16.02.2021

Damit es besser werden kann

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Yuya Hata
Kleine Geschäfte werden kaputtgemacht – Konzerne dürfen Märkte öffnen. Altersheime sind Risiko-Brandherd – deshalb dürfen Kinder nicht einmal allein Schlitten fahren. Sorry, das ist alles reichlich unlogisch.
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»Das Geschäftsleben wäre so einfach«, klagt ein Unternehmer, und er jammert nur halb im Spaß, »es wäre alles so viel einfacher, wenn nur die Kunden nicht wären.« (Wer hat ihn noch nicht gesagt/gedacht/gefühlt, diesen alten Witz?)

Der Schmerz dieses Witzes ist eine ähnliche Beziehungsparadoxie wie die mit Familienmitgliedern oder Zähnen (wenn man älter wird) – mit ihnen ist es schwer – doch ohne sie ist es noch schwerer. Oder, wie jene schöne deutsche Redeweise besagt: »Es geht nicht mit – und es geht auch nicht ohne!«

Wenn ein Kunde problematisch ist, dann lässt sich das ziemlich häufig mit Kategorien wie Irrationales und Unlogisches beschreiben.

Ein Kunde, der Erwartungen aufstellt, die schlicht nicht zu erfüllen sind (wobei solche Erwartungshaltungen auch durch einen übermotivierten Verkäufer geweckt sein könnten, klar), so ein Kunde scheint sich irrational zu verhalten. Man kennt sie, diese »Kunden aus der Hölle«.

Ein Kunde, der selbst nicht so recht weiß, was er braucht, und also widersprüchliche Ansprüche stellt, wirkt schlicht unlogisch (nicht nur Designer können komische Operetten davon singen – »Ich hätte gern etwas Flippiges, das Seriosität ausstrahlt…«).

Was aber soll der Unternehmer tun, wenn der Kunde komplett irrational und unlogisch auftritt? So ein Kunde ist ja selten selbst zufrieden mit dem Ergebnis der (Nicht-) Kooperation.

Nun, als letztes Mittel kann es ratsam sein, den Kunden zu »kündigen«. Jedoch, bevor man einem Kunden das »Nee, sorry« sagt, wird man meist versuchen, die Beziehung zu reparieren, indem man sie auf ein Fundament der Rationalität, der realistischen Erwartung, klaren Abmachung und schlicht der simplen Logik stellt. (Vielleicht sollte es für Unternehmer und Kunden auch »Paartherapeuten« geben, die mit beiden Parteien ein zerrüttetes Verhältnis durchleuchten und Hilfe beim Ordnen anbieten.)

Ich habe diese Bücher mit den »Briefen an das Universum« selbst nicht gelesen, ich habe sie nur in Buchhandlungen und U-Bahnen gesehen. Die Idee des Titels finde ich jedoch charmant, und ich will sie paraphrasieren: Wir sind alle »Kunden der Realität«. Und einige von uns sind »Kunden aus der Hölle«, und die Realität ist kurz davor diesen Kunden zu kündigen.

Es sei mir erlaubt, mutig für den sehr allgemeinen Begriff »Realität« dies zu formulieren: All unser Handeln ist ein Geben und Nehmen mit der Realität selbst – wir sind die Kunden der Realität, und wenn wir nicht geliefert bekommen, was wir gerne hätten, dann liegt es womöglich daran, dass wir die Beziehung zur Realität sehr unlogisch angehen.

Betrachten wir kurz die heutigen Handlungen unseres liebenswürdigen Deutschlands! Es ist nicht alles logisch (und »nicht alles« ist ein klein wenig euphemistisch).

Hochmotivierte kleine Geschäfte werden zwangsweise geschlossen und kaltherzig ruiniert – die Supermärkte der Konzerne dürfen öffnen (wir haben ja so ein blödes Bauchgefühl dazu, wer mehr Geld an die Politiker spendet, wer öfter mit ihnen essen geht).

Weil der Virus in Altersheimen wütet, dürfen Kinder nicht einmal allein Schlitten fahren gehen, oder sie müssen daheim bleiben und wichtige Spannen ihres Lernlebens verpassen, wenn die Eltern es nicht abfedern können. Es ist unlogisch. Die Busse sind überfüllt – die Restaurants, die aber müssen schließen, selbst wenn sie alle Vorschriften einhalten. Und so weiter, und so fort. 

Wir sind alle gewissermaßen »Kunden bei der Realität« – und im Moment sind wir als Land wahre »Kunden aus der Hölle«.

Die Realität ist kurz davor, uns als Kunden zu kündigen, und zu sagen: Mit Verlaub, Deutschland, ich weiß nicht, was du willst. Und ich fürchte, du weißt es auch nicht. Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute auf deinem Weg, doch was unser Geschäftsverhältnis angeht, da passen wir einfach nicht zusammen.

Denken Sie bitte nicht, liebe Leser, dass diese Metapher vom Kunden beruhigend abgehoben ist!

Bedenken Sie einfach, wer für den Kunden sein Geschäftspartner ist: der Lieferant. Wem als Kunde »gekündigt« wird, der verliert einen Lieferanten.

Wenn der Lieferant, der dir alles liefert, frustriert kündigt, dann hast du plötzlich ganz neue und sehr grundlegende Probleme.

Nein, es ist keinesfalls abgehoben oder gar ätherisch!

Es ist in der Geschichte mehr als einmal vorgekommen, dass ganzen Staaten die Lieferanten wegfielen, metaphorisch und buchstäblich. Den Wirklich-nicht-mehr-Jugendlichen unter uns ist noch der Zusammenbruch des Kommunismus in der Erinnerung, als die Realität einem politischem System sehr deutlich »kündigte«. (Dass die Denkart jenes Systems wohl in die deutsche Gesellschaft hinein gestreut hat, und dass sie heute wieder auszubrechen scheint, das ist ein ganz anderes Problem, das aber recht vorhersehbar enden könnte: die Realität wird die Kundenbeziehung aufkündigen.)

Wir alle stellen uns dieser Tage dieselben Fragen: Wird es besser werden? Wann wird es besser werden? Wie wird es besser werden?

Die Antwort auf diese Fragen ist durchaus möglich, auch wenn sie natürlich weitere Fragen nach der Umsetzung aufwirft. 

Wann und wie wird es besser werden? Sobald und indem unser kollektives Verhalten logisch(er) und rational(er) wird.

Konkreter: Wird es besser werden? Wenn es logisch und rational wird, dann ja – sonst aber nicht, nein. (Sorry, ist so.)

Dort und dann aber, wo und wenn Menschen gemeinsam ihre Gedanken ordnen und so gute Kunden der Realität werden, da wird es auch konkret besser werden.

Die simple Wahrheit ist: Damit es besser werden kann, muss es zunächst logisch werden.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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