19.11.2022

Männertag

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Nick Fewings
Stell dir vor, es ist »Männertag«, aber keiner bekommt es mit. Männer sollen die dreckigen und gefährlichen Jobs machen, sollen viel leisten und riskieren. Doch wehe, sie möchten zumindest ein »Dankeschön« dafür! – Ist das ein stabiler Zustand?
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Sie haben wahrscheinlich nicht davon gehört. Am 19. November, also auch am Tag, an dem ich diese Zeilen notiere, wird der »Internationale Männertag« begangen. So steht das zumindest bei Wikipedia. (Die offizielle Website der Initiatoren, internationalmensday.com, ist an diesem Tag im Jahr 2022 wohl offline – kein gutes Omen.)

Es ist auch wirklich einfach, diesen hohen Feiertag zu übersehen!

Das Google-Logo etwa wird am Frauentag grafisch auffallend und es gibt eine eigene Google-Seite dazu; die URL ist google.com/doodles/international-womens-day-2022.

Die theoretisch entsprechende URL  https://www.google.com/doodles/international-mens-day-2022 kann der Google-Server »leider nicht finden« – es gibt sie nicht.

Debatte abhaken

Ach, wir kennen ja die Debatte über sogenannte »Männerrechte«. Ich will diese Debatte nicht neu führen, ich will sie hier bloß skizzieren, damit wir, wie man im Englischen sagt, »on the same page« sind, also etwa: übers Gleiche reden.

Wir kennen die linken Lügen, wonach Frauen für die gleiche Arbeit weniger Geld verdienen (man zeige mir auch nur ein Unternehmen, in welchem das prinzipiell der Fall ist). Wir wissen, dass in manchen Branchen das Gegenteil der Fall ist; in der Politik etwa können zum Beispiel bei den Grünen ungelernte Hilfskräfte bis zur Parteichefin aufsteigen, oder Studienabbrecher können VW-Aufsichtsrat werden. Lebenslauf-Moglerinnen können sich bis ins Ministeramt hinaufscheitern, wenn sie nur das richtige Parteibuch haben und von da aus auch ein paar Beziehungen knüpfen.

Doch, ja, Männer stehen öfter an der Spitze von Unternehmen, und sie drehen mehr und größere Räder als Frauen – statistisch zumindest, aber das seit jeher.

Ich denke, dass man durchaus einen realen Grund für diese Asymmetrie nennen kann – und es ist zunächst nicht allzu kompliziert: Es ist Männern öfter als Frauen angeboren, zum Feuer zu laufen statt vom Feuer weg. Dies gilt metaphorisch, im Fall von Feuerwehrmännern aber auch buchstäblich.

Ja, ich wage zu sagen: Die Ursache des »Patriarchats« ähnelt dem Grund, warum Unternehmer oder Spekulanten alles für eine Idee riskieren, warum die erwähnten Feuerwehrmänner ins brennende Haus laufen, warum Kanalarbeiter in die dreckige Tiefe steigen, warum Bauarbeiter ein Haus bauen, wo vorher nichts stand.

Und ja, es ist ein ähnlicher Grund wie jener, warum ich mich jeden Morgen an den Tisch setze, um den Schmerz als Worte nach außen zu bringen, um dann vor und mit den Lesern eine Linderung zu suchen.

Der Grund für das Patriarchat und die Vorherrschaft von Männern in bestimmten Berufen ist schlicht, dass das Gehirn überdurchschnittlich vieler Männer derart »verkabelt« ist, dass wir uns dem Unvorgesehenen und potentiell Gefährlichen stellen wollen.

Ich kenne nicht wenige Männer, die geradezu euphorisch werden, wenn sie auf neue, riskante Probleme treffen, deren Lösungsweg sie erst herausfinden müssen.

Keine der mir bekannten Frauen dagegen sucht das Risiko als (Teil-) Selbstzweck. Wie viele Frauen werden euphorisch über eine neue, unbekannte und gefährliche, aber potenziell lukrative Instabilität?

Selbst die wenigen risikobereiten Frauen, die ich kenne, scheinen Risiken höchstens zeitweilig in Kauf zu nehmen, in der Absicht und Hoffnung, später in der einen oder anderen Form wieder Sicherheit und Balance zu finden – und die dann nie wieder zu riskieren.

