiven Widersprüchlichkeit, dass ich hiermit selbst über ein solches Stöckchen springe, will ich ein aktuell hingehaltenes Zweiglein dieser Art hier genauer betrachten.

(Ich zitiere hier gleich die TAZ, und ich wollte eine witzige Umschreibung der TAZ finden, doch mir fiel keine ein, auch nicht nach 15 langen Sekunden. Es erinnert an Poe’s Law, wonach das Extreme nicht von seiner Parodie zu unterscheiden ist – und derart »unparodierbar« wird.)

Die TAZ veröffentlichte dieser Tage einen besonders »vielgeklickten« Text, der als »hingehaltenes Stöckchen« gelesen werden kann. In seiner Selbstberauschtheit am Stöckchen-Sein verrutscht aber in dessen letztem Absatz wohl versehentlich das ohnehin fadenscheinige Anstandskleidchen. Man lässt uns, ohne es zu wollen, die Hässlichkeit der Mechanik im Herzen jener Denk- und damit Lebensweisen sehen.

Die eigene Brabbelsprache

»Keine Angst vorm Gendern« steht als Titel über dem aktuellen Meinungsstück einer TAZ-Ressortleiterin namens Simone Schmollack.

»Liebe Leser:innen, das hier ist ein durchgegenderter Text. Damit müssen Sie leben«, so beginnt eben jenes Meinungsstück (taz.de, 24.5.2021). Es bürstet das Sprachgefühl jedes »normalen« (was auch heute noch »normal« bedeuten mag) gegen den belesenen Strich. Es tut weh, wie wenn man »die Hund« oder »der Pferd« sagte.

Sprache gewinnt ihre Kraft ganz wesentlich aus ihrer ersten Funktion, nämlich die Welt in logischen Modellen abzubilden, welche sich informationsreich von Mensch zu Mensch weitergeben lassen. Seit Menschen ihr abstraktes Wissen in Sprache kodieren und weitergeben, sind sie in der Lage, voneinander zu lernen.

Als dann die Schrift erfunden wurde, wurde es Menschen möglich, Sprache zu speichern und so über zeitliche und räumliche Entfernungen hinweg auf das Wissen und die Erkenntnis anderer Menschen aufzubauen, sprich: skalierbar von anderen Menschen in deren Abwesenheit zu lernen (davor lebten zigtausende Jahre lang Menschen, die von Generation zu Generation praktisch nichts dazulernten; allein die Steinzeit dauerte 2,6 Millionen Jahre; so Wikipedia).

Mit dem Buchdruck wurde es möglich, das Wissen weiteren Kreisen der Bevölkerung zugänglich zu machen, was zu den Erfindungen führte, welche die Industrialisierung möglich machten.

In der »Geschichte nach Wegner« geht das dann so weiter: Die Industrie brauchte Arbeiter, welche grundlegende Fähigkeiten beherrschten, also wandte man sich an die Universitäten, wo die Akademiker ganz alter Schule saßen, und seitdem werden in den Grundschulen bis heute im Grunde ähnliche Disziplinen wie damals im alten Griechenland gelehrt, also etwa Mathematik, Gymnastik, Musikunterricht – allerdings minus Redekunst. Die Redekunst ist bis heute nur an den privaten Schulen der Reichen ein zentraler Lernschwerpunkt; die Kinder der Arbeiter rhetorisch auszubilden, das könnte zu ganz eigenen politischen Problemen führen. (Ja, dies ist ein Fragment der Geschichte, mir sind andere Schulformen von Klosterschulen und Privatlehrern bis hin zu Koranschulen sehr wohl bekannt – doch das wäre für die Behandlung eines TAZ-Stöckchens dann wirklich zu viel Hufarbeit.)

Indem auch Arbeiterkinder in Mathematik und Wissenschaften unterrichtet wurden (und sich ein »Mittelstand« bildete), konnte der Westen auf einen mehrfach größeren Pool an Talenten zugreifen als andere Kulturen, wodurch der Westen de facto unsere weltweite Gegenwart mit allen ihren Vor- und Nachteilen erfinden konnte.

All dies aber, all dieser Fortschritt, all unser Wohlstand und unser Wissen bauten auf die simple Eigenschaft der Sprache auf, dass sie »sagt, was ist« – anders als gewisse Journalisten und Aktivisten, die »sagen, wovon sie gern hätten, dass es ist (zumindest für die anderen)«.

