09.07.2021

Menno, diese fiese Realität!

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Rodion Kutsaev
In der grünen Traumwelt wurden Fakten »gefühlt«. Journalisten bejubelten alles. Die Realität wurde den Grünen fremd. Es ist ironische Gerechtigkeit: Baerbocks Versagen ist auch die Schuld der Journalisten, welche die Grünen von der Realität abschirmten.
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»Everybody has plans«, so sprach der Boxer Mike Tyson, »until they get hit for the first time.« – zu Deutsch etwa: »Jeder hat Pläne, bis er den ersten Schlag abbekommt.«

Tyson produzierte dieses berühmte Zitat als Reaktion auf die großen »Pläne« seines Gegners Tyrell Biggs im August 1987 (siehe newspapers.com). Der Champion Tyson sei noch nie ernsthaft herausgefordert worden, so tönte damals der deutlich größere Biggs.

Beim Kampf im Trump Plaza Casino (Atlantic City) schlug Tyson ihn dann in der siebten Runde von den Füßen und in die Seile. Biggs stand wacklig wieder auf. Tyson schlug ihn wieder um, hart in die Ecke des Rings, und Biggs blieb schließlich am Boden.

Der Kampf ist vielfach bei YouTube zu finden, samt dem Ende in der siebten Runde. Man hört die Kommentatoren darüber sinnieren, wie Tyson die »Pläne« seines Gegners wie Geschirr zerschlägt, indem er konstanten Druck aufbaut: »… no matter what an opponent´s plan is, that plan disintegrates like a broken piece of crockery, when it’s faced with that kind of pressure«, zu Deutsch etwa: »… egal was der Plan des Gegners ist, dieser Plan fällt auseinander wie ein zerbrochenes Stück Geschirr, wenn es dieser Art von Druck ausgesetzt ist.«

Mit dem Stichwort »zerschlagenes Geschirr« aber wären wir bei jenen Meldungen, die man heute so »Nachrichten« nennt.

Dafür Bäume morden?

Ich wähle und formuliere meine Notizen zu den Nachrichten des Tages selbst, doch ich wähle nicht, worum sich die große Debatte dreht. Wenn ich der König der Debatten wäre, dann würde Deutschland aktuelle Entwicklungen bei künstlicher Intelligenz debattieren (zum Beispiel, dass die chinesische Firma hinter TikTok beabsichtigt, die Algorithmen zu verkaufen, die den Suchtfaktor von TikTok optimiert haben; marktechpost.com, 7.7.2021). Wir würden allgemeine wie auch menschliche Intelligenz verhandeln, die Bildung und, ja, die Weisheit. Jedoch, wir diskutieren noch immer über etwas ganz anderes, wir reden noch immer über Frau Baerbock und die Grünen. (Es ging ja von Beginn an nicht wirklich um die Person – es geht um die Gesellschaft, welcher durch den Aufstieg einer derart »ungefähren« Gestalt der Spiegel vorgehalten wird – und die gar nicht mag, was sie darin sieht.)

»Es wurden Fehler gemacht«, so wird aktuell Michael Kellner zitiert (welt.de, 8.7.2021), Geschäftsführer und Wahlkampfmanager der Grünen, der derzeit vor allem damit beschäftigt ist, Baerbocks Pannenserie schönzureden. Spätestens wenn man das feige Bullshit-Passiv des PR-für-Anfänger-Baukastens hört, verbunden von der Verharmlosung von Lügen, Plagiaten und intellektuellem Betrug als »Fehler« – spätestens dann weiß man, dass die Grünen eine sehr »normale« Partei sind (nur eben etwas doof, da sie über Jahrzehnte durch »Journalisten« von der Realität abgeschirmt wurden).

Weil die Image-Rettung beim arg frei formulierten Lebenslauf durch wiederholte »Neuauflagen« so gut geklappt hat, kündigt das Baerbock-Team dasselbe Vorgehen beim Buch an. Die nächste Auflage soll mit Quellenangaben erscheinen (bild.de, 8.7.2021). Man fragt sich: Eine neue Auflage dieses Sammelsuriums?! Will man dafür ernsthaft Bäume morden?

(Randnotiz: Wenn sie in der Lage ist, eine neue Fassung mit Quellenangaben herauszugeben, heißt das, dass ihr diese Quellen bekannt sind? Warum wurden diese Stellen aber so oft leicht umformuliert? – Es wirkt, als hätte jemand in dreist betrügerischer Absicht versucht, dem Auffliegen durch Anti-Plagiats-Software zu entgehen. Ging man in geradezu kindischem Unwissen davon aus, dass moderne Plagiats-Such-Programme nur 100% wörtliche Plagiate finden?)

»… nur ein kleiner Schritt«

Das Spektakuläre an dieser ganzen Baerbock-Lächerlichkeit ist ja doch, wie bezeichnend die Fehler und die amateurhafte Verteidigung sind.

Frau Baerbock hatte ihr »Buch« ja zunächst damit verteidigt, sie habe »kein Sachbuch« geschrieben (tagesschau.de, 1.7.2021), sondern, ich zitiere sie: »das, was ich mit diesem Land machen will«, man könnte auch sagen: einen Plan.

Es sei, sagt Frau Baerbock nun, »kein Sachbuch«, sondern de facto ein – offenbar in weiten Teilen abgeschriebener Plan für Deutschland, und wenn  es schon kein »Plan« sein sollte, dann  doch (hoffentlich) zumindest eine Liste von Prinzipien, die  später im Sturm der politischen Realität zu konkreten Maßnahmen und konkreten Plänen werden können.

