Dushan-Wegner

19.08.2023

Was wirst du in 100 Jahren sagen?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Bild: »Gucksu! Gucksu!!«
Wenn ein deutscher Politiker sich entscheiden muss, ob er mehr Geld für Panzer in der Ukraine oder für Kinder in Deutschland ausgibt, muss er sich nicht entscheiden. Egal, wohin und wofür, Hauptsache deutsches Geld wird um- und wegverteilt.
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Der deutsche Finanzminister flog in die Ukraine. (Sie wissen schon, dieser Krieg, wo Politiker zur Fotogelegenheit hinfliegen und die Hauptstädter fröhlich Party machen; @MattWallace888, 18.8.2023.)

In Kiew versprach er weitere Milliarden (tagesschau.de, 14.8.2023). Für die Kindergrundsicherung deutscher Kinder sieht er aber leider »nur wenig finanziellen Spielraum« (tagesschau.de, 2.4.2023), denn dafür bräuchte es zunächst »eine prosperierende Wirtschaft« (@c_lindner, 18.7.2023). (Auf Deutsch: Selber schuld, Deutsche, dass wir Bomben fördern, aber nicht Kinder – Ihr seid halt zu faul.)

Wir wollen aber nicht neidisch sein! Ich finde es schön, wenn sich ukrainische Kommandeure in Ruhe ihr Häuslein bauen lassen können (n-tv.de, 18.8.2023). Doch nein, nicht alle Militärleute im korruptesten Land Europas bauen sich Villen in der Ukraine. Einige kaufen sich Villen in Spanien (berliner-zeitung.de, 12.8.2023).

Es ist ja nicht so, dass in Deutschland keine Häuser für Familien gebaut würden! Im Hamburg Naherholungsgebiet Öjendorfer See (@Georg_Pazderski, 15.8.2023) bauen sie richtig schöne Reihenhäuser, und in Paderborn auch (westfalen-blatt.de, 24.3.2022), wie an vielen weiteren Orten in Deutschland, seit Jahren.

Nur eben leider nicht für deutsche Familien.

Von Immobilienleuten hört man dieser Tage unisono (und manchmal steht es auch in der Zeitung, siehe etwa nw.de, 24.7.2023): Familien, die vor wenigen Jahren noch ein Haus oder eine Wohnung gekauft hätten, wohnen zur Miete – und selbst dafür müssen die Eltern oft in mehreren Jobs arbeiten.

Sparen und zurücklegen, nachdem der Staat die Hälfte des Einkommens zwecks Umverteilung einkassiert hat? Hahaha, wie?

Die Kitagebühren steigen, das Essen wird teurer, plötzlich müssen Tausende Euro für Gas nachgezahlt werden, und so weiter, und so fort.

Wenn eine feindliche Macht in Deutschland einmarschiert wäre und Deutschland unter ein deutschenfeindliches Regime gestellt hätte, was würde dieses neue Regime denn anders machen?

Würden sie gar?

Würde ein feindliches Regime die Medien gleichschalten? Würde es die Energieversorgung verkrüppeln und das Land abhängig vom Ausland machen? Würde es sich immer neue Steuern und Abgaben ausdenken? Würde es abweichende Meinung verfolgen? Würde es Andersdenkende ausgrenzen und ihnen die Bankkonten kündigen? Würde es Richter verfolgen, die nicht im Sinne der Machthaber entscheiden? Oder würde es gentechnische Experimente an Millionen vornehmen? Würde es Kinder indoktrinieren und sie sehr merkwürdigem Sexualunterricht aussetzen, was sie potenziell zu leichterer Beute für Triebtäter macht?

Ach, das alles würden nur böse Mächte tun. Deutsche Politiker haben ja geschworen, zum Wohle des deutschen Volkes zu handeln.

Und ich könnte diesen Text an dieser Stelle beenden, denn alles Notwendige der Analyse ist gesagt, und was fehlt, könnte der Essayist dem Leser als Hausaufgabe mitgeben.

Doch ich beginne erst. Jetzt folgt das Eigentliche.