Sprache macht uns klüger, das ist wahr, doch sie macht uns nur dann klüger, wenn sie die real existierende Welt beschreibt (in Sekten oder im Staatsfunk redet man auch viel, doch nicht selten wird es dümmer, je mehr Gesprochenes erbrochen wird). Eine frei erfundene Sprache macht Sprecher und Hörer dümmer.

Bei Säuglingen und Kleinkindern ist es ja noch niedlich, wenn sie sich eine eigene Brabbelsprache erfinden; bei Erwachsenen wäre »niedlich« das falsche Wort.

Jener TAZ-Text wurde auf dem Lieblingsmedium iranischer Mullahs, Twitter, mit erfrischender Militanz beworben (ähnlich wie bei meinen Essays auf dushanwegner.com bildet der »offizielle« Tweet auch das Intro überm Text):

Noch tun sich zwei Drittel der Deutschen schwer mit dem Gendern. Früher oder später werden sie sich aber doch damit arrangieren müssen.« (@tazgezwitscher, 24.5.2021)

Ich wiederhole, zur Betonung: arrangieren müssen. – Da ist wenig Spielraum für Interpretation, keiner für Verhandlungen.

Jener Text selbst geht inhaltlich wenig über den bewerbenden Tweet hinaus – doch da, wo er es tut, da wird es tatsächlich entlarvend.

Sprachmoden und gesetzte Zeichen

Im letzten Absatz des straffen linken Meinungsstückes heißt es:

Es gibt kein Gesetz, das vorschreibt, wie Sie zu sprechen haben. Sie könnten aber auch versuchen, die Neuerungen anzunehmen und damit zeigen, dass Sie gerecht und inklusiv sind. (Simone Schmollack, in: taz.de, 24.5.2021)

Man darf es sich auf der »inneren Zunge« zergehen lassen, einmal in Mund und Gaumen umherschwenken, zwischendurch an den Worten riechen und die Aromen hoch in die Nasenhöhlen ziehen: Wer die »Neuerungen« annimmt, der zeigt damit auch, so die Autorin, dass er »gerecht und inklusiv« ist.

Indem ein Mensch die künstliche, bewusst gegen Realität und Sprachgewohnheit gestellte Sektensprache annimmt, zeigt er laut dieses Textes, dass er gerecht ist. – Soso.

Wir ahnen seit jeher, dass Linke die politische Korrektheit, die wechselnden Sprachmoden und das »Zeichen setzen« mit tatsächlichem Sein, Tun und der Verantwortung für die Folgen ihres Tuns verwechseln.

(Nebenbei: Linke meinen ja auch, dass sie nicht verantwortlich seien für »importierte« Gewalt oder »importierten« Antisemitismus, denn sie haben ja jene, die sie vorab darauf hingewiesen haben, als »Nazis« niedergeschrien, und wer andere »Nazis« nennt, der kann in linker Moral und Logik nicht an bösen Dingen schuld sein.)

Wir ahnen ja seit langer Zeit, dass Linke, Gutmenschen und der Rest jenes Spezialclubs das Reden mit dem Sein verwechseln, es aber so unzweideutig dokumentiert zu sehen, das ist dann doch erfrischend. – Unverhofft und wohl von der Autorin ungewollt offenbart sich hier ein nackter und leider auch hässlicher Teil der linken Denkmechanik.

Gezuckerte Stöckchen

Das Problem am Springen übers Stöckchen ist ja gar nicht das Springen selbst!

Dieses »Springen« wäre eigentlich eine gute Übung für die »geistige Beinmuskulatur«. Und es wird einen eigentlich guten Grund geben, warum wir von Natur aus so gern über diese »Stöckchen« springen: Eigentlich wäre es dem kollektiven Erkenntniszuwachs nützlich, wenn Denkfehler innerhalb der Gruppe schnell mit präzisen Argumenten korrigiert werden.

Es ist ja wie mit der Evolution und den süßen Früchten: Einst war das Süße rar und dazu reich an Vitaminen und Ballaststoffen, und der Mensch war im Vorteil, wenn und weil er nach Süßem gierte. Die Lebensmittelindustrie hat aber unsere Lust auf Süßes gegen uns gedreht, indem sie die Süße allein extrahierte, ohne wie der Apfel oder die Feige mit dem Süßen auch viel Gesundes zu verabreichen.