Deshalb sind ja auch Computerspieler zumeist männlich: In einer Welt, in welcher der angeborene männliche Kampfeswille als unanständig gilt (statt dieses Potenzial in produktive Bahnen zu lenken), kann der (heranwachsende) Mann (nur) beim Computerspiel seinem angeborenen Drang nach Kräftemessen und Bewältigung neuer, gefährlicher Situationen nachkommen.

In Kürze

Erfolgreich bewältigte Risiken und Eroberung neuen Terrains zahlt sich oft finanziell aus, deshalb sind mehr Männer reich. Das Scheitern an Risiken aber kann auf gleich mehrere Arten tödlich sein, deshalb führen Männer in den Statistiken für Unfälle, Suizid und Obdachlosigkeit.

Und auch wenn man erfolgreich war, so war der Weg zum Erfolg eben doch sehr stressig, weshalb wohl Männer seit jeher öfter am Herzinfarkt sterben.

Und das ist aber auch schon alles, was ich an dieser Stelle sagen zu müssen meine.

Ich weiß, wo ich heute stehe – ich grübele aber noch, wo die Generation meiner Kinder stehen wird.

Früchte ihrer Arbeit

Ich sehe heute noch immer Männer, die in sich den Instinkt spüren, für ihre »relevanten Strukturen« zu kämpfen.

Ich sehe Männer, deren Verantwortung ganz natürlich ist – die gar nicht ohne Verantwortung sein wollen.

Ich sehe Männer, die selbst dann arbeiten, wenn sie nicht arbeiten, und wenn sie mal tatsächlich nicht arbeiten, bereiten sie sich im Kopf auf die nächste Arbeit vor.

Und dann sehe ich um diese Männer zu oft eine Welt, die ganz selbstverständlich die Früchte ihrer Arbeit erntet – während sie die Männer fürs Mannsein verschmäht, verachtet, oder sogar offen bekämpft.

Keine Feministin wird mir darin widersprechen, dass von vorübergehenden Episoden und halbmythischen Sonderfällen abgesehen die menschliche Gesellschaft immer und überall patriarchalisch war. Schlicht aus dem einen Grund: Das weibliche Gehirn ist meist dazu »verkabelt«, nach Stabilität und Sicherheit zu finden (schon ihrer biologischen Funktionen wegen) – während das männliche Gehirn öfter einen Reiz am Unbekannten und Gefährlichen empfindet.

Nein, diese Zeit sieht in dieser Angelegenheit keinen Umbruch, höchstens einen kleinen Schlenker der Gewichtung.

Männer werden Männer bleiben (so sie nicht zu viele Weichmacher schlucken – ein eigenes Thema) – doch sie werden nicht die aktuellen Umstände des Mannseins hinnehmen – warum sollten sie?

Bis es nicht mehr ging

Meine Generation wuchs noch ohne Internet auf. Männer, die sich ausgenutzt oder blank emotional missbraucht fühlten, bekamen nicht mit, dass es auch anderen Männern so ging. Und keine Schule hatte sie die Worte und Begriffe gelehrt, ihre Not in Worte zu bringen. »Stell dich nicht so an«, hieß es, und: »Sei ein Mann.«

Wenn es gar nicht mehr anders ging, gab man ihnen Alkohol zu trinken (den sie selbst bezahlten, klar).

Und so ging es eine Weile eben doch – bis es nicht mehr ging.

Ich habe den Eindruck, dass das Pendel in der Missachtung männlicher Leistung seinen höchsten Punkt überschritten hat und bereits zurück schwingt.

Männer werden Männer bleiben, doch sie werden nicht mehr der »Esel der Menschheit« sein wollen.

Das Pendel schwingt zurück. Wird es weit in die Gegenrichtung schwingen, von einem Extrem ins andere? Wird man es doch schaffen, eine kluge Mitte zu finden, ein Miteinander, statt in anderer Richtung anderen Schaden anzurichten?

Es kommt auf die Familien an.

Ich habe gehört, in manchen Familien habe man sich jetzt schon »eingependelt«.

Männer sollen dort Männer sein, Frauen wollen dort Frauen sein, die Kinder machen ihre Hausaufgaben, räumen auf und gehorchen ihren Eltern – und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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