Und dann denken Sie

Im Buch vom Loslassen schreibe ich (auch) darüber, wie wichtig es ist, unsere Reaktionen loszulassen.

Es war seit Jahrzehnten nicht so wichtig wie heute! Es kann die seelische Stabilität retten, eben nicht sofort auf die Nachrichten des Tages zu reagieren, sondern sich eine andere und klügere Reaktion zurechtzulegen.

Ich beschreibe oben, wie es ist.

Sie als Leser nicken, und seufzend murmeln Sie: »Ja, so ist es leider.«

Und dann denken Sie: »Aber was soll ich tun?«

Ich zumindest stelle mir diese Frage. Vielleicht ist es meine spezielle Natur, vielleicht ist dies allen Menschen eigen und mich quält es bloß auf besonders lästige Weise: Ich will es tun.

Mein Tun soll aber kein Selbstzweck sein – kein »Aktionismus«. Vielmehr ein Tun mit Wirkung und ausreichender Erfolgsaussicht! Der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas weisen, auf plausible Weise.

In 100 Jahren

Zwei »Welten« sind es, die man ändern wollen könnte. Zuerst wären es die Umstände, sprich: die äußere Welt, für deren absolute oder relative Änderung wenden Sie sich bitte an den Politiker, Arbeitsvermittler oder Umzugsberater Ihres Vertrauens.

Die andere Welt aber, die innere Welt, können Sie nur selbst neu ausgestalten oder zumindest das vorhandene Mobiliar neu arrangieren. Ich kann und will nur mit Ihnen teilen, wie ich vorgehe bei dem Versuch, am Wahnsinn unserer Zeit nicht selbst wahnsinnig zu werden.

Ich versuche dieser Tage, mir die Welt in 100 Jahren vorzustellen. Sie und ich werden nicht mehr hier sein. Unsere Enkel vielleicht, so vorhanden, aber wohl niemand der Menschen, den wir heute kennen.

Ich will erst gar nicht so arrogant sein, zu meinen, dass jemand sich aktiv an meine Existenz zurückerinnern wird. Ich stelle mir vielmehr vor, wie ich selbst in 100 Jahren auf meine heutige Existenz zurückblicken werde.

Ich setze das distanzierte Wertedenken ein, das mir im Geschichtsunterricht beigebracht wurde, und ich frage mich: Auf welche meiner Handlungen würde ich mit Stolz zurückblicken?

Wer? Wann?

In 100 Jahren werde ich tot sein, von mir wird nur bleiben, was ich getan habe. (Ob sich einer daran erinnert oder nicht: Dass wir existierten, ist eine Eigenschaft der Realität selbst, auf gewisse Weise ähnlich wie Einträge auf einer Blockchain, wobei es wahrscheinlich nur eine Realität gibt (selbst Philosophen, die das bestreiten, können es nicht widerlegen).)

Wenn ich tot bin, ist es kein Wert mehr, ob ich extra viel Spaß hatte und mich jederzeit komfortabel fühlte. Wenn ich tot bin, ist die Rolle meines heutigen Geldes auf die Handlungen reduziert, die ich durch dieses Geld vollführen konnte – und auch vollführte! Und vor allem: Wenn ich tot bin, zählen keine Entschuldigungen mehr.

In 100 Jahren werden andere Fragen zählen, als sich in der heutigen Aufregung des Tages nach vorn drängen könnten – doch jene Fragen sind genau die, die genau ich mir heute stellen (und beantworten) sollte. (»Wer, wenn nicht ich? Wann, wenn nicht jetzt?«)

Habe ich die Strukturen gestärkt, die mir wirklich relevant waren?

Habe ich gehandelt, weil die Zeit zum Handeln gekommen war, auch wenn das träge Reh in mir lieber erstarren und doof in die heranrasenden Scheinwerfer des Schicksals starren wollte?

Habe ich nur gesagt, oder dann auch danach gehandelt, wovon ich heimlich wusste, dass es wahr ist?

Oder, denkbar simpel und zugleich so bedeutungsschwer wie nur möglich gefragt: War ich ich gewesen?

Weiterschreiben, Wegner!

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