Wie mit dem Zucker verhält es sich auch mit unserer Lust, über hingehaltene Stöckchen zu springen. Einst trug unser Drang nach gegenseitiger Korrektur dazu bei, dass wir als Einzelner und als Gruppe weniger falsch lagen. Die Ablenkungsindustrie und auch die Politik halten uns absichtlich einladende Stöckchen hin, doch wenn wir drüberspringen, werden wir keineswegs immer klüger!

Zwei »Ebenen« reißen an mir, zwei »Pferdlein«, wenn Sie so wollen: Auf der einen Seite bin ich sehr und zutiefst glücklich, in einer Zeit und Welt zu leben (und meine Kinder aufwachsen zu sehen!), in welcher so absurde und nur durch komfortablen Wohlstand mögliche Debatten wie die um die »Gendersprache« geführt werden können. Zugleich ist mir auf kalte, realistische Weise bewusst, dass das Überhandnehmen dieser Gaga-Debatten dazu führt, dass wir vor lauter Bullshit-Aufregung unsere Überlebensfähigkeit verlieren.

Um bei der Metapher von Stock und Sprung zu bleiben: Über manches Stöckchen ist der Sprung vergeblich, und wir landen nach dem Sprung womöglich in Sümpfen und Abgründen, in denen wir nicht landen wollten.

Bei diesem konkreten Sprung über ein von der TAZ hingehaltenes »Stöckchen« habe ich versucht, zumindest den Sprung selbst interessant zu gestalten. Vor allem hatte ich ja vorab gesehen, dass der linke Sumpf, in dem wir landen, unbeabsichtigt eine interessante Wahrheit freigibt, unbeabsichtigt sich selbst offenbart.

(Diese linke Selbstoffenbarung geht so weit, dass sich der Text auch als Satire auf seine Thematik lesen ließe – womit wir wieder bei Poe’s Law wären: Das Extreme ist nicht von seiner Parodie zu unterscheiden. Derselbe Gender-Text könnte in einer »normaleren« Publikation erscheinen, und würde vermutlich auch Applaus erhalten, wenn man nur als kleine Dachzeile das Wörtlein »Satire« darüber setzte.)

Die Schale geknackt

In unserer Seele verbirgt sich ein kleines Showpferdchen, oder vielleicht ein Hund, der eigentlich ein Rampenferkel ist, und also möchten wir über manches Stöcklein springen – hiermit getan.

Jedoch, in einer unaufgeräumten Ecke meines Seelenhauses sitzt auch der kleine Junge, der an die Sinnhaftigkeit des Lebens glaubt, für den eine Geschichte nicht vorbei ist, bis die Schale geknackt ist und die Nuss namens »Moral« herauskullert.

Die erste Moral von der Geschicht’ scheint mir hier zu sein, dass eine präzise Sprache zuverlässig dabei hilft, klüger zu werden. Die Moden der Gendersprache wechseln und scheinen recht beliebig, und sie können auch wechseln und beliebig sein, denn anders als richtige Sprache referiert Gendersprache auf keine Realität. Wenn richtige Sprache uns klüger macht, dann folgt daraus: Gendersprache macht dumm.

Eine zweite Moral von der Geschicht‘ aber lautet: Wie zu Zeiten der Pharisäer, die von Jesus dafür angegangen wurden, verwechseln jene, die sich für »gut« halten, das Reden mit dem Sein – und bei Gelegenheit geben sie es unbeabsichtigt zu.

Uns aber bleibt als Aufruf nur dies: Achtet auf eure Worte, redet ehrlich und präzise. Seid euch dessen bewusst, dass Worte nicht »nichts« sind, aber auch keine Taten.

Eure Worte seien bescheiden, eure Taten reich – und wenn sie euch ein Stöckchen hinhalten, dann springt doch nicht jedes Mal drüber! (Es genügt, wenn ihr die Leute mit Stöckchen wütend anknurrt – oder wenn ihr drohend wiehert, klar.)

Und wenn ihr trotz aller Warnung dann doch übers Stöckchen springt, dann achtet gut darauf, wo ihr landen werdet.

Dieser Essayist meint, nach dem Sprung wieder aufgekommen zu sein, also wünscht er Ihnen wohlbelachte Sprünge und auch sonst eine stabile Seelenruhe.

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