Jan Fleischhauer hat sich die Mühe gemacht, das Buch einmal durchzulesen, sagt er (siehe focus.de, 6.7.2021). Es stehen viele Allgemeinplätze drin. Ich deute folgenden Satz als Fleischhauers höfliches Resümee: »Vom Vernünftigen zur Plattitüde ist es manchmal nur ein kleiner Schritt.«

Die Mike Tysons der Weltpolitik

Wir setzen immer wieder unsere Hoffnung auf Politiker, die es besser und ehrlicher treiben wollen. Diese Leute haben große Pläne, ja womöglich sogar Prinzipien. Wenn aber die Realität zuschlägt wie Tysons Kinnhaken, zerbröseln diese Prinzipien und Pläne wie zerschlagenes Geschirr.

Neu ist aber, dass Politiker auseinanderfallen, bevor auch nur die Glocke zum eigentlichen Boxkampf erklungen ist. Wahlkampf ist ja mehr eine simulierte Vorrunde, ein leichter Qualifikations-Kampf. Im Wahlkampf wird eine »softe« Variante des »richtigen« politischen Lebens vorgeführt, ein Warmlaufen vor Publikum.

Grüne jammern nun, wie unfair alle angeblich zu ihnen sind. Die Grünen und Baerbock geben im Grunde zu, dass sie selbst mit dem Rückenwind des Zeitgeistes und einem Großteil der Journalisten nicht in der Lage sind, einen Wahlkampf und dann die Wahl zu gewinnen. Welche Chance wollen sie später haben, wenn es darum geht, gleichzeitig die immensen Schäden der Merkel-Ära zu reparieren und die Herausforderungen der kommenden Jahre produktiv anzugehen?

»Jeder hat Pläne«, so sagt Tyson, »bis er den ersten Schlag abbekommt.« – Die Grünen fallen auseinander, noch bevor sie den ersten echten Schlag von außen bekommen. Aus »Vergesslichkeit« gibt sie Nebeneinkünfte nicht an. Aus Eitelkeit übertreibt sie es im Lebenslauf. Aus weiterer Eitelkeit klebt sie ein Buch aus fremden Schnipseln zusammen.

Was für Pläne oder auch »nur« Prinzipien haben die Grünen und ihre Kanzlerkanditatin? Was für Prinzipien haben die Leute, welche diese Partei gut finden und/oder in den Redaktionen bejubeln?

Wie wollen die Grünen re(a)gieren, wenn ein Putin, ein Xi Jinping oder ein Khamenei konkreten Druck ausüben? Die Mike Tysons der Weltpolitik hören ja nicht auf zu prügeln, wenn ein Schiedsrichter den Kampf abbricht.

Zu lange zu gründlich

Die Grünen stolpern über die eigenen Füße, weil sie keine erkennbaren Prinzipien (außer ihrem Willen zur Macht, gern um den Preis einer längst verlernten Wahrheit), und weil sie nicht lernen mussten, (ernsthafte/ ernstzunehmende) Pläne über den unmittelbaren Moment hinaus zu entwickeln. (Während ich dies schreibe, tickert eine neue Baerbock-Meldung über die Freien Denker: »Baerbocks Böll-Stipendium irregulär?«, fragt tichyseinblick.de, 9.7.2021.)

Es hat etwas von ironischer Gerechtigkeit: Die Journalisten, die über Jahre und Jahrzehnte die Grünen von der Realität beschirmten, haben dazu beigetragen, die Grünen reichlich untauglich für eben diese Realität werden zu lassen.

Ein steril aufwachsendes Kind, dessen Immunsystem nie an Dreck und Bakterien trainiert wird, es wird bei der ersten echten Probe umgeweht werden und krank darniederliegen. Die Pläne und Prinzipien der Grüne an der Realität zu testen, das galt (und gilt für viele) als unmoralisch. Die reale Realität ist aber weit härter als die grün-schwurbelige Fake-Realität. Es ergibt durchaus Sinn, dass die Grünen bei ihren ersten zaghaften Schritten auf Bundesebene im »woken« Zeitalter so heftig auf die Nase fallen – die Journalisten haben zu lange zu gründlich die Grünen vor der Realität geschützt, und jetzt sind sie eben »schutzlos«.

Von der Politik etwas fürs eigene Leben zu lernen, das bedeutet auch, zu lernen, wie man es nicht macht. Ich will Prinzipien parat halten und gut eingeübt haben, die so stark und so gut geprüft sind, dass sie nicht zerbröseln, wenn die Realität mir Kinnhaken schlägt wie Mike Tyson seinen Opfern im Boxring.

Ein oder zwei Kinnhaken

In welche Richtung gehe ich weiter, wenn mir nach Hinsetzen und Weinen zumute ist? Wofür kämpfe ich, wenn kein Kampf mehr Spaß macht? Was treibt mich morgens aus dem Bett, was besser ist, als einfach liegen zu bleiben?

»Jeder hat Pläne«, so sagt Tyson, doch selbst das stimmt nicht ganz; nicht jeder hat Pläne. Jeder sollte Pläne haben, und wenn »Pläne« ein zu großes Wort ist, dann wählen wir ein größeres: Prinzipien.

Lege dir deine Pläne und Prinzipien zurecht, bevor Mike Tyson dir dein Kinn behandelt.

»You’re smart too late and old too soon«, so sagte Tyson auch einmal (usatoday.com, 5.12.2005), zu Deutsch etwa: »Man wird zu spät klug und zu früh alt.«

Möge es uns gelingen, etwas früher klug zu werden, lieber heute als morgen, noch bevor das Schicksal mit ein oder zwei Kinnhaken unsere Pläne und Prinzipien testet.

Weiterschreiben, Wegner!

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