Dushan-Wegner

30.12.2023

Nächstenliebe und (ihre) Grenzen

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
Nächstenliebe ist herzerwärmend– bis sie ausgenutzt wird. Fleißige und also erfolgreiche Staaten werden nicht drumherum kommen, die Grenzen ihrer Nächstenliebe ehrlich zu benennen – oder sie werden nicht einmal sich selbst helfen können.
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»Wer ist denn mein Nächster?«, fragt der Gesetzeslehrer im Lukas-Evangelium (Lukas 10:25-37).

Jesus antwortet mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ein wohlhabender Mann aus Samaria trifft auf einen Mann, der Opfer von Räubern geworden war, und er versorgt diesen.

Jesus erzählt die zweckdienlich erfundene Geschichte und fragt den Gesetzeslehrer zurück, wer denn dem Opfer ein »Nächster« geworden sei.

Dieser aber antwortet: »Der die Barmherzigkeit an ihm tat.«

So weit, so einfach.

Oder?

Die Nächstenliebe sorgt für Zusammenhalt einer Gruppe. Die institutionalisierte Nächstenliebe, sprich: der Sozialstaat, war einer der stärksten Standortvorteile der christlichen Welt.

Indem der (westliche) Bürger sich darauf verlassen kann, dass »das System« ihn im Notfall auffangen wird, hat er den Kopf und das Herz frei, um sich ganz einer Sache zu widmen, welche der Gesellschaft und der gemeinsamen Wirtschaft zugutekommt.

Doch Nächstenliebe geht davon aus, dass die gesellschaftliche Realität eine bestimmte ist – ist diese eine andere, funktioniert jene nicht.

Jesus war, was man heute einen Populisten nennt, und seine ersten Gegner waren jene, die man heute Gutmenschen nennt. Sein Wort für Gutmenschen – diese »getünchten Gräber«, welche anderen schwere Lasten aufbürden, die sie selbst nicht tragen – ist bekanntlich »Pharisäer«, und wir benutzen »Pharisäer« bis heute synonym mit dem moderneren Wort »Gutmenschen«.

Ich höre eure Frage: »Populist oder nicht: Meint Jesus mit ›Nächstenliebe‹ wirklich, dass man seinen Kindern das Brot nehmen soll, um es den Fremden zu geben?«

Gut, dass ihr gefragt habt!

Vor die Hunde

In Matthäus 15 kommt eine Fremde, eine kanaanäische Frau, zu Jesus, die will, dass dieser sich um ihre Tochter kümmert.

Er ignoriert sie.

Jesu Jünger bedrängen ihn, die Frau doch bitte wegzuschicken, schlicht, weil sie so einen Lärm veranstaltet.

Jesus lehnt weiter ab, und er begründet es auch: »Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.« (Mt. 15:24)

Vielleicht hat Jesus die »Relevanten Strukturen« gelesen. Oder vielleicht hat deren Autor die Berichte über Jesus studiert, auf jeden Fall sagt Jesus sinngemäß: »Diese Frau ist eine Fremde, und sie fällt nicht in meine relevanten Strukturen.«

Die Fremde aber kämpft sich zu ihm vor und wirft sich vor ihm nieder, fleht ums Relevantsein.

Jesus wird extra deutlich: »Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.« (Matthäus 15:26)

Ja, das steht da so. (Ich stelle mir gerade schmunzelnd vor, wie der Verfassungsschutz des deutschen Propagandastaates im Fünfeck springen wird, wenn ein Herr Höcke das zitieren sollte.)

Was antwortet die Frau also?

Die Frau akzeptiert ihre Rolle in diesem Kontext, und sie verhandelt aus dieser Rolle und Position heraus: »Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.«

Nächstenliebe ist dafür da, dem Zusammenhalt einer homogenen, zusammenhängenden Gruppe zu sichern.

In Ausnahmefällen kann sie außerhalb dieser Gruppe ausgeübt werden – doch nur dann, wenn sich der Empfänger seiner Rolle bewusst ist.

Das Beispiel vom barmherzigen Samariter beschreibt einen solchen Sonderfall – da ist es aber übrigens ein Fremder, der einem Einheimischen hilft. Die Begegnung mit der kanaanäischen Frau beschreibt eine weitere Ausnahme.

Zuständig – oder loslassen

Freunde, was auch immer diese nächsten Monate und Jahre bringen: Ob wir eine Zukunft haben, hängt existenziell davon ab, ob und dass wir neu, ja, die Nächstenliebe lernen.

Wissen, wer unser Nächster ist – und wer nur unsere Hilfsbereitschaft ausnutzt.

Wir werden viel mehr loslassen müssen. Auch Illusionen loslassen. Illusionen über unsere Fähigkeit – oder unser Recht! –, der ganzen Welt zu helfen.

Illusionen über das wahre Wesen unseres Staates.

Immerhin die Illusionen betreffs der Klugheit der Masse haben wir ja nun weitgehend abgelegt.

Doch nur wer das Unwichtige und das Verlorene loslässt, kann auch greifen und festhalten, was wichtig ist und überleben kann – überleben muss.

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