03.07.2022

Jaja, nichts hat mit nichts zu tun

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Alex Ferdean
Nichts hat mit nichts zu tun. Herzinfarkt durch Gartenarbeit? Wird an Umweltverschmutzung liegen. Oder Zufall, unerklärlich. – Wie spricht man über die Gegenwart, wenn auch nur ein klein wenig nachzudenken schon verdächtig und also gefährlich ist?
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Sie und ich, wir fühlen uns ein jeder jung und kräftig. Unser Geist ist agil und beweglich, selbst wenn die Knochen knarzen und knacken.

Ja, wir denken frisch, und sind recht dankbar dafür, und wir denken noch lange nicht ans Abdanken.

Weil und indem wir so klug sind, so weise und doch beweglich, wissen wir, dass die alten und also altbewährten Witze eine ewige und also ewig junge Wahrheit aufbewahren.

Etwa dieser alte Witz: Fritzchen sieht, wie die Großmutter am Tisch sitzt, vor sich die Zeitung und ihr Adressbuch aufgeschlagen. »Oma, was machst du da?«, fragt Fritzchen, und Oma antwortet: »Ich schaue, wer gestorben ist, und die Leute radiere ich dann aus meinem Adressbuch!«

Der schöne Scherz begegnet mir immer wieder. So etwa in der Einleitung zum wunderbaren Film »Die Fabelhafte Welt der Amelie«, wo ein Mann, nachdem er vom Begräbnis seines Freundes heimkommt, dessen Namen und Telefonnummer ausradiert (siehe YouTube im französischen Original).

Recht quer im Hals

Früher guckten eher die Älteren auf den hinteren Seiten der Zeitung nach, wer alles verstorben sei. Eine Übung im Memento Mori. Katharsis. Klarkommen.

Heute lesen wir alle Nachrichten im Internet, die Alten wie die Jungen. Und heute sind alle Seiten die letzten Seiten, denn heute finden sich scheinbar überall Todesmeldungen.

Vielleicht ist es nur mein Eindruck. Womöglich ist es das, was anglophile Alltagsphilosophen den »Observer Bias« nennen (siehe Wikipedia): Mein eigenes Fortschreiten in Sachen Sterblichkeit lässt mich überall die Zeichen eben dieser sehen.

Vielleicht ist es »nur« meine Wahrnehmung, doch Sie bezahlen mich dafür, dass ich meine Wahrnehmung, meinen Eindruck und wohl auch mein Bauchgefühl mit Ihnen teile. Ja, mein Bauchgefühl ist, dass die Leute besonders auffällig quer durch alle Altersgruppen sterben.

Man hört von Sportlern und Läufern, ob sie nun querfeldein oder immer nur im Kreis liefen. Von Vätern und Müttern, querbeet durch alle Schichten der Gesellschaft. Etwas fühlt sich verquer an, wenn ich die Nachrichten des Tages querlese.

Ich weiß nicht, woran es liegt. Rätsel über Rätsel. Aber irgendwas daran sitzt mir, wenn ich darüber nachdenke, recht quer im Hals.

Mein Schachspiel verbessern

Nein, ich will nicht weiter darüber grübeln. Nicht dass sie mich noch einsperren, mit Mördern, Ketzern und GEZ-Verweigerern. Oder gleich in Stammheim, als wollten sie ein Zeichen setzen, einen dort einzusperren, wo man die Terrorbande der RAF einsperrte. Also damals, als man linke Gewalt auch öffentlich solche nannte. Heute bekennt man sich ja sogar im Parlament schon mal zu den Antifa-Schlägerbanden (tagesspiegel.de, 27.9.2019).

Ich denke, also bin ich gefährlich. Aber gut, in Stammheim haben sie Bibel- und Schachgruppen, so lese ich bei Wikipedia. Ich wollte schon immer mein Schachspiel verbessern, damit mein Sohn mich nicht so schnell besiegt.

Apropos Bibelgruppen: Wie erklärt ein Gefängnispfarrer eigentlich das Gebot, man »solle kein falsch Zeugnis ablegen«, wenn zu viel Wahrheit zu sagen einen Abweichler überhaupt erst in den Knast brachte? – Vielleicht so: »Du sollst nicht lügen – aber zu laut und immer nur die Wahrheit sagen, das solltest du besser auch nicht.«

Jesus empfiehlt ja, unsere Rede solle nur »Ja ja« und »Nein nein« sein.

Doch Meister Röhrich erklärt: »Jaja« heißt »Leck mich am Arsch!« (siehe YouTube)

Was darf ich also sagen, wie darf ich reden, wenn sie sterben, wie sie sterben?

»Du sagst das ironisch«

Ich erkläre hiermit in aller Form: Nichts hat mit nichts zu tun, und zwei plus zwei gleich fünf.

Das gute deutsche Gewissen in mir formuliert sich auch gleich selbst die Antwort der Behörden und Autoritäten: »Du sagst das ironisch, du Faktennazi, aber solange wir es nicht anders festlegten, hast du tatsächlich davon auszugehen, dass nichts mit nichts zu tun hat.«

Die Worte hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube, und das könnte wohl nicht mal ein Gefängnispfarrer richten. Am Ende gewinnt immer die Realität, daran halte ich fest, doch bis dahin feiern Wahnsinn und Lüge manch feuchtfröhlichen Etappensieg.

Ich höre die Autoritäten, die mir sagen, dass nichts auffällig sei, dass schon immer Menschen einfach so gestorben seien. Dass die Umweltverschmutzung am Tod der Toten schuld sei, etwa beim bekannten Herzinfarkt durch Gartenarbeit. (Nein, das ist kein Scherz, siehe etwa thesun.co.uk, 1.7.2022; man bezieht sich dort auf academic.oup.com, 30.6.2022, gesponsert von der Boehringer Ingelheim Stiftung; es ist eine Publikation der »European Society of Cardiology«, deren Sponsoren-Liste sich liest wie der Gelbe-Seiten-Abschnitt zu »Big Global Pharma«: escardio.org, Stand 3.7.2022.)

Noch dazu verwerflich

Man sagt mir, warum mein Bauchgefühl in der Sache komplett falsch liegt – liegen muss – und warum es dazu auch noch moralisch verwerflich sei, zu zweifeln und nach Zusammenhängen zu suchen.

Ich höre das alles.

Wie frisch darf man sprechen, wenn allzu neue Gedanken den Frechdachs in altbekannte Bredouille bringen können?

Ich denke mir meinen Teil (auch dass Descartes‘ universeller Zweifel ihn heute in nicht weniger Gefahr brächte als damals).

Ich höre das alles, und als der gute Untertan, der ich bin, antworte ich: Jaja.

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